1990er-Nostalgia im Russland der 2020er: Reflexionen zu Songs von Kombinaciya und DEAD BLONDE

Mit der Girlgroup Kombinaciya ist es ein bisschen so wie mit diesen russischen Pralinen: eine schillernde Verpackung, irgendwie einen Tick zu süß und die Schokoglasur schmeckt nach vielem, aber sicher nicht nach echter Schokolade. Kombinaciya ist Kult, Kombinaciya ist Trash. Kombinaciya, das ist der ultimative Sound der Perestroika und der russischen 90er. Und wenn man etwas länger darüber nachdenkt, hört man diese Musik aus denselben Gründen, aus denen man auch die Pralinen isst: Nostalgie und Guilty Pleasure.

Die Musikerinnen von Kombinaciya in typischer Kostümierung. Quelle

Bekannt wurde Kombinaciya mit Hits wie Russian Girls (1989) und American Boy (1990). Zu letzterem kursierte 2011 im Netz ein Video mit dem damaligen Präsidenten Russlands Dmitri Medwedew, das ihn dabei zeigt, wie er sichtlich in Ekstase und etwas ungeschickt Bewegungen zu den Zeilen American Boy, ujedu s toboj (2x), Moskva proščaj! (de.: American Boy, ich fahr‘ mit dir mit (2x), Adieu Moskau!) auf dem Dancefloor vollführt:

Das Phänomen Kombinaciya

Der Bandname Kombinaciya ist doppeldeutig: Neben der offensichtlichen Bedeutung (de.: Kombination) bezeichnet das Wort im Russischen DAS Nineties-Kleidungsstück schlechthin: das sich irgendwo zwischen Abendgarderobe und Schlafzimmer bewegende Slip-Dress. Der Name ist Programm, insofern es bei Kombinaciya tatsächlich nicht ausschließlich um die Musik, sondern auch um die Kostümierung und die Performance der Sängerinnen geht. Die Songs sind stark repetitiv, werden rasch zu lästigen Ohrwürmern; die Kostüme der Sängerinnen sind schillernd und ziemlich extravagant (Miniröcke, Plastikschmuck, Monster-Haarschleifen, bunte Leggings, usw.) Die KOMBINATION aus beidem, aus eingängigem Sound und Disco-Kostümierung, genau das mache die Spezifik der Kombinaciya-Ästhetik aus, könnte man meinen. In diesem Fall wäre Kombinaciya jedoch von ähnlichen Phänomenen aus dem Westen, wie beispielsweise der US-amerikanischen Hi-NRG-Italo-Disco-Band The Flirts, nicht zu unterscheiden.

Tatsächlich spielen die Texte als dritte Komponente neben Musik und Performance eine ausgesprochen wichtige Rolle und müssen unbedingt berücksichtigt werden, möchte man die unvergleichliche Sogwirkung der Kombinaciya-Hits verstehen. Als Beispiel sei hier der Refrain des Songs Russian Girls angeführt:

Russian, Russian, Russian girls, my baby
Give me give me only love.
Russian, Russian, Russian girls,
You take my soul.
Russian, Russian, Russian girls, my baby
Give me give me only love.
Russian, Russian, Russian girls,
You take my soul.
Russian girls,
You give me love again
Russian girls.

(post)-sowjetische Girlgroups, amerikanische boys und russische Mafia

Nicht anders als die Musik zeichnet sich auch der Text durch überbordende Repetition aus. Englische Liedzeilen in einen ansonsten auf Russisch gesungenen Disco-Song einzubauen stellte damals eine kleine Revolution dar. Der Rest des Textes beschreibt eine Affäre mit einem ausländischen Diplomaten, die in einer kurzlebigen Ehe mündet. Am Ende des Songs heißt es: „Das Gesundheitsministerium der SU warnt: AIDS ist die Pest des 20. Jahrhunderts.“ Party und Ernst treffen aufeinander. Viele der Texte thematisieren die sozioökonomische Situation Ende der 80er und Anfang der 90er – und das bedeutet neben Russian Girls, die sich an American Boys ranschmeißen, um dem grauen Moskauer Alltag zu entfliehen und endlich die Welt zu sehen, auch Armut und Lebensmittelmangel. Der Text von Dva kusočeka kolbaski (Zwei Stückelchen Wurst, 1992) führt dies, in Dissonanz zum poppigen Sound des Songs, deutlich vor Augen. So lautet der Anfang des Texts in deutscher Übersetzung: „Das neue Jahr hat angefangen, zu essen gab es nichts mehr.“

Kombinaciya wurde von einem Polizisten und einem Komponisten in der Provinzstadt Saratow gegründet, die Besetzung der Girlgroup im lokalen Konservatorium und in Diskotheken gecastet. Die Band tritt zwar bis heute noch auf, geblieben ist als einziges ursprüngliches Bandmitglied allerdings nur Tatiana Ivanova. Sie und Alyona Apina waren die Frontfrauen von Kombinaciya, bis sich Apina für eine Solokarriere entschied und mit Songs wie Ksyusha oder Liocha zur russischen Pop-Ikone avancierte. Einige der bekanntesten Songs der Band schrieb der Dichter Yuri Druzhkov (und nach ihrem Austritt auch für Apina) – so ließen sich seine Zeilen, die ansonsten niemanden interessierten, zumindest irgendwie unter die Leute bringen.

Hustlen in Tschernobyl

Das Musikbusiness war harte Arbeit in den russischen 90ern: Alle wollten schnellstmöglich Geld verdienen und die neuen Freiheiten auskosten, denn schon am nächsten Tag konnte es aus vielerlei Gründen zu spät sein. Eine Drogenflut, eine instabile wirtschaftliche und politische Situation im Land sowie Bandenkriege – das waren die negativen Seiten der ersten post-sowjetischen Jahre, die als lichije 90-ie (de.: flotte 90er) ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Bei dieser Formulierung ist allerdings Vorsicht geboten, da sie im heutigen staatstragenden Diskurs gezielt als Abgrenzungsfolie zur vermeintlich stabilen, ja goldenen Putin-Ära gebraucht wird. Die positiven Aspekte, die neuen Rechte und Freiheiten, werden dabei bewusst ausgeklammert. Eine gute Zusammenfassung zu den lichije 90-ie findet sich auf Dekoder.

Zurück zu Kombinaciya: Die jungen Frauen mussten bis zu sieben Mal täglich auf die Bühne, einige Monate zählten bis zu 50 Konzerte im ganzen Land. Als die Band erstmals nach Moskau kam, um Konzerte zu spielen, war es zu teuer, die Musikerinnen in einem Hotel unterzubringen und sie schliefen zwei Nächte in Folge im Bahnhofsgebäude. Jede Gelegenheit nutzten die Bandmanager für einen Auftritt: So performte Kombinaciya auch in der Kantine der Aufräumarbeiter von Tschernobyl, um für gute Stimmung zu sorgen. Nicht nur die Reaktorkatastrophe von 1986, auch Kriminalität und Korruption kennzeichneten neben den neuen Freiheiten den Untergang der Sowjetunion – und von den Schattenseiten der 90er blieb die Bandgeschichte keineswegs verschont. Der Produzent und Mitgründer der Band Aleksandr Shishin wurde 1993 unter bis heute nicht geklärten Umständen ermordet. Zuvor war bereits 1991 eine junge Frau, die aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu Tatiana Ivanova von Gangstern dazu gezwungen worden war, bei einer Doppelgänger-Kombinaciya mitzumachen und sich für Ivanova auszugeben, von ihrem Liebhaber und Millionär ermordet worden, nachdem sie ihm ihre wahre Identität anvertraut hatte.

Gen Z, Putin und eINE patriotische Rückkehr der 90er?

Die Nineties sind gemeinsam mit dem Slip-Dress und anderen Fashion-Pieces dieses Jahrzehnts wieder nach Russland zurückgekehrt: Dead Blonde ist das Solo-Projekt der Sängerin Arina Bulanova, Jahrgang 1999, aus Archangelsk. Wie auch Kombinaciya aus der Peripherie stammend, wurde sie im Sommer 2021 durch TikTok berühmt. In ihren Songs spielt sie mit der Ästhetik und der Lebenswirklichkeit der russischen 90er. Der Sound ist generisch, die Texte ironisch und voller Zitate – Dead Blonde ist ausgesprochen postmodern. Auf Instagram verkleidet sich die selbsternannte „Prinzessin aus der Taiga“ gerne mal als Pop-Göttin Alla Pugacheva. Knjažna iz Chruščëvki (de.: Prinzessin aus der Chruščëvka) ist der Titel ihres aktuellen Albums (die Chruščevka bzw. Chruschtschowka ist eine spezielle Form des Plattenbaus aus den 1960ern und 70ern). Im Video zum Song Ach Rossija Matuška (de.: Oh Mütterchen Russland) rotieren im Hintergrund große karierte Plastiktaschen, eine kirschrote Devjatka (das Automodell Lada Samara) und eine graue Plattenbaufront ziehen vorbei, Pistolen kreisen in Videogame-Ästhetik durch das Bild.

Die Devjatka, das russische Kultauto der 90er, ist eine eindeutige Referenz auf den Kombinaciya-Hit Višnevaja devjatka (de.: kirschrote Devjatka). Dead Blonde hat dem Fahrzeug sogar einen eigenen Song namens Malčik na devjatke (de.: Junge in/mit einer Devjatka) gewidmet. Natürlich ist Kombinaciya nicht der einzige Referenzpunkt für Dead Blonde – Eurodance, die schon genannte Alla Pugacheva sowie tATu sind in ihrem Universum allgegenwärtig – aber sie scheint nichtsdestotrotz die deutlichste zu sein. Der Vergleich zu Kombinaciya wird auch vielfach von Dead-Blonde-Fans in den Kommentaren zu ihren Videos gezogen, so beispielsweise in der Comment Section zum eben erwähnten Song Ach, Rossija Matuška (de.: Ach, Mütterchen Russland): RareCarsGarage sieht in Dead Blonde eine „Reinkarnation von Kombinaciya“ und Alisa Novikova „eine Kombinaciya unserer Zeit“.

Selbst wenn, wie für die referenzierten 90er-Jahre selbst nicht unüblich, die Texte von Ironie durchtränkt sind, stellt sich als Hörer*in immer wieder die Frage nach dem Patriotismus-Grad von Dead Blonde. Vor dem Hintergrund der eskapistischen Kombinaciya-Songs erscheint der Refrain von Ach, Rossiya Matuška sogar eine explizite Umkehrung der Kombinaciya-Message zu sein:

Unter deinem Schutz schlaf ich nachts tief und fest,
Nun, und das, was ich tagsüber sehe, werde ich schon aushalten können.
Und einen Ausländer werde ich nicht heiraten,
Ach, Mütterchen Russland, ich liebe dich!

Der Genauigkeit halber muss man allerdings ergänzen, dass eigentlich schon die Band Kombinaciya selbst diese Umkehrung im Song Buchgalter (de.: Buchhalter) aus dem Jahr 1991 mit ausgesprochen viel Selbsironie vollführt hat: Man ist müde von American Boys und wendet sich dem russischen Buchhalter zu, einem einfachen Typ, der zwar nicht so aufregend wie der American Boy ist, den man aber dafür ganz für sich alleine haben kann. Außerdem verfügt er über „heimische“ Attribute, er raucht z. B. sowjetische Machorka. Während Kombinaciya unentschlossen zwischen russischem Buchhalter und American Boy schwankt, ist klar, dass Dead Blonde definitiv keinen American Boy braucht. Die aus den 1990ern hervorgegangene abgehärtete Frau, für die Armut kein Problem darstellt und die mühelos mit Pistolen hantieren kann, ist die Heldin vieler ihrer Songs. Einige der User*innen-Kommentare unter dem Video zu Ach, Rossiya Matuška zelebrieren die in ihren Augen patriotische Sängerin. Durchforstet man das Instagram-Profil von Dead Blonde allerdings etwas länger, entdeckt man in ihren Stories einen Post, in dem sie dazu aufruft, beim Referendum zur Verfassungsänderung im Sommer 2020 mit Nein zu stimmen – mitnichten eine nationalistische Positionierung. Zum Hintergrund: Die Verfassungsänderung bewirkte die Annullierung der bisherigen Amtszeit Putins und erlaubt es ihm, bis 2036 an der Macht bleiben zu können. Laut russischer Wahlkommission wurde die Verfassungsänderung mit knapp 78 Prozent von der Bevölkerung angenommen.

Eine andere Frage, die sich stellt, ist: Warum ausgerechnet die 90er? Woher die Obsession der Gen Z mit dieser Zeit, waren sie doch noch gar nicht oder gerade einmal (wie im Fall von Dead Blonde) wenige Monate auf der Welt. Dazu kursieren schon lange zahlreiche Spekulationen im Netz. Eine beliebte Erklärung lautet, dass die Welt der 90er, also eine Welt ohne soziale Medien und Smartphones, in den Augen der Gen Z authentischer und irgendwie insgesamt gemütlicher wirkt als die heutige hyper-digitalisierte Realität. Im russischen Fall scheint jedoch ein anderer, teilweise entgegengesetzter Impuls wirksam zu sein: Die russischen 90er waren eine Zeit des Umbruchs, aufregend und gefährlich. Eine Faszination für genau diese aufregenden Zeiten mit einer offenen Zukunft (also vor dem Einsetzen der Ära Putin) lässt sich gewiss auch aus den Songs von Dead Blonde heraushören.

Bei gängigen Namen und Songtiteln wurde die englische bzw. deutsche Transkription, ansonsten die deutsche Transliteration des kyrillischen Alphabets verwendet.


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Fotos in der Titelgrafik © Last FM, Wikipedia & Art Assorty

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