Krach ist Punk, Sila ist Kraft: Eine geschichte zwischen Balkan und Bio-Deutschland    

Jugoslawien galt als eins der liberalsten Staaten des sozialistischen Blocks im 20. Jahrhundert. Wie osTraum bereits berichtete, verfügte es z.B. über eine bunte Punk-Szene und fürs Tragen von Jeans wurde frau*man nicht aus der Partei ausgeschlossen oder verhaftet. Dass der Staat aber wirklich ein einheitliches Gebilde gewesen ist, darüber lässt es sich streiten. Ähnlich dem „großen Halbbruder“ – der Sowjetunion – war es eher eine Union und nicht die ganze Bevölkerung war von der Dominanz der serbischen Sprache und Kultur, dem Belgrad-Zentrismus sowie vielen weiteren Aspekten des Zusammenlebens begeistert. Die Liste der Gründe für den Zerfall Jugoslawiens könnte noch um zahlreiche Punkte ergänzt werden, doch wir konzentrieren uns auf das post-jugoslawische Sein im deutschsprachigen Raum.

In den 1990-ern/Anfang 2000-er wurde die jeweilige Unabhängigkeit der ehemaligen Mitgliedsstaaten Jugoslawiens zumeist in zahlreichen Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen erkämpft. Die Mittel reichten von lokalen kurzzeitigen Konflikten bis hin zu systematischen Säuberungen bzw. Genozid, von einzelnen Explosionen bis hin zu riesigen Mienenfeldern. Faktisch ist die Bundeswehr immer noch im Kosovo stationiert und hilft beim „Aufbau einer zivilen Friedensordnung“, wie es auf der Webseite deutscher Staatskräfte steht. Vor den Jugoslawien-Kriegen sind Menschen aus der Region vor allem als Arbeitsmigrant*innen nach Deutschland gekommen, ab dem Anfang der 1990-er als Kriegsflüchtlinge. Krach von Tijan Sila erzählt nicht die Geschichte von Migrant*innen oder Flüchtlingen, es erzählt die Geschichte deutscher Gesellschaft durch die Linse junger Erwachsener, die auf der Suche nach Identität und einem sozialen Umfeld sind.

„Die Deutschen haben einen Krieg nach dem anderen gegen uns Slawen begonnen – und verloren. Sie haben versucht, uns zu versklaven, Juden und Zigeuner wollten sie auslöschen, und dennoch… […] Dennoch denken sie, sie wären etwas bessers als ich!“ Krach von Tijan Sila

Das war die Reaktion von Ljubomir Hadžijalijagić auf das „Komplement“ des Chefarztes – „Wird ja langsam was bei Ihnen“ – nach einer erfolgreichen Operation. Ljubomir ist Chirurg in Heidelberg, er lebt mit seiner bio-deutschen Ehepartnerin in einer Villa und ist damit wahrscheinlich erfolgreicher als 75 % der sogenannten „Einheimischen“, doch seine gerechtfertigte oder manchmal auch paranoide Suche nach Diskriminierung seiner Person aufgrund seiner Herkunft, seines Namens oder seiner Religion bleibt mit ihm wohl bis zum Ende seines Lebens. Sein jüngerer Bruder Sabahudin Hadžijalijagić lebt mit ihren Eltern und den kleinen Zwillingsschwestern unweit von Heidelberg in Calvusberg in der pfälzischen Provinz. Sabahudin – unter Freund*innen Gansi und zuhause Budo – macht gerade Abi, doch interessiert sich viel mehr für Punk, Konzerte und Mädchen. Alkohol steht nicht auf der Liste seiner Vorlieben, was für seine Altersgenoss*innen immer wieder eine Überraschung ist, denn in Stereotypen gedacht, gehören ja Punk und Alk einfach zusammen. Sein soziales Umfeld ist bunt, denn in einer Kleinstadt kennt jeder jeden, und du kannst dich nicht einfach in einer Clique abkapseln, musst schon irgendwie mit allen umgehen können. So gehen in die lokale Disco Punks, Neo-Nazis, Prolls und Normalos. Immer wieder führt es zu Schlägereien, die auch eine Art Unterhaltswert zu haben scheinen – für die Schaulustigen und die Beteiligten. An diesem Punkt wäre Krach eine ganz normale Jugendgeschichte gewesen, über das Erwachsenwerden, die erste Liebe, Freundschaft und Verrat, über die soziale und kulturelle Integration in die sog. Mehrheitsgesellschaft und den Hass auf die Schule. Doch Krach ist keins dieser Romane für den Deutschunterricht. Es ist auch kein Jugendroman. Es ist ein erwachsenes literarisches Werk, das auf ein sehr breites Publikum trifft.

Lieblingsstellen im Buch „markiert“

Krach hat etwas geschafft, was andere Romane nicht geschafft haben…

Krach spricht die Generation der Eltern an, die nach Deutschland gekommen sind, oft für ein besseres Leben für ihre Kinder, denn darin können sie erfahren, dass ihre Kinder daheim, in der Schule und unter Freund*innen komplett unterschiedliche Persönlichkeiten sein können. Auch für die Generation der Kinder – der sogenannten 2. Generation – ist es ein relevantes Werk, denn darin können sie erfahren, dass sie sich nicht assimilieren müssen, dass sie es auch mit einem „komplizierten“ Namen schaffen – „nur“ müssen sie eben drei mal besser sein als die Einheimischen. In dem Bessersein besteht auch die Parallele zu Emilia Smechowskis Wir Strebermigranten (2017). Dabei ist aber Krach von Tijan Sila ein Upgrade des Motivs um die Diversität der bundesdeutschen Gesellschaft. Krach zeigt zwar auch, dass die Assimilation kein optimaler Weg ist, gleichzeitig führt es uns vor Augen, wie divers die Lebensentwürfe und Realitäten in Deutschland sind und schon immer waren. Das Umfeld von Budo zeigt es an konkreten Beispielen – bio-deutsche Familien, in denen das eine Kind zum Nazi und das andere zum Punk wird; russlanddeutsche Freund*innen, deren Identität zwischen dem „Imperium des Bösen“ und dem „Deutschsein“ eingekeilt ist; deutsche Roma-Freund*innen, um die nicht nur Deutsche einen Bogen machen, die aber in Wirklichkeit mitten in unserer Gesellschaft stehen; Italo-Deutsche, die eigentlich mehr Deutsche als Italiener sind; angebliche Links-Liberale und -Radikale, die aus gutbetuchten Elternhäusern kommen und nach ihrem Uniabschluss für die Rechte der Arbeiter*innenklasse kämpfen möchten, in der Praxis aber nichts über das Arbeiter*innen-Leben wissen; und zu guter Letzt der Mittelpunkt des Sujets, den die bosnisch-deutsche Familie Hadžijalijagić darstellt, die nicht nur die soziokulturellen Reibungen und Beziehungen zwischen dem Bosnischen und dem Deutschen aufzeigen, sondern auch die Distanz zwischen einzelnen Kulturräumen der Südslavia und sogar zwischen den „alten“ bosnischen Arbeitsmigrant*innen und den „neuen“ Kriegsflüchtlingen thematisieren.

Da besetzen Linksautonome leerstehende Häuser und bauen sie zu Festungen gegen Angriffe von rechten Banden aus. Der Westen ist dabei ja entnazifiziert…

Die akkurate und authentische Darstellung der kulturellen Diversität Deutschlands ist nicht die einzige starke Seite des Romans von Tijan Sila. Ein weiterer Grund, warum dieses Buch ins Schulprogramm, aber auch auf jedes Familienbuchregal gehört, ist die gelungene Sicht eines jungen Erwachsenen auf die Gesellschaft im Wandel. Die Wiedervereinigung ist im Sujet gar nicht lange her und aus westdeutscher Sicht ist der Osten wirklich wild. Da besetzen Linksautonome leerstehende Häuser und bauen sie zu Festungen gegen Angriffe von rechten Banden aus. Der Westen ist dabei ja entnazifiziert und die lokalen Rechten sind „nur“ Randalierer und Fußballfans – sicherlich nichts politisches. Mittendrin sind die jungen Menschen, die schon morgen das Leben im Land bestimmen. Sila ist in dieser Hinsicht für Deutschland etwas gelungen, was Davey Havok – dem Frontman von AFI – in seinem Roman Pop Kids (2013) für die USA nicht geschafft hat. Die authentische Darstellung unterschiedlicher Ansichten von jungen Menschen aus der Provinz ist bei Sila mit einem hohen literarischen Wert verbunden und ähnelt nicht einer Checkliste von Situationen aus einem Jugendroman – Musik, Schule, Generationenstreit, erste Liebe und erste Sexerfahrungen – beschrieben von einem Erwachsenen, der jugendlich sein wollte. Nein, Sila hat sich tatsächlich in den Abiturienten Buda versetzt und mit seiner Hand seine Gedanken und Erlebnisse aufgeschrieben, ohne dass es wie ein Schulaufsatz klingt, eher ein literarisches Tagebuch von einem sehr talentierten jungen Punk aus der westdeutschen Provinz.

Eine der Lieblingsstellen

Gelb ist die Farbe der Revolution

Das Buchcover ähnelt farblich einer reifen Zitrone und in Kombination mit dem ausgestreckten Mittelfinger schreit es nach Aufmerksamkeit, Provokation und Revolte. Der dargestellte Lebensausschnitt von Budo und seiner Umgebung ist dabei weniger revolutionär, dafür aber nicht weniger exzessiv. Mit einer Wucht reißt es die Lesenden mit und lässt Schlägereien, Punk-Konzerte sowie „harmlose“ Stereotype auf eigener Haut spüren. Krach nimmt den deutschen Punk aufs Korn und zeigt, wie patriarchal, egoistisch, rassistisch, konservativ und pseudo-anarchistisch viele ihrer Angehörigen sind. Wenn Eduard Limonow die US-Linken der 1970-er für ihr Nichtstun und ihre Bürokratisierung kritisiert hat, so kritisiert Budo dutzende Jahre später das Bürgerliche und Spießige am Punk in Deutschland. Wenn es bei Limonow Fuck Off, Amerika (1976/1982) hieß, müsste es bei Budo Fuck Off, Clavusberg heißen. Würde Limonow heute noch leben und über junge Punks in Deutschland schreiben, so würde sein Buch sicherlich Krach heißen. Budo ist der jugendliche Limonow, der nicht mehr gegen die Diktatur in der Sowjetunion kämpfen und in die USA auswandern muss oder will. Sabahudin Hadžijalijagić ist der jugendliche Eduard Limonow, der allein mit seiner Anwesenheit für die Entautomatisierung sozialer Strukturen in Deutschland kämpft. Und das macht Krach sehr gut. Mit seinem neuen Roman hat Tijan Sila gezeigt, dass er das Zeug zum deutschen Limonow hat, der aber von seinem Egozentrismus weggekommen ist und die Welt von morgen begriffen hat.


Tijan Sila

Krach

2021 Kiepenheuer & Witsch, Köln


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Buchcover © Kiepenheuer & Witsch Köln

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