Interview: Red Square Festival Berlin 2020

Bereits zum dritten Mal findet das Red Square Festival am 2.-3. Oktober in Berlin statt. Das Event in der Kulturfabrik Moabit ist bereits 5 Tage vor der Eröffnung ausverkauft. Vielleicht lässt der Name des Festivals vermuten, dass die Veranstaltung etwas mit dem Roten Platz in Moskau – dem Vorplatz des Kremls – zu tun hat. Lediglich ist der Name breiter zu fassen und steht in keiner Verbindung mit dem Kreml oder der russischen Regierung. Eher Gegenteil ist der Fall, wenn es um das Konzept und die Ziele der Veranstalter*innen – Dekabristen e.V. – geht. Dieses Jahr stehen im Fokus die moderne (Protest-)Kultur in Russland und auch anderen post-sozialistischen Ländern. Aus gegebenem Anlass ist einer der Schwerpunkte Belarus und die friedlichen Protestaktionen, die in dem europäischen Land seit über 50 Tagen stattfinden und mit exzessiver Gewalt niedergeschlagen werden.

osTraum hat sich mit der Festivalkoordinatorin Katya Romanova getroffen und über das Festival gesprochen – warum es nicht nur um Russland geht, wieso das Festival in der aktuellen politischen Lage eine wichtige Rolle spielt, ob die Veranstaltung eine Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Kultur und Politik ist? Zudem fanden sich viele andere Kulturphänomene im geografischen Raum zwischen Berlin und Wladiwostok, die wir im Gespräch nicht unbeachtet lassen konnten.

osTraum: Seit wann bist du beim Festival dabei? Was steht 2020 an?

Katya Romanova: Ich bin seit Dezember 2019 bei den Dekabristen und koordiniere das Red Square Festival. Als wir in diesem Jahr damit begannen, fragten wir uns, warum wir es eigentlich in Moabit machen? Eigentlich haben wir überhaupt keine Verbindung zu der Gegend. Wir kommen nur einmal im Jahr aus Prenzlauer Berg dorthin und machen ein Festival, dann gehen wir wieder. Deshalb haben wir vor, auch die Moabiter Welt näher kennenzulernen und mehr mit lokalen Initiativen zu arbeiten, z.B. Design Lab Moabit.

Ursprünglich sollte das Festival am 15.-16. Mai stattfinden. Dann war aber die Corona-Pandemie. Lange Zeit haben wir überlegt, was wir mit dem Festival überhaupt machen sollen – absagen, verschieben, online stattfinden lassen? Letztendlich haben wir die Form gewählt, bei der das Festival nicht über zwei, sondern über mehr Tage zu verteilt ist. Damit nicht zu viele Menschen auf ein Mal zu uns kommen und wir sie nach Hause schicken müssen. Die Haupttage des Festivals bleiben aber 2.-3. Oktober.

Das Programm wird knackiger – Panel Discussions, Filme, ein bisschen Musik im Hof, Essensstände und ein paar Workshops. Seit dem 28. August machen wir auch einige andere Events, damit das Festival am 2.-3. Oktober nicht zu voll wird. Wir hatten bereits eine Ausstellung zur Unterstützung von Yulia Tsvetkova gemacht und haben „Dylda“ von Kantemir Balagov gezeigt. Wir hatten auch die Ausstellung „Failed Revolution“. Sie wurde 2019 in Münster gezeigt und wir brachten sie nun nach Berlin.

Der Rote Platz in Moskau ist momentan in der Tat sehr formell, voll von Zensur und Vorschriften. Er gehört dem Kreml – der offiziellen Macht.

osTraum: Wie kam die Idee des Festivals? Wie kam der Name zustande? Kommt es vom Roten Platz in Moskau oder dem Schwarzen Quadrat – Black Square – von Malevitch? Bei euch ist der Quadrat aber rot – also ist es voller Blut? Oder bedeutet die Farbe etwas anderes?

Katya Romanova: Jain. Der Rote Platz in Moskau ist momentan in der Tat sehr formell, voll von Zensur und Vorschriften. Er gehört dem Kreml – der offiziellen Macht. Tatsächlich ist so ein Platz im Allgemeinen aber ein Treffpunkt der Stadt, der für die Bewohner offen stehen sollte. Sie sollten jederzeit in der Lage sein, sich dort zu treffen, ihre Meinung zu äußern oder auch etwas zu feiern.

osTraum: Wie jeder andere Platz., Alexanderplatz oder so…

Katya Romanova: Ja, genau. Theoretisch kannst du dich frei auf dem Platz bewegen, frei etwas tun, frei deine Meinung äußern, aber tatsächlich ist der Rote Platz oder im Allgemeinen ein urbaner Platz in Russland ein Ort. an dem du in der Regel sehr wenig tun kannst. Daher ist dies eine Metapher, dass wir versuchen, diesen Raum für Bürger*innen zurückzugewinnen und zu sagen, dass wir auch einige unserer eigenen Dinge hier tun und unsere Inhalte zeigen, unsere Meinung äußern, den Bereich als einen Bereich der Freiheit nutzen und unsere Positionen ausdrücken wollen. Das Red Square Festival scheint mir auch deshalb sehr nice zu sein, weil ich selbst letztes Jahr eher zufällig teilgenommen habe. Ich war eine Freiwillige und habe mich tatsächlich gewundert im positiven Sinne, dass es so viele coole Menschen gibt, die alle etwas für mehr Freiheit tun wollen.

osTraum: Was waren das für Menschen und was hat dir letztes Jahr am meisten gefallen?

Katya Romanova: Der Film Chrystal Swan hat mir sehr gut gefallen. Ich war auch bei einer Diskussion über Oleg Sentsov.

Ich war aber nicht sehr stark in die politische Agenda der Ereignisse in Osteuropa eingebunden. Im Prinzip hatte ich nur sehr wenige Kontakte zu einer solchen lokalen russischsprachigen Szene und habe so super aktive, so super super talentierte Menschen getroffen. Das Festival war frei von Stereotypen, also keine Matrjoschka-Puppen, keine Kalinka und ohne das Russische Haus.

Das Festival war frei von Stereotypen, also keine Matrjoschka-Puppen, keine Kalinka und ohne das Russische Haus.

osTraum: Du hast schon das Russische Haus in Berlin als ein schlechtes Beispiel fürs Marketing eines Landes – in dem Fall Russlands – angesprochen. Was ist suboptimal an der Institution und kollidiert es nicht mir eurem Namen? Der Rote Platz ist ja ein direkter Link zu Russland…

Katya Romanova: Es ist in jedem Land das gleiche. Ich habe eine Weile in Argentinien gelebt und das Russische Haus funktioniert dort genau so, wie in Berlin. Die Menschen, die da arbeiten, sitzen in irgendeiner vergangenen Zeit fest und bewegen sich kaum. Unser Festival arbeitet mit jungen und progressiven Künstler*innen in bzw. aus Osteuropa. Daher ist es seltsam, dass verschiedene Russische Häuser weltweit das irgendwie nicht tun.

Übrigens habe ich mich daran erinnert, was mit dem Festivalnamen nicht so gut lief. Ich lud einige Teilnehmer*innen zum Festival ein und es gab Schwierigkeiten, weil der Rote Platz für viele immer noch ein zu starker Hinweis auf Russland ist. Wir denken manchmal daran, den Namen vielleicht nächstes Jahr zu ändern, weil wir wegen des sogenannten „Roten Platzes“ nicht wollen, dass Teilnehmer*innen, zum Beispiel aus der Ukraine, grundsätzlich nicht an diesem Festival teilnehmen. Sie sagen, dass das Festival cool ist und sie es wirklich mögen würden, daran teilzunehmen, aber sie können nicht auf ihrer Website schreiben, dass sie an einem Festival teilnehmen, das nach dem Roten Platz benannt ist. Wir verstehen es auch, dass dies für uns ein Minuspunkt ist und dieser Name sich mehr auf Russland konzentriert als auf andere Länder. Dies lässt sich damit erklären, dass die meisten unserer Kolleg*innen und der Festival-Teilnehmer*innen tatsächlich aus Russland kommen oder da arbeiten. Aber wir möchten uns natürlich von diesem Russland-Zentrismus lösen bzw. sind gerade dabei.

osTraum: Eine andere Frage – In den letzten paar Jahren beobachten wir einen sehr starken Zuzug von russischsprachigen IT-Fachleuten nach Berlin. Sie kommen meist aus Belarus, Russland oder der Ukraine. Womit hängt es zusammen und warum ziehen sie nach Berlin?

Katya Romanova: In Barcelona, ​​Prag oder London gibt es auch viele russischsprachige IT-Spezialist*innen oder Intellektuelle, die dort studieren oder arbeiten, aber es gibt einfach so einen Berlin-Hype. Berlin ist cool und es ist wahrscheinlich noch einfacher, hierher zu ziehen als nach London. Es ist billiger. Es gibt hier auch viele Startups, die nach Entwickler*innen suchen.

Wenn wir über IT-Spezialist*innen sprechen, dann sind dies wahrscheinlich eher Wirtschaftsmigrant*innen, wenn ich das so sagen darf. Das heißt, sie schauen einfach – Wohin kann ich ziehen? Wo ist die Lebensqualität einfach besser? Wo kann ich mehr Geld verdienen? Nun, Geld ist die eine Sache, aber eine andere Sache sind im Allgemeinen Gefühle und Gedanken. Die Lebensqualität ist hier höher und die Stadt irgendwie komfortabler. Daher scheint es mir, dass viele Menschen nur nach einer Optionen suchen und Berlin ist wohl eine der besten.

Aber es gibt definitiv auch politische Migrant*innen und Flüchtlinge. Sie haben einfach Angst, dass sie für das, was sie tun, eingesperrt oder irgendwie bestraft werden. Gleichzeitig aber tun sie nichts schlechtes. Zum Beispiel gibt es LGBTQ*-Flüchtlinge, d.h. Menschen, die auch ein normales Leben führen wollen und sich daher natürlich dafür entscheiden, irgendwo in einem anderen Land zu leben und nicht in Russland. Wir sprechen ständig mit „Quarteera“ und den Menschen, die in Beratungsstellen arbeiten und LGBTQ*-Flüchtlinge unterstützen. Sie sagen oft, dass aus diesen Gründen gerade jetzt mehr Menschen nach Berlin umziehen.

Ich selber kam zu einem Freiwilligenprojekt nach Berlin. Jetzt studiere ich. Irgendwann hatte ich dann das Gefühl – „Okay, um ehrlich zu sein, ich will nicht zurück.“ Ich hatte nie den Plan, hierher zu migrieren, aber jetzt lese ich Nachrichten aus Russland und fühle mich innerlich irgendwie unwohl. Ich möchte nicht wirklich zurückkommen, weil ich nicht weiß, ob mir nicht dasselbe passieren wird, wie Yulia Tsvetkova, wenn ich dieselben Festivals oder Projekte, wie in Berlin, in Nizhnij Nowgorod organisiere. Vor allem macht die Polizei das jetzt sogar im Nachhinein – die finden irgendwelche Postings von dir auf Social Media aus dem Jahr 2015 oder so und dann musst du dafür Bußgelder zahlen oder wirst sogar verhaftet.

osTraum: Die Goldenen 1920er Jahre sind in Berlin vor genau 100 Jahren gewesen. Glaubst du, es wird sie jetzt wieder geben – die Goldenen 2020er Jahre?

Katya Romanova: Die 1920er Jahre sind irgendwie ein Mythos, dass es in Berlin zu dieser Zeit nur die talentiertesten und klügsten Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Musiker*innen gab und sie alle wollten und kamen nach Berlin und alles war so cool und und und…

Jetzt gibt es auch viele Künstler*innen, viele coole Leute. Es ist sehr schwierig, einen Schritt zurück in die 1920er Jahre zu machen und zu sehen, wie es damals gewesen ist. Es scheint mir, dass es auch jetzt erst nach einigen Jahren klar wird, ob es sich um eine Art goldenes oder silbernes Jahrzehnt handelt. Für die Migration aber scheint es mir, dass es viele Menschen gibt, die auch in europäischen Hauptstädten leben und wenn sie nach Berlin kommen, sehen sie, was hier läuft und sagen – Verdammt, das ist großartig! – Weil es jetzt noch viele solcher politischen Aktionen gibt und die Menschen sogar auf die Straßen gehen und protestieren. Es zeigt sich eine Menge innerer Solidarität. Im Prinzip ist dies nicht sehr typisch für russischsprachige Gemeinschaften in anderen Ländern. In Argentinien habe ich so etwas nicht erlebt, dass sich die russischsprachigen Menschen dort irgendwie vereinigten und zur russischen Botschaft gingen, um zu protestieren. Es ist sehr cool, dass jetzt auch Belarus öffentlich unterstützt wird.

osTraum: Welche Filme aus dem osTraum kannst du uns empfehlen?

Katya Romanova: Ich mag den Film „Arrhythmie“ sehr. Ich weiß nicht einmal, warum ich den so mag. Der Film zeigt eben, wie es in Russland aussieht. Es zeigt eigentlich auch das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Wenn du die Filme von Zvyagintsev schaust und dann auf die Straße gehst, dann siehst du dort dasselbe und fragst dich – Oh Gott, warum ist das so? Es scheint mir, dass ich dann sehr oft denken könnte, warum überhaupt rausgehen oder etwas tun, wenn es trotzdem gleich bleibt und sich nichts ändert?! In Zvyagintsevs Filme vermitteln das Gefühl, dass alles, was du tust, von niemandem beachtet und nichts ändern wird. Deshalb schaue ich mir solche Filme – also Filme von Zvyagintsev – nicht an.

osTraum: Welche Musik aus dem osTraum würdest du uns empfehlen?

Katya Romanova: Shortparis sind irgendwie anders, beängstigend und sexy zugleich. Luna & Cream Soda machen zwar Pop, aber das Produkt ist so hochwertig, dass es sogar Menschen gefallen könnte, die keine Pop-Musik mögen. Und wen ich noch besonders mag, sind SBPČ und Naadja.


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Fotos vom Festival 2019 & Grafiken des Festivals © Dekabristen e.V.
Fotos von Katya Romanova © osTraum

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