Rätselhafte Popmusik: Frühlingsgefühle und Zinksärge

Die russische Popformation „Самое большое простое число“ (kurz „СБПЧ“, dt. „Allergrößte Primzahl“ bzw. „CBPTsch“) hat pünktlich zum Frühlingsanfang eine lockere Platte mit luftigem Sound und eingängigen Texten veröffentlicht. Das Album mit dem Titel „Wir haben nicht geschlafen, wir wurden geträumt“ („Мы не спали, мы снились“) gibt es auf SoundCloud und auf YandexMusic zu hören.

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Bandleader Kirill Ivanov mit der neuen Sängerin Evgenija Borsich auf der Bühne in Moskau.

Auf dem neuen Album führen CBPTsch, die seit 2006 in wechselnden Formationen unterschiedlichste Musik machen, gekonnt das Einmaleins allgemeinverträglicher Popmusik vor: Die Texte sind trivial, für einen Song genügt eine Handvoll Sätze, die in verschiedenen Variationen mit teils poetischem Anflug zusammengeschmiedet werden. Im Song „Fehlschlag“ („Провал“) wird die Lebensweisheit „Alles, was schiefgehen kann, geht schief“ ein ganzes Duzend Mal wiederholt. Der Sound tendiert dabei zu unbetrüblicher Heiterkeit, ganz gleich, ob es um Fehlschläge oder Erfolge, um Sonnenschein oder Regen geht. Text und Sound verschmelzen gänzlich in den glatten Refrains, die ab dem zweiten Hören zum Mitsingen einladen.

An der neuen Pop-Perfektion scheiden sich die Geister: Was für die einen den erfreulich leichten Ton der Band ausmacht, lässt die anderen von einem „völlig leeren Album“ sprechen. Außer Acht bleibt dabei der Song „1999″, der sich wie ein blinder Passagier auf die Platte geschmuggelt zu haben scheint. Schon der Titel spielt auf den zweiten Krieg in Tschetschenien an, der im August 1999 begann und mit seinen Gewaltexzessen bis heute ein wunder Punkt für die russische Politik und Gesellschaft geblieben ist.

Der Song lässt die Bilder des Krieges eindrucksvoll wieder aufsteigen – die Zinksärge, in denen gefallene Soldaten unter dem Codewort „Ladung 200“ in die Heimat transportiert wurden, den Wodka, der die Soldaten bis zur Furchtlosigkeit benebelt, und die idyllischen Täler Tschetscheniens, in denen ein junger Hirte mit entstelltem Gesicht eine Kuhherde weidet.

Ich hab hier nichts zu verlieren
Alles, was ich verlieren konnte, hab ich verloren
Die Welt war wenig für die Jungs
Laut weint irgendjemandes Mutter
Ein Hüne von Freund verbirgt seine Tränen
Laut weint der hünenhafte Freund
Ein Junge mit Narbe im Gesicht
weidet die alten, traurigen, bösen [Kühe]
Der Zar rettet niemanden
Und ins Falsett rutschend
Schreie ich – du bist mein Alles
Schreie ich – du bist mein Alles


Мне тут нечего терять
Всё, что мог, я потерял
Этот мир парням был мал
Громко плачет чья-то мать
Прячет слёзы друг-амбал
Громко плачет друг-амбал
Мальчик с шрамом на лице
Старых, грустных, злых пасёт
Никого царь не спасёт
И, срываясь на фальцет
Я кричу — ты моё всё
Я кричу — ты моё всё

Hinter der Figur des Zaren lässt sich unschwer der junge Wladimir Putin ausmachen, der die Soldaten eindringlich auf die „Aufgabe von prinzipieller Bedeutung“ in Tschetschenien eingeschworen hat. Durch seine offen politische Thematik sticht der Song „1999“ deutlich heraus. Die  Zeile „Du bist mein Alles und sogar noch ein bisschen mehr“ gewinnt im Kontext von Trauer um einen gefallenen Sohn und Freund eine aktualisierte, auf Leben und Tod ausgehende Bedeutung.

Doch die Brisanz des Songs bleibt meist unbemerkt, sie findet in den Besprechungen des Albums keine Erwähnung. Vielleicht, weil der Refrain „Du bist mein Alles und sogar noch ein bisschen mehr“ mit der gleichen Ausdauer in Schleife gesungen wird wie die anderen Refrains des Albums. Vielleicht, weil die Bandmitglieder selbst den Song nur auf seine Sommerhit-Tauglichkeit kommentieren und die politischen Dimension ausklammern (Bandleader Ivanov attestiert geringe Hit-Tauglichkeit). Sicher ist nur, dass das auf den ersten Blick apolitisch wirkende Album mit dem Song „1999“ eine unerwartete Zweideutigkeit gewinnt, die eine zweite Lesart zulässt: Geht es schlicht um unglückliche Liebe, wenn so nachdrücklich von „Fehlschlägen“ die Rede ist, oder wird hier subtil ein politischer Krisendiskurs in Bezug genommen? Sie bleibt rätselhaft, diese Popmusik.


Bildquellen: © Ivan Berdnikov und CBPTsch.


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