Tinatin Gurgenidze: Eastern Blocks oder das neue Leben des Plattenbaus

Ist die Platte marginal? Ist sie grau, kalt und unfreundlich? Besonders im sogenannten „Osten“ Europas? Den Plattenbau kennen alle von uns. Diesen Gebäudetyp gibt es auch reichlich in Berlin oder Dresden, in der Goldenen Hauptstadt Mitteleuropas Prag oder in der nördlichen Hauptstadt Russlands St.-Petersburg. Der Plattenbau ist aber eigentlich eine westliche Erfindung… Bevor aber der Elfenbeinturm der Architekturgeschichte zu hoch wird, soll ein ganz konkretes Projekt um den Plattenbau und andere Bauten der (post-)sozialistischen Epoche vorgestellt werden. Das >>Post-<<Sozialistische ist hier ganz bewusst gewählt, denn Act | UP – eine Initiative der Dekabristen e.V. – betrachtet den Plattenbau und seine architektonischen Geschwister im heutigen Kontext.

Act | UP heißt „Activating Urban Perifery in Eastern Europe“ und beschäftigt sich mit den Plattenbau-Siedlungen in fünf Ländern – Ukraine, Russland, Georgien, Belarus und Deutschland. Tinatin Gurgenidze ist eine der Ideengeber*innen und Leiterin des Projekts. Die Initiative beinhaltet unter anderem den Fotowettbewerb „Eastern Blocks„, dessen Ergebnisse bzw. Sieger*innen-Bilder in einer Online-Ausstellung und in einer Offline-Ausstellung (bis zum 23.1.2021) im Berliner Haus der Statistik präsentiert werden. Mehr über das neue Leben von Plattenbauten, Musik und Berlin in unserem Interview.

osTraum: Wir haben über dich recherchiert.

Tinatin: Aha!:)

osTraum: Du schreibst ja deine Doktorarbeit über den Plattenbau in Georgien – in Gldani, um genau zu sein. Wie kommt das?

Tinatin: Ursprünglich komme ich ja aus Georgien, aus Tiflis. Mein akademischer Hintergrund ist Architektur und Städtebau und ich promoviere über eine Plattenbau-Siedlung in Tiflis, die Gldani heißt. Gldani habe ich zufällig ausgewählt. Es funktioniert wie eine kleine Stadt. Es ist eine sehr große Siedlung und sie ist aus urbanistischer Sicht sehr spannend. Ich bin auch eine der Mitbegründer*innen von „Tbilisi Architecture Biennial“ – es ist ein urbanes Architektur-Festival, das alle zwei Jahre stattfindet.

osTraum: Das erinnert mich irgendwie an Halle-Neustadt. Es war ja in der DDR als ein Neubaubezirk gedacht, der die Altstadt von Halle ersetzen und den Weg in die kommunistische Zukunft weisen sollte. Heute ist es zu einem großen Teil verlassen und ganze Wohnblöcke stehen mit zugenagelten Fenstern und Türen da. Ist es so ähnlich mit Gldani?

Tinatin: Ja, Halle-Neustadt ist so voll geschrumpft. Gldani ist das Gegenteil. Das wurde ursprünglich für 145 000 Einwohner*innen geplant. Heute gibt’s keine so genauen Daten, wie viele Menschen dort leben, es wird aber auf 170 000 geschätzt. Es hat sich seit der Unabhängigkeit Georgiens sehr verändert.

Die Familien sind gewachsen. Mehrere Generationen leben in einer Wohnung. Es gibt oft nicht genug Wohnraum für alle bzw. kann man sich keinen neuen Wohnraum nicht leisten, vor allem jüngere Familien. Deswegen wächst die Bevölkerung, ohne dass neue Häuser gebaut werden – eine horizontale Erweiterung von Wohnungen sozusagen.

Highlights eines Workshops von Act|Up über den Plattenbau in Deutschland

osTraum: Der Eastern Blocks Foto-Wettbewerb: Wie lief es? Wie viele Einsendungen habt ihr bekommen? Wie wurden die Gewinner*innen gewählt?

Tinatin: Ich kann mich jetzt nicht genau erinnern, aber es waren so über 400 Einsendungen mit insgesamt über 1000 Fotos. Einige haben ein Foto geschickt, einige haben sich mit Foto-Serien beworben. Es stand frei zur Auswahl. Wir waren fünf Jury-Mitglieder. Jede*r hat alle Fotos unabhängig für sich selbst bewertet und dann haben wir die Bewertungen zusammengelegt. Dann haben wir über das Ergebnis diskutiert und unsere Entscheidungen getroffen.

osTraum: Und?

Tinatin: Es gab einen ersten Platz, der mit 500 € dotiert wurde, und einen zweiten Platz mit 200 €. So haben wir es auch am Anfang angekündigt. Der Gewinner wurde Arsenij Kotov.

osTraum: Das ist doch Northern Friend – so heißt sein Account auf Instagram. Er ist ein reisender Fotograf aus Samara. Er legt auch einen großen Wert darauf, die post-sozialistischen Städte mit Objektiven aus sozialistischer Herstellung abzulichten – im wörtlichen Sinne die sozialistische Stadt durch ein sozialistisches Prisma. Ich habe ihn auf einem Spaziergang durch Berlin begleitet. Warum er? Wie hat er reagiert?

Tinatin: Ja, genau, das ist er. Ganz einfach – er hat die meisten Punkte bekommen. Er hat sich sehr gefreut. ich glaube, er meinte, er kauft sich eine neue Kamera. Wir werden seine Fotos und Einreichungen anderer Fotograf*innen später in einem Buch irgendwann 2021 publizieren.

Die Siedlungen dürfen aber nicht so schwarzmalerisch als ein Trauma verstanden werden […] Das sind keine Ghettos. Anfangs hatten sie vielleicht etwas von Geister-Städten, aber die sind sehr grün geworden und zu lebendigen Stadtteilen gewachsen.

2. Platz des Estern Blocks Foto-Wettbewerbs: Jan Chudozilov, „9th district, Rustavi“ (Georgien)

osTraum: Die Plattenbausiedlungen sind in der letzten sehr oft in Musikvideos anzutreffen. Vor allem sind es Rapper*innen, aber auch Post Punks, z.B. Molchat Doma aus Belarus, Хаски (Husky) aus Russland oder Olexesh aus Deutschland. Glorifizieren sie diese Architektur oder was sollen die Zuschauer*innen darunter verstehen. Das Video „iuda“ von Хаски wurde übrigens in Georgien gedreht und ist in Russland verboten, weil es Gewalt verherrlichen und Terrorismus rechtfertigen soll. Naja… Zurück zu unserer Frage: Warum also benutzen die Musiker*innen den Plattenbau in ihrer Bildsprache?

Tinatin: Das ist ja spannend. Warum kannte ich diese Videos nicht? Um auf deine Frage zu kommen – das muss so ein Plattenbau-Trauma sein, wenn wir es zumindest aus westlicher Sicht betrachten. Anderseits kann das nicht so pauschal beantwortet werden. Diese Siedlungen wurden standardisiert geplant und produziert. Das war eine Massenproduktion von Wohnsiedlungen in der ganzen Sowjetunion bzw. nicht nur in der Sowjetunion, sondern im ganzen Ost-Block. Aber auch in westlichen Ländern gab es eine ähnliche Nachkriegs-Architektur im Wohnungsbau.

Die Siedlungen dürfen aber nicht so schwarzmalerisch als ein Trauma verstanden werden. Wenn ich von Tiflis spreche, wo ich die meisten Plattenbau-Siedlungen kenne, dann ist es überhaupt nicht so. Das sind keine Ghettos. Anfangs hatten sie vielleicht etwas von Geister-Städten, aber die sind sehr grün geworden und zu lebendigen Stadtteilen gewachsen.

Natürlich gibt es auch viele negative Aspekte. Die Wohnungen waren sehr klein, die Decken ziemlich niedrig, die Nachbarn ganz gut zu hören und so weiter, aber die haben ganz vielen Familien ermöglicht, ein Zuhause zu haben. Dieses Programm des Wohnungsbaus kann kritisiert werden, aber das hat ganz konkrete Ziele erfüllt, nämlich ganz viel Wohnraum in kürzester Zeit zu schaffen. Wie man heutzutage in Tiflis baut – das sollte auf jeden Fall kritisiert werden. Es ist eine Katastrophe. Da werden Blöcke einfach in die Stadt reingesetzt, ganz ohne Planung. Die Plattenbau-Siedlungen sind dagegen einfach viel-viel besser. Sie hatten eine ausführliche Planung. Es wurde richtig erforscht, wie Wohnungen und die Häuser am praktischsten angelegt werden. Heute werden in Tiflis Wohnblöcke gebaut, einfach um Geld zu machen. Es werden sehr schlechte Baumaterialien verwendet. Über andere Länder kann ich nicht viel sagen, aber über Georgien auf jeden Fall.

osTraum: Du hast ja schon einiges über Georgien erzählt. Welche georgische Musik würdest du unseren Leser*innen empfehlen?

Tinatin: Hm… mal schauen. Also, es gibt so eine neue Bewegungen, die Kunst und Rap verbindet oder so. Das nennt sich Psychodelic Rap, glaube ich. Da gibt es eine Band, die so etwas ähnliches macht – die heißen KayaKata und dann gibt es noch Creams, sie macht aber eine andere Musik. Einer noch – der ist zwar schon alt, aber als Jugendliche habe ich ihn sehr gerne gehört – Nikakoi heißt er. Alle drei Musiker*innen sind sehr unterschiedlich, aber umso besser ist es.

osTraum: Kannst du uns ein gutes georgisches Restaurant in Berlin empfehlen?

Tinatin: Georgisch gehe ich selten im Restaurant essen. Aber ich kann einen Ort im Prenzlauer Berg empfehlen: „Blauer Fuchs“. Da gibt es authentische georgische Küche.

osTraum: Was sind für dich Dekabristen? Was verbindest du mit dem Namen?

Tinatin: Der Name ist schwierig, aber im positiven Sinne provokativ. Zuerst war ich skeptisch, bevor ich wusste, wer Dekabristen überhaupt gewesen sind. Ansonsten verbinde ich den Namen auf jeden Fall mit Revolution oder ähnlichen Erscheinungen. Also, Revolution auch im positiven Sinne irgendwie.


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Titelfoto © Arseniy Kotov, „Man and the portal“ (Yaroslavl)

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