Jugoslawien-Kriege, Migration & „Die Guten Tage“: Marko DInić im Gespräch

Marko Dinić hat 2019 seinen Debütroman „Die Guten Tage“ bei Zsolnay veröffentlicht: Ein Werk über Migration, die Heimat und durch die Jugoslawien-Kriege entstandenen Risse. (Mehr dazu hier). Gerade weil das Debüt gleich in die Vollen geht und Themen anspricht, die bei der heutigen Diskussion um Einwanderung herunterfallen, freut es osTraum umso mehr, das Marko sich die Zeit für das Interview genommen hat:

osTraum: Eine Kollegin von mir, die ursprünglich aus Bosnien-Herzegowina kommt, sagte mal, dass der Krieg nicht das Schlimme war. Die 20-25 Jahre danach waren schlimmer. Alles ist verrottet. Was denkst du darüber?

Marko: Ich schließe mich dieser Aussage ohne Zögern an. Die Katastrophe suchte die Länder des Balkans erst nach dem Kriege insofern ein, als dass wir heute deutlicher denn je sehen: Die jeweiligen Kriegsparteien haben das bekommen, wofür sie Krieg geführt hatten. Jede sogenannte Ethnie lebt in ihrem auf Schmerz, Leid und Gewalt gebauten Refugium. Zudem hat sich der Hass, der von allen Seiten nach wie vor geschürt wird, als probates rhetorisches Mittel erwiesen, mit dem die nationalistischen Gelüste gefüttert und die sozialen Missstände überdeckt werden können. Den Morast aus Lüge, Korruption gepaart mit einer politischen Elite (hier rede ich hauptsächlich von Serbien, jedoch ist dieses Phänomen in vielen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens ersichtlich), die ihrer Zeit sich mitverantwortlich zeichnete für die Hetze und die Legitimation der Kriege – diesen Morast in etwas Fruchtbares wie eine Demokratie mit unabhängigen Institutionen zu verwandeln wird eine Generationenaufgabe 

osTraum: In Deinem Buch kommt tatsächlich ein Generationenkonflikt zum Vorschein. Die Jungen, die den Krieg bewusst erlebt haben und andererseits die Eltern, die ihn verursacht und gekämpft haben. Inwieweit, findet hier mittlerweile eine (offene) Konfrontation statt? In Deinem Buch ist es ja auch mehr angestaute Wut, die sich dann doch nicht richtig entlädt.

Marko: Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass ein Prozess der Konfrontation stattfindet, je nach Land und Beschaffenheit der Medienfreiheit. In Serbien sehe ich viele gutgemeinte und aufrichtige Dialogversuche ins Leere laufen. Länder wie Serbien oder Kroatien sind nach wie vor vom Nationalismus tief geprägt. Er ist zu einer gefährlichen Karikatur geworden. In den Städten wiederum – Belgrad, Zagreb, Sarajevo – nehme ich bei den Jungen, die ja eine treibende Kraft bei solchen Bestrebungen sein sollten, vermehrt eine Müdigkeit wahr. In Belgrad gehen die Menschen seit den frühen 1990er Jahren auf die Straßen. Manche lassen sich das nicht mehr gefallen und wandern aus. Daher ruht meine Hoffnung auch in der Diaspora. Die Dialoge gestalten sich hier öfters einfacher als in den Ländern selbst.

osTraum: Wie hast Du selbst die Zeit der Kriege erlebt?

Marko: In meiner heutigen Vorstellung glich die damalige Gesellschaft einer unter der Kuppel lebenden Gemeinschaft, die nicht wirklich wusste, was außerhalb geschieht. Die Besatzung Sarajevos etwa ist ein gern verschwiegenes Verbrechen. Diese Isolation bedingte auch eine gewisse Wut, die sich später auf den Straßen entlud – vergeblich, wie sich herausstellte. Ich für meinen Teil war noch ein Kind während des Bosnien- bzw. Kroatien-Kriegs. Deshalb kann ich nur eine Stimmung herbeischwören und beschreiben, die von dieser ernstzunehmenden Isolation zeugt: graue Gesichter, Armut, eine menschenleere Innenstadt, geschlossene Läden. Erst später erfuhr ich, dass meine Eltern während der Sanktionen kurze Zeit nicht wussten, wo Essen aufzutreiben sei. Als Kind nimmt man so etwas nur spärlich auf. Das Bombardement 1999 war wiederum eine andere Geschichte. Ebenso eine sonderbare Zeit: Nach wie vor Kind fühlte ich mich unter Kindern frei, weil wir in den ersten Tagen nicht wirklich fassen konnten, was um uns geschah. Wir hatten lediglich schulfrei. Wenn man jedoch eine Bombendetonation am eigenen Leib spürt, ändert sich die Perspektive schlagartig. Der Versuch einer Ordnung dieser Erfahrung, aber auch ein Perspektivwechsel in meinem Leben ist in gewisser Weise der Roman „Die guten Tage“.

osTraum: In einem anderen Artikel las ich, dass gerade die im Dayton-Abkommen festgehaltenen Einigungen zur Schärfung der Abgrenzung bzw. des Bewusstseins für die jeweilige Ethnie geführt haben, somit also eher die Gräben vertieft und nicht geschlossen würden. Deckt sich dies mit Deiner Einschätzung?

Marko: Wie bereits erwähnt, denke ich, dass die Kriegstreiber, im Grunde, ihr Ziel heutzutage erfüllt sehen. Alle leben, mehr oder minder, segregiert. Manche von diesen Politikern und Verbrechern weilen noch heute unter uns als Staatsmänner oder sie genießen immer noch eine Medienpräsenz. Für die junge Generation gibt es in solch einer Patt-Situation nicht viel Spielraum: entweder man kämpft, lässt sich tausend Mal zermalmen und hofft auf einen Tag, an dem die Politik sich endlich um ihre Institutionen kümmern wird. Oder man spielt mit in der Gefahr, ein Apparatschik zu werden. Oder man wählt die Diaspora in der Angst, den Kompass zu verlieren und nicht mehr zu wissen, ob man überhaupt berechtigt ist, für die gute Sache zu kämpfen. Also ja: Die Gräben, in die man fallen kann, sind tief – vielleicht auch tiefer denn je.

osTraum: Um die Thematik ein wenig zu wechseln: Du beschreibst im ersten Teil des Buchs die Anreise nach Belgrad mit dem „Gastarbeiter-Express“. Ich schätze, Du hast auch einige Erfahrungen mit dem Bus gemacht, und wahrscheinlich ranken sich – ähnlich wie bei der Mitfahrgelegenheit – unendliche Mythen und Geschichten darum. Was war die skurrilste Geschichte, die Du gehört oder erlebt hast?

Marko: Mir war es wichtig, eine kleine Mythologie des Busses zu erfinden: Der Bus als Nicht-Ort, der sich gleichzeitig der Diaspora-Kultur eingeschrieben hat wie kein anderes Fortbewegungsmittel. Alle Geschichten, die sich in diesem Bus abspielen, habe ich auf die eine oder andere Art erlebt. Welche von ihnen mir die liebste ist, könnte ich nicht sagen.

osTraum: Das Buch beschreibt auch verschiedene Wege der Migration – der Onkel in Deutschland, der Erzähler in Österreich als „Hilfskraft“. Ist das das Schicksal der Überlebenden Migration oder leben ohne Zukunft in der Heimat?

Marko: Nein, so drastisch würde ich es nicht formulieren, sonst spräche ich den Leuten ihre Würde oder gar eine Zukunft ab. Wir müssen uns aber durchaus die Frage stellen, was Migration mit all diesen Gesellschaften macht, die eine derart große Diaspora haben? Wie verändert sich deren Beschaffenheit? Wie wirkt sich das auf das Leben der Menschen in den jeweiligen Ländern aus? Europa hat kein Problem mit Zuwanderung. Europa hat ein Problem mit Abwanderung. Die Frage ist nur: Wenn wir Europa sagen, was meinen wir dann damit? Es ist richtig, dass viele den Weg der Diaspora gehen, zumal junge und gebildete Menschen, die in der Migration nicht weniger als die Chance nach jener Perspektive sehen, die ihnen in der Heimat verwehrt bleibt. Ohne tiefgreifende Reformen sehe ich sowohl für die EU als auch für die sogenannten Herkunftsländer keine Zukunft.

osTraum: Inwieweit ergibt sich hierdurch eine Spaltung in der Gesellschaft zwischen denen, die gegangen sind und denen, die zurückblieben? Wie ist das „Image“ derer Auswanderer? Wie beeinflusst die Migration das Selbstverständnis einer Nation bzw. seiner Bürger?

Marko: Wenn der serbische Präsident Aleksandar Vučić in seiner ganzen Verlogenheit die Abwanderung der Jugend betrauert, nur um im gleichen Atemzug jene zu verdammen und bloßzustellen, die wegen der Pandemie vom Ausland wieder zurück in ihr Heimatland zurückkehrten, dann zeugt dies von der Armseligkeit einer Politik, die der eigenen Bevölkerung zutiefst misstraut und sie verachtet. Die Spaltung ist seit den 1990er Jahren das Hauptanliegen der Politik in Serbien, aber auch in der gesamten Region. Statt Politikern sitzen Sadisten in den Parlamenten. Menschen, die sich aufs Melken des Stimmviehs bestens verstehen. Gleichzeitig bekommen diese Leute die Legitimität vonseiten der Länder der EU, deren Vertreter*innen in den Belgrader Botschaften wiederum sich bestens aufs Däumchendrehen verstehen.

osTraum: Wie siehst Du die Rolle Europas für die Zukunft des ehemaligen Jugoslawiens? Man hat manchmal den Eindruck als wüsste Europa nicht recht wie mit den Ländern umzugehen ist…

Marko: Zunächst einmal sind diese Länder ein Teil Europas, und das, was Du meinst ist die Europäische Union. Gerade in der Definition Europas sehe ich ein großes Problem. Dieser vonseiten der EU gepachtete Begriff eines Europas, das nach den Maßstäben der Wirtschaft, zumal jener der nördlichen Länder gemeißelt ist. Europa war und ist mehr als das. Dass nun seit 2005 krampfhaft versucht wird, ein Wertesystem über das ganze kapitalistische Gebaren zu stülpen, ist beinahe zynisch, bedenkt man, wie sich die EU, allen voran Deutschland, im Falle Griechenlands verhielt – lächerlich. So denke ich, könnte die EU durchaus aus dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens Lehren ziehen. Bei einem derart entfesselten Markt wird sich das jedoch schwierig gestalten. Die Menschen schreien so lange Europa oder EU, bis ihnen die Kohle oder das Fressen ausgehen – genauso wie sie Jugoslawien oder Brüderlichkeit oder Einigkeit geschrien haben, bis ihnen in den 1980er Jahren das Geld ausging. Für eine europäische Identität oder gar eine Perspektive braucht es mehr.

osTraum: Wenn man bei Literatur über Jugoslawien immer nur an Peter Handke denkt und Du immer dazu gezwungen bist, über ihn zu sprechen, gibt es andere Autor*innen, die es zu entdecken gibt?

Marko: Ja, da denk ich an Danilo Kiš, Aleksandar Tišma, Mirko Kovač, Borislav Pekić, Dubravka Ugrešić und Slobodan Šnajder. Da gibt es aber noch mehr. Zudem glaube ich nicht, dass die erste Assoziation bei Literatur über Jugoslawien Peter Handke ist. In Deutschland vielleicht, wo ich eine beängstigende Unkenntnis der Jugoslawienkriege feststellen musste, obwohl deutsche Tornado-Flieger 1999 auf dem Balkan im Einsatz waren. Es ist erschreckend, was im Zuge der Handke-Debatte an Schwachsinn in den deutschen Medien gedruckt wurde – von den Auslassungen in den sogenannten Sozialen Medien ganz zu schweigen. In Österreich sehe ich dahingehend größeres Interesse. Der Balkan beginnt ja bekanntlich bei Wien. Dementsprechend sind die Leute informierter, aber auch interessierter, was den südosteuropäischen Raum angeht. Auf ihren Handke aber, der vorwiegend von österreichischen Germanist*innen in den Rang eines Goethes gehoben wurde (noch eine Lächerlichkeit!) – möchten auch die Österreicher*innen nicht verzichten.


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Foto Marko Dinić © Leonhard Pill / Zsolnay

Buchcover © Zsolnay

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