Minsk bei Artur Klinau: eine Sonnenstadt oder ein ‚vergifteter Ort‘?

Spätestens seit der Wahlfälschung in Belarus durch Lukašenkas Apparat und den Augustprotesten 2020 sowie der immer noch andauernden Revolution der Geduld sind Minsk und Belarus auf der internationalen Bühne keine terra incognita mehr. Ansichten deutscher Medien und Intellektueller, wie die MDR-Reportage „Minsk: nur ein Freilichtmuseum für Sowjet-Architektur?“ oder der Zeit Online-Beitrag Die Architektur eines fragmentierten Imperiums von Annett Gröschner, sind damit etwas überholt. Die sowjetische Vergangenheit ist in Minsk nach 30 Jahren seit dem Zerfall der UdSSR zwar so präsent, wie vielleicht in keiner anderen post-sowjetischen Stadt, doch ist Minsk längst keine vorbildliche sozialistische Sonnenstadt mehr, wie die osTraum-Beiträge über das mittlerweile geschlossene Kulturzentrum Ў oder die nun in Polen lebende Street-Fotografin Anna zeigten. Minsk entwickelt sich weiter und die Tage des Diktatoren sind gezählt. Die Architektur der Stadt mag noch stark an die sozialistischen Ideale der sowjetischen Epoche erinnern. Aber hag diese Epoche weiterhin einen realen Bezug zu der Stadt oder handelt es sich dabei um die Leiche der gescheiterten Utopie?

Genius loci ist tot oder ‚vergiftete Orte‘ im osTraum

In Minsk: Sonnenstadt der Träume geht Artur Klinau (4. Auflage, 2015) dem Phänomen der „Stadt des Glücks“ nach. Im Original heißt das Buch „Путеводитель по городу солнца“ – ein Reiseführer durch die Sonnenstadt. Die von Klinau dargebotene Erzählung ist größtenteils sehr stark von seinen persönlichen Erlebnissen geprägt, denn die Geschichte von Minsk ist eng mit seiner eigenen verflochten – die Leser:innenschaft betrachtet Minsk unmittelbar durch die Autorenbrille. Heutiges Minsk ist eine Geisel der sozialistischen Utopie – ein Monument für das Ideal, das nie erreicht wurde.

In seinem „Bericht des historischen Beobachters“ (2005) setzt sich der rumänische Architekturwissenschaftler Ioan mit dem Thema der urbanen Neugestaltung und Rekonstruktion in Südosteuropa, vor allem aber in Rumänien, auseinander. Ioan hinterfragt das Konzept von „Genius Loci“ nach Christian Norberg-Schulz und plädiert für einen neuen Ansatz, der einen adäquaten Zugang zum Verständnis der postkommunistischen Identität der urbanen Textur geben kann:

Andere Konzepte, in denen Begriffe wie Ortlosigkeit, Gift-Ort oder vergifteter Ort eine Rolle spielen, konnten meiner Meinung nach die trostlosen und autistischen Stätten in unseren Städten besser erfassen als eine Begrifflichkeit, der es um die Schönheit mittelalterlicher Städte des Abendlandes zu tun war.

In diesem Sinne gibt es Orte, die ihren Genius Loci – den guten Geist – verloren haben. Die Schuld daran tragen vor allem Abbruch- und Neubaumaßnahmen, die keine Rücksicht auf die örtlichen Gegebenheiten nehmen. Durch gewaltsame Eingriffe in die Architektur der Stadt verliert der Ort seine ursprüngliche Bedeutung. Ioan spricht dabei auch von bösen Geistern eines Ortes – von Dschinnen und Dämonen – die einen Ort besetzen können. Nach Ioan ist Bukarest ein Beispiel für solch einen Gift-Ort. Der städtebauliche Eingriff verursachte den Zustand des Verfalls in der rumänischen Hauptstadt und ließ die Stadt in der allgemeinen Zerstörung und Vergiftung versinken. Allerdings trifft das Phänomen eines Gift-Ortes keinesfalls nur auf Bukarest zu. Als weitere Beispiele für Gift-Orte nennt er Nowyj Arbat in Moskau oder das Kulturpalast in Warschau.

Bildquelle „Babrujskaja“

Eine Utopie aus dem 16. Jahrhundert im heutigen Minsk

Zurück zu Minsk: Als das Gegenteil zum Gift-Ort wird Minsk bei Klinau auch als die Sonnenstadt bezeichnet. Mit diesem Konzept ist Klinau kein Entdecker. Die Organisation der Stadt in den sozialistischen Utopien kam in der Moderne zunächst im Roman Utopia von Thomas Morus (1516) vor. Ein Jahrhundert später erschien Der Sonnenstaat (1602) von Campanella. Wie man dem Namen schon entnehmen kann, ist die Sonne die oberste Gottheit und ihr Licht hat eine hohe Stellung zugleich in den Werken französischer Aufklärer und späterer Sozialisten. Im Tschernyschewskijs Was tun? (1863) ist der Kristallpalast ein Symbol für die Utopie. Die Heldin des Romans sieht einen Traum, in dem sie das sozialistische Gemeinschaftshaus betritt und dort mit weißem und taghellem Licht erfüllte Räume sieht. Die Elektrizität nimmt die Rolle des göttlichen Lichtes an, das den Sozialismus zur Wirklichkeit macht.

Mit dem Begriff der Sonnenstadt wurde Minsk in den 1960er Jahren gekürt. Die neue städtebauliche Vision, die 1961 mit einem neuen Parteiprogramm ins Leben gerufen wurde, proklamierte die moderne Stadt, in der sich die Arbeitenden wohlfühlen. Die öffentlichen und privaten Räume sollten demnach in erster Rolle behaglich sein, was unter anderem durch den Komfort, die Architektur der kleinen Formen, die Begrünung und dekorative Urbanität zu erreichen war.

In Minsk, so Klinau, gab es immer zwei Städte:

eine Gesellschaft des Glücks, an die man glaubte, und die Stadt selbst

Willkommen in der Stadt des Glücks

Alle, die in die Stadt einreisen, müssen das erste Tor an der Grenze zum „Land des Glücks“ passieren. Alle Züge, die in Belarus einreisen, müssen die Räder wechseln. Nach der Passkontrolle rollt der Zug in eine riesige Werkhalle, aus den unzähligen Türen kommen kleine Menschen in schwarzen Kitteln. Die Beschreibung dieser Atmosphäre bei Klinau erinnert an das Fegefeuer, das man passieren muss, bevor man ins Paradies gelangt. Als Paradies tritt hier „das Land des Glücks“, Belarus, auf. Nicht ohne Ironie schildert Klinau dieses „Paradies“:

Eigentlich müsste hier ein rotes Banner hängen, auf dem mit großen weißen Buchstaben geschrieben steht: „Willkommen im Land des Glücks“

Das Land des Glücks und die Sonnenstadt sind genau da zu suchen, wo jede:r Bewohner:in diesem idealen Zustand möglichst nahe kommt. Solches Projekt in die Wirklichkeit umzusetzen, ist eine große Verführung: „die Quintessenz der geheimen Träume der Menschheit von der idealen Ordnung“. Der Versuch, eine Sonnenstadt zu errichten, ist allerdings nach Klinau vom Anfang an verdammt. Es ist unmöglich, eine Stadt zu errichten, die es nicht gibt: „Die glückliche Gesellschaft ist nur ein bittersüßer Traum, eine Phantasmagorie, eine intelligible, nicht eine physische Sonne auf Erden“. Bereits zum Beginn seiner Erzählung blickt Klinau sehr skeptisch auf Utopien: Soll eine Utopie von sich selbst eine Illusion erschaffen und alle dazu gezwungen haben, an sie zu glauben, wird sie zu Stein, zu einer fest verankerten Pseudo-Realität.

Bildquelle „Platz des Sieges“, Bildquelle „Serebryanka“

Die neuen Götter – die Diktatoren

Die neuen „Götter“, z.B. Lenin, Stalin und andere Diktatoren, ersetzten in der Sonnenstadt den Gott: „Als ich die Erzieherin im Kindergarten fragte: Warum gibt es Gott nicht? antwortete sie mir: Gagarin ist in Weltall geflogen und hat ihn dort nicht gefunden“. Mit Stolz dachten die Bewohner:innen der Sonnenstadt daran, dass es den Gott nicht gibt. Der Glaube an Gott sah man als rückständig an. In der Utopie der Sonnenstadt waren zwar alle Religionen gleich und nicht per se verboten, die Kinder wurden aber nur selten nach ihrer Geburt getauft und die Gläubigen hielt man sogar für Sektierer:innen. Die Utopie trat anstelle des Glaubens an Gott und gab den Menschen einen neuen Glauben.

Die Kirchen und Gotteshäuser ersetzten die Paläste aus der Nachkriegszeit. Sie symbolisierten nicht unbedingt Macht, sondern eher Überfluß. Ihre Fassaden hatten mal was vom alten Rom oder Griechenland, mal was vom alten Ägypten, dem Barock oder der Renaissance. Die Entstehung solcher Paläste war auf die Ideale der kommunistischen Utopie zurückzuführen. So sollte der Mensch in der glücklichen kommunistischen Gesellschaft nicht in armseligen Hütten, sondern in prächtigen Palästen wohnen. Die schönen Parks und breite Alleen gehörten selbstverständlich dazu, ebenso wie die majestätischen Plätze, wo sich die Einwohner:innen der Stadt zu Festen und Massenparaden versammeln konnten bzw. durften.

Bildquelle „Lenin“, Bildquelle „Palast der Republik“

Willkommen in der Hölle

Bei der Einfahrt in die Sonnenstadt hätte eigentlich ein Schild „Willkommen in der Hölle“ hängen sollen, schreibt Klinau. Gleich hinter den Fassaden der Volkspaläste findet sich die graue Wirklichkeit der Sonnenstadt wieder. Mit dem Satz „Das erste, woran ich mich erinnere, ist eine riesige Betonplatte, die ich zu erklimmen versuche“ fängt Klinau sein Werk an. Denn Minsk ist in der Tat nicht nur die Stadt des uneingeschränkten Glücks, sondern auch die Stadt, aus welcher Tod und Krieg nicht wegzudenken sind. 

Die Geschichte der Sonnenstadt geht auf die Zeit zurück, als die zahlreichen Kriege das künftige Land des Glücks verwüsteten. Mit einer Sintflut, einer „nicht wiedergutzumachenden Katastrophe, die dem Land den Tod brachte“ wird diese Zeitperiode verglichen. Die blutigen Kriege nahmen Belarus mehrmals die Hälfte ihrer Einwohner:innen. Jedes Jahrhundert kam ein neuer Krieg, der das Land in eine Ruine verwandelte. Russland, der Nachbar aus dem Osten, trat bei diesen Kriegen nach Klinau als eine böse Kraft hervor. So wird das Fürstentum Moskau im 16. Jahrhundert als „das zukünftige Reich des Bösen“ bezeichnet. Am Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Minsk 28 katholische und unierte Kirchen und Klöster. Die Stadt war der katholische Hauptsitz in der Region, aber all diese Gebäude verschwanden im 19. Jahrhundert als Strafe für Aufstände gegen Russland. Sie wurden entweder abgerissen oder im russisch-orthodoxen Stil umgebaut. Während des Zweiten Weltkrieges wurde Minsk von der sowjetischen Luftwaffe bombardiert. Die unanfechtbare Wahrheit, dass Minsk während des Krieges von den Deutschen zerstört worden war, stimmte laut dem Werk nie und war im Prinzip lediglich ein weiterer Mythos über das Land des Glücks und die sowjetische Geschichte.

Insbesondere in der Nacht bleibt die Stadt menschenleer, nach Klinau passt am besten zu dem Anblick die Musik aus dem Peter Greenaways Film „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“„Memorial“ von Michael Nyman:

Bei der nächtlichen Beleuchtung sieht das Palastensemble besonders feierlich und monumental aus (ebd.) – genau so, wie es von seinen Schöpfern angedacht war. Die Leere sowie die zahlreichen Friedhöfe verleihen der Stadt einen Hauch von Nekromantik, der auch mit dem „Fluch des blutigen Ufers“, auf dem die Stadt gebaut wurde, zusammenhängt. Njamiha – so heißt das alte Zentrum von Minsk, dessen Name auf den Fluss Njamiha zurückzuführen ist. Njamiha stammt von dem litauischen Wort nemiga, das die „Schlaflosigkeit“ oder „die, die nicht schläft“ bedeutet. Der Fluss trocknete aus und an seiner Stelle wuchs das Viertel Njamiha. Als die Sonnenstadt aufkam und an Kraft gewann, wurde Njamiha abgerissen, denn „sie war die schlaflose Nacht und die Sonnenstadt war der Sonnentag“. Später wurde an dieser Stelle eine Metrostation gebaut, wo in den 1990-er Jahren während eines Rock-Konzerts ein Unglück mit Verletzten und Todesopfern passierte. Der unterirdische Fluss holte sich das Leben von mehr als 50 Personen. So erinnerte der Fluch des blutigen Ufers an seine Existenz wieder. 

Minsk: ein Sinnbild vieler (Haupt-)Städte

Bildquelle „Aliesia-Bačyly-Straße“

Minsk: Sonnenstadt der Träume von Artur Klinau ist ein tiefer Einblick in die Natur der belarusischen Hauptstadt. Eine Stadt, die zwischen der Utopie und der tödlichen Leere gefangen ist, erscheint in dem „Reiseführer“ als ein zeitloser Ort – ein (ver)Gift(eter) Ort, der für das Begreifen von post-sozialistischen Städten nicht nur in Südosteuropa, sondern auch allgemein in osTraum wichtig ist. Der gewaltsame Eingriff in die Stadtlandschaft seitens der sozialistischen Machtinhaber wird im Text als einer der Hauptgründe für das Sterben der alten Stadtzentren und die Errichtung der utopischen Stadt im Sinne der herrschenden Ideologie dargestellt. Durch zahllose Kriege zerstörtes Minsk war aus dieser Perspektive ein idealer Ort für den Aufbau einer Sonnenstadt. Nach dem Zerfall des Regimes verwandelte sich allerdings die Sonnenstadt in eine Gespensterstadt. ScarCity – die Stadt der Wunden – nennt Ioan Bukarest. Diese Definition könnte auch für Minsk treffend sein. Minsk ist eine Stadt, deren Leib mehrmals getötet wurde, um etwas Neues entstehen zu lassen. Die Metapher für Minsk als ein Körper mit Wunden ist allerdings nicht neu und kommt darüber hinaus auch in den Werken anderer belarusischen Künstler vor, so zum Beispiel im Theaterstück „Minsk, 2011: A reply to Kathy Acker“ von Belarus Free Theatre.

Ein Beispiel für ein Vergleichswerk ist „Die Teufelswerkstatt“ (orig.: Chladnou zemí) des tschechischen Schriftstellers Jáchym Topol (2010). In dem Roman werden die ehemalige KZ-Stadt Terezín und Minsk dem Konzept der (ver)Gift(eten) Orte entsprechend beschrieben. In den Darstellungen von Minsk bei Topol kommen die Charakteristika der Hauptstadt auf, die auch bei Klinau angesprochen wurden: „breite Straßen […] ganze Regimente marschieren dort“, „Kaum jemand promeniert auf den Straßen, verglichen mit den monumentalen Häusern wirken die wenigen Fußgänger winzig“ oder „Die Juden und die Opposition füttern die Ratten mit ihren Exkrementen […] Deswegen scheißen sie in die Kanäle. Sie wollen die Sonnenstadt vernichten“. Vor allem das letzte höchst ironische Zitat ist bei Topol zwar eine Überspitzung, doch in etwa dem gleichen Wortlaut könnte das eine Aussage von Lukašenka sein, der seinen „Sonnenstaat“ vor bösen Oppositionellen und anonymen „Strippenziehern“ aus dem Westen beschützt, wobei er sich ganz nebenbei auf antisemitische Verschwörungsmythen bezieht.

Wer Minsk: Sonnenstadt der Träume von Artur Klinau (2015) liest, wird Minsk und viele Städte im osTraum nicht mehr mit den gleichen Augen sehen können. Eine absolute Empfehlung.


Artur Klinau: Minsk: Sonnenstadt der Träume. Berlin: Suhrkamp 2015.


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Titelfoto © osTraum & Flickr

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