Der Kampf um die sozialistische Moderne: Die B.A.C.U. Initiative im Interview

Die Überbleibsel der vergangenen Epoche, welche aus der Welt verschwinden sollen. Oder sind es einzigartige Kulturdenkmäler, die verewigt werden müssen? Für die B.A.C.U. Initiative aus Bukarest ist der Erhalt der Architektur und der Kunst der sozialistischen Moderne eine Herzensangelegenheit. osTraum fragte den Mitbegründer der Initiative, den Architekten Dumitru Rusu über die Mission des „Socialist Modernism“ Projektes aus.

osTraum: Der Fokus von Socialist Modernism liegt auf dem Ostblock. Würdest du sagen, dass es konkrete Länder gibt, die für das Projekt am relevantesten sind?

Dumitru: The Socialist Modernism Project ist auf der Architektur und der Kunst fokussiert, die in der Zeit der sozialistischen Moderne (1955-1991) entstanden sind. Unser Hauptziel ist es, die Bauten aufleben zu lassen und sie für die Nachwelt zu dokumentieren und zu bewahren. Wir haben mit Rumänien und Moldawien angefangen, weil unser Team hier arbeitet. Doch wir sammeln auch Information und recherchieren über andere Länder des ehemaligen Ostblocks.

Rumänien © B.A.C.U. / Socialist Modernism

Sozialistische Moderne in Architektur und Kunst: Von Rumänien hin zu Nordkorea

osTraum: Euer Projekt ist in zwei Abschnitte geteilt – Forschung und Aktion. Kannst du uns etwas mehr über die Struktur des Projekts erzählen?

Dumitru: Die Erforschung, der Schutz sowie die Überwachung der Erhaltungsmaßnahmen für Architektur und Kunst, die zwischen 1955 und 1991 entstanden sind, – das sind unsere Aktivitäten, die wir auch im Geiste der sozialistischen Moderne umzusetzen versuchen. Ein weiteres Ziel ist die Identifizierung und die Bestandsaufnahme dieser Objekte, die wir in der Historic Monument List zusammenfassen. Wir bemühen uns, für die herausragendsten Bauten den Status von Denkmälern zu bekommen. Wir haben viele Gleichgesinnte und Kolleg*innen in der ganzen Welt, die uns dabei unterstützen.

osTraum: Wie ist das Team des Socialist Modernism Projektes organisiert und wie macht ihr die Expeditionen zu den Orten?

Dumitru: The Socialist Modernism Project besteht aus dem B.A.C.U.-Team. Wir sind Architekt*innen, Stadtplanner*innen, Künstler*innen, Historiker*innen, Rechtsanwält*innen und Landvermesser*innen. Wir sind insgesamt zehn aktive Teilnehmer*innen und dutzende von Unterstützer*innen. Die Expeditionen verlaufen Schritt für Schritt, weil wir natürlich eine riesige Fläche abzudecken haben. Allerdings ist der Großteil der Regionen bereits erforscht, denn unsere Arbeit startete 2012.

Architekt Dumitru Rusu

osTraum: Gibt es irgendwelche Länder, die ihr gern in das B.A.C.U. Projekt miteinbeziehen würdet, aber aus denen es echt schwierig sei, gutes Material zu bekommen? Zum Beispiel Vietnam oder Nordkorea? Oder gibt es andere Gründe, warum die Architektur dieser Länder kein Teil eures Projekts ist?

Dumitru: Ja, es gibt einige interessante Beispiele der vietnamesischen oder nordkoreanischen sozialistischen Moderne. Auch wenn sie noch nicht auf unserer Karte sind, sind sie ein Teil des B.A.C.U. Archivs. Sie wurden von unseren Unterstützer*innen im Rahmen der #SocialistModernism Online-Plattform gefunden, werden bald bearbeitet und in die Karte auf socialistmodernism.com aufgenommen. Hiermit laden wir alle ein, die am Erbe der sozialistischen Moderne interessiert sind, zu unserem Archiv mit Informationen, Fotos oder Videos aus ihren Regionen oder Orten, die sie besucht haben, beizutragen.

Post-Sozialistisches Erbe: Geschichte oder Trauma?

osTraum: Die Baltischen Staaten, insbesondere Estland, sind aus der westlichen Perspektive ein gutes Beispiel dafür, wie aus dem postsozialistischen Land ein moderner europäischer Staat wird. Manchmal definieren die Baltischen Staaten sich selbst als „Sub-Scandinavia“. Ist das aus deiner Sicht ein guter Name für diese Region? Oder meinst du, dass die baltischen Länder aufgrund ihrer gemeinsamen sozialistischen Vergangenheit eher zu Osteuropa dazugehören?

Dumitru: Jedes Land kann seinen Weg der Weiterentwicklung durch die Regierung und das Volk selbst bestimmen. Demzufolge soll die Bezeichnung der Region nicht das Thema sein. Nichtsdestotrotz, glaube ich, dass das Bauerbe der sozialistischen Ära (sozialistische Architektur und Architektur der sozialistischen Moderne) nicht ignoriert werden soll. Sein Erhalt würde in die Erinnerung zurückrufen, was während des politischen Regimes passierte und welchen ideologischen Abdruck diese Geschehnisse auf Zentral- und Osteuropa hinterlassen haben.

Georgien © B.A.C.U. / Socialist Modernism

osTraum: Kannst du dich an die sozialistische Zeit in Rumänien zurückerinnern? Wie ist der Übergang zur Demokratie aus der Kulturperspektive abgelaufen? In der DDR bekamen die jungen Menschen zum Beispiel Zugriff auf die westliche Musik, Magazine etc., die Kultur ist mehr „westlich“ und „amerikanisch“ geworden.

Dumitru: Ja, es gab viele Veränderungen, insbesondere im Kontext des Bauerbes. In dieser Hinsicht war die Demokratie falsch verstanden. Die aggressive Werbung, provisorische Gebäude, eingeglaste Balkone – das alles ist zu dauerhaften Einrichtungen geworden und bleibt bis heute bestehen. Und das beeinflusst natürlich alle Gebäude, nicht nur diejenigen, die zur sozialistischen Moderne gehören. Unsere Initiative versucht daher eine gewisse Disziplin im Management der Baulandschaft in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

osTraum: Die 1990er waren eine verrückte Zeit für die meisten post-sozialistischen Länder. Was würdest du über diese Zeit in Rumänien sagen? Kannst du diese Zeitperiode als ein post-sozialistisches Trauma bezeichnen?

Dumitru: Die Gesellschaft war zu der Zeit noch nicht bereit, die Überbleibsel der Vergangenheit zu akzeptieren. Es war wirklich schwierig, die Leute dazu zu bewegen, dass sie das sozialistische Bauerbe als Teil des kulturellen Bauerbes verstehen. Sogar heute können die Denkmäler der sozialistischen Moderne, die in der Liste der Kulturdenkmäler sind, mit einer Hand abgezählt werden.

2010 haben zwei Gebäude der sozialistischen Moderne es geschafft, in die Liste der historischen Kulturdenkmäler Rumäniens aufgenommen zu werden. In der Republik Moldau wurde das erste Gebäude – der Staatszirkus – in die Liste erst dieses Jahr aufgenommen. Und das ist vor allem das Ergebnis der anhaltenden Bemühungen der B.A.C.U. gewesen und passierte nur deswegen, weil es für bestimmte Leute passend war, das europäische Geld zu bekommen. Die Klassifizierungsakte war 2016 angereicht und ist seitdem im Ministerium liegen geblieben.

Die 1990er waren mit negativen Gefühlen einer Revanche gefüllt, die sich im Laufe der Zeit durch den Abriss und die Zerstörung der sozialistischen Gebäude und Kunst materialisierte. Die zerstörten Gebäude, Mosaiken, verlorenen Bildteppiche, abgerissenen Denkmäler verschwanden oder wurde als Metallschrott verkauft.

Dafür gibt es eine Menge Beispiele in Rumänien und der Republik Moldau, aber auch in Deutschland. Der berüchtigte Fall des Palastes der Republik, das heute durch das rekonstruierte Schloss des 16.-17. Jahrhunderts ersetzt wird. Oder das Lenin-Denkmal, das zerstückelt und dessen Kopf im Wald begraben wurde. Vor kurzem wurde der Kopf der Statue in ein Berliner Museum zurückgebracht. Die unbequeme Vergangenheit aus der Geschichte der ehemaligen sozialistischen Länder zu beseitigen, kann nur denen von Vorteil sein, die ihre eigenen Spuren verdecken möchten.

Republik Moldau © B.A.C.U. / Socialist Modernism

Community Power und #SocialistModernism

osTraum: Auf welche Reaktionen hat das Projekt bis jetzt gestoßen? Helfen die sozialen Medien, mehr Aufmerksamkeit für das Projekt zu gewinnen und wie können die Menschen euch helfen?

Dumitru: Die Online-Umgebung ist natürlich ein effizientes Mittel, um die Initiative zur Erhaltung des kulturellen Erbes innerhalb kurzer Zeit zu promoten. Mit den schriftlichen und visuellen Online-Materialien ist es sehr einfach, sich mit denjenigen zu vernetzen, die durch Architektur die Geschichte dieser Zeit lernen wollen.

Unsere Plattformen rufen zu gemeinsamen Handlungen und zur Zusammenarbeit auf. Wir laden alle, die Interesse am Kulturerbe der sozialistischen Moderne haben, dazu ein, durch Texte, Fotos und Videos ihren eigenen Beitrag zu leisten. Durch die Verwendung des Hashtags #SocialistModernism werden alle Beteiligten Teil unseres Socialist Modernism Projektes. Die interessantesten oder am wenigsten bekannten Beispiele, die uns durch dieses umfangreiche Archiv erreichen, werden ebenso in unsere Forschungsdatenbank aufgenommen.

Die B.A.C.U. Vereinigung lädt somit Architekt*innen, Städteplaner*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen, Geschichtswissenschaftler*innen und alle Interessierten ein, sich an unserem Projekt zu beteiligen und dem Wachstum der Plattformen beizuhelfen. Schickt uns jede Information über Nachbarschaften, Gebäude, Denkmäler, Parks oder andere relevante Architekturelemente – bitte nicht vergessen, den Standort miteinzugeben, – oder postet sie auf euren privaten Facebook-, Tumblr-, Instagram-, Twitter- und sonstigen Social-Media-Seiten unter dem Hashtag #SocialistModernism.

Alle gesammelten Informationen werden auf unserer Website veröffentlicht und in unsere interaktive Karte unter dem Namen des*der Autor*in aufgenommen.

osTraum: Kennst du ähnliche Initiativen wie „Socialist Modernism“? Und wenn ja, wie vernetzt seid ihr?

Dumitru: Es gibt keine anderen Initiativen, welche die meisten post-sozialistischen Länder abdecken, außer denen, die von der B.A.C.U. koordiniert werden. Die SocHeritage.com Plattform hat ähnliche Ziele wie SocialistModernism.com, aber das beinhaltet auch die Architektur und Kunst der Zeitperiode des sozialistischen Realismus (1933-1955) und darüber hinaus selbstverständlich der sozialistischen Moderne (1955-1991). Die Soc Monumental Art Initiative versucht, die öffentliche Kunst, die zwischen den Jahren 1933 und 1991 entstanden ist, zu identifizieren. 2019 wurden die interaktive Karte und die vorläufige Forschungsdatenbank gelauncht, sie beinhalten Kunstobjekte aus den Gebäuden und Ensembles der sozialistischen Moderne, die in Rumänien und der Republik Moldau zwischen 1955 und 1991 errichtet wurden.

2016 haben wir versucht, mit solchen Plattformen wie Sovmod.ru in Russland oder Powojenny modernizm in Polen zusammen zu arbeiten. Um unseren internationalen Ansatz aufzufrischen, planen wir für 2020 ein Event zu organisieren, das alle an diesem Thema Interessierten zusammenbringt, unter anderem auch die Mitglieder der #SocialistModernism und #SocHeritage Communities. Das Event würde als eine Konferenz mit der Diskussion über die Themen des sozialistischen Kulturerbes stattfinden.

osTraum: Ihr habt bereits einige Publikationen über „Socialist Modernism“. Plant ihr in der näheren Zukunft noch etwas herauszugeben?

Dumitru: Aktuell haben wir ein Album und einen Architekturreiseführer für Rumänien und die Republik Moldau sowie auch die Karten für die Hauptstädte dieser beiden Länder veröffentlicht. Das Album beinhaltet ca. 90 Objekte, während der Reiseführer über eine Übersicht von 242 Objekten verfügt, für jedes Objekt gibt es eine kurze Beschreibung mit seinem Erhaltungsstatus, der Information über Autor*innen und der Bauzeit.

Dieses Jahr haben wir ein Fotoalbum mit der Architektur der sozialistischen Moderne in Deutschland veröffentlicht und hoffen, diese Reihe mit den Sammlungen der besten Exemplare der sozialistischen Moderne in anderen Ländern des Ostblocks fortzusetzen.

Sozialistische Moderne in Deutschland © B.A.C.U.


Alle Bilder, incl. Titelbild © B.A.C.U.

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