Im Vergleich zu anderen postsowjetischen und postsozialistischen Staaten Europas ist Russland heute unumstritten das queerfeindlichste Land. Nur Belarus kann wohl in diesem düsteren Wettstreit mithalten. Hass und Gewalt gegenüber queeren Menschen werden nicht nur selten verfolgt, sondern auch vom Staat selbst gefördert. Das Regime im Kreml hat die „internationale LGBT-Bewegung“ – eine Organisation, die in dieser Form gar nicht existiert – als extremistisch eingestuft und jede positive oder neutrale Darstellung von LGBTIQ*-Personen unter Strafe gestellt. Doch es gab auch eine andere Zeit.
Abgesehen von einer kurzen Phase Anfang der 1920er Jahre gab es ein Jahrzehnt, das etwas Queer-Freundlichkeit (oder zumindest Gleichgültigkeit?) in die russische Gesellschaft brachte: die 1990er. Bis in die frühen 2000er Jahre waren queere Motive in der russischen Popkultur immer wieder präsent. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war das Pop-Duo t.A.T.u. – zwei junge Frauen, die sich als lesbisches Paar inszenierten und mit ihren russischen und englischen Liebesliedern auch außerhalb Russlands bekannt wurden. Bis heute gelten t.A.T.u. als das kommerziell erfolgreichste popmusikalische Projekt aus Russland. Das Image eines lesbischen Pop-Duos war eine geschickt konstruierte Legende ihres Produzenten. Das Duo stürmte die Charts in Großbritannien, den USA, Japan und vielen weiteren Ländern. 2003 vertraten t.A.T.u. Russland beim Eurovision Song Contest in Riga. Mit dem Aufstieg Putins verschärfte sich die Lage für LGBTIQ*-Menschen in Russland jedoch stetig. Heute ist es nahezu unmöglich, in Russland als offen queere Person zu leben.
osTraum hat die 1990er und frühen 2000er Jahre in Russland genauer unter die Lupe genommen und sieben Lieder bzw. sieben Musikerinnen zusammengestellt, die den Zeitgeist dieser Ära widerspiegeln. Queere Identitätsmodelle und Beziehungen sowie Crossdressing sind die Leitmotive der Songs, die heute in Russland nicht veröffentlicht werden könnten, ohne dass die Interpretinnen mit Geldstrafen, Freiheitsentzug, gesellschaftlicher Verfolgung oder gar mit Mord rechnen müssten.
Diese Liste ist eine Hommage an eine fast vergessene Zeit, als die russische Popkultur einen kurzen, aber hellen Funken der Vielfalt erlebte. Lasst uns einen Moment innehalten und uns an diese mutigen Künstler*innen erinnern, die einst die russische Musikszene mit ihrer queeren Ästhetik und Botschaft bereicherten.
7. Ruki Vverch! – Er küsst dich (2002)
Das Musikvideo zu „Он тебя целует“ (Er küsst dich) von Руки Вверх! (Hoch die Hände!) ist ein faszinierendes und subtiles Pop-Meisterwerk und eine Hymne der Zeit. Der Song lief non-stop im Radio, auf MTV und bis kennen heute viele 30- bis 60-Jährigen den Text auswendig. Die mehrschichtige Erzählung über eine unglückliche Liebe, ein Versteckspiel und Selbstfindung. Unter der Oberfläche eines scheinbar klassischen Liebesliedes entfaltet sich eine tiefere, queere Geschichte, die berührt, zum Nachdenken anregt und zum Tanzen animiert.
Die Kameraarbeit ist intim und nah, oft in gedämpften Lichtverhältnissen gehalten, was die emotionale Dichte der Geschichte unterstreicht. Die Szenen wechseln zwischen melancholischen Momenten in der Einsamkeit und pulsierenden Clubnächten, die als Flucht vor der unerreichbaren Liebe dienen. Diese kontrastreichen Bilder spiegeln die Dualität des Lebens des Protagonisten wider: das Verlangen nach Nähe. Die queere Dimension wird in den Lyrics nicht explizit ausgesprochen, aber in Kombination mit dem Video meisterhaft dargestellt. Auf den ersten Blick eine einfache Dreiecksgeschichte gewinnt im Kontext des Videos eine tiefere Bedeutung. Zeilen wie „Он тебя целует, говорит, что любит, и ночами обнимает“ (Er küsst dich, sagt, dass er dich liebt, und umarmt dich nachts) erhalten einen bittersüßen Beigeschmack, wenn man erkennt, dass sie aus der Perspektive eines Mannes kommen, der diese Zuneigung für sich selbst wünscht. Die Worte spiegeln den Schmerz und die Sehnsucht wider, die unerfüllte Liebe mit sich bringt, und lassen den Zuschauer die Qual des Versteckspiels und der unterdrückten Gefühle nachempfinden.
Frontmann der Band Sergej Zhukov, der in Uljanovsk in einer tatarisch-russichen Familie geboren wurde, auch sein ehemaliger Bandkollege Aleksej Potechin haben sich nie zu LGBTIQ* bekannt und auch nie andere Bezüge, außer dem Video, zu LGBTIQ* hergestellt. In einigen Interviews betont Zhukov, dass das Sujet des Videos in den Händen des Produzenten lag und sie bis zur Veröffentlichung nicht wussten, was genau im Video gezeigt wird. Heute ist Zhukov ein aktiver Unterstützer des Regimes und tritt bei staatlichen Konzerten auf, welche die Annexion der Krym feiern. Das Video aus 2002 war damit womöglich das Bestreben des Produzenten, den Trend der frühen 2000-ern mitzumachen. Das Video bleibt ein Hit und hat heute rund 65 Millionen Views.
Interessanterweise haben sich weder Sergej Zhukov, der tatarisch-russische Frontmann der Band, noch sein ehemaliger Bandkollege und DJ Aleksej Potechin jemals zu LGBTIQ* bekannt oder sonstige Bezüge zur queeren Community hergestellt. In einigen Interviews betonte Zhukov sogar, dass das Sujet des Videos in den Händen des Produzenten lag und sie bis zur Veröffentlichung nicht wussten, was genau im Video gezeigt wird. Heute ist Sergej Zhukov ein aktiver Unterstützer des Regimes und tritt bei staatlichen Konzerten auf, welche die Annexion der Krim feiern. Das Video aus dem Jahr 2002 war damit womöglich das Bestreben des Produzenten, den Trend der frühen 2000er-Jahre aufzugreifen und etwas Provokatives zu schaffen. Mit rund 65 Millionen Views bleibt das Video ein Hit und ein bedeutendes kulturelles Artefakt.
6. Linda – Das Spiel mit dem Feuer (1993)
Die Lyrics handeln von einer Liebesbeziehung, die als ein Spiel ohne Regeln, Spiel mit dem Feuer oder Tanz auf der Decke beschrieben wird und letztendlich nach dem Ende des Tages – also nachts – ihren Höhepunkt in der Flamme der Kerze erreicht. Die Kerze kann aber leicht ausgehen und die Liebenden sollen sie aufrechterhalten. Das Video zu dem Lied zeigt Linda in ihrer fluiden Rolle – mal hat sie einen Schnauzer, trägt Anzug und ist von metrosexuellen Männern umgeben, mal trägt sie ein Abendkleid und hat rot geschminkte Lippen. Inszeniert wurde das Video vom russischen Regisseur Fedor Bondartschuk. Bondartschuk, der sich spätestens ab den 2000er Jahren als patriotischer Regisseur etablierte und enge Verbindungen zum Kreml pflegt, zeigte in diesem frühen Werk sein Talent für abwechslungsreiche und experimentierfreudige Arbeit ohne eine direkte politische Message:
Die Geschichte von Svetlana „Linda“ Geiman ist tief in den schwierigen Zeiten der Sowjetunion verwurzelt. Ihre Familie erlitt unter Stalins Regime schwere Repressionen. Während der großen stalinistischen Säuberungen wurde ihre Familie nach Kasachstan in ein Gulag deportiert, wo sie unter extremen Bedingungen lebten und in Bleiminen arbeiten mussten. Diese traumatische Erfahrung prägte die nachfolgenden Generationen und hinterließ Narben, die auch in Lindas künstlerischem Schaffen ihren Ausdruck finden. Ihr größter Hit bis heute Vorona (1996) – die Krähe. Mit seiner mystischen Atmosphäre, Menschen mit verwischten Gesichtern und den verfallenen Industrieanlagen kann das Video als eine Art Aufarbeitung des Familiendramas gelesen werden:
5. Marina Chlebnikova – Ein Glässchen Weinbrand (1999)
Von Anfang des Musikvideos an wird die Transformation aus einem Gender in das andere als ein magischer Akt dargestellt, was dem Video eine leicht hypnotische und zugleich kraftvolle Aura verleiht. Die Gendergrenzen werden verwischt und die fluiden Aspekte von Identitäten hervorgehoben.
Eine besonders bemerkenswerte Nuance des Videos ist die Präsenz der russischen Drag-Queens Gertruda Abort und Zaza Napoli. Diese beiden Künstlerinnen sind nicht nur Begleiterinnen in Chlebnikovas visuellem Experiment, sondern auch Symbole einer lebendigen und heute stark unterdrückten Subkultur in Russland. Zaza Napoli gründete 1998 in Moskau das Travestietheater Paradiesvögel (Райские птицы), das schnell zu einer der wichtigsten Plattformen für die Drag-Community in Russland wurde. In diesem Theater spielte auch Gertruda Abort, die sich schnell als herausragende Künstlerin etablierte. 2004 gewann Gertruda den Publikumspreis beim allrussischen Wettbewerb Miss Travestie Russland und belegte den zweiten Platz in der Gesamtwertung, was ihr einen festen Platz in der Geschichte der russischen Drag-Szene sicherte. Gertrudas Karriere endete tragisch im Jahr 2007, als sie im Alter von nur 28 Jahren starb. Die genauen Umstände ihres Todes bleiben bis heute für die Öffentlichkeit ungeklärt, was ihrer Geschichte eine bittersüße Note verleiht und die Herausforderungen unterstreicht, denen Drag-Künstler*innen in Russland gegenüberstehen.
Marina Chlebnikovas Zusammenarbeit mit Gertruda Abort und Zaza Napoli in ihrem Musikvideo war ein bedeutender Schritt zur Sichtbarmachung und Anerkennung der Drag-Community. Das Video stellt nicht nur ein künstlerisches Experiment dar, sondern auch einen Akt des Widerstands gegen soziale Normen und Vorurteile. Es ebnete den Weg für eine breitere Akzeptanz und Würdigung von Künstlerinnen, die traditionelle Genderrollen hinterfragen und neu definieren. Im Herbst 2009 erschien der Film Die Spaßvögel (Весельчаки), eine tragikomische Geschichte über das Schicksal russischer Drag Queens, der das kulturelle Erbe von Künstlerinnen wie Gertruda Abort und Zaza Napoli weiterträgt. Der Film zeigt die Kämpfe und Triumphe dieser Künstler*innen und erinnert an die unvergängliche Kraft der Kunst, gesellschaftliche Barrieren zu durchbrechen.
4. Zemfira – Willst du? (2000)
Die tatarisch-russische Sängerin und Songwriterin Zemfira ist wohl die bekannteste Pop Rock/Indie Rock-Interpretin Russlands. Bezeichnend sind dabei ihre tiefgründigen Texte, die trotz ihrer lyrischen Komplexität immer wieder zu Ohrwürmern werden. Geboren 1976 in der baschkirischen Hauptstadt Ufa, erlangte sie Ende der 1990er/Anfang 2000er Jahre große Popularität. Ihre Musik ist geprägt von emotionalen und oft introspektiven Themen, die eine breite Palette von Zuhörer*innen ansprechen. Zemfira gilt als eine der einflussreichsten Künstlerinnen der russischen Musikszene und hat im Laufe ihrer Karriere wenige Interviews gegeben, vor allem zu ihrem Privatleben. In Ihrem größten Hit Willst du? (2000) singt sie:
Bitte, Lebe weiter
Du siehst doch: Du bist mein Leben
Meine große Liebe
reicht völlig für uns zwei
Im Video sieht man dabei unter anderem eine Frau, die versucht einem Mann etwas zu sagen, doch er hört sie nicht. Er schleift Metall. Zwei junge Frauen laufen Hand in Hand lachend davon. Über dies alles schreiten in der Luft Unbekannte in Kluften hin und her. Ist es das anonyme und zugleich allgegenwertige Auge der Gesellschaft?
Die Beziehung zwischen der Zemfira und der tatarisch-russischen Schauspielerin und Regisseurin Renata Litvinova hat über die Jahre hinweg immer wieder für Spekulationen gesorgt. Die beiden prominenten Persönlichkeiten pflegen eine innige Freundschaft und enge kreative Zusammenarbeit, die oft als eine romantische Beziehung interpretiert wurde. Besonders die intensive Arbeit an Musikvideos und Filmprojekten, ihre öffentlichen Auftritte zusammen sowie Lyrics von Zemfira, die an Renata gerichtet sind, heizen die Gerüchteküche seit über 20 Jahren an. Trotz der ständigen Medienaufmerksamkeit und Spekulationen haben weder Zemfira noch Litvinova jemals eine romantische Beziehung offiziell bestätigt oder dementiert. Sie betonen vielmehr die professionelle und freundschaftliche Natur ihrer Verbindung. Die Wirklichkeit ihrer Beziehung bleibt somit im Bereich des Privaten, was Raum für zahlreiche Interpretationen und Vermutungen lässt. Schaut euch die gemeinsamen Musikvideos zu Liebesliedern an und bildet euch selbst eine Meinung:
Zemfira – In deinem Kopf zu leben (2014)
Zemfira – Kaktus (2023)
3. Oscar – Schmiere mit Vaseline (1999/2000)
Scarlett la Queen, früher bekannt als Oscar oder Schamil, war in den 1990-ern und den 2000-ern ein prominenter balkarischer Sänger. 1979 in Naltschik geboren, erlangte er Ruhm in ganz Russland Anfang der 2000-er mit den Hits „Schmiere mit Vaseline“ und „Zwischen mir und dir“. 2003 zog er in die USA, um seine musikalischen Ambitionen weiterzuverfolgen. Sie schuf die Drag-Figur Scarlett la Queen und gab 2020 bekannt, dass sie eine Transfrau ist. Heute lebt und arbeitet sie weiterhin in den USA. Oscar aka Schamil aka Scarlett la Queen ist eine der vielseitigsten und mutigsten queeren Künstler*innen Russlands der 1990-er und 2000-er, womöglich der ganzen russischen Pop-Geschichte. „Schmiere mit Vaseline“ wurde übrigens von Artur Atzalamov geschrieben – einem tschetschenischen Komponisten und Dichter, der die Auszeichnung als Volkskünstler Tschetscheniens verliehen bekommen hat.
Der Musikjournalist Aleksej Mazhaev (InterMedia) schrieb zu der Zeit der Erscheinung des Musikvideos:
Der einst gefeierte Schura, der das Publikum stets mit seiner zahnlosen Erscheinung erfreute und gelegentlich in Damenröcken oder Perücken auftrat, ist nun ziemlich müde und hat ernsthafte Konkurrenz bekommen. Sein Kollege Oscar hat ihn weit übertroffen. Nicht nur ohne Zähne, sondern mit künstlichen Narben am ganzen Körper, schwarzem Nagellack und brennenden Boxhandschuhen sorgt er für Aufsehen. Die Klubkultur hinterlässt eben deutliche Spuren im Erscheinungsbild. Es ist schon fast ein Muss, dass Freaks und Stars der Transvestiten-Shows auffällig aussehen müssen.
Dazu, wer Schura ist, kommen wir gleich. Die „Klubkultur“ aber tritt in der Reuension als Codewort für queer-freundliche Clubs und Partys in Russland der 1990-er auf. Wie auch bei einigen der vorherigen Songs wird hier klar: Wenn die Sonne untergeht, durften Menschen an speziellen Orten so sein, wie sie wollten. Tagsüber sah dann die Welt etwas anders aus. In dem bekanntesten Lied von Oscar „Zwischen mir und dir“ (2000) geht es lediglich nicht um das Nachtleben. Es geht um unglückliche Liebe, die der Sänger dem männlich gelesenen Protagonisten, der nur zum Schluss zu sehen ist, gegenüber empfindet:
Zwischen mir und dir bleibt der Wind,
Zwischen mir und dir sind nur die Worte: Wo bist du?
Es ist nicht deine Schuld,
dass ich krank nach dir bin,
Ich ergraue,
Du wirst zu mir kommen,
ich werde dich wärmen,
Ich bedaure dich
2. Schura – Kalter Mond (1997)
Der russische Pop-Sänger Schura (Шура), bürgerlich Alexander Medvedev, avancierte in den 1990er Jahren zu einem der schillerndsten und provokantesten Entertainer der russischen Musikszene. Mit seinen exzentrischen Auftritten und auffälligen Outfits brach er gesellschaftliche Tabus und wurde zu einer Ikone der LGBTIQ-Szene. Schura bekannte sich jedoch bis heute nicht offen zu seiner Homosexualität, wie auch die absolute Mehrheit seiner Kolleginnen in unserem Listicle. Nichtsdestotrotz brachte er queere Themen in das Rampenlicht einer sonst konservativ geprägten Gesellschaft. Seine Hits wie „Твори добро“ (Schaffe Gutes) (2000) und „Отшумели летние дожди“ (Die Sommerregen haben aufgehört) (1999) wurden zu Hymnen einer Generation, die nach Akzeptanz und Freiheit strebte. Durch seine mutige Selbstinszenierung und seine visuellen Aussagen trug Schura maßgeblich dazu bei, das Bewusstsein und die Sichtbarkeit für LGBTIQ*-Menschen in Russland zumindest für eine kurze Zeit zu erhöhen, was ihn zu einem wichtigen kulturellen und sozialen Vorreiter machte.
Nach seiner schweren Kndheit in Nowosibirsk – der Vater verlies früh die Familie, die Mutter schlug ihren Sohn immer wieder zusammen und gab ihn schließlich ins Heim – jobte er als Sänger im Restaurant „Rus'“, wo seine Großmutter Köchin gewesen ist. Seine Oma war auch die Schlüsselperson seiner Kindheit, die ihn als einzige wirklich gelibt hat. In den 2000ern durchlebte Schura die wohl schwersten Zeiten seines Lebens – Drogenabhängigkeit und Hodenkrebs, Entzug, Operationen, Chemotherapie und Rehabilitation in Russland und der Schweiz. In verganegen Jahren stellte er der Öffentlichkeit merhmals Freundinnen vor, die er für seine Lebensgefährtinnen ausgab. Lediglich waren es die verzweifelten Versuche, den homofeindlichen Starfgesetzen in Russland zu entgehen.
Das Musikvideo zu Schuras Hit „Kalter Mond“ (Холодная луна) (1997) zeigt die Quintessenz der russischen Popkultur der 1990er Jahre: Extravaganz wird großgeschrieben. In einer Zeit, in der Musikvideos als Kunstform in Russland noch in den Kinderschuhen steckten, setzte Schura neue Maßstäbe. Das Video zeigt den Sänger in surrealen, traumartigen Szenerien, die schnell von kaltem Mondlicht zu barock-sowjetischen Innenräumen und Partystimmung wechseln.
1. Boris Moiseev & Nikolaj Trubatsch – himmelblauer Mond (1998)
Boris Moiseev gilt als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten für queere Menschen in Russland und gleichzeitig als eine der umstrittensten. Bereits in den 1990er Jahren outete sich der Pop-Künstler öffentlich als homosexuell und setzte sich für das Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf Adoption ein. Dennoch kritisierte er Crossdressing im Alltag und betonte, dass dies ausschließlich auf die Bühne gehöre.
Im Jahr 2003 trat Moiseev der Putin-Partei „Einiges Russland“ bei und unterstützte wiederholt die Regierungen von Dmitrij Medwedew und Wladimir Putin. Er äußerte, dass Demokratie nicht unbedingt das beste politische System sei und er persönlich nichts gegen ein Einparteiensystem habe. Gleichzeitig sprach er sich gegen Pride Paraden in Russland aus, kritisierte jedoch die Einführung homofeindlicher Gesetze.
Trotz seiner konservativen Ansichten in gesellschaftlichen und politischen Fragen geriet Moiseev immer wieder ins Visier russisch-orthodoxer und muslimischer Geistlicher. Seit 2008 wurden vermehrt seine Konzerte auf Druck von Geistlichen abgesagt. Der offizielle Grund: Seine Musik würde die Gefühle von Gläubigen verletzen.
Künstlerisch bleibt Boris Moiseev unvergessen, besonders durch das Lied „Himmelblauer Mond“, das als Hymne der Homosexuellen in Russland gilt und große Erfolge in den Charts feierte. Moiseev performte das Lied zusammen mit seinem Kollegen Nikolaj Trubatsch. Trubatsch zufolge sah er in dem gemeinsamen Song einen skandalösen Hit. In den damaligen Zeiten, als es noch nicht verboten war, über Homosexualität zu sprechen, war die Zusammenarbeit eine profitable Entscheidung im russischen Musikgeschäft.
Die Lyrics des Liedes lassen wenig Raum für Interpretation:
„Es gibt eine Legende,
Über zwei Brüder, erzählt man sich,
Wie eine wahre Begebenheit, aber auch wie ein Märchen,
Vielleicht sind die Brüder unter uns?
…
Der jüngere Bruder verliebte sich mit reinen Gefühlen in die Königin,
Und eines Tages schenkte er ihr im Wald, im schattigen Wald, sein Herz,
Aber der ältere Bruder wählte ein Wunder, die Einsamkeit des Himmels,
Und alle wussten, dass er niemals ein Eroberer von Bräuten werden wird.
Der himmelblaue Mond war der Grund für alles,
Sagten alle um ihn herum,
Über diese seltsame Liebe,
Über diese seltsame Liebe,
Sie wurde ihm nie verziehen.“
Im Russischen steht das Adjektiv „himmelblau“ (голубой – goluboj) auch für „schwul“. Die Lyrics suggerieren, dass der „homosexuelle“ Mond den einen Bruder beeinflusst hat, sodass er keine Frauen mehr mag. Dass der Mond als Symbol der Nacht gewählt wurde, ist kein Zufall. Nur nachts, meistens in Clubs, spielte die sexuelle Orientierung keine Rolle, und alle konnten so sein, wie sie wollten. Diese Zeiten sind vorbei. Zwar existieren immer noch Nachtclubs für queere Menschen in Russland, doch die Regierung geht immer rigoroser und gewaltsamer gegen sie vor. Für queere Menschen, die in Russland bleiben, gibt es bald keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Öffentlich über ihre Sexualität und Genderidentität zu sprechen, bringt lebensbedrohliche Konsequenzen mit sich.
Boris Moiseev, geboren 1954 in Mahiljou (Belarus), verstarb 2022 in Moskau nach langer Krankheit. Als Interpret eines der wichtigsten Lieder seiner Zeit verdient er den ersten Platz in unserem Listicle.
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