Die 7 Berliner Hotspots sozialistischer Architektur

Nach verschiedenen Rechnungen wurden im Zweiten Weltkrieg bis zu 60 % Berliner Innenstadt zerstört. Wie aus dem Boden sind neue Bauten gewachsen. Es musste viel Wohnraum her. Besonders auf der östlichen Seite der Berliner Mauer sind Gebäude entstanden, die so auch in Warschau, Bukarest oder Moskau anzutreffen sind. Die Architektur sozialistischer Zeit lässt sich aber nicht unter dem Begriff „Plattenbau“ zusammenfassen. osTraum hat für euch 7 Orte in Berlin ausgewählt, die die Vielfalt der sozialistischen Architektur zeigen. Selbstverständlich ist es nicht alles, was in Berlin und auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu finden ist. Am Ende des Artikels findet ihr weitere Empfehlungen für Berlin.

Bevor es unmittelbar mit den Hotspots losgeht, müssen wir die Frage beantworten, wie es dazu kam, dass Berlin zum osTraum gehört? Mit dem Überfall auf Polen 1939, dem Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt1 und der anschließenden Aufteilung Polens unter Deutschland und der Sowjetunion begann der Zweite Weltkrieg. Insgesamt wurden bis 1945 rund 70 Millionen Menschen getötet oder sie starben an direkten Folgen des Krieges. Es waren unter andrem etwa 24 Mio. Bürger*innen der Sowjetunion, ca. 20 Mio. chinesische Staatsangehörige und um die 7,7 Mio. Deutsche. Von deutschen Nationalsozialist*innen und ihren Unterstützer*innen wurden im Holocaust mind. 6 Mio. Jud*innen systematisch ermordet (Quelle). Am Ende des Krieges fanden viele Kämpfe in Deutschland statt. Nach dem Ende des Krieges führten diverse Ereignisse dazu, dass 1949 unter sowjetischer Führung die DDR entstanden ist, die ab diesem Zeitpunkt zum sogenannten „Ostblock“ gehört hat. Von Berlin bis nach Wladiwostok wurden viele ähnliche Gebäudetypen konstruiert und realisiert. „Ähnlich“ ist hier entscheidend, denn absolut gleich waren sie dann doch nicht.

7. Spittelmarkt und Leipziger Straße (Mitte)

Der 1,5 km lange Abschnitt zwischen dem Spittelmarkt und dem Bundesrat ist voller architektonischer Highlights. Von der großen Coca-Cola-Leuchtwerbung auf dem Dach eines Wohnhauses aus der DDR-Zeit direkt am Spittelmarkt geht es die Leipziger Straße entlang Richtung Potsdamer Platz. Mehrere Hochhäuser auf der linken Seite der Straße ziehen dabei die volle Aufmerksamkeit auf sich. Nach der großen Kreuzung mit der Friedrichstraße ist dann das brutalistisch-kosmische Gebäude der Tschechischen Botschaft und das braune Glasgebäude der Bulgarischen Botschaft zu finden.

6. Alexanderplatz und Umgebung (Mitte)

Am Alexanderplatz gibt es nichts mehr, was an den angeblichen Namensgeber – den russischen Zaren Alexander I. Pawlowitsch Romanow – erinnern würde. Nach dem 2. Weltkrieg wurden der Platz und seine Umgebung komplett neu konzipiert und gebaut. Auch hier sind zahlreiche Höhepunkte der sozialistischen Architektur zu finden – das ehemalige Haus der Statistik, das lange Zeit verlassen stand und seit 2020 kernsaniert wird, der Fernsehturm, der nach gleichen Plänen gebaut wurde, wie der Moskauer Fernsehturm Ostankino, die Weltzeituhr mit vordergründig Städten aus dem ehemaligen sozialistischen Block, sowie auch der Anfang der Karl-Marx-Allee gleich nach dem Haus der Statistik mit seinem Kino International und Café Moskau. Die Mutter von Alexander I. war übrigens Sophie Dorothee Auguste Luise Prinzessin von Württemberg. Dementsprechend war er Cousin von Friedrich Wilhelm III. – dem König von Preußen.

5. Karl-Marx-Allee (Mitte & Friedrichshain)

Vom Kino International bis zum U-Bahnhof Samariterstraße erstreckt sich ein fast 3 km langes Ensemble von diversen Gebäudetypen. Die Reise beginnt mit gepflegten Plattenbauten, die auf ihren Dächern immer noch Leuchtwerbung aus der DDR-Zeit haben – die tschechoslowakische und bulgarische Automobilindustrie wird beworben. Darauf folgen neoklassizistische Häuser, die als eine Retrospektive an den antiken Imperien angelehnt sein sollten. Der Baustil ist charakteristisch für die Regierungszeit Stalins. Die sozialistischen Hauptstädte sollten in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg zu Hauptstädten eines Imperiums werden. Bis zum Tod Stalins hieß die Frankfurter Allee (Osthälfte der Karl-Marx-Allee) auch dementsprechend – Stalin Allee – und hatte sogar ein eigenes Stalin-Denkmal. Ähnliche Bauten finden sich in Moskau, Vilnius, Warschau und vielen weiteren europäischen Städten. Die Karl-Marx-Allee diente vor kurzem als Kulisse für die Netflix-Serie The Queen’s Gambit. In der Serie wurde aber hier nicht Berlin, sondern das sowjetische Moskau dargestellt.

4. Platz der Vereinten Nationen (Friedrichshain)

Berlin hatte neben der Stalin Allee auch einen Lenin Platz. Heute trägt der Platz den Namen Platz der Vereinten Nationen. Gleich an das Hochhaus in der Mitte des Platzes, auf dem kein Lenin Denkmal mehr steht, ist der Volkspark Friedrichshain angeschlossen. In dem Park lassen sich ebenfalls einige Denkmäler und Statuen sowie einige Cafés aus der DDR-Zeit finden. Um das Hochhaus wurden mehrere schlangenartige Plattenbauten errichtet, die heute nicht mehr grau-braun, sondern bunt sind.

3. Springpfuhl (Marzahn)

Berliner Bezirk Marzahn wird wohl einigen bekannt sein. Der Grundstein des modernen Bezirks wurde in den 1970er Jahren am Springpfuhl gelegt. Springpfuhl ist ein Bezirk im Bezirk, denn es sollte den Anwohner*innen an nichts fehlen. Alles ist innerhalb von fünf Minuten Fußweg zu erreichen – Kindergarten, Schule, Ärzte, Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und die S-Bahn – ein Prinzip, das für viele Neubaubezirke im gesamten osTraums galt. Einen kleinen Park mit einem Teich gibt es hier auch. Das Kino Sojus ist aber seit mehreren Jahren außer Betrieb und verfällt zunehmend.

2. Ernst-Thälmann-Park & Umgebung (Prenzlauer Berg)

Mit dem Berliner Bezirk Prenzlauer Berg wird zumeist nicht der Ernst-Thälmann-Park assoziiert. Wie am Springpfuhl galt hier auch – alles sollte zu Fuß erreichbar sein. Zusätzlich dazu kam ein großes Ernst-Thälmann-Denkmal, das heute eine beliebte Graffiti-Unterlage ist, denn bei Nacht ist es hier im Park ziemlich dunkel und Sprayer*innen können sich ungestört kreativ betätigen. Ernst Thälmann selbst sieht dabei Lenin zum Verwechseln ähnlich. Im Park gibt es auch eine Schwimmhalle, eine Schule und mehrere Kindergärten. Im ehemaligen DDR-Eis-Café ist heute die härteste Metal Bar Berlins – das Blackland.

1. Das Stasi Museum (Lichtenberg)

Eins der wichtigsten Standorte des Ministeriums für die Staatssicherheit der DDR befand sich genau hier. Das Außengelände ist heute 24/7 für Besucher*innen offen. Eine Ausstellung im Innenhof zeigt die Geschichte der DDR und der Stasi. Auch im Inneren des Gebäudekomplexes werden Führungen angeboten, wenn nicht gerade eine COVID-19-Pandemie ist. Das Gelände besteht hauptsächlich aus Plattenbauten, die vor allem als Büros dienten, lediglich gab es hier auch Abschnitte, die für Inhaftierungen, Befragungen und Folter von Zivilist*innen benutzt wurden. Die Zellen können heute besichtigt werden. Auch eins der Standorte des Stasi-Unterlagen-Archivs befinden sich heute hier.


Die 7 Berliner Hotspots für sozialistische Architektur zeigen nicht die ganze Vielfalt der DDR-Architektur. Weitere Orte, die es in die Liste nicht geschafft haben, osTraum sie aber trotzdem empfehlen kann, sind Neu-Hohenschönhausen, Ahrensfelde, Allee der Kosmonauten, Hellersdorf, Kaulsdorf-Nord, Anton Saefkow Platz, das historische Zentrum Marzahns, Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen sowie das Planetarium Ernst-Thälmann-Park.


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Alle Fotos © Pljonka & osTraum


1 Das Thema des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakts bzw. des Molotow-Ribbentrop-Pakts bzw. Hitler-Stalin-Pakts ist heute vor allem in Russland ein politisch aufgeladenes Thema. In Russland wird meistens vom Vaterländischen Krieg gesprochen, der 1941 begann. Die Zeit zwischen 1939 und 1941 und die Handlungen der Sowjetunion in dieser Zeit sind ein sehr umstrittenes Thema in russischer Politik, Wissenschaft und oft auch Gesellschaft. Jegliche Vergleiche des Nationalsozialistischen Deutschlands und der UdSSR als zwei durchaus ähnliche Diktaturen können in Diskussionen provokativ wirken.

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