GEGEN DEN KRIEG: Die 7 russischen Rapper & Sänger:innen

Der Krieg Russlands gegen Ukraine begann mit der Besetzung der ukrainischen Halbinsel Krym im Jahr 2014. Doch erst die Großinvasion russländischer Truppen in das Nachbarland am 24. Februar 2022 wurde zu dem Ereignis in der (Pop-)Kultur Russlands, die neutrale Stimmen nicht mehr zulässt. Für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens heißt es, sich entweder proaktiv oder passiv auf die Seite Russlands zu stellen oder sich öffentlich zur Ukraine zu bekennen. osTraum hat für euch 7 Musiker:innen aus Russland zusammengefasst, die sich auf die Seite der Ukraine gestellt haben. Was sie dafür genau getan haben und welche Folgen es für sie hatte, findet ihr in unserem Artikel.

Oxxxymiron (*1985, 2008 – heute)

Unter dem Künstlernamen Oxxxymiron tritt Miron Fjodorov seit 2008 auf. Seit Anfang übte der Rapper, der in Russland, Deutschland und Großbritannien aufgewachsen ist, gesellschaftliche und politische Kritik in seinen Texten. Bekannt wurde er aber zunächst und vor allem als Battle Rapper. Von vielen Fans wird er als eine der zentralen Figuren in der Entwicklung dieses Genres in Russland angesehen. Die kritische Komponente seiner Lyrics, die auf einem sprachlich sehr hohem Niveau umgesetzt wird, wurde zum Ende der 2010-er Jahre weniger abstrakt. Spätestens seit 2019 setzt sich der Rapper aktiv für die Liberalisierung Russlands ein und nimmt an politischen Kundgebungen teil, unter anderem unterstützt er Alexei Navalny und weitere russische Aktivist:innen, denen von der Staatsgewalt Scheinverfahren gemacht wurden. Seit Februar 2022 kritisiert er den Krieg Russlands in der Ukraine stark und hat Russland verlassen. Mit Kolleg:innen tourt er gerade durch die EU und sammelt so sechsstellige Spenden für Ukrainer:innen in Not.

Musikalisch sind die Songs von Oxxxymiron meist schlicht gehalten, doch sein Sprechgesang zeichnet sich durch eine Artikulationsschärfe und die hohe Sprechgeschwindigkeit aus. Miron ist ein Oxford-Absolvent im Fach „Englische Literatur des Mittelalters“ und spricht drei Sprachen fließend – Russisch, Englisch und Deutsch.


Zemfira (1976*, 1998 – heute)

Der Rock war und ist in Russland (leider) eine Männerdomäne. Zemfira Ramazanova oder einfach Zemfira ist jedoch eine der Musiker:innen, die das Bild durchbrechen. In weniger als zwei Jahren wurde sie noch vor der Jahrtausendwende zur Stimme ihrer Generation – einer Generation, die noch in der UdSSR Kinder und Teenager gewesen sind, aber in einem postsozialistischen Russland zu jungen Erwachsenen wurden. Bereits Mitte der 2000-er Jahre hat sie das aufstrebende Genre des russischen Pop- und Indie-Rocks mitgeprägt. Trotz ihres Erfolgs spricht die tatarisch-russische Musikerin ungern mit der Presse. Vor allem nach der Veröffentlichung des Musik-Films Grünes Theater in Zemfira (Зелёный театр в Земфире) im Jahr 2008 und dem Versuch der Presse, in Zemfiras Freundschaft mit der Regisseurin Renata Litvinova einzudringen, wurde jeglicher Kontakt mit Journalist:innen unterbunden. Bis heute ist es nahezu unmöglich, ein Interview mit Zemfria zu bekommen.

Die Sängerin hat nach dem Ausbruch des Krieges Russland verlassen. Am 4. März 2022 hat sie auf Ihrem YouTube-Kanal ein Live-Video hochgeladen, in dem sie bereits im Jahr 2008 das Lied „Lass los“ (Вiдпусти) auf Ukrainisch performt. Am 17. März hat sie ein unaufwändig produziertes Video mit einem Lied hochgeladen, in dem die Aussage klar ist:

Schießt nicht, ich bin nur ein schüchterner Schritt,
Nur ein ruhiger Atemzug vor dem Stillstand,
Schaut nicht hin, diese Narben haben nichts mit euch zu tun,
Nicht für eure traurigen Augen, es ist mir peinlich,
Schweigt nicht in dieser losen Stille,
Ich werde sterben, schweigt nicht

Auch sie ist jetzt in der EU und ist unter anderem mit Oxxxymiron und der Legende des Rocks in der UdSSR und Russland Boris Grebenščikov musikalisch aktiv.

Face (*1997, 2015 – heute)

Wie auch Zemfira wurde Ivan Drjomin aka FACE in Ufa geboren – der Hauptstadt Baschkortostans. Als Jugendlicher machte Drjomin eine harte Zeit durch: christlich-fanatische und psychisch kranke Mutter sowie ein Vater, der sich vom Business-Wirrwarr der 1990-er mitreißen ließ. FACE suchte nach seiner Identität und konkreten Lebensentwürfen in Subkulturen – von radikal Rechten über die Gopniks bis hin zum Rap eben. Berühmt wurde der Rapper vor allem mit Soundcloud Rap und viralen Musikvideos, die alle Klischees bedienen – Sexismus, Turbo-Kapitalismus, Alkohol, Partys und Vergötterung von Fashion-Designer:innen. Nach seinem Durchbruch machte der Musiker 2018 aber eine 180°-Wende mit dem Album Mysteriöse Wege (Пути неисповедимы). Die Platte wurde durch und durch politisch und kritisierte Kreml, Putin, russische Wirtschafts-, Innen- und Außenpolitik, die fehlende Säkularisierung und die stärker werdende Verbindung von Staat und russisch-orthodoxer Kirche.

FACE hat Russland verlassen, und ging erst nach Griechenland, dann nach Polen. Zusammen mit ukrainischen und russischen Musikern T-Fest, Nervy, Poshlaya Molly, Makrae und Barz trat er in Warschau auf und sammelte Spenden für die polnische Wohltätigkeitsstiftung Polska Akcja Humanitarna.


Monetochka (*1998, 2016 – heute)

Elizaveta Gyrdymova wurde in der Metropole Jekaterinburg geboren, nur 40 km östlich der sog. Grenze zwischen Europa und Asien im Uralgebirge. Bereits als Teenie schrieb sie Gedichte und teilte sie auf poetischen Foren im Internet. 2015-2016 lud sie selbst produzierte Songs und Videos auf vkontakte und YouTube hoch und wurde binnen weniger Monate unter russischen Musikjournalist:innen bekannt. Ihr self-made Ansatz und ihre sozialkritischen Songs, die jedoch dank der sanften Stimme der Sängerin und Klavierbegleitung auch Kinderlieder sein könnten, machten namhafte Produzenten auf sie aufmerksam, denn Monetochka (de.: kleine Münze) war eine ungewöhnliche Erscheinung in der russischen Pop-Landschaft. Heute hat Monetochka drei Alben, 13 Musikvideos und sie ist ein Star… zumindest in Russland. Statt aber die Karriere in Russland am Leben zu erhalten, entschied sie sich am 24.2.2022 für eine aktive politische Position, verurteilte den Krieg gegen die Ukraine und hat Russland verlassen. Im April 2022 gab sie mit dem russischen Musiker Noize MC eine Reihe von gemeinsamen Charity-Konzerten in der EU zugunsten Ukrainer:innen in Not. Ihre Hits werden leider immer aktueller:

Wohin du auch schaust, wohin du auch spuckst,
Überall ist der Staat,
Die Grauhaarigen tragen Designer-Jeans,
Absurdität, Karikatur,
Der Witz ist, dass das multikulturelle Land
keine Kultur mehr hat.

Noize MC (*1985, 1997 – heute)

Als Jugendlicher in den späten 1990-ern entdeckte Ivan Alekseev die Musik von Nirvana für sich. Doch nicht nur – auch Prodigy gehörten zu seinen Lieblingsmusiker:innen. Diese Vorliebe spiegelt sich in seiner Musik wieder. An der Schwelle zwischen Electro, Pop, Rap und Rock ist Noize MC einer der ersten Musiker:innen in Russland, die sich in hybriden Musikarten probiert haben und damit erfolgreich wurden. Bereits vor der russischen Großoffensive gegen Ukraine gehörte Noize MC zu oppositionellen Musiker:innen in Russland. Nach dem 24.2.2022 entschied er sich vorerst im Exil zu leben und Charity-Konzerte, unter anderem mit Monetochka, zu spielen. Am Brandenburger Tor hat er bereits gespielt. Demnächst stehen Auftritte in Taschkent, Tel Aviv, London und auf Zypern an.

ShortParis (2012 – heute)

Ursprünglich wurde die Band in der sibirischen Industriestadt Novokusnezk gegründet, die musikalische Entfaltung und Bekanntheit kamen aber erst mit dem Umzug der Gründungsmitglieder Nikolaj Komjagin (Gesang), Alexander Ionin (Bass und E-Gitarre) und Pavel Lesnikov (Schlagzeug und Samples) nach St. Petersburg. Die Musiker und Freunde waren vor der Gründung von Shortparis in verschiedenen anderen Bands und Projekten tätig, in denen sie Jazz, Funk, Indie Rock, Folk Rock und Klassische Musik gespielt haben. All die Musikrichtungen spiegeln sich auch in ihren gemeinsamen Songs wieder.

Zwei Wochen nach dem Kriegsausbruch veröffentlichte die Band das Musikvideo zum Lied Jablonnyj Sad (Der Apfelgarten), mit dem sie das sinnlose Sterben von Soldat:innen kritisieren. Als Feature haben sie keinen geringeren als den Koslov Veteranenchor für sich gewinnen können – das Gesangsensemble wurde 1975 gegründet und bestand ursprünglich ausschließlich aus sowjetischen Veteranen des 2. Weltkrieges. Im Video graben die Musiker und die Veteranen ein Massengrab, in dem die Äpfel vergraben werden – eine Metapher, die auf die jungen russischen Soldaten und Wehrdienstleistenden anspielt, die zum Teil entgegen dem russischen Gesetz in diesen Krieg geschickt wurden. Die Lyrics der Band sind auf einem hohen poetischen Niveau, weshalb es wohl für die Staatsgewalt in Russland bis jetzt unmöglich war, gegen die Musiker vorzugehen:

Das große Land ist im Schlaf
Der Abend scheint ewig zu sein
Über der Kathedrale des Kremls
Braut sich ein Gewitter zusammen

Dabei ist es nicht das erste Musikvideo der Band, das auf soziale und politische Missstände in Russland scharf kritisiert. Ihr erstes Video, welches für Furore sorgte, war 2018 das Lied Straschno ([Ich habe] Angst) über die Geiselnahme von Beslan im September 2004, die Stigmatisierung von Menschen aus dem Kaukasus und Zentralasien sowie den russischen Nationalismus. In diesem Listicle sind Shortparis die einzigen, die Russland bis jetzt nicht verlassen haben.

Ic3peak (2013 – heute)

Anastasia Kreslina und Nikolaj Kostylev sind IC3PEAK – der momentan wohl bekannteste Electro Act aus Russland. Dabei ist das Duo von Tag 1 an bekannter im Ausland als in ihrer Heimat. Bereits ein Jahr nach ihrer Gründung performten sie auf Bühnen Europas und 2016 in Übersee. Anfangs waren ihre Kompositionen abstrakt-avantgardistisch gehalten – musikalisch und dichterisch – und erinnerten an die Lieder des Londoner Duos Crim3s. 2017 veränderte sich der Sound von Ic3peak stark und es kamen die Tracks Grustnaja Suka (Sad Bitch) und Smerti Bol’sche Net (Es gibt keinen Tod mehr):

Der Sound wird rauer, die Lyrics werden politisch. Ic3peak kritisieren die Korruption im russischen Staatsapparat, die umweltunfreundliche Monetarisierung fossiler Energiequellen, Sexismus, Militarismus, die Respektlosigkeit gegenüber eigener Bevölkerung und vieles weitere. In ihrem aktuellen Video thematisieren sie die exzessive Polizeigewalt und die immer stärker eingeschränkte Meinungsfreiheit:

Seit 2018 haben Ic3peak stets staatliche Sanktionen zu spüren bekommen. Ihre Konzerte wurden seitens der Staatsgewalt in Uniform und in Zivil sabotiert, die Betreiber der Konzerthallen eingeschüchtert, Konzertbesucher:innen nicht in die Hallen gelassen. Ic3peak haben kurz nach dem Kriegsausbruch Russland verlassen und spielen demnächst in Spanien, Deutschland, Bulgarien, der Tschechischen Republik, Frankreich, Belgien und Großbritannien:

Das Besondere an Ic3peak ist, dass sie von Anfang an als unabhängige Künstler:innen gearbeitet haben – kein Management, kein Label, keine Investitionen, keine Verträge. Sie machen alles selbst und sehen sich weniger als Musiker:innen. Ihre Werke bezeichnen sie als audiovisuellen Terrorismus.


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Titelfoto © Wikimedia

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