Antislawismus und antiosteuropäischer Rassismus sind Themen, die in Deutschland noch weitgehend unter dem Radar bleiben. Sergej Prokopkin, der in Berlin lebt und als Jurist sowie Antidiskriminierungstrainer tätig ist, setzt sich seit einigen Jahren unermüdlich für ein größeres Bewusstsein und gegen diese Formen der Diskriminierung ein. Mit seinem Instagramkanal und als Mitbegründer des Zentrums für Antislawismusforschung e. V. hat er eine Plattform miterschaffen, um aufzuklären und zu sensibilisieren. osTraum hat Sergej drei Fragen gestellt, die aus unserer Sicht und für unsere Leser*innen aktuell am wichtigsten sind.
osTraum: Wie kam es zu der Gründung des Zentrums für Antislawismusforschung e.V.?

Sergej Prokopkin: Zu der Gründung des Zentrums für Antislawismusforschung (ZAf e.V.) kam es vor allem aus der Notwendigkeit, dass eine gewisse Selbstorganisation überhaupt entstehen muss, um sich mit dem Thema Antislawismus auseinanderzusetzen. Als Antidiskriminierungstrainer habe ich ein Modul auf Grundlagen von Methoden vom Institute for Social Justice and Radical Diversity ausgearbeitet und angefangen, Workshops zum Thema Antislawismus anzubieten. In fast jedem Workshop kam am Ende die Frage: Warum gibt es keine Institution, die sich mit Antislawismus auseinandersetzt? Klar, es gibt hin und wieder Wissenschaftler*innen oder Journalist*innen, die zum Thema etwas machen, aber so eine Selbstorganisation gab es bisher noch nicht. Dann habe ich mich mit ein paar Menschen aus meinem Umfeld unterhalten und von der Gründungsidee erzählt. Viele hatten auch Lust, mitzumachen – so, dass wir das ZAf letztendlich als Verein gegründet haben. Seitdem versuchen wir kleine, aber nachhaltige Schritte zu machen und die Arbeit gegen Antislawismus voranzutreiben. Der Verein wurde im Januar 2023 gegründet.
osTraum: Wie zeigt sich Antislawismus und wie kann man entgegenwirken?
Sergej Prokopkin: Ich glaube, viele Menschen, die im Antidiskriminierungsbereich arbeiten oder Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, begegnen vor allem den Formen des Antislawismus, wie bspw. Alltagsantislawismus oder den sog. Mikroaggressionen. So wird beispielsweise der Name absichtlich falsch ausgesprochen („Misnaming“) oder keine Wertschätzung der erbrachten Leistung entgegengebracht, abwertende Sprüche, die vielleicht sogar strafrechtlich relevant sind, oder Nachmachen von Akzenten in Satiremagazinen. Oft kommt es aber nicht zu der Auseinandersetzung bezüglich des sogenannten strukturellen Antislawismus auf weiteren Ebenen. Das heißt, der Antislawismus ist in unserer Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen verankert. Wir sprechen jedoch viel weniger darüber, wie sich diese Diskriminierungsform beispielsweise auf den Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt auswirkt. Oder darüber, wie unsere Sicherheit durch Antislawismus beeinträchtigt wird. Denn die seit Jahrhunderten verbreiteten Stereotype von „aggressiven“ oder „kriminellen Osteuropäern“ kann zur Ermangelung an Empathie gegenüber vom Antislawismus Betroffenen und daraus folgenden Gewalttaten führen.
Auf diesen Ebenen ist Antislawismus schwerer zu greifen. Die Ausschlüsse auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt sind nicht so einfach nachvollziehbar, denn wer kann schon beweisen, ob es nun an dem osteuropäisch klingenden Vor- oder Nachnamen gelegen hat, dass man keine Wohnung oder keinen Job bekommen hat.
Das sind Bereiche, in denen man mehr Zeit, mehr Energie, mehr Ressourcen braucht, um an die Diskriminierung ranzukommen, um sie nachvollziehbar zu machen, um sie anzuprangern. Dafür benötigen wir eine Auseinandersetzung auch auf verschiedenen Ebenen, unter anderem auf der gesetzlichen Ebene, so zum Beispiel im Antidiskriminierungsrecht. Es ist so, dass auf diesem Gebiet der Antislawismus kaum behandelt wird. Antislawismus ist, wenn überhaupt, in seiner historischen Form bekannt. So haben einige beispielsweise von Kommissarenbefehlen im Zweiten Weltkrieg gehört, von den sog. Ostarbeiter*innen, aber was Antislawismus aktuell bedeutet, darüber wird nicht mal in der Wissenschaft gesprochen. Mit wenigen Ausnahmen. Man kennt die Altbekannten – Jannis Panagiotidis, Hans-Christian Petersen, Darja Klingenberg oder Aleksandra Lewicki. In der Breite ist das Thema noch gar nicht angekommen.
Es gibt unterschiedliche Thesen, wann der Antislawismus entstanden ist – die Ursprünge liegen, ich würde sagen in der Zeit der Völkerwanderung, als viele Völkergruppen aufeinandertrafen und ihre Interessen aushandelten. Die gegenseitige Abwertung wurde zur politischen Kampfmethode. Einige verorten Antislawismus im Mittelalter. Ich würde sagen, Antislawismus als Ideologie gibt es seit Entstehung der Nationalstaatlichkeit, wo er als Ideologie herangezogen wurde. Dafür gibt es handfeste Belege. Der Peak des Antislawismus war jedoch der Zweite Weltkrieg – vor allem, die Bestrebung der Nazis, den „Lebensraum“ in Richtung Osten zu erweitern, zu kolonialisieren oder gar zu morden. Während des Krieges sollten um die 15 Millionen Zivilist*innen in Osteuropa, die nicht an dem Krieg beteiligt waren, ermordet worden sein. Für diese Gräueltaten gibt es wohl keine andere Erklärung, als antislawistische Vernichtung von Menschen, die als „minderwertige Slawen“ abgewertet wurden.
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie man dem Antislawismus entgegen wirken kann. Diese beginnen bei der Erkennung der Diskriminierung und enden in der Einflussnahme auf die Gesetzgebung und internationale Verträge. Ich denke jedoch, dass bei sich selbst anzufangen, immer der beste erste Schritt ist, ob als Betroffene*r oder als Teil der sog. Dominanzgesellschaft. Und dafür brauchen wir mehr Wissen über diese Diskriminierungsform. Aktuell ist ein wichtiges Buch von Jannis Panagiotidis und Hans-Christian Petersen unter dem Titel „Antiosteuropäischer Rassismus in Deutschland“ erschienen, in dem sehr viele Aspekte des Antislawismus angesprochen werden. Auch ein Blick auf aktuelle Auseinandersetzung mit der Diskriminierungsform wurde im Buch geworfen. Das ist auf dem Sachbücher-Markt bisher einmalig. Als weitere Schritte sind immer Bildung von Bündnissen und Arbeit mit Verbündeten sinnvoll. Ob im Bereich der Erinnerungskultur, in der Bildungsarbeit oder im Antidiskriminierungsrecht. Ich muss gerade an die fehlende Gedenkkultur bzgl. in Deutschland ausgebeuteten „Ostarbeiter*innen“ denken oder an die antislawistischen Gewaltvorfälle, die gesellschaftliche nicht aufgearbeitet wurden, um ein paar Beispiele zu nennen.
osTraum: Was können wir in Zukunft von dem Verein erwarten und was sind die nächsten Schritte?
Sergej Prokopkin: Das ist eine heikle Frage. Denn jede Erwartung erzeugt natürlich einen Erwartungsdruck und wir haben uns von Anfang an vorgenommen, kleine, aber nachhaltige Schritte zu machen und uns nicht unter Druck setzen zu lassen (lacht). Weil wir alle hauptberuflich woanders beschäftigt sind, sind unsere Ressourcen begrenzt und die Auseinandersetzung mit Antislawismus ist in der Breite der Gesellschaft noch nicht angekommen, um entspannt Förderanträge stellen zu können. Daher suchen wir, soweit es geht, nach Möglichkeiten, Projekte zu finanzieren. Oder wir bieten selbst eine Plattform für die Umsetzung von Projekten an, wie es gerade bei dem PostOst-Café der Fall ist.

Es gibt hin und wieder Kooperationspartnerschaften, wie beispielsweise im Projekt zur Erforschung von Diskriminierung von Menschen mit osteuropäischer Herkunft auf dem Arbeitsmarkt. Wenn zeitliche Ressourcen da sind, passiert auch etwas mehr. An Ideen mangelt es nicht. Neben Kooperationen würden wir gerne Richtung Bildungsarbeit gehen und vielleicht auch Themen, die mit PostOst-Diskursen zu tun haben, vorantreiben. Auch unsere Infrastruktur wollen wir verbessern. Es gibt viele viele Baustellen. Auf jeden Fall werden wir in der Zukunft etwas präsenter sein. Unsere Homepage, die sich aktuell in Startlöchern befindet, ist – http://www.antislawismusforschung.de. Auch unser Insta-Account (@antislawismusforschung) sollte etwas besser bespielt werden. Aber das sind erstmal die Zukunftsaussichten.
Fotos: Zur Verfügung gestellt von Sergej Prokopkin
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1.Teilweise ein Relikt des Kalten Kriegs ? Der ‚ böse‘ kommunistische Osten ?
2.Wirtschaftliche Überlegungen? In Osteuropa lernen viele Menschen Deutsch als Fremdsprache, aber wer lernt im Rest Europas schon eine slawische Sprache ( außer Muttersprachler oder Linguisten)
3.Es ist unfassbar, wie wenig wir im deutschsprachigen Raum über die Kultur und Geschichte unserer Nachbarn wie zum Beispiel Polen, oder dem Balkan wissen, aber dafür viel über zum Beispiel die USA, die so weit weg liegt.
4. Teilweise ein Relikt aus der Habsburgermonarchie ( ‚die Tschuschen‘)?
Lieber Anonymous,
Danke für das Kommentar. Deine Überlegung passen ganz gut zum Interview. Der Antislawismus und die Diskriminierung der sog. „Osteuropäer*innen“ hat viele Hinter- und Abgründe.
Liebe Grüße vom osTraum-Team