Pjotr Pawlenski: Aktionskunst mit Feuer, Blut & Hoden

Der russische Aktionskünstler & Aktivist Pjotr ​​Pawlenski nähte sich den Mund zu, wickelte sich in Stacheldraht ein, schnitt sein Ohrläppchen ab und nagelte seinen Hodensack an die Pflastersteine des Roten Platzes vor dem Moskauer Kreml. Eine seiner Aktionen war auch die Brandstiftung der des FSB-Gebäudes am Lubyanskaya-Platz. Er zündete die Tür des Gebäudes des russischen Geheimdienstes an, um damit die Krim- und die russischen Aktivist*innen zu unterstützen, die wegen Terrorismus verurteilten wurden.

Die „Naht“ (2012) als Unterstützung für die Inhaftierten Mitglieder von Pussy Riot

Im Frühjahr 2016 sollte Pawlenski den Václav-Havel-Menschenrechtspreis erhalten [dotiert mit 60 000 €]. Er versprach, den Preis an die „Primorsky-Partisanen“ zu überreichen – einer inhaftierten bewaffneten Gruppe, die sich nach ihrer Definition mit der „Bekämpfung der Gesetzlosigkeit der Polizei“ befasste. Infolgedessen erhielt der Künstler den Preis doch nicht. Am 8. Juni 2016 wurde Pawlenski aus der Untersuchungshaftanstalt entlassen und zur Zahlung einer Million Rubel [ca. 13 500 €] verurteilt. Er weigerte sich aber, das Geld an den Staat zu zahlen.

moloko plus & osTraum präsentieren die Lebensregeln unseres Zeitgenossen und Nachbarn, der eine Gerichtssitzung in eine künstlerische Handlung und eine künstlerische Handlung in einen Terrorakt verwandelt.

Ein Text von Ekaterina Kryukova & Nina Abrosimova, ins Deutsche übertragen von Aleksej Tikhonov.

„Malewitsch war zwei Mal im Bau“

1. DIE MACHT DER KUNST

Ich habe an der Kunst- und Industrieakademie Stieglitz in St. Petersburg und an der Pro Arte Foundation studiert. Ich habe einmal eine Wachsskulptur gemacht. Ich hätte so ein Künstlerdasein fortsetzen können und Skulpturen machen. Nach dem zugenähten Mund erreichte ich aber den Punkt, an dem ich die Angst verspürte, dass ich, wenn ich nichts derartiges tun und schweigen werde, dann werde ich nicht in der Lage sein, ein Mensch zu bleiben. Ich würde dann überhaupt nichts tun können.

2. Kunst gegen den Stillstand

Viele Jahrhunderte lang war die Kunst gezwungen, den herrschenden Regimen zu dienen. Es war ein wirksamer Apparat zur Einführung ideologischer Paradigmen. Die Verantwortung für die Situation der Stagnation liegt bei jedem von uns. Und zumindest deshalb möchte ich nicht an einem anderen Ort leben.

3. Deko vs. Kunst

Ich kämpfe mit Dekorationen, Dekorateuren und dekorativen Künsten. Es gibt dekorative Kunst, aber es gibt eine große Anzahl von Menschen, die damit beschäftigt sind, diese Dekorationen zu kreieren, zu stärken und zu verfeinern. Die Aufgabe besteht darin, diese Dekoration entweder zu zerstören oder wegzubewegen, damit das Geschehen in unserer Gesellschaft offensichtlich wird.

Vor der „Abtrennung“ (2014)

4. Das Ziel einer Performance

Zu einer Performance gehören eine Ankündigung, Zuschauer, eine vorbereitete Bühne, Vereinbarungen mit dem Direktor, den Kuratoren und anderen administrativ verantwortlichen Mitarbeitern. Eine Aktion dagegen ist ein Angriff auf Vorschriften, eine Invasion, ein Bruch mit dem Alltag. Die Konsequenzen und Optionen für die Entwicklung der Aktion sind niemandem bekannt.

5. Alltag = Gefängnis

In all meinen Arbeiten spreche ich über das Gefängnis des Alltags und die Möglichkeit der Befreiung aus diesem Gefängnis. Die „Naht“ (der zugenähte Mund), das „Leib“ (Pawlenski in Stacheldraht), „Fixierung“ (an den Roten Platz angenagelte Hoden) und „Abtrennung“ (das abgeschnitte Ohr an der Mauer der Psychiatrie) sind das Gefängnis des Alltags. „Freiheit“ (2014) (Brand vor der Auferstehungskirche in St. Petersburg – dem Tatort des tödlichen Anschlags auf russischen Zaren Alexander II. (1881)) ist die Möglichkeit der Befreiung. Und die „Bedrohung“ (die angezündete Tür des FSB, 2015) ist die Kraft, die dich in diesem Gefängnis hält.

Nach der „Abtrennung“ (2014)

6. Polizeigewalt als Kunst

Wenn eine Aktion ausgeführt wird, wird ein semantisches Netz gewebt. Vertreter der Behörden sind dabei wie Arthropodeninsekten – fühlen sich vom Geruch der zersetzten Materie staatlicher organischer Stoffe angezogen. Sie fliegen zu diesem Geruch und verwickeln sich so in das Netz. Je mehr sie Schläge von ihnen kommen, desto mehr engagieren sie sich in dieser Aktion. Das einzige, was für den Künstler zu tun ist, ist jede Bewegung zu stoppen, damit sie sich fester in das Netz verweben.

7. Gesetzlosigkeit der Polizei

Es ist nicht die bürokratische Gesetzlosigkeit, die der Gesellschaft die Möglichkeit zum Handeln nimmt, sondern die Fixierung auf unsere Niederlagen und Verluste. Sie wird uns immer enger an die Kremlpflastersteine ​​nageln, wodurch aus Menschen eine Armee apathischer Idole entsteht, die geduldig auf ihr Schicksal warten.
Ich stehe nicht auf, wenn der Richter hereinkommt. Auch den Rest der Vorschriften ignoriere ich. Vor Gericht unterliegt jeder einem rituellen Tanz. Sie setzten sich und standen wieder auf. Einer sagte, der andere antwortete. Sie sagen – Steh auf! Setz dich! Beweg dich! Du tanzt aber nicht und siehst anderen beim Tanzen zu. Dies unterstreicht die Künstlichkeit all dessen.

Das Gericht versteht nichts. Das Gericht schaut auf die Papiere. Alles beginnt mit einem Bericht und endet mit einer Definition/einem Beschluss. Endlose Migration von Papieren. Glaubst du, ich bin daran interessiert, mehr Papier zu produzieren?

8. Ich bin ein Terrorist

Ich bitte darum, mich wegen Terrorismus zu verurteilen. Sie selbst haben mich in eine Win-Win-Position gebracht – Ich kann mehr von ihnen verlangen, als sie geben können. Dies ist eine Forderung gegen die Heuchelei von Richtern, Staatsanwälten und anderen Trägern des bürokratischen Apparats. Diener dienen dem Idol des Strafgesetzbuchs und überwachen die Durchführung bürokratischer Rituale. Das Idol braucht Menschenopfer, um seine Existenz in der tatsächlichen Realität sicherzustellen. Mein Ziel ist es, die Mechanik dieses strafrechtlichen Förderbandes für die Produktion von Kriminellen aufzudecken.

Das „Leib“ (2013)

9. Staatsterror

Terrorismus ist Einschüchterung. Es ist eine Kontrollmethode. Dem Terror geht eine schwächere und prekäre Position der Organisation voraus, die die Macht innehat. Terroristen und Aufständische sollten nicht verwechselt werden. Die ersteren bestätigen die Macht, während die letzteren sie widerlegen. Nein, der antike Brandstifter Herostratus hatte nichts mit Terrorismus zu tun. Nein, ich glaube nicht, dass ich etwas mit Gandhi gemein habe. Russland ist doch „gewaltfrei“ und ich bin „ängstlich“, „akkurat“, „berechnend“

10. Schwarzer Quadrat von Malewitsch & der geschlossene Kreis der Kriminalität

Malewitsch war zwei Mal im Bau. Ich möchte, dass es nicht dazu kommt, dass später, nach einigen Jahren, neue Generationen dorthin zurückkehren. Wir bewegen uns im Kreis. Ich habe ein Ziel – aus diesem Produktionskreis von Kriminellen auszubrechen.

11. Die Zeit gehört uns

Was ist das Wertvollste, was eine Person hat? Die Zeit. Angenommen, eine Person hat 80 Jahre. Die Aufgabe aller Apparate und Institutionen ist es, sich diese Zeit zu nehmen, um eine Person in solche Strukturen, Handlungsabläufe und Lebensziele einzubeziehen, dass sie einfach ihre ganze Zeit an sie abgibt.

12. Verhindert das Töten den Tod?

Wer ist mehr für den Tod von Hunderten von KZ- oder Gulag-Häftlingen verantwortlich – die beiden Aufseher, die sie bewachen, oder die Gefangenen selbst? Immerhin gehen sie bewusst in den Tod, ohne zu versuchen, die Wachen zu töten oder zu fliehen.

13. Der Körper als Materie der Kunst

Beim Masochismus geht es darum, dass etwas getan wird, um Schmerzen zu fühlen. Aber ich verstehe den Körper als Materie etwas anders. Der menschliche Körper befindet sich in einem Mechanismus der Macht, des Staats und der Gesellschaft – der Körper wird beschuldigt, eingesperrt, verletzt. Ich zeige all diese Prozesse an meinem Körper, weil mein Körper Teil eines größeren sozialen Körpers ist.

Die „Fixierung“ (2013)

14. Kunst als Krankheit, Denken als Krankheit

Ärzte haben diagnostisches Denken. Ich habe gesehen, was sie schreiben: „Expansive schizoide Charaktereigenschaften mit einer Vorliebe für überbewertete Formationen mit Ideen des Reformismus“, „diverse hysterische Manifestationen“ und „überschätztes Selbstwertgefühl“. Wenn du dem Fernsehen nicht glaubst und die offizielle Ideologie nicht teilst, hast du ohnehin schon ein überschätztes Selbstwertgefühl.

15. Künstler als Patient

Für Patienten gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder werden sie auf eine Trage gebracht und sie sabbern bereits – dann ist es ein normaler. ein guter Patient. Wenn sie sprechen und Fragen stellen, dann gehört der Patient zur Kategorie von Gewalttätigen, die sich versuchen einzumischen. Solche Menschen werden in Krankenhäusern gefoltert – erwachsene Menschen werden gefesselt, in Windeln gesteckt und an den Wänden werden Züge aufgemahlt. Es soll angenehme Kindheitserinnerungen hervorrufen.

16. Ich habe einen Pass

Ich benutze einen Reisepass. Ich überquere die Grenze legal. Ich könnte einen Pass ablehnen, es würde das Leben stark verändern. Das wäre aber eine Arbeit mit anderen Bedeutungen. Ich kann nicht alle Bedeutungen gleichzeitig erfassen.


Bei der Erstellung des Textes wurden Materialien aus den Publikationen von „Snob“, „Spektr“, „Bumaga“, „Bol’shoy Gorod“, „Novaya Gazeta“, FURFUR, „Grani.ru“ sowie Fragmente aus der persönlichen Korrespondenz mit Pjotr Pawlenski verwendet.


Der Text spiegelt nicht die Meinung der osTraum-Redaktion wider, er enthält aber Impulse, die kritisches Denken und Reflektieren anregen.


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Titelfoto: Nigina Beroeva (AFP);
Fotos: „Abtrennung“ von Oxana Shalygina (Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International @ Wikimedia); „Leib“ von Lichtfilm

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