Politisch korrekt: „Jugoslawische“ Märchen

Märchen sind oft grausam – Hänsel und Gretel, die von einer einsam lebenden, alten, kannibalistischen Frau verspeist werden sollten, sind ein Beispiel dafür, auch wenn die Geschichte gut ausging. Was erzählen uns „jugoslawische“ Märchen? In einer Berliner Buchhandlung in Kreuzberg hat osTraum ein Relikt entdeckt – „Märchen der Völker Jugoslawiens“ vom Insel Verlag (Suhrkamp), herausgegeben von Ursula Enderle. Auch wenn die Sammlung 1990 erschien, war es noch verpackt. Es roch nach gutem Papier und frischer Druckfarbe. Erst wurde es als ein Sammelstück erworben, doch später mutierte das Buch bei einer genaueren Lektüre zu einem kulturpolitischen (Auffrischungs-)Exkurs in die Geschichte Südosteuropas. So ist im ersten Satz auf dem Umschlag zu lesen:

„Zaubermärchen der Serben, Kroaten, Slowenen, Makedonier, Montenegriner und auch der in Jugoslawien beheimateten ethnischen Minderheiten, der Ungarn und Albaner sowie der Zigeuner“

Obwohl Jugoslawien ein politisches Konstrukt gewesen ist, werden damit trotzdem Südslawen assoziiert, denn so wäre ja auch die wörtliche Übersetzung – „die Südslawia“. Unter ihren Märchen sind nun hier auch ungarische, albanische und „zigeunerische“ Märchen… Moment mal… „Zigeuner„? „zigeunerisch„? Tatsächlich war noch im Jahr 1986 „Abschaum“ eins der Synonyme zum Wort „Zigeuner“ im Duden (2. Auflage) (Quelle: >>>Zentralrat deutscher Sinti und Roma<<<). Wie sieht es aber mit der Bezeichnung „Jugoslawien“ aus? Als 1990 das Buch publiziert wurde, gab es noch die Republik. 1991 gab es mehrere nacheinanderfolgende Kriege auf diesem Gebiet. 1992 gab es die Republik nicht mehr. Zum größten Teil waren es 1991 Unabhängigkeitskriege einzelner Ethnien des Vielvölkerstaates. Die gesellschaftlichen unbewaffneten Konflikte fingen aber bereits nach dem Tod Titos (1980) an und mündeten unter anderem in gegenseitigen Genozid-Vorwürfen in der Mitte der 1980-er Jahre. Dann sollten die Märchen dieser Ethnien in einem Band in Deutschland erscheinen? Lassen wir das so stehen.

Zum Buch: Inspiriert von seinen Freunden – den Grimm-Brüdern – sammelte der serbische Philologe >>>Vuk Stefanović Karadžić<<< im 19. Jahrhundert Märchen, die er als serbisch definierte, dabei stammen sie auch von Kroat*innen, Bosnier*innen u.s.w. Auf anderen Arbeiten und Lehren Karadžić’s basiert unter anderem der >>>Panserbismus<<<… das ist aber eine Nebeninfo. Es geht hier ja um Märchen. Die Sammlung umfasst 60 Märchen. Die Protagonsit*innen sind Drachen, Prinzessinnen, Zaren, Zarensöhne, Paschas, Aschenputtel und weitere menschliche und übernatürliche Wesen. Zu jedem Märchen gibt es in der Literaturliste einen Nachweis, aus welchem Buch es stammt, doch zu welchem genauen Kulturraum es gehört, ist nur schwer nachvollziehbar – Bosnisch? Albanisch? Serbisch?

Letztendlich ist es eine Sammlung von Märchen der Serben und ihrer Nachbarn. Oder von Märchen Balkans. Oder von Märchen der Südslawen und ihrer Nachbarn. Was jedoch fest steht – diese Märchen sind ein Spiegel der Geschichte und der Gesellschaft, des Kulturraums und der Bräuche. Oft sieht die*der Leser*in Parallelen mit westeuropäischen Märchen, genau so oft aber auch Einflüsse aus dem Orient. Der Sammelband ist eine Verschriftlichung der kulturellen Pluralität der Region, die zeigt, warum es heute 7 Staatsgebilde sind.


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Alle Fotos © osTraum
Buchcover © Insel Verlag


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