Das „Anderssein“ in Belarus: Kunst & Dyslexie

(русская версия интервью в самом конце немецкого материала)

Der Bau einer Utopie aka Kommunismus erforderte viel Standardisierung, um Ressourcen und Zeit zu sparen. Oder lag es eher an dem ständigen Mangel und der bis ins Unvorstellbare getriebenen Industrialisierung? Die Frage lassen wir vorerst offen. Bei der Standardisierung ging es aber auch um Menschen – gleiche Kleidung, gleiche Frisuren, gleiche Ideen, gleiche Meinungen, gleiches Verhalten. Oft wurde das „Andere“ als etwas negatives empfunden. Diese Einstellung betraf dabei nicht nur das Aussehen, sondern auch die Gesundheit. So ist es kein Wunder, dass z.B. barrierefreie Architektur erst 30 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion in den jeweiligen Ländern langsam in die Gänge kommt. Oft war einer der Grundzüge der Sozialisierung in der sowjetischen Gesellschaft das Nicht-Auffallen. Eine Frisur kann leicht verändert werden, das pinke Hemd durch ein weißes ersetzt werden, doch was ist mit gesundheitlichen Aspekten?

osTraum hat fünf belarussische Künstler*innen interviewt, die in der Sowjetunion und dem postsowjetischen Belarus mit Dyslexie aufgewachsen sind. Täglich lebten und leben sie damit, dass Buchstaben und Zahlen in ihren Augen verschwimmen und keinen Sinn ergeben. Sie erzählen, wie sie trotz gesellschaftlicher Stigmatisierung, Isolation und Diskriminierung ihren Weg gefunden haben. Ihre Geschichten können auch in der aktuellen Lage in Belarus sehr helfen, denn die „Andersartigkeit“ ist immer noch eher negativ besetzt und die Kunst einer der Auswege.

Marina Dashuk

Theaterproduzentin & Kunst Managerin

Mit Regeln tu ich mich schwer. In der Kunst hilft es mir sehr.

Ich habe spät erfahren, dass ich Dyslexie habe, erst im Alter von 30. Ich habe Englisch gelernt und meine Lehrerin hat mir gesagt, dass ich diese Erkrankung habe. Sie war aber keine Ärztin. Davor glaubte ich, dass ich verrückt bin. Heute denke ich aber, dass Menschen mit Dyslexie oft sehr kreativ sind. In meiner Kindheit habe ich mich komplett von meinen Klassenkamerad*innen unterschieden. Ich wollte das auch so. Ich konnte kein Kleidungsstück anziehen, das jemand in der Klasse bereits auch hatte. Meine Mama und Papa sind einzigartig. Sie haben mir alles erlaubt. Sie hatten nichts gegen mein Aussehen. Es war auch teilweise in der sowjetischen Zeit und es gab damals nicht so viel Vielfalt in allem. Dieses Gefühl, dass ich anders denken kann, hilft mir auch heute in der Kunst. 

Mit Regeln tu ich mich schwer. In der Kunst hilft es mir sehr. Sprachenlernen nach Regeln fällt mir auch sehr schwer. Nichtsdestotrotz kann ich Polnisch, habe die Sprache aber nie systematisch gelernt. Das war einfach interessant und ich habe auf meine eigene Art und Weise Polnisch lernen können – mit Musik, Audiobüchern, Gesprächen mit Freund*innen. Mit Englisch ist es aber noch schwierig. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich immer unterstützt haben. Noch nie haben sie auf mich geschimpft, weil ich etwas falsch gemacht habe, sondern sagten mir, dass Möglichkeiten gibt, noch besser zu werden. 

Ulyana Nevzorova

Künstlerin

In der Grundschule habe ich erfahren, dass etwas mit mir nicht stimmt. Alle Lehrer*innen haben stundenlang wiederholt, dass ich dumm bin. Ich habe mich erniedrigt gefühlt. Diese Erfahrung hat mein Leben beeinflusst. Seit der Zeit will ich immer beweisen, dass mit mir alles OK ist. Die Fächer, die mit Kunst verbunden sind, fielen mir leicht, z.B. Grafik und Design, Kunstgeschichte und angewandte Kunst. Bei diesen Fächer habe ich mich wohl gefühlt und konnte mich richtig ausdrücken. Aber andere Schulfächer gelangen mir nicht wirklich und ich fühlte mich immer unter Druck gesetzt.

Ich bin der Meinung, dass Legastheniker*innen kreative Menschen sind. Sie suchen immer wieder unterschiedliche Möglichkeiten sich zu äußern. Das heißt, sie verwenden nicht nur Text, sondern auch Alternativen, die klar und natürlich sind. Der Nachteil meiner Dyslexie ist natürlich, dass mir das Lesen schwer fällt, weil die Buchstaben ständig ihren Platz ändern. Das Ergebnis davon ist, dass mein Wortschatz nicht so groß ist und manchmal formuliere ich meine Gedanken nicht sehr schnell und eindeutig. Deshalb habe ich auch ein geringes Interesse an systematischer Bildung. Als Alternative habe ich etwas anderes für mich entdeckt – das Liberal Arts College, wo die Lehrenden durch Lob die Schüler*innen zum Lernen ermutigen. Das passt mir gut.

Die Diagnostizierung der Dyslexie in Belarus ist sehr schwierig. Es gibt nicht so viele Initiativen auf Landesebene und so habe ich viel Zeit in meinem Leben verloren, weil ich nicht wusste, dass ich eine Krankheit habe.   

Katja Vedovka

Künstlerin

Mit 24 oder 25 habe ich erfahren, dass ich Dyslexie habe. Eine Freundin dachte, dass ich Dyslexie haben könnte. Wenn ich müde war, vertauschte ich oft Buchstaben und Zahlen. Es ist schwer für mich, Texte laut zu lesen. Dafür brauche ich die richtige Stelle im Buch und muss auch einen Rhythmus finden. Egal, ob mit oder ohne Dyslexie, haben alle Menschen kreatives Potenzial. Der eine Mensch kann kreativ Pfannkuchen backen und der andere Mensch kann kreativ den Boden wischen. Aber es gibt Menschen, die ihre Kreativität selbst abwerten und damit nichts weiter machen. Ihre Kreativität entwickelt sich nicht weiter.

Ich denke, dass die Schule nicht mein Ding ist, obwohl ich gut in der Schule war. Meine Schule war auf Belarusisch – es kommt nicht so oft vor, dass Schulen komplett auf Belarusisch unterrichten. Die schmerzhafteste Erinnerung, die ich aus der Schulzeit habe, war Englisch zu lernen. Ich hatte sogar einen Albtraum, dass meine Englischlehrerin mich an die Tafel rufen könnte. Manche Lehrer*innen haben Druck auf mich ausgeübt. Lange Zeit war ich Therapie und habe mit meiner Psychologin daran gearbeitet. Nun kann ich leicht darüber sprechen. Das Wissen, dass ich Dyslexie habe, gibt mir Freiheit, Unterstützung und viele Möglichkeiten, wenn z.B. etwas für mich nicht funktioniert, gebe ich nicht auf und  finde einen anderen Weg zum Ziel. Meinen ersten Schmuck habe ich aus Muttern gebastelt. Wenn man aber an Muttern denkt, fällt eine*m vielleicht erst ein Auto ein, aber kein Schmuck. Deshalb bin ich auf mich stolz. Ich habe eine andere Verwendung für Muttern gefunden. 

Yulia Leydik (KANAPLEV+LEYDIK)

Fotodesignerin

Ich erinnere mich oft an den Moment, als der Mathelehrer in der Schule so stark geschrien hat, dass ich in Ohnmacht gefallen bin

Kummer und Traurigkeit erfassten mich ständig, bis ich erfahren habe, dass ich Dyslexie habe. Ich fühlte mich dumm. Vielleicht bin ich dank Dyslexie ein langsamer Mensch. Zumindest andere Menschen sehen mich als langsam. Aber ich brauche oft Zeit, um alle Emotionen gleichzeitig zu verarbeiten. Emotional erlebe viel während meiner langsamen Tätigkeiten. Ich kann nicht im Kopf behalten, wie sich Konsonante und Vokale unterscheiden. Meine Kinder lachen darüber, aber ich kann damit einfach nichts machen. Sich zu merken, an welcher Hand der Hochzeitring zu tragen, ist für mich auch schwer. Ich frage immer meinen Mann.

Nicht nur kreative Menschen haben Dyslexie. Viele sehen es locker und haben keine Angst zu sagen, dass sie Lese- und Schreibschwierigkeiten haben oder dass sie Schwierigkeiten mit Fremdsprachen haben. Ich habe keine Ahnung, ob die Erkrankung mit meiner Tätigkeit verbunden ist. Wenn ich eine Person zum ersten Mal sehe, komme ich mit ihr problemlos in Kontakt. Die Menschen fühlen sich sicher und wohl im Umgang mit mir. Alle sagen, dass ich nicht dem Standard entsprechend denke. Ich stelle immer alles visuell dar. Ich bin eine Visualisiererin. Wenn ich die Aufgaben vor der Fotoaufnahme schriftlich bekomme, verstehe ich den Text nur schwer und bitte oft um Hilfe. 

Ich erinnere mich oft an den Moment, als der Mathelehrer in Schule so stark geschrien hat, dass ich in Ohnmacht gefallen bin. Meine Klassenkamerad*innen haben sich dann über mich lustig gemacht. Sie haben nicht verstanden, wie ich die einfachsten Dinge nicht verstehen konnte. Jetzt fühle ich mich wohl. Ich bin in meiner kreativen Umgebung. Und die Menschen akzeptieren mich so, wie ich bin. 

Darya Trublina

Künstlerin & Designerin

Lange Texte kann ich nur mit Schwierigkeiten lesen. Ich brauche dafür viel Kraft. Lieber höre ich mir Audiobücher an, aber die Auswahl ist hier kleiner. Ich bin eine Multitaskerin. Ich kann etwas hören und dabei mache ich auch etwas anderes. Beim Hören konzentriere ich mich sehr gut. Es ist kompliziert, mich zum Lesen zu zwingen. Ich schlafe schnell ein und vergesse sofort, was ich gelesen habe. Ich bin unaufmerksam. Ich verliere oft Dinge. Man hat mir oft gesagt, dass ich langsam bin. Ich sehe das anders. Mir gefällt es, langsam zu sein. Die Musik hilft mir oft dabei. Mit Musik sieht alles wie eine faszinierende Unterwasserwelt aus.

Dyslexie bedeutet für mich Kunst. Seit meiner Kindheit male ich gern. Ich habe immer meinen Schulfreund*innen beim Basteln geholfen. Vielleicht war das mein Weg der “Sozialisierung”. Ich habe eine tiefe Scham empfunden, weil ich gar nicht lesen konnte. Bei YouTube habe ich über Dyslexie erfahren. Es scheint so, dass ich nicht langsam lese, sondern ein wirkliches Problem habe. Meine Schwierigkeiten in der Schule und die Dyslexie haben mich stark beeinflusst, sodass ich den Wunsch hatte mich in der Kunst vollkommen zu verwirklichen. Es gibt eine Online Plattform, wo auf Russisch viele Lern- und Infomaterialien für Dyslexiker*innen angeboten werden, z.B. ein Legasthenie-Test für Erwachsene & Jugendliche, Info-Videos und vieles mehr.


Online Platform für Dyslexiker*innen auf Russisch
Дислексия комьюнити – Dyslexia Community (dslxcommunity.com)


Webseite von KANAPLEV+LEYDIK

Behance von Darya Trublina


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Bilder in der Titelgrafik © Vedovka, Kanaplev-Leydik, Ulyana Nevzorova


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