Russische Filmwoche Berlin: Frauen im Krieg

Die Highlights der Russischen Filmwoche Berlin waren dieses Jahr definitiv Ayka (2018) und Bohnenstange (2019). Warum? osTraum stellt euch die beiden Filme vor und spricht über das Festival.

AYKA (2018)

Text: Aleksej Tikhonov

Ayka ist auf der Suche nach dem American Dream in der russischen Hauptstadt. Für ihren Traum von einer eigenen Änderungsschneiderei lässt sie alles über sich ergehen. Krankheiten, Schwangerschaft und die Geburt sind dabei Störfaktoren und nichts weiter. Oder doch?

Der Regisseur Sergey Dvortsevoy zeigt das Leben einer jungen Frau fernab ihrer Heimat Kirgisistan. Гастарбайтеры (Gastarbaitery) sind in Russland hauptsächlich Menschen aus post-sowjetischen Ländern Zentralasiens, die in russischen Städten Geld verdienen, das sie ihren Familien in die Heimat schicken. Dabei übernehmen sie jede Arbeit – Winterdienst, Bau, Gebäudereinigung, Autowäsche – und ackern für Dumpinglöhne oder im schlimmsten Fall für Essen und Unterkunft.

AYKA thematisiert das Unausgesprochene der russischen Gesellschaft – den rechtsfreien Lebensraum, in dem die illegalen Arbeitsmigrant*innen vor allem in Moskau versuchen, ihr Leben in der Heimat ein Stück besser zu machen. Besonders Frauen trifft es schwer. Vergewaltigung? Krankheit? Mord? Keinen interessiert es, denn offiziell existieren diese Menschen nicht. 2018 wurde die Hauptdarstellerin Samal Jesljamova bei den Filmfestspielen von Cannes für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet. Sie ist die erste post-sowjetische Schauspielerin, die diesen Preis erhalten hat.

BOHNENSTANGE (2019)

Text: Maria Gerasimova

Nachkriegs-Leningrad. Das Jahr 1945. Ija arbeitet im Hospital und passt auf kleinen Paschka auf. Sie existiert zwischen ihren Pflichten der Krankenschwester, Alltäglichkeiten der Gemeinschaftswohnung und kurzen Momenten der Bewusstlosigkeit infolge einer Kontusion. Als ihre Kriegsfreundin Mascha von der Front zurückkehrt, wollen die beiden das kriegslose Leben genießen. Aber auch wenn der Krieg zu Ende ist, lassen seine Spuren sie nicht los.

Der zweite Film des jungen russischen Regisseurs Kantemir Balagow (hier im Gespräch mit Jurij Dud‘) erzählt die Geschichte der Frauen, deren Beziehungen schwer zu beschreiben sind. Liebe. Hass. Machtsucht. Angst.  Sie lieben und quälen einander. „Bohnenstange“ ist in erster Rolle eine Frauengeschichte. Die Männer sind hier fehl am Platz, sie sind schwach und nutzlos. Der Verehrer von Mascha ist ein Grünschnabel, ein Muttersöhnchen, ein Parteibonze. Und selbst der Chefarzt aus dem Ijas Hospital, ein Mann mit hartem Kern, gibt auf, wenn er von der Frau in die Sackgasse getrieben wird. 

„Bohnenstange“ ist traurig, aber nicht trist; hart, aber dafür unglaublich schön. Kantemir Balagow zeigt uns die 40er in Sowjetrussland mal von der anderen Perspektive. Es wird keine einzige Kriegsszene gezeigt, aber wir spüren den Krieg in jeder Aufnahme. Eine Geschichte, die nicht so leicht zu vergessen ist. 

Das Festival

Text: Aleksej Tikhonov

Von den 14 Filmen des Festivals beschäftigten sich 5 Filme mit Krieg oder seinen Folgen. Ebenfalls 5 Filme zeigten schwere Frauenschicksale. In manchen Filmen standen beide dieser Themen im Fokus. Einerseits ist die Wahl der Themen lobenswert, denn sie passt zur aktuellen heißen Debatten der russischen Gesellschaft – Gewalt an Frauen in ihren eigenen Familien und das Selbstbestimmungsrecht im Bezug auf Abtreibungen. Außerdem wird die kommunistische Zeit aufgearbeitet. Anderseits stellen sich auch Fragen danach, ob die Filme zeigen sollen, dass es Frauen gibt, denen es schlechter geht als mir? Dass es Zeiten gab, die schlimmer waren als das Jetzt? So gesehen, haben sich die russischen Bürger*innen nicht zu beschweren. Übrigens gab es bei dem Festival eine einzige Komödie Odessa und die ist über die Ukraine der 1970er Jahre, gedreht in Russland heute. In der Ukraine wurde der Film so „gut“ aufgenommen, dass alle Darsteller*innen nun von der Ukraine ein Einreiseverbot bekommen haben. Es war auch überraschend, dass die Tragikomödie The Humorist (2019) es ins Programm nicht geschafft hat. War der Soundtrack des Rappers FACE zu politisch?


WIE FANDET IHR DAS DIESJÄHRIGE FESTIVAL?


Fotos in der Titelgrafik
aus dem Pressekit der Russischen Filmwoche Berlin


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