Die Sünden der Eltern: die Jugoslawienkriege in junger Literatur

Die jüngsten Kriege in Jugoslawien begannen 1991 mit der Loslösung Sloweniens und endeten 2001. Gerade der Kosovo-Krieg 1998 und 1999 ist der Generation Y sicher noch gut in Erinnerung. Im Gedenken an den ersten Weltkrieg sind diese Jahrestage aber in den Hintergrund gerückt. Hätte es im letzten Jahr nicht die Kontroverse um den Literaturnobelpreis für Peter Handke und die öffentliche Kritik von Saša Stanišić gegeben, fände das Thema der Jugoslawienkriege nur außerhalb der (deutschen) öffentlichen Wahrnehmung statt.

Wie so oft sind Leiden, Krieg, Hass und Migration jedoch Inspiration für Literatur. Gerade eine jüngere Generation von Schriftsteller*innen, nutzt das Schreiben um die Erfahrungen während / nach den Kriegen zu verarbeiten. Neben dem Krieg und den begangenen Verbrechen, ziehen sich die zerbrochenen Beziehungen und strapazierten Familienbande wie ein roter Faden durch die Geschichten. Es scheint die Tragik der Vergangenheit hindurch und die unvorstellbare Schwierigkeit, über diese hinwegzukommen. Eine Bekannte aus Bosnien formulierte es so: „die Kriegsjahre kann ich vergessen und vergeben, die 20 Jahre danach und das Verrotten des Landes nicht“.

Die osTraum-Auswahl an jüngeren Büchern über das tragische Kapitel europäischer Geschichte:

1. Marko Dinić – Die guten Tage

Der Ich-Autor ist in Dinićs Debütroman auf dem Weg von Wien, dem Ort, in den er nach dem Krieg migriert ist, zurück in seine Heimat Belgrad. Er ist mit dem Reisebus auf dem Weg zur Beerdigung seiner Großmutter, die ihm damals überhaupt die Ausreise ermöglicht und ihn dazu ermutigt hat.

Besonders das Verhältnis zu seinem Vater, den er für seine Beihelferrolle im Krieg verachtet, sorgt für eine angestaute Wut und Anspannung beim Treffen der drei auf der Beerdigung. Genau diese Stimmung drückt Dinić in seiner Sprache aus, direkt, mit Tiraden geschmückt und ohne Ausschweifungen.

Über den Lauf der Geschichte wird aber immer klarer, dass der Erzähler nicht der einsame Märtyrer ist, für den er sich hält,

2. Damir Ovćina – zwei Jahre Nacht

Der Krieg kündigt sich an und trotzdem fährt der Protagonist nochmal in die Innenstadt Sarajevos, um seine Freundin zu besuchen und in der alten Wohnung nach dem Rechten zu schauen. Er kommt nicht mehr hinaus. Die Belagerung hat begonnen und er ist von seinem Vater getrennt. Er wird Teil einer Arbeitsbrigade, die nach den Verbrechen aufräumt. Tags geht es von Gräueltat zu Gräueltat. Nachts wohnt er in seiner alten Wohnung. Dann wird er gesucht und muss sich verstecken. Wie geht der Krieg für ihn aus?

Ovćinas Roman ist ein Buch der Andeutungen, wenig wird explizit ausgesprochen, kaum ein Name wird genannt. Die Fantasie malt sich die Bilder, die schönen und grauenhaften, selbst aus. Die Sprache ist ungemein verkürzt und doch bildlich und beschreibend. Ausgesprochene Emotionen bleiben aus. Ein Buch gegen den Krieg und den alltäglichen Horror, aber auch ein Buch, das beschreibt, dass – auch wenn es kitschig klingt – mit Liebe und Hoffnung auch der Krieg überstanden werden kann.

3. Saša Stanišić – Wie der Soldat das Grammofon repariert

„Die wertvollste Gabe ist die Erfindung, der größte Reichtum die Fantasie“. Mit dieser Aussage beginnt Saša Stanišić sein Buch und wer ihn mal live gesehen hat, sollte über ein solches Statement nicht verwundert sein. Die Fantasie brodelt aus ihm und in seinem Debutroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ lässt er ihr freien Lauf.

Ein kleiner Junge. Die Zeit vor den Jugoslawienkriegen. Seine Erlebnisse während der Belagerung. Das Leben im Exil in Deutschland. Stanišić wechselt immer wieder die Perspektiven und verliert sich in teilweise verrückt wirkenden Anekdoten und Skurrilitäten. Das Besondere an dem Stil Stanišićs liegt aber genau hierin. Seine Sprache hat eine Leichtigkeit, Eben etwas Kindliches. Es gelingt ihm, den Krieg in dieser Sprache zu verarbeiten, ohne dass die Ereignisse ihren Schrecken oder Wucht verlieren.

4. Goran Vojnović – Vaters Land

Der Erzähler – Vladan – findet über eine Internetrecherche heraus, dass sein Vater, von dem er dachte, dass er seit dem Krieg tot sei, als Kriegsverbrecher gesucht wird. Er macht sich sogleich auf die Suche. Der Plot klingt erstmal nach einer Detektivgeschichte, doch es ist vielmehr eine Erzählung eines Familienschicksals. Vladan’s Vater Nedeljko, dessen Vater wiederum selbst Kriegsverbrechen mit ansehen musste, war Offizier der Jugoslawischen Volksarmee. Vladan’s slowenische Mutter wiederum, brach mit ihren Eltern, um mit Nedeljko zusammen zu sein. Durch den Krieg zerfällt alles und der junge Vladan und seine verlorene Mutter kehren nach Slowenien zurück. Außer Blut scheint sie wenig zu verbinden.

„Vater’s Land“ ist ein Buch der Suche, nicht nur der tatsächlichen, sondern vor allem der nach einem neuen Halt, einem neuen Sinn im Leben. Alle Charaktere der Geschichte tragen schwer an ihrem Schicksal, der Trennung ihrer Wurzeln und dem, was im Krieg geschah. Natürlich ist es auch ein Buch der Frage nach der Schuld des Einzelnen. Wie frei waren die Entscheidungen? Wer wurde wie gelenkt? Die schwierigste Frage, die Vojnović aber stellt ist, ob man aufhören kann, in einem Vater den Vater zu sehen und was kann man ihm vergeben?


Direkt zu den Werken:

Marko Dinić

Die guten Tage

2019 Zsolnay


Damir Ovćina

zwei Jahre Nacht

2019 Rowohlt


Saša Stanišić

Wie der Soldat das Grammofon repariert

btb


Goran Vojnović – Vater’s Land

Vaters Land

Folio 2016


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Bildquellen: Tobias Hartmann für osTraum
Buchcover: die jeweiligen Verlage

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