Interview: Minsker Art-Direktorin über Ў-KUNST IM HIPSTER-KIEZ

“Ў” – der Name der Galerie ist ein belarussischer Buchstabe, der für einen Laut zwischen einem „W“ und einem „U“ steht. Die Galerie Ў liegt in der sogenannten „Hipster Straße“ in Minsk. Sie ist ein Ort der Begegnung zwischen Künstler*innen und ihrem Publikum.

Was die belarussische contemporary Art angeht und wie das alles funktioniert – darüber haben wir mit Anna gesprochen und haben spannende Tendenzen in der belarussischen Kultur für uns entdeckt.

Anna Chistoserdova, Art Direktorin & Co-Founderin der Ў Galerie

Identität und der Buchstabe Ў

osTraum: Was steckt hinter dem Namen der Galerie?

Anna: Die Galerie gibt es seit fast 10 Jahren. Die Idee entstand aber noch früher und existierte auf eine andere Art. Damals war das ein Kleidergeschäft „Padzemka“, dann fingen wir an, Ausstellungen zu zeigen. Die Ausstellungen waren praktisch auf einer einzigen Wand. Zu diesem Zeitpunkt haben wir einen großen Raum gehabt, aber während der Pandemie ist es das Lagerhaus für Bewegung #bycovid19 geworden.

© “Ў” Gallery

Ў kann als Symbol der belarussischen nationalen Identität bezeichnet werden und ist gleichzeitig und genau deswegen der Name der Galerie.

Der Name ist kanonisch – Ў. Oben ist ein Lächeln zu sehen – das ist die positive Stimmung. Das unterscheidet uns von allen anderen. Die Galerie Ў kann insgesamt als ein Symbol der belarussischen nationalen Identität bezeichnet werden. Wenn Leute uns besuchen, fragen sie uns immer, was dieser Buchstabe bedeutet und so entdecken sie auf diese Weise Belarus bzw. die belarussische Kultur.

Kunst und Sprache

Ў (u neskladowaje) = kurzes Ŭ) ist der Buchstabe des belarussischen Alphabets, bestehend aus einem У mit Breve. Seine Entsprechung im belarussischen Lateinalphabet ist Ŭŭ- vergleichbar mit dem polnischen ł oder dem w im Englischen. In der usbekischen Sprache wurde dieses Zeichen früher ebenfalls verwendet.

Laut vielen Statistiken ist für die Hälfte der Bevölkerung in Belarus die belarussische Sprache die Muttersprache, doch die überwiegende Mehrheit der Bürger*innen spricht Russisch. Die Galerie steht sowohl für hochwertige Kunst als auch für die belarussische Sprache. Es müssen aber noch einige Schritte unternommen werden, um die belarussische zeitgenössische Kunst zu verstehen und sie in einem harmonischen Prozess zu leben.

© “Ў” Gallery

osTraum: Alle im Ў Team sprechen Belarussisch. Fast alle Besucher*innen sprechen Belarussisch. Ist die belarussische Sprache ein Zeichen für ein hohes soziales und bürgerschaftliches Engagement?

Anna: Ich persönlich spreche Belarussisch erst seit 10 Jahren, also habe ich nach der Gründung der Galerie damit angefangen und zu Hause spreche ich Russisch. Belarussisch ist eine herrliche Sprache, aber ich bin für natürliche, moderne und harmonische Prozesse. Wenn du etwas ändern möchtest, beginne mit dir selbst. Belarussisch wird kaum gesprochen, nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Menschen, die ausschließlich Belarussisch sprechen. Es ist immer schön, deine eigene Sprache auf den Straßen zu hören.

Wenn du etwas ändern möchtest, beginne mit dir selbst.

osTraum: Wie stehen die Belaruss*innen zur zeitgenössischen Kunst?

Anna: Nicht alle werden contemporary Art verstehen. Dies ist vor allem ein bilateraler Dialog. Wir erstellen das Infomaterial und bieten Führungen zu unseren Expositionen an. Immerhin fängt alles mit der Kindheit an. Zum Beispiel Kunstgeschichte wird an den Schulen kaum unterrichtet.

Unsere Galerie ist eine unabhängige private Institution und wird vom Staat nicht unterstützt. Wir verkaufen Kunststücke an interessierte Leute, haben eine Weinbar und einen Buchladen. Auf diesem Weg halten wir contemporary Art in Belarus am Laufen.

osTraum: Was verwundert Besucher*innen und Künstler*innen in eurer Galerie?

Anna: Ў gallery ist frei. Ein Ort zum Experimentieren, an dem junge Stimmen keine Angst vor ihrer Kreativität haben. Ў gallery ist flexibel. Du kannst zu uns kommen, um ein Buch zu kaufen, gleichzeitig kannst du dir eine Ausstellung ansehen oder einen Kaffee trinken.

Ich liebe Menschen, die am Leben interessiert sind.

Unsere Besucher*innen sind aus verschiedenen Generationen. Das ist ein Ort für alle, auch für Kinder. Jeder findet etwas für sich. Wir arbeiten auch mit Künstler*innen verschiedener Generationen zusammen. Ich liebe Menschen, die am Leben interessiert sind. Und so sind wir alle in der Galerie, auch unsere Besucher*innen und Künstler*innen.

Sozial und engagiert

Es gibt viele Themen in Belarus, die auf irgendeine Weise unterdrückt werden. Die Menschen haben aber einen Drang, von sozialen und politischen Themen zu sprechen. Die Galerie bietet allen die Möglichkeit an, die was zu sagen haben, und kann sicher als ein Ort für Experimente verstanden werden.

© “Ў” Gallery

osTraum: Welche akuten sozialen Themen schneidet die belarussische zeitgenössische Kunst in Belarus an?

Anna: Unser Ziel ist es, relevante Themen zu identifizieren, sie durch die Kunst und verschiedene Werkzeuge zu transformieren und auszubilden. Die Inklusion und jede Art von Diskriminierung werden oft beleuchtet. Die Kultur des Landes und Ökologie sind heutzutage auch voll wichtig, auch Geschichte und Identität.

Wenn wir gleiche Meinungen mit sozialen Organisationen oder Aktivist*innen haben, bieten wir unsere Plattform für Projekte sogar kostenlos an. Das Wichtigste ist, die Zeit zu planen, denn jede Ausstellung und jedes Projekt ist wie ein kleines Leben in sich.

osTraum: Wie funktioniert das Ökosystem des Teams?

Anna: Unser Team ist klein, aber besteht aus starken und interessanten Menschen. Wenn wir Ausstellungen durchführen, gibt es jede Art von Freiwilligen. Jugendlichen und Student*innen, die ihr zusätzliches Geld als Minijob bei uns verdienen. Natürlich verdienen sie nicht viel Geld. Es geht aber nicht nur ums Geld, sondern auch um Erfahrungen, die die Arbeit bei uns mit sich bringt.

osTraum: Welche belarussischen Künstler*innen sollten wir uns ansehen?

Anna: Ich mag keine Bewertungen und Einschätzungen. Es ist also schwierig, über Künstler*innen zu sprechen. Ihr könnt gerne unsere online Galerie anschauen:)

Nichts (Übersetzung aus der belarussische Sprache) © “Ў” Gallery

In den letzten Jahren hat die Galerie viel geschafft. Trotz ihrer wachsenden Popularität bleibt sie weiterhin zugänglich für alle Interessierten und bietet ihren Gästen nicht nur Ausstellungen, sondern auch verschiedene kulturelle Veranstaltungen, Präsentationen und Konferenzen an. Die zeitgenössische Kunst in Belarus beschäftigt sich mit sensiblen Themen, und so ist die Galerie Ў ein guter Raum für aktive Menschen, die ständig in Bewegung sind.


Der Artikel auf Belarussisch | Статья на беларусском


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Alle Bilder wurden von Ў Gallery zur Verfügung gestellt.


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