Special 2021: Die DDR lag im OsTraum

In dem Verständnis unserer Redaktion ist osTraum ein Riesengebiet – gesellschaftlich, historisch, emotional und kulturell. Dabei hat osTraum eigentlich keine klaren geografischen Grenzen. Es fängt wohl irgendwo an der russisch-japanischen Grenze an und endet irgendwo in Frankfurt an der Oder. Doch selbst diese zwei (Un-)Grenzen lassen sich unschwer verschieben, z.B. durch die in Japan populären russischen Street-Wear-Brands, wie Sputnik 1985 und Volchok, ODER den deutsch-polnisch-tschechischen Austausch auf allen Ebenen entlang der bundesdeutschen Grenze, was sich z.B. auch in der Architektur zeigt. Vor allem die Plattenbauten sind ein markantes Merkmal der urbanen Landschaft auf dem post-sozialistischen Raum, zu dem auch die ehemaligen Gebiete der DDR gehören. Der Gebäudetyp wird heute stark mit dem osTraum assoziiert. Eigentlich Tafel- und nicht Plattenbauten sind jedoch eine Erfindung, die ursprünglich auf den Dessauer Bauhaus bzw. im allgemeinen auf den internationalen Modernismus zurückgeht und etwa Ende der 1940-er/Mitte 1950-er Jahre aus Großbritannien, Frankreich und der DDR in den sozialistischen Raum importiert wurde.

Geografie: Wo liegt der Osten?

Abgesehen von der Architektur wirft auch die Geografie Fragen auf. Prag liegt fast 200 km westlicher als Wien, aber Österreich zählt dabei zum „Westen“ und die Tschechische Republik fälschlicher Weise zum „Osten“: Warum? Auch Szczecin liegt westlicher als Graz und Karlovy Lázně liegen westlicher als Chemnitz. Ein bemerkenswerter Umstand ist auch, dass die wörtliche Teilung in Ost und West über 40 Jahre ausgerechnet in Berlin umgesetzt wurde und die Stadt der ständigen Gefahr ausgesetzt war, dass auf ihrem Boden der neue „heiße“ Weltkrieg beginnt.

Pan-Slawismus und osTraum

Mit dem osTraum werden auch oft slawische Kulturen assoziiert. Der nicht existierende Pan-Slawismus wird heute auch von solchen Meme-Seiten wie Slavorum aufgegriffen, wo dann der Tsar aller Slawen Putin neben der serbischen Baka aka Babuschka nach der Weltmacht greift. Die Webseite hat übrigens keinen Impressum, benutzt dabei den Slogan „exploring Slavic world“ (de.: Entdecke die slawische Welt), wobei aber der Russlandzentrismus der Seite auffällig ist. Dazu kommt die gelegentliche Hinzuzählung Rumäniens, Ungarns und Albaniens zum Universum „Slavorum“ sowie die Nähe zu regierungsnahen Troll-Fabriken in Russland (aka Russian web brigades aka Kremlin trolls), die unter anderem Trump 2017 zum Sieg verholfen haben sollen. Gehen wir aber zurück auf den Boden der Tatsachen. Bis in das 12. Jahrhundert hinein lebten auf dem Gebiet, das heute Deutschland ist, zahlreiche slawische Stämme, die in germanischen Stämmen aufgegangen sind. Auf heutige Bundesländer übertragen, würde es vor allem Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen betreffen. Auch den letzten aktiven slawischen heidnischen Tempel gab es weder in Russland, noch auf dem Balkan, sondern auf Rügen bzw. Kap Arkona bis in die 1160-er Jahre. Auch heute leben in Deutschland etwa 60 000 Slaw*innen, die immer schon hier waren – in Brandenburg leben vor allem Nieder- und in Sachsen die Obersorb*innen.

Die Spuren der DDR

Was aber speziell das Russische und die Sowjetunion betrifft, so hat die DDR-Zeit sehr markante Spuren hinterlassen, die bis heute zu sehen sind. Es ist Treptower Park mit dem Sowjetischen Denkmalsareal, das konzeptuell an das Mutter-Heimat-Denkmal in Wolgograd bzw. Stalingrad erinnern soll. Es sind auch die verlassenen sowjetischen Kasernen, die ein Magnet für Urban Explorer*innen geworden sind. Auch die Sprachkenntnisse des Russischen, die den Schüler*innen oft aufgezwungen wurden. Der Verdauungstrakt der Menschen in der DDR hat mit Soljanka, Pelmeni und Wodka auch etwas abbekommen. Aber auch im Kontext von hoher Kunst spielten Figuren, wie der Regisseur Konrad Wolf und der Autor Bertolt Brecht, Schlüsselrollen in dem Austausch zwischen sozialistischen „Brüderstaaten“. Ganz abgesehen davon, dass Vladimir Putin ein Stasi-Agent war und das ganz offiziell.

Dieser Text ist kein Artikel, der beweisen soll, dass die DDR zum osTraum gehörte und ihre ehemaligen Gebiete heute immer noch viele Eigenschaften dieses diversen Kulturraums aufweisen. Dieser Text ist überhaupt kein Artikel. Dieser Text ist ein Einschnitt in den osTraum – ein Impuls der Geisteskraft – eine Überlegung über die Gültigkeit von Grenzen – eine offene Tür in einen (fast) vergessenen kulturellen Raum – eine Bedarfsanzeige der Aufarbeitung einer ganzen Epoche – eine Ankündigung des kommenden Specials 2021.

Im Laufe dieses Jahres wird die osTraum-Redaktion mindestens 12 Beiträge und noch mehr Fotos über die DDR veröffentlichen. Sie werden sich, wie auch all unsere Artikel, mit der Kultur in ihren verschiedenen Facetten befassen – Architektur, Musik, Reisen, Literatur, Film und vieles mehr. Seid also gespannt. Wir sind bereits am Werk.

Selbstverständlich erscheinen weiterhin auch Artikel zu unseren gewohnten Kulturräumen.

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Titelfoto © Maria Gerasimova (pljonka) für osTraum

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