Text: Mieke Bergmann und Lisa Mika
Am Donnerstag vor der Europawahl zieht es uns nach Zabrze, eine Stadt in Oberschlesien. Die Stadt mit über 170.000 Einwohnern wirkt trotz ihrer Größe beschaulich. Nach der Ankunft in der Nacht machen wir uns am nächsten Morgen auf den Weg, um Zabrze zu erkunden und lenken ungewollt die Aufmerksamkeit der älteren Bewohner*innen auf uns. Auf dem Weg zum Bahnhof machen wir eine unerwartete Entdeckung: Ein kleines Tiergehege mit einem Esel, drei Gänsen und einigen Ziegen. Ein älterer Mann, der die Einfahrt zu bewachen scheint, steht in der Nähe. Wir nutzen die Gelegenheit und sprechen ihn an.
Mit heiserer Stimme erzählt der Mann von den Tieren, doch schnell schweift das Gespräch ab. Sein Blick fällt auf unsere Kleidung und er kommentiert kritisch, unsere Kleidung sieht aus wie die seiner Großmutter. Die jungen Leute sollten sich wirklich etwas Neues einfallen lassen! Die unerwartete Bemerkung überrascht und und lässt uns schmunzeln. Diese Begegnung zwischen den Generationen verdeutlicht nicht nur die kulturellen und modischen Unterschiede, sondern zeigt auch die freundliche Neugier und das lebendige Miteinander, das wir in Zabrze beobachtet haben.


Etwas verwirrt schlendern wir weiter die Straße des 3. Mai entlang. Diese zentrale Straße führt uns durch die südliche Innenstadt und endet an einer Brücke, die zum Bahnhof führt. Entlang der Straße hängen Wahlplakate verschiedener Parteien, darunter die Bürgerplattform (PO), Recht und Gerechtigkeit (PiS) und die Neue Linke (Lewica). Zwei ältere Damen spazieren an uns vorbei und mustern uns auffällig. Wir fallen auf, und nicht nur wegen unserer Kleidung. Die Menschen auf den Straßen sind größtenteils älter als wir, und unser jugendliches Auftreten scheint hier herauszustechen.
Auf einem überdachten Marktplatz entdecken wir Händler*innen, die bunte Trikots, gemusterte Kleider und viel Unterwäsche verkaufen. Eine Schuhverkäuferin lächelt uns an, macht uns ein Kompliment und bietet uns ihre Stiefel an. Wir nutzen die Gelegenheit, um mit ihr über unsere Verunsicherung zu sprechen. Ihre Reaktion ist herzlich und ermutigend: „Ach, sollen die Leute doch denken, was sie wollen!“
Neues Leben in alten Gebäuden
Oberschlesien ist die größte Abbauregion für Steinkohle in Europa. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts öffneten hier die ersten Minen. Mit der Industrie wuchsen die Städte: Zabrze, Chorzów, Gliwice, Bytom, Ruda Śląska und Katowice sind die größten Zentren. Sie liegen dicht nebeneinander. So dicht, dass die Stadtgrenzen flüssig ineinander verschwimmen, wenn man bei einer 15-minütigen Busfahrt in den nächsten Ort aus dem Fenster schaut. Ganz ähnlich dem Ruhrpott.


Seit den frühen 2000er Jahren hat sich in der Region viel verändert: Die meisten Bergwerke in Oberschlesien haben geschlossen oder befinden sich im Liquidierungsprozess. Zahlreiche Arbeitsplätze im Bergbau gingen verloren, doch die ehemaligen Zechen bekamen ein neues Leben – oft als touristische oder kulturelle Orte.
Der ehemalige Wasserturm in Zabrze wurde in ein Restaurant umgewandelt. Auf dem Gelände des Bergwerks Guido befindet sich heute ein Museum im Minenschacht, ergänzt durch einen unterirdischen Pub, der sich 320 Meter unter der Erde befindet. In Katowice wurde auf dem Gelände der Zeche Gottwald das Silesia City Center errichtet, eine moderne Shopping Mall. Der ehemalige Förderturm wurde in das heutige Gestaltungskonzept integriert und erinnert an die industrielle Vergangenheit des Ortes. Doch wie sieht es mit den Menschen aus? Wir fragen uns, ob der Kohleabbau überhaupt noch eine Rolle für die jüngere Generation spielt und wo die jungen Leute eigentlich sind.
”Esst ihr Kohle zum Frühstück?”
Am Abend treffen wir Karolina. Sie ist 21 Jahre alt und studiert im zweiten Jahr Tourismus in Wrocław, eine zweistündige Zugfahrt von Zabrze. Sie hat lange braune Haare, trägt eine lockere Jeansjacke und begrüßt uns mit einem offenen Lächeln. Die Wochenenden verbringt sie meist in Bytom, wo sie aufgewachsen ist. Ihr Großvater Milek hat sie heute mit dem Auto hergefahren.
Sie erzählt uns, dass sie Oberschlesien erst nach ihrem Auszug so richtig vermisst hat: „Ich war überrascht, dass einige, für mich normale Dinge, typisch schlesisch sind. Zum Beispiel mein schlesischer Dialekt, denn wir nutzen einige Worte so, wie man sie nur hier nutzt. Auch die schlesische Küche ist besonders. Wir essen jeden Sonntag Rolada Sláska, eine Rinderroulade mit Klößen und Rotkohl. Und natürlich denken alle immer an Kohle, wenn sie hören, dass wir aus Schlesien sind.”


In anderen Teilen Polens machen die Leute Witze über die große Rolle von Kohle für die Schlesier. Es gibt manchmal ironische Bemerkungen und Fragen: „Esst ihr in Schlesien Kohle zum Frühstück?“ Karolinas Freundin Paulina antwortet darauf trocken: “Ja, ich habe außerdem einen Kohlepalast und ich sehe nur Bergwerke vor meinem Fenster!”. Tatsächlich sieht sie aber grüne Felder und Wälder vor ihrem Haus. Sie mag die grauen Häuser in der Region und weiß, dass sie aus einem bestimmten Grund nicht hell angestrichen sind: “Im Industriegebiet verschmutzt der Kohlefeinstaub in der Luft die Häuser schnell. Auf dunklem Untergrund sieht man es weniger. Viele Besucher finden es trist und mögen den Schmutz nicht, aber es wäre unnötig, die Häuser weiß zu streichen.”
Schlesien ohne Kohle?
Wir fragen Karolina, was sie mit der Kohleindustrie verbindet. Sie streicht sich durch das Haar und lacht etwas nervös. „Viel zu Kohle kann ich euch nicht sagen, denn ich kenne mich damit selbst nicht aus. Meine Großeltern und die Großeltern von Freunden haben alle in Minen gearbeitet. Meine Eltern auch, nur nicht unter Tage. Was sie gearbeitet haben, weiß ich nicht. In meinem Alter arbeitet niemand mehr im Bergbau und in der Schule war es nie Thema. Gemeinsam habe ich mit anderen Menschen aus Schlesien, dass wir alle jemanden kennen, der dort mal gearbeitet hat.”
Karolina hat ihre Freundinnen gefragt, was sie mit der Region verbinden. Viele benennen die fleißige, bodenständige und anpassungsfähige Art der Schlesier. “Die Industrie hat die Menschen gezwungen, neue Probleme des täglichen Lebens zu lösen. Ob architektonisch, technologisch, im Verkehrswesen oder weil leider mehr Unfälle oder Krankheiten auftraten”, meint Wiktoria. Die industrielle Architektur, die zum Beispiel in Form von Fördertürmen oder Backstein-Arbeitersiedlungen überall zu sehen ist, unterscheidet Oberschlesien von anderen Orten. Der Bergbau prägt nach wie vor das Stadtbild. Im Stadtzentrum steht ein großes Denkmal eines Bergmanns, in den Restaurants hängen Fotos oder Gemälde vom Bergbau und auch die Wanddeko in unserem Hostelzimmer erinnert an den Bergbau.


Karolina bekam die Veränderungen in ihrer Heimat mit. Wegen des Klimawandels und den entsprechenden EU-Vorgaben mussten Pol*innen die Heizsysteme in ihren Häusern gegen erneuerbare Energieträger austauschen. Davor haben die meisten Menschen mit Kohleöfen geheizt. “Kohle war hier immer verfügbar, sie war einfach da. Und jetzt verändert sich das. Ich weiß, dass es in ganz Polen und überall sonst auch so ist, aber hier macht es mehr aus. Kohle gehört zu uns. Die Veränderung ist für uns größer als für andere Menschen.” An der Stelle erinnern wir uns nicht mehr an den Ruhrpott, viel eher an die Lausitz. Karolina erzählt uns weiter, dass ihr Klimaschutz wichtig ist, aber andere politische Themen, wie LGBTIQ*-Rechte in Polen, sie doch mehr beschäftigen.
“Für meine Generation ist es wichtiger, ökologisch zu sein, als an der Kohle hängen zu bleiben”
Am nächsten Abend landen wir auf der Juwenalia – das jährliche Studierendenfestival in Gliwice. Karolina hat uns das Fest empfohlen, es findet direkt neben dem Campus der Technischen Universität Politechnika Śląska statt. Es gibt Konzerte, Bierzelte, Jahrmarktbuden, unzählige Essensstände und vor allem sehr viele junge Menschen mit guter Laune, die wir in Zabrze vermisst haben. Uns fällt auf, dass Zabrze sich von den anderen Städten in der Metropolregion unterscheidet. Hier gehen wir in der Masse wieder unter; niemand bleibt stehen, um uns kritisch anzugucken oder einen Kommentar abzugeben. In Gliwice und Katowice, der Hauptstadt der Woiwodschaft Schlesien, ist auf den Straßen mehr los als in Zabrze. Die Leute genießen das sonnige Wetter in Cafés und Bars.



Katowice ist die Stadt mit den meisten Grünflächen in Polen und hat kulturell einiges zu bieten. Das Schlesische Museum befindet sich ebenfalls auf dem Geländer einer ehemaligen Zeche. Fußläufig steht das riesige Kongresszentrum, in dem 2018 die 24. UN-Klimakonferenz stattfand. Hier trafen sich Greta Thunberg und Luisa Neubauer zum ersten Mal, während der PiS-nahe polnische Präsident Andrzej Duda verkündete, die Schließungen der Minen mit aller Kraft verhindern zu wollen. Rückblickend wirkt das wie ein letzter Kraftakt. Denn viele Bergwerke schlossen in den folgenden Jahren trotzdem. Und im Jahr 2020 verabschiedete die PiS-Regierung den Steinkohleausstieg im ganzen Land bis zum Jahr 2049.
Zur Schließung von Bergwerken meint Karolina: “Für meine Generation ist es wichtiger, ökologisch zu sein, als an der Kohle zu hängen. Ich weiß, dass Kohle hier vor allem für unsere Großeltern wichtig ist. Aber es ist besser, erneuerbare Energien zu nutzen. Deshalb war ich nie gegen die Schließung von Kohleminen.”
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Alle Fotos © Mieke Bergmann und Lisa Mika für osTraum
