Aus dem Lot geraten – Chlebnikovs „Arrhythmia“

Der russische Regisseur Boris Chlebnikov hat mit „Arrhythmia“ einen nachdenklich stimmenden Film gedreht, der sich große Fragen vornimmt: Wie viel Ökonomisierung verträgt der Medizinsektor? Wie lässt sich die Abwärtsspirale von Streit und Stress in einer Beziehung durchbrechen? Wie sind persönliche Ideale und Ambitionen mit schwierigen gesellschaftlichen Umstände in Einklang zu bringen?
Der Film über ein junges Ärztepaar endet in einer Szene, die als beispielhaft für den ganzen Films steht: Ein im Stau stehender Krankenwagen. Die Autos geben die Spur trotz Blaulicht und Sirene nicht frei. Erst als einer der Rettungshelfer aussteigt und die Autos einzeln zur Seite winkt, kann der Krankenwagen Fahrt aufnehmen – für einige Hundert Meter. Dann schließen sich die Autoreihen wieder, dichter und undurchdringlicher als zuvor, für den Krankenwagen gibt es kein Durchkommen. Alle Mühen umsonst.

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Der Blick der Kamera aus dem Krankenwagen: Die Hoffnung auf freie Fahrt löst sich nach wenigen Hundert Metern auf.

Etwas ist aus dem Lot geraten: Oleg und Katja stehen ohne Unterlass unter Stress. Sie trennen sich, aber die gemeinsame Wohnung bindet sie vorerst aneinander. Neben der anstrengenden Arbeit – Katja im Krankenhaus, Oleg im Krankenwagen – bleibt keine Zeit und Energie für die Auseinandersetzungen, denen das Paar nicht ausweichen kann. Episodenhaft reiht Chlebnikov die Szenen von Arbeit und Berufsleben aneinander: Auf die belastende Arbeit im Krankenwagen folgt Streit in den eigenen vier Wänden. Oleg greift bedenklich oft zur Flasche, veranstaltet Saufgelage in der kleinen Wohnung, die Katja den knappen Schlaf rauben. Gleichzeitig gerät Olegs eigenwillige Arbeitsweise durch einen neuen Vorgesetzten unter Druck, der sich der ökonomischen Optimierung der Notfallhilfe verschrieben hat. Die heikle Frage, ob ein auf das größte allgemeine Wohl abstellender Algorithmus oder die individuellen Bedürfnisse der konkreten Patientin die Behandlungsdauer bestimmen sollen, wird bedrückenderweise über Gewalt gelöst: Im Treppenhaus wird Oleg von seinem auf Optimierung getrimmten Vorgesetzten niedergeschlagen.

Ursprünglich als Beziehungskomödie geplant, ist „Arrhythmia“ durch den aufreibenden Beruf der Hauptfiguren zu einer nachdenklichen Milieustudie geworden. In den Worten von Boris Chlebnikov: „Wir haben das nur mit dem Finger angerührt…und sind auf ein Knäuel von Problemen gestoßen: die vernichtende Medizinreform, die Kürzung bei den Ärzten, Unsinn, Chaos. Unsere Realität.“
Der für seine Realitätsnähe gelobte Film führt eindrucksvoll und filmisch versiert Alltagsausschnitte vor Augen, die insbesondere einem gesunden und erfolgreichen Publikum fremd sein dürften. Doch dem Film gelingt es nicht, die angerissenen Themen zu behandeln: Oleg ist ohne jeden Zweifel Alkoholiker – aber ist das überhaupt wichtig? Oleg ist entweder mit den Problemen seiner Patient(inn)en oder seinen Beziehungsproblemen beschäftigt. Für eine Auseinandersetzung mit dem selbstzerstörerischen Alkoholkonsum bleibt kein Raum, sodass dieser im Film mitunter als eine beiläufige Nebensächlichkeit präsentiert wird. Folgerichtig wird Olegs Idealismus in allen Zusammenfassungen des Films betont, sein Alkoholismus aber verschwiegen.
Auch die Beziehungsgeschichte lässt Fragen offen: Wie lange kennen sich die beiden, was hat sie zusammen gebracht, seit wann streiten sie sich? Die einseitige Fokussierung auf die männliche Hauptfigur lässt Katjas Schicksal in den Hintergrund treten, obwohl sie ebenso im Medizinsektor arbeitet, in der gleichen verfahrenen Beziehung steckt und zusätzlich unter dem Alkoholismus des streckenweise übergriffigen Olegs zu leiden hat. Dabei ist es Katja, die zum imaginierten Mikrofon greift und einen Popsong von Sommer, Segeln und frischer Liebe performt, durch den Oleg und sie sich wieder näher kommen. Doch die kurzzeitige Erleichterung wird schon bald von einer beklemmenden Ahnung bedrängt: Alle Mühen umsonst.

Boris Chlebnikov hat einen ansprechenden Film vorgelegt, der nicht all die gewichtigen Fragen behandelt, die er aufwirft.


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Bildquellen: © кинокомпания «Марс Медиа», кинокомпания «СТВ»

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