Die 7 Protestlieder oder Wie klingt Freiheit in Belarus?

Gestern, am 6. Juli 2021, wurde der frühere Präsidentschaftskandidat und Lukaschenkas Gegner Wiktar Babaryka zu 14 Jahren Haft verurteilt. Massenproteste gibt es nicht mehr. Tausende Menschen mussten ins Ausland fliehen. Unzählige Belarus*innen verloren ihre Arbeit oder wurden zwangsläufig exmatrikuliert, weil sie weiß-rot-weiße Farben trugen oder zu friedlichen Demos gegangen sind. Nach der brutalen Niederschlagung von Protestaktionen haben Viele mit schwerwiegenden Gesundheitsproblemen zu kämpfen, Einige sind schon seit fast einem Jahr in Haft – die Jüngsten nicht mal 18 Jahre alt. Deshalb wissen Belarus*innen jede Hilfe zu schätzen. Die Autorin dieses Artikels Nina hat der im November inhaftieren Journalistin Darja Tschulzowa mithilfe der Plattform „Pisma w kletotschku“ (de.: Briefe in die Zelle) geschrieben. Nach mehr als drei Monaten ist ihre Antwort gekommen: „Ich gebe nicht auf!“. Ein Brief oder eine Postkarte können oft eine enorme Unterstützung sein. Nichts und niemand ist vergessen. Nichts und niemand bleibt vergessen.

osTraum hat bereits Musikverbote in Belarus thematisiert. Die Lage eskaliert, weshalb wir für euch 7 Lieder ausgewählt haben, die zum Soundtrack der Proteste in Belarus geworden sind oder bereits während der aktuellen Proteste geschrieben wurden. Jedes der Lieder ist in seinem Kontext besonders – ob ein Hit aus den 1980-ern, ein Titel von den Vätern des russischen Raps oder belarusischer Punk.

7. VIKTOR TsOJ (BAND „KINO“) – „Peremen“ („Wandel“) (UdSSR)

Die Finalszene aus dem Film „ASSA“ (1987) halten viele Zeitzeug*innen für ein Symbol der Revolution, der Freiheit und des Endes von Regimen. Der Song „Peremen“ („Wandel“) von Viktor Tsoj (Band „Kino“) ist schon mehr als 30 Jahre der Begleiter von den Demonstrant*innen in den ehemaligen sowjetischen Ländern. Viele der Länder haben auch nach dem Zerfall des „Imperiums des Bösen“ für Menschenrechte zu kämpfen. In Belarus ist das Lied seit 2011 in der Öffentlichkeit sowie im Radio verboten – hören, abspielen und performen.

Was bedeutet verboten? Noch vor zehn Jahren hatte der Machthaber Aljaksandr Lukaschenka Angst davor, dass „Ich will den Wandel!“ – eine Zeile aus dem Viktor Tsojs Song – um Hauptmotto der Opposition werden kann und das Lied – zur Hymne. Es scheint, in diesem Fall hatte der Diktator recht.

Seit dem August 2020 konnte sich die Repressionsmaschine in dem protestierenden Land vollständig entfalten. Den Wandel forderten Hunderttausende Belaruss*innen. Sogar auf Kundgebungen von Lukaschenkas fake Befürworter*innen hörte man „Ich will Wandel!“: Zwei DJs – Uladzislau Sakalouski und Kiryl Galanaulegten – legten spontan den Song auf. Die Besucher*innen des Parks feierten die Musik. Die zwei DJs verbrachten dafür sechs Tage in Haft und flohen danach aus dem Land.

6. KASTA – „Wychodi guljat“ (Geh‘ spazieren) (Russland)

Die Protestierenden sagen oft: „Sie können uns alle nicht erschießen! Sie können nicht alles verbieten!“. Diese Worte stimmen mit der Stimmung der Proteste im August überein. Die Playlist der belarussischen Protestbewegung ist viel länger als nur eins, zwei oder sieben Lieder. Dabei wollen nicht nur belarusische Künstler*innen die friedliche Bevölkerung unterstützen. Während der Proteste ist ein Video entstanden, wo die 74-jährige Aktivistin Nina Baginskaja mit einer riesigen weiß-rot-weißen Fahne einem Polizisten laut antwortet: “Ich spaziere!“, damit er sie in Ruhe lässt. Das Spazierengehen wurde schon zuvor eine Metapher für einen Demo-Besuch. Im November veröffentlichte die südrussische Band „Kasta“ das Video „Wychodi guljat“ (Geh‘ spazieren). In dem Clip zeigen die Väter des russischen Raps einen brutalen Polizisten und wie sein Leben endet.

5. Ljapis Trubjazkoi – „Graj“ (Spiel) (Belarus/Ukraine)

Die auf Ewigkeit geschriebenen Protestsongs stammen nicht nur aus der UdSSR. Die Lieder der bekannten belarusischen Band „Ljapis Trubjazkoi“ und des ehemaligen Frontmans Sjargej Michalok („BRUTTO“, „Drezden“) gehören spätestens seit dem Anfang der letzten ukrainischen Revolution 2013-2014 zu Demonstrationen in ostslawischen Staaten. „Wojny sweta“ (Krieger des Lichts) ist bis heute ein bedeutsames Kunstwerk für die Ukrainer*innen. Unter den belarusischen Protestierenden ist der Song „Graj“ (Spiel) besonders beliebt. Die Lyrics sind auf Belarusisch. Das öffentliche Abspielen, Performen oder Hören ist in Belarus ebenfalls kriminalisiert. Michalok und die meisten seiner Bandkollegen leben seit mehreren Jahren im ukrainischen Exil. In Belarus wurde Ihnen ein Konzertverbot auferlegt.

4. Naviband – Inšymi (Belarus)

Gegen die Diktatur stehen nicht nur erfahrene Aktivist*innen auf. Früher apolitische Menschen sind oft keine passiven Beobachter*innen mehr. Die Musiker*innen aus „Naviband“ repräsentierten Belarus auf dem Eurovision Song Contest 2017. Sie waren die Ersten, die ein Lied auf Belarusisch gesungen haben. Dabei sollte es kein politisches Statement sein. Das aktuelle Lied „Inšymi“ (Als Andere) kommentierte die Band: „Wir können diese Brutalität und Gewalt gegen einfache Menschen nicht mehr anschauen. Wir dürfen darüber nicht mehr schweigen!“ Auch die Songs „Dewočka w belom“ (Das Mädchen in Weiß) und „Milliony bol’šich serdez“ (Millionen großen Herzen) waren nicht nur auf den Protesten in Belarus, sondern auch auf Soli-Demos in europäischen Städten, wie Leipzig, zu hören.

3. Rita Dakota – Uchodi (Geh‘ weg) (Belarus/Russland)

Die wichtigste Forderung der belarussischen Bevölkerung war und ist, Aljaksandr Lukaschenka muss gehen. Die belarusisch-russische Sängerin Rita Dakota hat das Lied „Uchodi“ (Geh‘ weg) über diesen Anspruch geschrieben: „Wie schläfst du, Sascha, in der Nacht? Was träumst du, Sascha? Antworte mir!“

2. Tor Band – „My ne narodez“ (Wir sind kein Völkchen) (Belarus)

Die belarussische Opposition kämpft schlicht für Menschenrechte, schon lange Zeit. Im Jahr 2013 bezeichnete Aljaksandr Lukaschenka die Bevölkerung als Narodez (Völkchen). Das junge belarussische Rock-Kollektiv „TOR BAND“ erinnert den Machthaber mit dem Song „My ne narodez“ (Wir sind kein Völkchen) daran.

1. Galina Ozeran (Galya Chikiss) & various artists – For Belarus (International)

Künstler*innen aus der ganzen Welt unterstützen bis heute mit Petitionen und Geld die unschuldigen Opfer der Repressionen in Belarus. Galina Ozeran (Galya Chikiss) lebt seit über fünf Jahren in Berlin. Kurz nach dem Protestbeginn organisierte sie einen Soli-Release „For Belarus“. Unter diesem Namen vereinigten sich Musiker*innen aus Belarus (z.B. die weltweit bekannte Band „Molčat doma“ (Die Häuser schweigen)), Mustelide und weitere Künstler*innen aus Deutschland, Schweden, der Ukraine, Kanada, Russland und den Niederlanden). Ihr Ziel: Auf die Proteste aufmerksam zu machen und Spenden für Opfer zu sammeln.

Um über alle Künstler*innen zu erzählen, reichen nicht mal zwei 7’er. Die belarusische Protestmusik klingt in dutzenden Hauptstädten von Tokio über Canberra bis nach London und Washington. Mit seinen zahlreichen Verboten von Liedern und Künstler*innen macht der belarussische Diktator die Musik nur noch lauter, populärer und diverser.


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Bild im Titel-Visual: Chikiss

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