Aktivist*in Vica Kravtsova: LGBTQ+, Patriarchat, Feminismus, politische Musik & die ehemalige UdSSR

Spätestens seit 2013 ist Homosexualität in Russland unter bestimmten Umständen strafbar und Homophobie wird von der Regierung nicht nur toleriert, sondern befürwortet. Vor über 7 Jahren unterschrieb Vladimir Putin das Gesetz, das positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder in Medien zu einer Angelegenheit des Strafgesetzbuches macht. In der Praxis betrifft es nicht nur Aussagen, wie „Ich finde es gut, dass es homosexuelle Paare gibt“, sondern auch Bilder, Fotos sowie das schlichte Händchenhalten auf der Straße oder einen Kuss in der Öffentlichkeit, wenn es um zwei Menschen des gleichen Geschlechts geht. In einigen Ländern, so auch in Deutschland, gibt es seitdem geflüchtete Menschen, die deshalb Russland verlassen mussten.

Nichtsdestotrotz bleiben auch viele in Russland und wollen ihre gewohnte Lebensumgebung nicht verlassen. „Homophobie per Gesetz“ ist nicht die einzige ultrakonservative Richtung, die der Staat für seine Bürger*innen angibt. Vieles passiert auch ohne Gesetze. Es gibt z.B. Berufsfelder, die Frauen verwehrt bleiben. Vergewaltigende Männer werden sehr oft freigesprochen. Ehemänner werden für Gewalt an ihren Partner*innen nur in besonders schweren Fällen bestraft – in den meisten Fällen nimmt aber die Polizei nicht mal eine Anzeige auf.

Vica Kravtsova: Meine Arbeit ist mein Aktivismus

Vica Kravtsova ist eine hauptberufliche Aktivist*in bei den Dekabristen in Berlin und beschäftigt sich genau mit diesen Themen. osTraum hat Vica gesprochen und viel Neues erfahren: über die Gesellschaften und Aktivist*innen auf dem post-sowjetischen Raum, über Musik und YouTube als Werkzeuge des Aktivismus, über aktuelle frauenfeindliche Gerichtsverfahren in Russland und darüber, was passieren sollte, damit das Geschlecht keine Rolle in der Behandlung eines Menschen mehr spielt. Viel Spaß mit unserem Interview!

meine Arbeit ist mein Aktivismus und mein Aktivismus ist meine Arbeit

osTraum: Was machst du bei den Dekabristen? Ist es ein 9-to-5-Job für dich oder etwas anderes?

Vica: Ich bin halt eine Aktivistin und arbeite in einer NGO. Ich wollte das, was ich im Rahmen meines Aktivismus mache, auch beruflich machen, aber das ist keine gewöhnliche Arbeit für mich, wo ich eine bestimmte Anzahl von Stunden, die in meinem Vertrag festgehalten sind, leisten muss. Vielleicht ist es urlaubtechnisch oder wegen dem positiven Lebensgefühl schwierig. Aber meine Arbeit ist mein Aktivismus und mein Aktivismus ist meine Arbeit.

Ich versuche Aktivist*innen aus der ehemaligen Sowjetunion so viele Möglichkeiten wie möglich zu geben. Dieses Jahr habe ich keine großen Förderungen bekommen und kann deshalb nicht normal für die Arbeit der Aktivist*innen zahlen. Meistens mangelt es doch an Geld.

Nun, ich weiß, ich habe auch meine eigenen Ziele und Fragen, die damit zusammenhängen, – z.B. wie der feministische Diskurs auf Russisch aussieht und was ich daran ändern möchte und kann, Rassismus- und Kolonialisierungskritik, besonders in Russland. Im Allgemeinen gibt es diese Umstände im gesamten Raum der ehemaligen Sowjetunion.

Ich bin sehr froh, dass die Dekabristen mich genommen haben, weil es sehr schwierig sein kann, in großen Organisationen zu arbeiten. Es gibt einige andere Vereine, Stiftungen oder Institute, die mit sogenannten osteuropäischen Ländern arbeiten, und diese Organisationen sind groß. Wenn du da also neu bist, kannst du meistens keine eigenen Projekte konzipieren oder umsetzen. Die Strukturen sind meist sehr starr und es ist schwierig, etwas eigenes voranzubringen. Als ich zu den Dekabristen kam, gab es neben Sergej [Medvedev (Red.)] nur zwei weitere Mitarbeiter*innen und es ermöglichte uns mehr Flexibilität. Ziemlich schnell konnte ich meine Projekte und Ideen anbringen und umsetzen, z.B. war die Sprache auf unserer Webseite nicht gendergerecht. Ich sagte dann: Was zum Teufel? Warum ist es nicht gendergerecht? – und dann änderte ich das. Ich denke, in einer großen Organisation ginge das nicht so schnell.

osTraum: Aber in eurem Namen gibt es kein Sternchen oder ähnliches…

Vica: Ja, ich weiß. Ich kann mich mit dem Namen auch nicht anfreunden. Wir denken aber über einen Namenwechsel nach. Vielleicht 2021 werden wir einen gender-neutraleren oder -gerechteren Namen finden.

osTraum: Gibt es schon konkrete Überlegungen?

Vica: Wir überlegen etwas um den Buchstaben Д (de.: D) herum. Der wird wahrscheinlich als Logo beibehalten. Der Name selbst? Das ist schwierig. Eine gendergerechte Endung an den Namen dranzuhängen ist keine gute Lösung. Ich kann mich eben mit der historischen Bewegung der Dekabristen nicht identifizieren. Es ist irgendwie uninteressant für mich. Wir werden sehen.

LGBTQ+, das politische System und Patriarchat

osTraum: Ein anderes Thema – Verfassungsänderungen in Russland, über die vor kurzem abgestimmt wurde. Da wird jetzt unter anderem festgehalten, dass eine Familie ausschließlich eine Verbindung aus einer Frau und einem Mann sein kann. Wofür braucht der Staat so was? Das muss doch einem modernen Staat egal sein. Hauptsache ist doch, sehr vereinfacht gesagt, dass Steuern gezahlt werden und wer mit wem schläft oder nicht schläft, ist doch objektiv gesehen egal.

Vica: Das ist eine sehr interessante Frage. Es geht dabei nicht nur um Russland, sondern allgemein um die Frage, warum die Sexualität, sexuelle Vorlieben und Gender-Identifikation so eine wichtige Stellung eingenommen zu haben scheinen. Es geht bei dieser Frage auch um die nationale Identität und nationales Selbstverständnis. Es geht um den Staat und es hat sich so ergeben, dass Homophobie und Intoleranz zu einem bestimmten politischen System zugeordnet werden… ich meine damit so was wie „der Osten“, „der Westen“ u.s.w.

Staatlicher Werbeclip für den Zuspruch der Verfassungsänderungen in Russland. Von staatlichen Kanälen auf diversen Online-Videoplattformen wurde es innerhalb weniger Tage gelöscht, wurde aber zuvor auch im staatlichen Fernsehen ausgestrahlt. Diverse Aktivist*innen und Journalist*innen haben das Video jedoch rechtzeitig abgespeichert.

osTraum: Ist die Situation in Deutschland bzw. im „Westen“ besser?     

Vica: Wir würden eigentlich denken, dass es für LGBTQ+-Menschen in Deutschland besser ist, es ist aber eher anders. Hier gibt es auch Diskriminierung, z.B. wenn homosexuelle Paare ein Kind bekommen, dann wird es nicht automatisch eingetragen, dass sie beide Eltern des Kindes sind. Bei einem Elternteil wird es eingetragen und der andere muss das erst mal gerichtlich und in verschiedenen Behörden nachweisen. Eine andere Sache ist der Namenswechsel bei Trans-Personen. Da muss dann die Person auch einige absolut absurde Schritte unternehmen, um zu beweisen, dass sie jetzt eines anderen Genders ist und deshalb der Name gewechselt werden muss. Es geht eben auf die konservative Teile der Gesellschaft zurück, die so was nicht gern haben. In Russland ist dieser Teil eben größer. Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen, aber keine*r hat es ja auch gemessen oder gezählt. Auch die Änderung der russischen Verfassung in dieser Hinsicht ist ein Spiel damit, worauf ein großer Teil der Gesellschaft sehr emotional reagiert.

osTraum: Diese „gesetzliche“ Homophobie scheint aber ausschließlich homosexuelle Männer zu betreffen. Homosexuelle Frauen scheinen außerhalb der Diskussionen zu stehen.

Vica: Ja, das ist aber bei jeder Homophobie so, nicht nur in Russland. Es betrifft eben das Patriarchat und lesbische Frauen sind irgendwie ein Teil dieses Systems, weil sie einfach Frauen sind und Frauen sind den Männern im Patriarchat eben nicht gleichgestellt. Deshalb sehen viele Männer in ihnen keine Gefahr für ihren sozialen Machtanspruch oder ihr Wertesystem. Dadurch, dass sie lesbisch sind, werden sie für Männer irgendwie zu Jungs und sind für sie deshalb uninteressant. Es ist dann egal, was sie treiben. Wenn aber ein Mann mit einem Mann etwas Sexuelles tut, dann ist es schon fast ein Anschlag auf etwas Heiliges, auf irgendwelche ungeschriebenen „Gesetze“.

osTraum: Ist es dann eine zweifache Diskriminierung? Sie sind Frauen, homosexuell und für Männer in einem patriarchalen System, dann noch weniger relevant?

Vica: So in etwa. Lesben werden nicht weniger diskriminiert, sie sind bloß weniger sichtbar. Ich weiß aber nicht, ob sie deshalb weniger Gewalt erfahren. Die öffentlichen Diskussionen beschäftigen sich aber tatsächlich vor allem mit homosexuellen Männern. Transpersonen können aber noch mehr verbale und physische Gewalt erfahren, weil sich die Konservativen allein durch ihr Aussehen provoziert fühlen. Bei homosexuellen Männern ist es anders und sie sind nicht unbedingt äußerlich auffällig. Insgesamt wirken sich aber diese staatlichen Agitationsfilme gegen Schwule auch auf Lesben und Transmenschen aus, denn für einen gewöhnlichen konservativen Menschen fallen sie alle in eine Kategorie.

Julia Tsvetkova und „Propaganda der Homosexualität“

osTraum: Das Verfahren um Julia Tsvetkova ist gerade in Russland sehr heiß und auch in Deutschland oder anderen europäischen Ländern wird es in einigen Medien eifrig mitverfolgt. Was ich nicht verstehe, warum wird sie verfolgt? Das ist doch albern. Sie hat skizzenartige Strichmännchen gezeichnet, die zeigen, dass Menschen unterschiedlich sind, dass Frauen auch Haare auf den Beinen und unter den Achseln haben, dass Menschen wenig und viel wiegen können u.s.w. Das hat doch nichts mit Pornographie zu tun, nicht einmal mit Erotik. Warum geschieht das alles?

Die skizzenartigen Bilder, die im Mittelpunkt des Verfahrens um Julia Tsvetkova stehen, bei der Ausstellung in der Kulturfabrik Moabit Berlin.

Vica: Wir haben in Berlin eine Ausstellung über Julia gemacht und da gab es eine Infografik, wie sich das Verfahren entwickelt hat. Es hat alles eigentlich gar nicht mit den Bildern angefangen, sondern mit einem Stück, das sie in dem Theater-Studio für Kinder, das sie zusammen mit ihrer Mutter betreibt, aufgeführt hat. Das Stück hieß „Golubye i rozovye“ (de.: Die Himmelblauen und die Rosafarbenen). Dabei ging es darum, dass Kinder in russischen Geburtskliniken in blaue und rosafarbene Decken gewickelt werden, wenn sie das Krankenhaus verlassen. Himmelblau für Jungs und rosa für Mädchen. Da fangen die Gender-Stereotype an. Frauen tragen rosa. Männer tragen blau. Frauen bleiben in der Küche. Männer verdienen das Geld. Die Ermittler haben es aber so aufgefasst, dass es um Schwule und Lesben geht, weil homosexuelle Männer im Russischen als Golubye bezeichnet werden. Sie haben dann Julia Tsvetkova vorgeladen und wegen „Propaganda der Homosexualität“ ermittelt. Auch Kinder aus dem Theaterstudio wurden von der Polizei vernommen. Dann fanden die Ermittler die Bilder, die Julia auf Vkontakte repostet hat. Diese Zeichnungen für sexuelle und ‚body positivity‚ Aufklärung wurden von der Polizei als „Verbreitung von Pornographie“ gewertet.

Letztendlich ist es alles zweitrangig. Es geht darum, dass provinzielle Bullen ein Kinderstück mit dem Titel „Himmelblauen und Rosafarbenen“ sehen und sich denken, es wäre doch eine passende Gelegenheit um daraus ein Verfahren über das „Propaganda der Homosexualität“ zu machen. Dann haben sie aber gemerkt, dass sie damit falsch lagen und haben schnell nach einem anderen Anhaltspunkt gesucht und haben diese Zeichnungen gefunden und versuchen es als Pornos zu kategorisieren, was total absurd ist. Im Nachhinein haben sie dann auch noch Bilder von ihr gefunden, wo sie verschiedene glückliche Familien gezeichnet hat, egal ob Mutter+Vater oder Vater+Vater oder Mutter+Mutter oder oder. Es gab ein ähnliches Verfahren in Brjansk, wo eine Transfrau ähnliche Bilder repostet hat. Sie wurde dann freigesprochen. Keine Ahnung, wie es jetzt mit Julia ausgeht.

Das Khatschatrjan-Verfahren: Beziehungen und Frauengewalt

osTraum: Was ist mit dem Khatschatrjan-Verfahren? Das ist doch auch monströs. Der Vater hat seine eigenen Töchter Jahre lang psychisch, physisch und sexuell misshandelt und Beweise dafür liegen sogar auf Videos vor, die er selbst gefilmt hat. Die Schwestern haben ihn aus Notwehr getötet, weil sie keinen anderen Ausweg sahen und nun soll ihnen Ermordung vorgeworfen werden.

Die Schwestern Angelina, Christina und Maria Khatschatrjan und ihr Vater Michail.
Quelle: varlamov.ru

Vica: Ich glaube auch hier liegt es an konkreten Personen im Machtapparat, die eine Beförderung, eine Prämie oder ähnliches wollen und es deshalb durchziehen, auch wenn es keinen Sinn macht. Außerdem spielt hier Korruption eine Rolle. Der tote Vater hatte Beziehungen und nun wollen seine Bekannten oder sogar Familienmitglieder seine Töchter bestrafen. Sie bestechen dann Beamte und die machen dann das, was gefordert wird. Ich glaube, dass es der Onkel der Schwestern ist, der da ständig in die Gerichtssitzungen reingeplatzt ist, die Mädchen und ihre Anwälte beschimpft hat. Der gleiche Typ hat auch Anwälte bedroht.

Außerdem spielt hier die Tatsache mit den Gerichten mit rein. Wenn der Staat seine Beschuldigungen zurückzieht und die Schwestern freigesprochen werden, dann wird es zu einem Beispielfall, auf den sich die Verteidiger*innen im ganzen Land in den unzähligen Verfahren über die Gewalt an Frauen und Mädchen beziehen werden. Und es gibt leider viele Menschen im Staatsapparat, denen so eine Entscheidung nicht passen würde. 

Patriarchat zerstören?

osTraum: Das Patriarchat und die damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme sind aber kein Problem Russlands. Es ist doch ein globales Problem. Überall in den USA, in Deutschland, in Polen u.s.w. verdienen Frauen weniger, werden von Männern misshandelt und die werden dafür bei weitem nicht immer bestraft. Was ist im Moment das Nötigste, was wir dagegen tun können?

feministic translocalities – feministische Geschichte in Deutschland und der ehemaligen UdSSR. Eine Ausstellung und Diskussion, organisiert von Vica in St. Petersburg.

Vica: Tja. Patriarchat zerstören. Was sonst? Aber im Ernst jetzt – Menschen müssen lernen von Anfang an, von Kindheit an, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Natürlich werden wir so nicht die ganze Gewalt los. Menschen machen immer verrückte Dinge. Menschen werden sich weiterhin gegenseitig umbringen. Genderbedingte Gewalt, ihre Ursachen und ihr System sind aber eindeutig und wir wachsen in diesem System auf. Natürlich gibt es Gewalt gegen Frauen und Kinder auch in Deutschland und in den USA und und und…

Natürlich könnten wir sagen, dass es in dem sogenannten Westen Familien gibt, in denen Kinder anders sozialisiert werden, doch es sind bei weitem nicht alle Kinder. Und so ist es überall. Wenn der Mensch kein Verlangen nach Information, Aufklärung und Wissen verspürt und es ihm niemand beigebracht hat, dann werden ihn irgendwelche Statistiken kaum interessieren. Die Grundsteine unserer Weltwahrnehmung werden in der Kindheit gelegt und wenn nicht, kann es dann sein, dass einer Person es vollkommen egal ist, wer von wem wie oft getötet oder vergewaltigt wird. Alles ist dann scheißegal.

Und globale Solidarität ist wichtig!

Face & Andrej Petrov

osTraum: Das erinnert mich an das frühe Lied des russischen Rappers FACE „Мне похуй“ („Mir ist es Scheißegal“). Er hat ja viele Teenies unter seinen Hörer*innen und er rappt, was ihm alles scheißegal ist und das ist so ziemlich alles, selbst seine Gesundheit. Ist es das, was du beschreibst?

Vica: Über Face kann ich nicht viel sagen. Ich bin mit seiner Musik nicht so gut vertraut. Ich kann mich nur erinnern, dass die Videos, die ich gesehen habe, sehr von Maskulinität geprägt waren – ich bin so krass, ich habe so große Eier, ich bin so gefährlich – irgendwie so was in der Art. Für mich ist es was ganz Seltsames. Ich mag Rap nicht, mochte es auch nie und verfolge es dementsprechend nicht wirklich. Einige meiner Freund*innen hören die Musik, aber ich habe mich damit nie wirklich auseinandergesetzt.

Ich weiß aber, dass er jetzt politisch geworden ist. Zumindest kann ich so viel sagen, dass seine früheren Lieder totaler Shit waren – diese Burger und ich zerstöre den Westen und all das. Dass er anfing, politischen Rap zu machen, ist auf jeden Fall gut. Noch besser wäre es natürlich, wenn es dort einen anti-rassistischen oder anti-sexistischen Diskurs gäbe. Es muss nicht mal Feminismus sein. Aber alles auf einmal kann es ja nicht sein. Wenn er Putin kritisiert, ist es schon ein super Anfang.

osTraum: Hast du eine Meinung auch zu anderen Rapper*innen?

Vica: Ja, es gab da diesen homosexuellen Rapper in Russland. Wie hieß er noch Mal?

osTraum: Meinst du den Influencer Andrej Petrov?

Andrej Petrov – Pidor (de.: Schwuchtel)

Vica: Ja, genau. Er ist halt auch so ein 50 Cent und rappt dann, dass er der Braut den Typen wegschnappt. Es ist gut, dass es ihn in der Massenkultur gibt, aber er hat auch keine linken und/oder feministischen Ideen in seinen Texten. Aber auch wie bei den anderen Rappern verfolge ich seine Arbeit nicht mit. Der soll, glaube ich, vor kurzem ins Exil gegangen sein. Das ist natürlich traurig.

Porno und Feminismus?

osTraum: Kann Porno feministisch sein?

Vica: Ich glaube schon. Ich nehme keine konkrete Position diesbezüglich ein – Pornos sind schlecht oder Pornos sind gut. In der Form, in der wir die meisten Pornos auf Pornhub haben, ist es sehr patriarchal und es muss echt nicht sein. Ich selbst schaue keine Pornos und kenne mich da schlecht aus, aber ich weiß, dass es auch feministische Pornofilmfestivals gibt. Es gibt aus Pornos mit Queer-Personen oder Lesben, die super inklusiv sind und Menschen tatsächlich zeigen können, wie Sex geht. Ich glaube, dass so was toll ist, denn ich kann mir z.B. vorstellen, dass nicht-heterosexuelle Menschen oder Menschen mit begrenzten physiologischen Möglichkeiten, z.B. wenn sie sich in einem Rollstuhl fortbewegen, sich fragen könnten, wie Sex am besten geht. Wenn es solche Filme gibt und sie Menschen in verschiedenen Sprachen zeigen, wie Sex gehen kann, dann ist es doch super. In Pornofilmen muss doch ein Bild gezeigt werden, an dem sich Menschen orientieren können, ein Bild, das der Realität entspricht. Einige „normale“ Filme sollen ziemlich seltsam sein. Es gibt aber feministische Pornofilme. Wo es sie aber gibt, kann ich nicht sagen.

Feminist*innen aus osTraum

osTraum: Über welche Feminist*innen sollten unsere Leser*innen erfahren?

Vica: Spontan würde ich sagen Dascha Serenko. Sie ist voll cool. Nika Wodwood (Nixelpixel) auch. Nikas Blog ist total wichtig, besonders für Heranwachsende, die viel auf YouTube sind. Dann FemTalks – es sind drei Aktivisti*nnen, die coole Sachen machen. Und Dascha Apachončič – eine Öko-Feministin aus St. Petersburg. Aber es sind nur ein paar Namen. Nicht nur in St. Petersburg und Moskau gibt es Aktivismus – mir gefällt, unter anderem, was in Ulan-Ude, Kazan, Perm, Kaliningrad, Novosibirsk, Ekaterinburg und Ufa gemacht wird. Die Vkontakte-Gruppe Феминизм в Регионах (de.: Feminismus in Regionen), die von einer Aktivistin aus Tomsk geführt wird, ist super. Für mich sind am wichtigsten die Aktivist*innen, die Rassismus kritisch thematisieren – z.B. das neue Instagram-Zine Agasshin oder Aktivist*innen, die den Migrationsaspekt mitberücksichtigen, z.B. Aiym Baky und Bermet Borubaeva aus Kirgisistan, die in St. Petersburg und Moskau in die Richtung arbeiten. Außerhalb Russlands gibt es auf jeden Fall voll viele tolle Menschen – ihr könnt über einige aus den Ländern Zentralasiens und des Südkaukasus, der Ukraine und Belarus in unserem Online-Zine „Feminist Translocalities“ ehrfahren. in Berlin würde ich meine Kolleg*innen Vanya Solovey aus Russland, Saltanat Shoshanova aus Kasachstan und Tanja Sokolnykova aus der Ukraine empfehlen.

AIGEL im Agasshin Zine

Feministische Musik aus osTraum

osTraum: Hast du auch musikalische Empfehlungen für unsere osTräumer*innen?

Vica: Aus der Sicht der politischen und gesellschaftlichen Bedeutung ist das, was Manizha macht, total wichtig. Ich mag zwar ihre Musik nicht wirklich – ich mag eher Post Punk und Techno. Manizhas Projekte sind aber an sich toll, z.B. ihr Video „Nedoslavjanka“ (de.: Quasislawin zweiter Klasse) oder auch andere gesellschaftlich relevante Projekte. Die ist echt cool. Alyona Alyona – eine Rapperin aus der Ukraine – sie ist einfach super. Es ist sehr wichtig, dass es sie gibt. Auch aus der Ukraine kommt die queer feministische Band Razmytaja povestka (de.: die verschwommene Vorladung). Die sind voll nice. Außerdem gibt es mehrere Bands – z.B., Pozory, die im Barzzine der feministische Gruppe Nadjen’ka aus Omsk (Russland) erwähnt werden. Außerdem finde ich Techno-Poeziya (Techno/Poetry), Krasnye Zori, AIGEL oder Zere richtig gut.


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Titelfoto © osTraum

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