Die 7 DDR-Bands, die auch nach der Wende erfolgreich waren

Im Gegensatz zu einigen „Brüderstaaten“ galt Rock- und Punkmusik in der DDR als Bedrohung aus dem „imperialistischen Westen“. Als Gegenkultur, als Rebellion gegen die staatlichen Institutionen und als ein Symbol des Widerstandes. Weil die Staatsführung der DDR die Texte der Bands vor der Veröffentlichung auf Staatskritik überprüfte und Zensur an der Tagesordnung war, ließen sich viele Bands etwas einfallen, um ihre Ablehnung gegenüber dem DDR-Regime in ihrer Musik auszudrücken. Manche Bands schrieben sogar extra offensichtliche Staatskritik in „Fake-Songs“ und legten sie den staatlichen Lektoren vor, damit bei unterschwelliger Staatskritik in ihren echten Songs nicht mehr so genau hingeschaut wurde.

Viele der Rock- und Punkbands der DDR waren anschließend in der vereinigten Bundesrepublik weiterhin erfolgreich. Sieben davon hat osTraum für euch rausgesucht:

Karat (Berlin)

Karat ist eine der bekanntesten Bands aus der ehemaligen DDR, die anschließend im vereinigten Deutschland noch große Erfolge feiern konnten. Ihr Album „Der blaue Planet“ erschien 1982 zeitgleich in Ost- und Westdeutschland und das wenige Jahre zuvor veröffentlichte Lied „Über sieben Brücken musst du geh’n“ ist bis heute eines der bekanntesten deutschsprachigen Rock-Songs. Es wurde dutzende Male gecovert und wird heute in erster Linie mit Peter Maffay in Verbindung gebracht, der es 1980 in Westdeutschland ins Fernsehen brachte. Zu diesem Zeitpunkt wurde Karat vom Kulturministerium der DDR verboten im Westfernsehen auftreten zu dürfen.

Karat verwendete, wie viele Rockbands aus der DDR, metapherreiche Lyrics um ihre Kritik am Staat auszudrucken und eine Zensur durch die DDR-Behörden zu verhindern. Auch in „Über sieben Brücken musst du geh’n“ finden sich Beispiele dazu:

Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehen. Manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehen. Manchmal ist man wie von Fernweh krank. Manchmal sitzt man still auf einer Bank.

Karat – Über sieben Brücken musst du geh’n

Laut Terrence Heinen spielt diese Strophe gleich auf mehrere Probleme in der DDR an: mangelnde Reisefreiheit, Stagnation und das Erfahrungsdefizit und erinnert damit etwas an den Song „Try Čarapachi“ von N.R.M aus Belarus. Bernd Römer, Gitarrist von Karat, sagte zu den Texten der Band: „Wir konnten mit der Zensur ganz gut umgehen, weil wir wussten, worauf die gucken.“ Sie hätten einen „klugen Texter“ gehabt, der die Themen „fast fabelhaft“ transportierte. Im Titelsong des Albums „Der blaue Planet“ allerdings fiel das Wort „Dämonen“ in der Zeile „Liegt unser Glück nur im Spiel der Dämonen.“ der Zensur zum Opfer. Die zuständige Behörde machte daraus „Neutronen“. So konnte man gleich Kritik am „imperialistischen Westen“ üben, denn die Amerikaner entwickelten zu dieser Zeit die Neutronenbombe.

Aber auch Songtexte, in denen die Ablehnung des DDR-Regimes deutlicher wurde, schafften es durch das Lektorat. So zum Beispiel der Song „Albatros“, der laut Bernd Römer „ganz klar die Situation in der DDR […]schildert.“ Man spürt förmlich wie die Bandmitglieder von Karat die DDR empfanden.

Die Sklaven der Erde, Verhöhnt und geschunden, sie teilten sein Los, Wenn er lag gefesselt, Verblutend am Ufer, gebrochen sein Flug. Der Albatros war ihr Symbol. Doch ruft ihn die Weite, die endlose Macht, Dann stürmt er ins Freie mit maßloser Kraft, Er schwingt seine Flügel, sprengt Schlösser und RiegelDer Fesseln und Ketten.

Karat – Albatros

Hier halfen sich die Texter mit Parallelen zu einem chilenischen Freiheitskämpfer um von der DDR abzulenken. Auch nach dem Tod des Frontmannes Herbert Dreilich im Jahr 2004 machte Karat weiter Musik: mit Herbert Dreilichs Sohn Claudius als Sänger feierte die Band 2020 ihr 45-jähriges Bestehen.

Puhdys (Berlin)

Peter Meyer, Udo Jacob, Harry Jeske, Dieter Hertrampf gründeten Mitte der 1960er Jahre die Band Puhdys, benannt nach ihren Anfangsbuchstaben. Am wohl bekanntesten ist ihr Song „Alt wie ein Baum“. Musikalisch erinnert der Refrain an den Anfang vom Song „’39“ der Band Queen. Textlich bezieht sich die Band auf das Gedicht „Alt möcht‘ ich werden“ von Louis Fürnberg, einem kommunistischen Dichter und Texter der SED-Parteihymne „Lied der Partei“. Aufsehen erregten die Puhdys 1984 mit dem Song „Ich will nicht vergessen“, eher bekannt unter dem Refrain „Denk ich an Deutschland“.

Denke ich an Deutschland Fall’n mir gedichte ein, klingen große Namen raus aus totem Stein. Und in mir ist Schweigen wie nie gekannt. Hier bin ich geboren, das ist mein Land.

Denke ich an Deutschland ist mir auch nach schrei’n. Fällt mir so viel Haß, Not und Elend ein. Dann seh‘ ich die Erde zu Asche verbrannt. Hier bin ich geboren, auch das ist mein Land.

Denke ich an Deutschland und an Dich mein Kind, an alle die in uns’rer Zeit geboren sind. Denk ich an die Leute drüben und hier, an die, die mit uns gemeinsam die Ängste besiegen.

Puhdys – Ich will nicht vergessen

Die DDR-Führung verbot das Lied, es durfte nicht im Radio oder Fernsehen gespielt werden. Die Puhdys waren eine der beliebtesten Rockbands der DDR, bekamen mehrere Preise und bekamen als eine der wenigen Ostbands vom Regime die Erlaubnis auch in Westdeutschland (u.a. zusammen mit Udo Lindenberg) auftreten zu dürften. Nach einer kurzen Trennung kurz vor der Wende fand die Band wieder zusammen. Sie komponierte Songs für mehrere Sportvereine, darunter für den FC Hansa Rostock, Union Berlin oder SC Paderborn und ging weiter auf Tour. 2016 spielten sie ihre Abschiedstournee.

City (Berlin)

Neben Karat und den Puhdys gehört City ebenfalls zu den bekanntesten DDR-Rockbands. Auch City schrieb mehrdeutige Texte wie zum Beispiel „Wand an Wand“.

Mein Bett steht zwanzig Zentimeter neben deinem. Meine Lampe könnte gut bis in deine Stube scheinen.

Trotz nur zwanzig Zentimeter kriegen wir uns nicht zu fassen. Wollen wir uns kennenlernen, müssen wir das Haus verlassen.

Wenn du lachst, klingt es herüber wie aus einem andern Land. Wand an Wand.

Assoziationen zu Filmen wie „Sonnenallee“ oder Bilder wie die zugemauerten Fenster der „Grenzhäuser“ in Ost-Berlin stellen sich ein. Der bekannteste Song von City war jedoch „Am Fenster“. Wie auch die Puhdys, zählte City zu den wenigen Bands die auch in Wesdeutschland auftreten durften. „Am Fenster“ ist bist heute der am meisten verkaufte „Ost-Titel“ in der BRD.

Schleim-Keim (Stotternheim/Erfurt)

Neben klassischen Rockbands gab es ab den 1980er Jahren auch Punkbands in der DDR. Schleim-Keim spielten schnellen Punk und standen ab 1983 mit der LP „DDR von unten“, die offiziell nur in Westdeutschland veröffentlicht wurde, im Fokus der Stasi. Die Repressionen gegen die Band führten dazu, dass Sänger Dieter „Otze“ Ehrlich selbst für die Staatssicherheit als sogenannter „Inoffizieller Kriminalpolizeilicher Mitarbeiter für operative Aufgaben“ IKMO arbeiten und dem Regime über die Punk-Szene berichten musste.

„… Ich schäme mich schon lange nicht mehr für meine Heimat, die DDR … Bin damit durch … Karriereristen und Faschisten und nur falsche Kommunisten …“

Schleim-Keim – Ende

„… sehr primitiv gestaltete Entäußerungen einer pessimistischen Lebenshaltung mit anarchistischen Zügen, allgemeiner Unzufriedenheit und einer grundsätzlichen Opposition gegenüber der staatlichen Ordnung …“

Ministerium für Staatssicherheit der DDR (Stasi)

Sänger Dieter Ehrlich starb 2005 in einer psychiatrischen Klinik nachdem er einige Jahre zuvor seinen Vater mit einer Axt tötete, den er im Drogenrausch für den Teufel hielt. Nach seinem Tod erschien das Buch „Satan, kannst du mir noch mal verzeihen?“ in dem die Autoren Anne Hahn und Frank Willmann Zeitzeugen zu Wortkommen lassen und die Geschichte um die Band noch einmal aufleben lassen.

Feeling B. (Berlin)

Feeling B., anfangs noch Feeling Berlin, war die erste ostdeutsche Punkband die im Staatslabel Amiga Platten aufnehmen durfte. Die Band spielte schnellen schrebbeligen Punk und war auch nach der Wende noch bis 1994 aktiv. In einem Interview von 2018 beschrieb der damalige Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz, dass sie vor Live-Auftritten einen Probeauftritt vor Verantwortlichen des DDR-Regimes absolvieren und ihre Texte einreichen mussten. Er erzählt, sie hätten „fake Lyrics“ vorgelegt und die echten Texte, die beim Konzert tatsächlich gespielt wurden, verheimlicht, damit sie auftreten dürften. Nach ihrer Auflösung 1994 taten sich die Bandmitglieder Christian „Flake“ Lorenz, Paul Landers und Christoph Schneider mit Musikern aus anderen ehemaligen DDR-Bands zusammen und gründeten eine neue Band, die heute weltberühmt ist: Rammstein.

Dritte Wahl (Rostock)

Laut eigener Aussage haben sich die Musiker von Feeling B. inspirieren lassen und die Band Dritte Wahl gegründet. Dritte Wahl fand sich erst 1988, also ein Jahr vorm Mauerfall, zusammen und ist bis heute fest in der deutschsprachigen Punk-Szene verankert. Hoffnungen, dass die Mauer irgendwann fällt, gab es nicht, so Gitarrist Gunnar Schroeder in einem Interview. Als es dann endlich soweit war, habe er sich vom Begrüßungsgeld in Frankfurt am Main ein Verzerrer-Pedal für seine Gitarre gekauft, da es so etwas in der DDR nicht gab. 2005 starb Sänger Marco Busche an Krebs und Gitarrist Gunnar Schroeder übernahm den Leadgesang. Dritte Wahl spielen deutschsprachigen Punk und engagieren sich gegen Rechts, was auch in vielen ihrer Songs deutlich wird. So werden von der Rostocker Band auf dem letzten Album die Brandanschläge von Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 thematisiert.

Nina Hagen (Berlin)

„Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael.“ – Diese Zeilen rufen wahrscheinlich auch heute noch bei vielen Menschen einen Ohrwurm hervor. Geschrieben wurden sie von Kurt Demmler, der unter anderem auch Texte für Karat oder die Puhdys schrieb. Bekannt allerdings wurde der Song durch Nina Hagen, damals Sängerin der Band Automobil, im Jahr 1974. Keine drei Jahre später wurde ihrer Mutter die Staatsbürgerschaft der DDR entzogen, da sie mit dem regimekritischen Liedermacher Wolf Biermann liiert war, der ebenfalls ausgebürgert wurde. Die Familie zog nach Westdeutschland. Doch Nina Hagen zog es weiter raus in die Welt: Die „Godmother of Punk“ lebte fortan in London, New York, Los Angeles und wurde auch in den Vereinigten Staaten berühmt. Später suchte sie spirituelle Unterstützung bei einem Guru in Indien, lernte Sanskrit und machte indische Musik, bevor sie 2009 zurück zu ihrem Kindheitsglauben, dem Christentum, fand. Ein Jahr später nahm sie ihr erstes Gospelalbum auf. Nina Hagen ist heute nicht nur als Sängerin, sondern auch als Schauspielerin (u.a. 7 Zwerge – Männer allein im Wald) aktiv. Das war auch ihr erster Berufswunsch, der ihr in der DDR durch die Stasi verwehrt wurde. Dieses Jahr feierte sie ihren 66. Geburtstag.


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Foto in der Titelgrafik: Artnoir

Quellen:

https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/ostrocker-die-ddr-zensur-ausgespielt-637836

https://www.deutschlandfunk.de/beschallung-der-ddr-mit-subtiler-gesellschaftskritik.807.de.html?dram:article_id=248642

25 Jahre Mauerfall: 13 subversive DDR-Hits

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/hagen126.html

https://www.fluter.de/anarchy-in-the-gdr

https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/228328/keinerlei-textverstaendlichkeit-keyboard-oft-nicht-rhythmisch

https://www.dw.com/de/euch-sollte-man-vergasen-was-es-hieß-in-der-ddr-punk-zu-sein/a-51141603

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