Ein Tagesausflug: Tschernobyl, Dark Tourism & #yolocaust

Tschernobyl als Name eines Unglücks ist zwar vielen ein Begriff, dabei kennen aber nur wenige die Details der Geschichte. Seit der HBO-Serie erreichen diese Details immer mehr Menschen. Es ist eine Geschichte des Atomreaktors in der sowjetischen Ukraine, der im April 1986 explodierte und eine nukleare Katastrophe auslöste. Dessen Folgen sind bis heute noch spürbar. Nach der Ausstrahlung der Serie nahmen die Besucher*innenzahlen in die Sperrzone zu, mit ihnen wächst auch das Interesse an der Geschichte des Unfalls.

Touristen in der Sperrzone von Tschernobyl. Hier in Pripyat.

Es ist Sonntagmorgen. Ich sitze in einem Kleinbus mit einem Dutzend verschlafener Tourist*innen. Während wir schweigend darauf warten, bis die Letzten eintrudeln, denke ich nach. Was motivierte diese Menschen, in diesen Bus zu steigen? Mir fiel der seit einigen Jahren geflügelte Begriff Dark Tourism ein – Reisen zu Orten, die mit Tod, Katastrophen und Tragödien verbunden sind. Ein Nebenprodukt dieses Phänomens sind jene Menschen, die solche Orte ohne Sensibilität gegenüber der Geschichte besuchen. Nicht wenige der Tourist*innen präsentieren sich auf Instagram vor dem Eingang zu einer KZ-Gedenkstätte posend oder eben zwischen den Säulen des Berliner Holocaustmahnmals in Handstand. Das ist #yolocaust. Hier und jetzt bin ich einer dieser Dark Tourists oder zumindest gehöre ich zu dieser konkreten Gruppe von Menschen in dem Kleinbus. Was charakterisiert Dark Tourists? Ignoranz und ein fast unethischen Verlangen, einem Ort des Grauens so nahe wie möglich zu sein? Oder ist es nur schlichte Neugierde nach etwas Einzigartigem?

Ein einfacher Schlagbaum trennt die Sperrzone vom Rest der Welt.

Nach dreistündiger Fahrt aus Kyiv steht der Bus am Checkpoint zur Sperrzone. Eigentlich ist es ein profaner Schlagbaum, der die kontaminierte Zone vom Rest der Welt zu trennen scheint. Auf der Straße steht bereits eine Schlange aus Kleinbussen. Das routinierte Wachpersonal kontrolliert Pässe und führt Dosimeter-Tests durch. Kurze Zeit später öffnet sich der Schlagbaum. Wir fahren hinein.

Lange Zeit ist nichts Außergewöhnliches zu sehen. Der Bus stoppt mitten auf der von Schlaglöchern gezeichneten Landstraße. Die beiden Fremdenführer weisen auf ein ovales Stahlkonstrukt in knapp einem Kilometer Entfernung hin. Der große Sarkophag, welcher den Reaktor umschließt, glänzt im hellen Sonnenlicht. Kamerageknipse. Tabakduft. Verhaltenes Schweigen. Knapp fünf Minuten später steigen wir wieder ein und fahren weiter.

Die glänzende Schutzhülle um den zerstörten Reaktor soll für die nächsten hundert Jahre die gefährliche radioaktive Strahlung eindämmen.

Nun hält der Bus vor den Toren des Atomkraftwerks, vor denen ein Monument für jene aufgestellt wurde, die nach der Katastrophe als Liquidatoren gearbeitet haben. Sie haben zumeist die stark strahlenden Schuttreste von den Dächern des Reaktors entfernt. Viele von ihnen starben kurz danach. Wir besuchen das verlassene Pripyat und wandern durch die geisterhaften Ruinen der einst musterhaften sozialistischen Planstadt. 50.000 Menschen wurden hier damals evakuiert. Die einst hellen und sauberen Wohnblockfassaden der sozialistischen Ära zeigen sich heute aschgrau und trist. Wir steigen verfallene Treppenhäuser hinauf, blicken in verlassene Wohnungen und finden uns schließlich auf dem Dach eines Wohnblocks wieder. Vor uns erstreckt sich das von Gestrüpp und Bäumen überwucherte Pripyat. In weiter Ferne reflektiert der Sarkophag weiter das Sonnenlicht.

Hundegebell durchfährt den dichten Wald, der sich mitten in der Geisterstadt gebildet hat. Leben herrscht im Sperrgebiet noch immer. Neben den streunenden Hunden sind es Armeeangehörige und Wissenschaftler*innen, aber auch einige wenige, die sich damals geweigert hatten, die Zone zu verlassen. Am meisten ist es jedoch die Natur, die seither Stück für Stück die einst menschgemachte Umwelt zurückerobert.

Unsere Guides erzählen uns, dass der Einfluss des Menschen auch nach der Sperrung spürbar bleibt. Reifen, Schrott und Edelmetalle waren die ersten Opfer illegaler Raubzüge. Später folgten weniger wertvolle Gegenstände. Übrig blieben Badewannen, Gasherde und rostüberzogene, kontaminierte Autokarosserien. Was sich heutzutage auf den ersten Blick als sichtbares Zeugnis des Alltags der damaligen Einwohner zu präsentieren scheint, ist häufig inszeniert. Einäugige Kinderpuppen, fotogen in Szene gesetzt, scheinen hier ein beliebtes Kameramotiv zu sein. Klar, diese makabren Spielzeugüberreste passen ideal zu der endzeitlichen Stimmung innerhalb der Zone.

Bisweilen finden sich makaber in Szene gesetzte Gegenstände in verlassenen Gebäuden oder auf deren Grundstücken, wie hier im Kindergarten von Kopachi.

Besonders berühmt sind jene Menschen geworden, die illegal als sogenannte Stalker die Sperrzone betreten, um den Reiz des einsamen Umherstreifens auszuleben. Einer unserer Guides scheint sein umfassendes Wissen über die Zone nicht von ungefähr zu haben. Er bleibt vage auf die Nachfrage eines Besuchers, aber sein verschmitztes Grinsen verrät ihn.

Alte Stahlkonstrukte zeugen von unbeschwertem Leben vor der Reakorkatastrophe. Besonders das große Riesenrad verbindet man symbolhaft mit der Sperrzone. Seit jemand vor einiger Zeit die Bremsen löste, dreht sich der Rostriese bei Wind mit einem beklemmenden Stöhnen.

Nach etwas längerer Fahrt auf einer alten Militärstraße erreichen wir einen der letzten Punkte unserer Exkursion. Auf einer kiefernbewachsenen Anhöhe erblicken wir eine rund 150 Meter hohe Radaranlage, die damals Teil des sowjetischen Raketenabwehrsystems war. Von der Existenz dieser geheimen Anlage erfuhren die USA erst nach der Atomkatastrophe. Aufgrund ihres charakteristischen klopfenden Signals, welches weltweit auf Radiofrequenzen zu hören war, nannten die amerikanischen Streitkräfte diese Radaranlage Woodpecker (de.: Specht). Damals rankten sich viele Verschwörungstheorien um diese Anlage: Sie sollte das Wetter oder gar die Gedanken der sowjetischen Bürger beeinflussen. Heute steht der Stahlkoloss aufgegeben und verlassen im Wald und bietet sich Besucher*innen vor allem als Fotomotiv an.

Die alte, mitten in der Sperrzone gelegene sowjetische Radaranlage aus einer ungewöhnlichen Perspektive.

Es ist Abend. Der Bus fährt zurück nach Kyiv. Um Mitternacht sind wir da. Es ist merkwürdig, doch der Weg nach Kyiv zurück brennt sich in mein Bewusstsein ein – von der roten Abendsonne beleuchtete Ebenen und verschlafene ukrainische Dörfer. Es scheint, dass irgendwann der Mantel des Alltags über dieses grauenhafte Ereignis gelegt wurde. Am Ende der Geschichte bleibt ein vages Schulterzucken und der so vertraute Ausspruch: „Ja, so war das damals.“

Impressionen von der Heimfahrt.


Alle Fotos © Alexander Michel für osTraum


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