Von Wisenten oder der „Letzte Urwald Europas“ in Belarus und Polen

Urwald. Da denkt man an Brasilien oder an den Regenwald, aber in der Regel nicht an Polen oder Belarus. Doch hier im Grenzgebiet der beiden Länder befindet sich die Bjelavježkaja Pušča (pl.: Puszcza Białowieska, de.: Bialowieser Heide). Ein länderübergreifender Nationalpark, der letzte Teil eines großen Flachlandwaldes, der einst große Teile des europäischen Kontinents bedeckte. Wenn die Corona-Situation das Reisen wieder zulässt, lohnt sich ein Trip in den „letzten Urwald Europas“, der sich zu 2/3 auf belarussischem und zu 1/3 auf polnischem Staatsgebiet befindet.

Auf der polnischen Seite ist Białowieża Ausgangspunkt für Exkursionen und Expeditionen in den „Urwald“. Das kleine Dorf hat sich zu einem regelrechten kleinen Touristenhotspot entwickelt.

Idyllisches Hotel im kleinen Ort Białowieża mitten im polnischen Teil des Nationalparks.

Jagdgebiet zwischen Polen, Preußen und Russland

Białowieża war seit Jahrhunderten Jagdgebiet der jeweiligen Herrscher, mal polnische mal preußische Könige, mal russische Zaren. Das ehemalige Zarenschloss wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den 1960er Jahren dann komplett abgerissen. Im Schlosspark befindet sich an der Stelle, wo das Schloss einst stand, heute die Nationalparkverwaltung und ein Museum, was ich nur empfehlen kann. Man bekommt einen Audioguide und sehr viel fundiertes Wissen über die Artenvielfalt und die Natur zu hören.

Weitere Sehenswürdigkeiten im Ort sind der restaurierte „Zarenbahnhof“ (links) und das Herrenhaus des damaligen Gouverneurs von Hrodna, welches gerade restauriert wird (Rechts).

Vom Schloss ist nur das Eingangsportal erhalten. Dort wo einst der prächtige Hauptbau des Schlosses stand, befindet sich heute die Nationalparkverwaltung, die auch ein Museum beherbergt.

Vom Dach der Nationalparkverwaltung hat man eine tolle Aussicht über den „Urwald“. In der Mitte sieht man das Eingangsportal zum Schlosspark.

Am bekanntesten ist Białowieża für das größte Landsäugetier Europas – den Wisent. Auch Wölfe und Elche leben hier und streifen durch die großen Wälder. Die Artenvielfalt ist atemberaubend. Auf der Strecke zwischen Białowieża und Hajnówka befindet sich das Wisentgehege der Zuchtstation. Wisente waren früher, ebenso wie Bären und Wölfe, in ganz Europa verbreitet.

Auch wenn hier wieder Wisente in freier Wildbahn leben, ist die Chance das größte Landsäugetier Europas zu Gesicht bekommen, im Zuchtgehege in Białowieża am größten.

Nachdem Anfang des 20. Jahrhunderts der letzte freie Wisent erlegt und die Art damit in Europa vom Menschen ausgerottet wurde, begann man hier mit der Zucht von Tieren, die vor der Ausrottung in Gefangenschaft gerieten. Die Tiere wurden nach und nach wieder ausgewildert, so dass es heute wieder ein paar Tausend Tiere hier in der Region gibt. Fast 60% des weltweiten Bestandes an Wisenten lebt hier im Nationalpark und fast alle Wisente in Zentraleuropa stammen von Tieren aus dem Zuchtgehege in Białowieża. Mittlerweile werden auch in Deutschland wieder Wisente ausgewildert, beispielsweise im Rothaargebirge.

Überreste der Schmalspurbahn durch die Heide.

Brest, Hrodna, Urwald

Während der Tourismus auf polnischer Seite boomt, lohnt sich auf jeden Fall auch ein Besuch der größeren belarussischen Seite. Seit der Visaerleichterung, die seit 2018 gilt, darf das Grenzgebiet zu Polen über bestimmte Grenzübergänge ohne Visum betreten werden, wenn man einen touristischen Aufenthalt innerhalb der Region nachweisen kann. Der belarussische Teil der Bjelavježkaja Pušča ist größer, wilder und unberührter. Hier erstreckt sich der Nationalpark südlich der Großstadt Hrodna bis kurz vor die Grenzstadt Brest im Südwesten des Landes.

Während im polnischen Teil Białowieża der Haupt- und Touristenort ist, ist das im belarussischen Teil der Ort Kamjanjuki.

Doch durch die Größe des belarussischen Nationalparks empfiehlt sich hier eine Tour mit dem Auto, wahlweise von Nord nach Süd oder umgekehrt. Um in die Schutzzone des Parks fahren zu dürfen, braucht man einen Propusk, eine Art Ausweis. In diesem Fall eine kleine Karte, die man vom Hotel bekommt, wenn man im Nationalpark übernachtet hat. Zum Übernachten ist das kleine Dörfchen Žarkovščina empfehlenswert. Ein Hotelkomplex mitten im Wald, der aus mehreren kleinen Häusern besteht und dessen Umgebung zum Radfahren und Wandern einlädt.

Von hier aus lohnt sich eine Fahrt mit dem Auto durch den Nationalpark.

An einem Checkpoint, einem sogenannten KPP, zeigt man seinen Propusk, den man im Hotel bekommen kann, vor und wird dann in die Schutzzone des Nationalparks reingelassen. Wenn man langsam fährt und aufmerksam schaut, hat man gute Chancen Wisente, Wölfe oder Elche in freier Natur zu beobachten.

Plötzlich überquerte ein Wolfsrudel in freier Wildbahn die Strasse; Ehe ich die Kamera zücken konnte, war nur noch der letzte Wolf zu sehen. Auch eine Wisentherde konnte ich in freier Natur beobachten. Aus sicherer Entfernung, weil Jungtiere dabei waren. Wenn man mal kein Glück hat, kann man Wölfe auch in einem Gehege beobachten, das sich ähnlich wie auch in Białowieża, im Nationalpark befindet.

Ded Moroz – eine Figur zwischen Sowjetisierung und Folklore

Im Süden des Nationalparks befinden sich zwei berühmte Orte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen Viskuli, ein altes großes Herrenhaus, das in den 1950er Jahren als Jagdhaus für hohe Parteifunktionäre der Sowjetunion gebaut wurde. Hier wurde 1991 der Vertrag unterzeichnet, der die Auflösung der UdSSR vollzog. Heute ist es die Sommerresidenz von Aliaksandr Lukašenka, der sich seit August 2020 mit allen Mitteln am Sitz des Präsidenten der Republik Belarus festzuhalten versucht.

Sneguročka, seine Gehilfin, führt die Besucher*innen zur Audienz bei Väterchen Frost.

Nur knapp 4 km weiter westlich befindet sich eine andere Residenz: hier wohnt der belarussische Weihnachtsmann Ded Moroz – Väterchen Frost. In einer Art kleinem touristischen Märchenpark kann man dem Weihnachtsmann und seinen Helfern Hallo sagen. Zwar ist es sehr touristisch und es wird schnell langweilig, aber in der Weihnachtszeit lohnt es sich, um mal einen Eindruck von winterlichen Traditionen in Belarus zu bekommen. Zum Schluss dröhnt aus Lautsprechern das in der Sowjetunion bekannt gewordene Silvesterlied „V lesu rodilas‘ joločka“ und die Besucher*innen tanzen dem Brauch nach um eine große Tanne.

Typisches Bild im belarussischen Teil der Bjelavježkaja Pušča: Farbenfrohe Holzhäuser und die namensgebende Pušča (russ.: Heide)

Die Bjelavježkaja Pušča hat viel zu bieten. Von ausgiebigen Wanderungen in unberührten Wäldern über gutes Essen in den Restaurants und Hotels bis hin zu Wisent- und Wolfsgarantie im Blickfeld (wenn nicht in der freien Wildbahn, dann in einem der beiden Wildparks) ist alles dabei.


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Alle Fotos © Dennis Rabeneick für osTraum

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