Die 7 Bücher über den Gulag

Erschöpfung, Verzweiflung, Tod, Überlebenswille, Mut, Leben. Dafür steht der Gulag. Wörtlich: „Glavnoje upravlenije lagerej“ (dt.: Hauptverwaltung der Lager), die Maschinerie des sowjetischen Totalitarismus. Ein System, das Millionen Menschen in Straf- und Arbeitslagern als Zwangsarbeitende ausnutzte und in den Tod trieb. Während die genaue Zahl der Opfer immer noch unbekannt bleibt und das Thema in Russland nach wie vor nur teilweise aufgearbeitet wurde, helfen vor allem Bücher, geschrieben von den Überlebenden und ihren Familienangehörigen, aber auch von unseren Zeitgenoss:innen, zu begreifen, was das (Über)Leben im Gulag bedeutete. Erzählen, um nicht zu vergessen. Schreiben, weil sprechen zu schwer fällt. Unsere Liste mit sieben Büchern über den Gulag gibt eine Auswahl an Werken, die unterschiedliche Schicksale, diverse Perspektiven und Zeitabschnitte einer Langzeittragödie festhalten.

7. Juri Buida „Nulluhrzug“

„Nulluhrzug“ ist ein etwas anderer Blick auf den Gulag, der Roman ist eine Parabel auf die totalitäre Gesellschaft. Die Einwohner:innen der Siedlung Nr. 9, verloren im namenlosen Gebiet des Gulag-Systems, warten täglich auf den Zug, der um Null Uhr kommt. Keine:r weiß, was der Zug transportiert und wohin er fährt. Jede:r Siedlungseinwohner:in erfüllt lediglich die ihm zugewiesene Funktion, existiert, ohne zusätzliche Fragen zu stellen und wartet auf den Befehl. Iwan, Wasja, Aljona, Mischa, Fira, Gussja – die Figuren im Juri Buidas Werk existieren. Ihr Leben besteht aus „Bahnbetrieb – Brücke – Station – Telegraph – Pumpenwerk – Kohle – Sägewerk – Ausbesserungswerk – Bierstube – Nulluhrzug“ und alles darin ergibt keinen Sinn. Während mit der Zeit fast alle die Siedlung verlassen, bleibt nur Don Domino, Iwan Ardabjew, da und wartet auf den letzten Nulluhrzug. 

„… da fegt nur der Wind über die endlose Ebene, bloß der Wind aus Russland, dem Land der Gespenster, der verlorenen Kinder, der verschollenen Mütter und Väter, der toten Geliebten, der Verräter und Verrückten, der Wind aus der Heimat, die ihre Kinder gefressen hat …“

Juri Buida „Nulluhrzug“

Auf etwa 130 Seiten erzählt Buida die Geschichte über das Individuum im totalitären System, sein Werk erinnert an Franz Kafka und Andrej Platanow. „Nulluhrzug“ erschien zum ersten Mal 1993 in Russland, als die Sowjetunion nicht mehr existierte. Dieser Text ist ein Blick zurück in das Trauma des 20. Jahrhunderts, handelt aber nicht explizit nur vom sowjetischen Regime, sondern kann auch auf alle gescheiterten und aufstrebenden Diktaturen übertragen werden.

6. Victor Serge „Schwarze Wasser“

Von der Verhaftung hin zum Alltag in der Gefangenschaft. Authentisch und ergreifend schildert der französisch-russische Schriftsteller das Leben von Michail Iwanowitsch Kostrow, Professor für Historischen Materialismus in Moskau. Michail Iwanowitsch hat eine Vorahnung über seine kommende Verhaftung, kann aber dagegen nichts unternehmen und folgt seinem Schicksal. Er landet in einem abgelegenen Ort, irgendwo am Ural, am Fluss Tschornaja (dt.: die Schwarze), und lernt dort die gleichgesinnten Verbannten kennen, die linken Oppositionellen, die wie er an die Idee der Revolution geglaubt haben und nun dafür die Strafe verbüßen. „Schwarze Wasser“ ist eine Fiktion. Jedoch machen die Erfahrungen, die Victor Serge selbst während seiner Verbannung in der Sowjetunion gesammelt hat, die Geschichte besonders authentisch und erfüllen sie mit dokumentarischen Details. Der Roman offenbart, wie es war, ein politischer Gefangener in der Sowjetunion zu der Zeit Stalins zu sein. Obgleich sehr viele Lagerinsass:innen als die „Politischen“ galten und z.B. als Trozkist:innen verurteilt wurden, hatten nur wenige von ihnen in der Wirklichkeit diese politische Gesinnung inne. Anders sieht es bei den Figuren im Serges Roman aus. „Schwarze Wasser“ ist in erster Linie ein wertvoller Bericht eines Zeitzeugen. Eine wichtige Geschichte über das Schicksal der Menschen, die zu wenig Gehör gefunden haben, die von „ihren“ Leuten verraten und denunziert wurden. 

Victor Serge vor 1940 via Wikipedia

Victor Serge war ein Revolutionär, ein Journalist, ein Poet. Geboren in der Familie von politischen Exilanten in Brüssel, ist er selbst zu einem politischen Exilanten geworden. 1919 schließt sich Serge den Bolschewiken in der entstehenden Sowjetunion an und geht nach Russland. Seine Haltung zu den Entscheidungen der Partei bleibt allerdings immer kritisch, 1933 wird er nach Ural verbannt. Als Romain Rolande, André Gide und André Malraux eine Kampagne für seine Befreiung starten und Rolande bei Stalin interveniert, wird Serge kurz vor dem Großen Terror 1936 freigelassen. Zwischen Frankreich und sowjetischem Russland, Literatur und Politik, Anarchismus und Bolschewismus – der Lebensweg von Victor Serge ist so widersprüchlich wie die Zeit, in der diese markante Persönlichkeit gelebt hat. 

5. Sergej Maximow „Taiga“

Die Erzählungen von Sergej Maximow über seine Gefangenschaft im Gulag unter Stalin sind schlicht und prägnant. Nüchtern schreibt er über die 5 Jahre seiner Haft und auch kurz über die Zeit direkt nach seiner Entlassung im Erzählband „Taiga“, die 23 Erzählungen versammelt. Das Leben von Maximow (eigentlich Paschin) verlief tragisch, aber im gewissen Sinn doch unter einem glücklichen Stern. Als 20-jähriger Student wird er von seinen Kommilitonen denunziert und bekommt 5 Jahre Haft wegen einer unvorsichtigen Äußerung. „Taiga“ ist ein persönlicher Einblick in diese schwierigen Jahre, voll mit Tod, Erniedrigung, aber auch Menschlichkeit.

„Man kann nicht ein ganzes Land einsperren, aber man kann ein ganzes Land in ein Gefängnis umwandeln. Und das hat Stalin getan.“

Sergej Maximow „Taiga“

Die kurzen Episoden aus dem Lagerleben prägen sich stark in das Bewusstsein ein und tauchen auch mehrere Jahrzehnte später als Erinnerungen auf. „Taiga“ wird zum ersten Mal in den USA herausgegeben, wohin Maximow 1949 auswandert. Erst 2016 erscheinen die Erzählungen des beinahe vergessenen Schriftstellers auf Russisch in Russland. Maximow lässt hier vor allem seine persönliche Perspektive einfließen, meistert aber auch eine Großaufnahme der Schicksale von Gulag-Häftlingen, die trotz der unmenschlichen Umstände weiterleben, lieben und überleben wollen. „Taiga“ ist eine literarische Wiederentdeckung und ein unglaublich wertvoller Bericht eines Zeitzeugen.

4. Gusel Jachina „Suleika öffnet die Augen“

Der Roman von Gusel Jachina ist innerhalb eines kurzen Zeitraums zum Beststeller geworden. In jedem Buchladen mit russischsprachiger Literatur finden sich ohne Probleme unzählige Exemplare dieses 2015 erschienen Werkes der tatarischen Autorin. Der 2020 im russischen staatlichen Fernsehen ausgestrahlte Fernsehfilm mit Čulpan Hamatowa hat dem Buch zu noch mehr Bekanntheit verholfen. Beachtlich und bewundernswert, für ein literarisches Thema, das in Russland keine große Beliebtheit genießt. Dank der fesselnden Erzählung verfliegen die rund 500 Seiten der rührseligen Geschichte der Tatarin Suleika wie im Flug. Suleika ist mit einem älteren Mann verheiratet, der unter starkem Einfluss seiner tyrannischen Mutter steht. Das Leben in der traditionellen tatarischen Familie schildert Jachina als nicht besonders erfreulich. Demütig führt ihre Hauptfigur alle Befehle ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter aus und leidet darunter, dass alle ihre Kinder frühzeitig verstorben sind. Als die Entkulakisierung in ihr Dorf kommt, versucht ihr Mann Murtasa sich dagegen zu wehren, kommt aber ums Leben. Zusammen mit anderen Dorfeinwohner:innen wird Suleika nach Sibirien transportiert. „Suleika öffnet die Augen“ ist ein Roman über die starke Frau, die trotz ihrer körperlichen Schwäche stark bleibt. Sie verliert alles, aber befreit sich auch dadurch und baut eine neue Existenz auf. Eine Emanzipationsgeschichte – in diesem Kontext wird „Suleika öffnet die Augen“ häufig besprochen. Heißt das aber, dass die Entkulakisierung hier als das Instrument der Emanzipation fungiert? Eine verstörende Perspektive.

Gusel Jachina © George Kardava

Das Thema des Romans entdeckte Gusel Jachina für sich, als ihre Großmutter ihr über die eigene Verbannung nach Sibirien erzählt hat. Für den Roman hat die Schriftstellerin allerdings keine Episoden aus dem realen Leben ihrer Familie verwendet, sondern sich mit diversen Memoiren und Zeitzeugenberichten aus der Zeit der Entkulakisierung beschäftigt. Trotz der vorsichtig erzählten und möglichst neutral gehaltenen Geschichte, bekam der Roman viel Kritik, auch die Verfilmung sorgte für Kontroversen in der russischen Gesellschaft. 

Die Gnosse von dekoder öffnet noch weitere Details über Suleika: https://www.dekoder.org/de/gnose/suleika-oeffnet-die-augen-buch-serie 

3. Warlam Schalamow „Über die Kolyma“

Warlam Schalamow ist vor allem durch sein Lebenswerk „Erzählungen aus Kolyma“ als Schriftsteller bekannt geworden. In „Über die Kolyma“ schreibt er dagegen über sich selbst, die Veröffentlichung von Matthes & Seitz ist die Übersetzung der russischen Ausgabe ins Deutsche, die seine Erinnerungen über die Zeit im Gulag posthum zusammenstellt und sie durch die Erinnerungen der Zeitzeug:innen über Schalamow ergänzt. „Über die Kolyma“ ist in erster Linie für die Kenner:innen des Werks von Schalamow vom Interesse. Der Schriftsteller gibt hier mehr Kontext für seine Texte und öffnet neue Perspektiven auf die „Erzählungen aus Kolyma“. Er reflektiert über seine mehrjährige Haft und versucht die Ereignisse zu rekonstruieren, die sich besonders stark in seinem Hirn eingeprägten. „Über die Kolyma“ ist ein Versuch, über sich selbst mehr zu erfahren und in seinem Gedächtnis Antworten zu finden.

„Ich bin nicht Amundsen und nicht Peary. Meine Erfahrung wird von Millionen Menschen geteilt. Zweifellos sind unter diesen Millionen solche, deren Auge schärfer, deren Leidenschaft stärker, deren Gedächtnis besser und deren Talent reicher ist. Sie schreiben über dasselbe und werden sicherlich prägnanter erzählen als ich“.

Warlam Schalamow „Über die Kolyma“

Ihm ist es wichtig, die Erinnerungen an seine Erfahrung im Gulag möglichst präzise und ohne Ausschmückungen zu übertragen. Er will nichts vergessen. Er sieht sich dabei eher als ein Chronist. Sein Streben nach Wahrheit, nach ehrlichem Erzählen ist bewundernswert und einzigartig. Die Erinnerungen in „Über die Kolyma“ geben uns die Möglichkeit zu begreifen, was Schalamow über die Kolyma in der Geschichte festhalten wollte.

2. Sergej Lochthofen „Schwarzes Eis“

„Der Lebensroman meines Vaters“ – so bezeichnet Sergej Lochthofen sein Buch „Schwarzes Eis“. Der Sohn erzählt die Geschichte seines Vaters über die Jahre im sowjetischen Gulag. Lorenz Lochthofen ist ein überzeugter Kommunist, der nicht in Nazi-Deutschland leben will und in die Sowjetunion geht, wo er die Chance auf ein Studium bekommt. Als Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet genießt er die Vorzüge des sozialistischen Systems und arbeitet als Journalist für die deutschsprachige Zeitung „Nachrichten“ in Saratow, bis das Jahr 1937 kommt. Lorenz fällt den Stalinschen Säuberungen zu Opfer und wird vom NKWD verhaftet, und zur Zwangsarbeit verurteilt. Bis zum letzten Moment kann er kaum fassen, dass das System, an das er mit solcher Überzeugung glaubte, unschuldige Menschen verurteilt und sie anschließend durch unmenschlich schwere Arbeit zerstört. Als Bundesdeutscher wird Lorenz zwar schikaniert, durch seine handwerkliche Begabung erlangt er jedoch einen essenziellen Job im Lager und überlebt. 

Eines der Lager von Workutlag © workuta.de

Sergej Lochthofen wurde in Workuta geboren, wo sein Vater als Verbannter leben musste, bis er 1958 die Ausreisegenehmigung in die DDR für sich und seine Familie erhalten hat. Sergej Lochthofen kann sich nur an die einzelnen Momente dieses Lebens nördlich des Polarkreises erinnern, denn als fünfjähriger hat er die Sowjetunion bereits verlassen. „Schwarzes Eis“ entstand durch die langen Gespräche zwischen dem Sohn und dem Vater, die Notizen dazu hat Sergej Lochthofen während der DDR in der Literaturzeitschrift „Nowy mir“ versteckt und bis zum passenden Moment behutsam aufbewahrt. Geschickt bettet der Autor eigene Erinnerungen in die Erzählung seines Vaters ein und formt daraus einen Lebensroman. Erst 2012 erscheint „Schwarzes Eis“, mehrere Jahre nach dem Tod von Lorenz Lochthofen. Aber auch wenn der Erzählende die Veröffentlichung seiner Geschichte nicht mehr erleben konnte, das Wichtigste ist, dass die Geschichte nun erzählt wird.

1. Angela Rohr „Lager“

Der autobiografische Roman „Lager“ von Angela Rohr über ihre Gefangenschaft im Gulag und das Leben im sowjetischen Lager zwischen 1942 und 1957 ist durch ein Wunder dem Publikum erhalten geblieben. Die Österreicherin Angela Rohr arbeitete als Journalistin, Ärztin, Schriftstellerin und Laborantin. 1925 folgt sie ihrem damaligen Ehemann Wilhelm Rohr und reist in die Sowjetunion, wo sie mehrere Jahre als Auslandskorrespondentin für die Frankfurter Zeitung arbeitet. Als deutschsprachige Ausländerin in der Sowjetunion wurde sie 1941 der Spionage beschuldigt und zu fünf Jahren Besserungsarbeitslager verurteilt.

„… ich selbst hatte früher vor Leichen wenn auch nicht Angst, so doch immerhin eine gewisse Scheu, die mich hinderte. Jetzt, nach allem, was ich erlebt hatte, waren sie die einzigen hier, die mir nicht zu schaden trachteten, die keine Verräter waren, denen man trauen konnte“.

Angela Rohr „Lager“

Ihre ärztliche Ausbildung gibt ihr die Möglichkeit, als Ärztin im Lager zu arbeiten, worüber sie in ihrem Text mit dokumentarischer Genauigkeit berichtet. Ohne Medikamente und brauchbare Instrumente, unter schweren Bedingungen muss sie die im Lager gefangenen Kranken wieder auf die Beine stellen, damit sie dem sowjetischen Imperium nicht als kostenlose Arbeitskräfte abhandenkommen. Gespalten zwischen Mitleid und Überlebenswillen, handelt die namenlose Ich-Erzählerin im „Lager“ so, wie sie es in dem Moment für richtig hält. Sie will überleben und durchläuft unterschiedliche Stationen in dem verwickelten Gulag-System. Trotz der unmenschlichen Schwierigkeiten schafft es Angela Rohr zu überleben, und nachdem die „ewige Verbannung“ für sie aufgehoben wird, kehrt sie nach Moskau zurück, wo sie bis 1985 lebt. Bis zu ihrem Tod wird sie vom KGB beobachtet, die Veröffentlichung ihrer Schriften erlebt sie nicht mehr. Ein einzigartiger Bericht einer Zeitzeugin, geschrieben mit Ehrlichkeit und nicht ohne Ironie. 


Juri Buida

Nulluhrzug

2020 Aufbau Verlag

Victor Serge

Schwarze Wasser

2014 Rotpunktverlag

Sergej Maximow

Taiga

2021 Mitteldeutscher Verlag

Gusel Jachina

Suleika öffnet die Augen

2018 Aufbau Verlag

Warlam Schalamow

Über die Kolyma

2018 Matthes & Seitz

Sergej Lochthofen

Schwarzes Eis

2014 Rowohlt Verlag

Angela Rohr

Lager

2015 Aufbau Verlag


osTraum bleibt werbe- & kostenfrei für alle!
Unterstütze osTraum auf >>>Patreon<<<


osTraum auf Facebook
osTraum auf Instagram
osTraum auf Telegram

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.