Die 7 (post-)sowjetischen Kult-Kippen: Geschichte und Propaganda

Kurenie ubivaet. Das ist Russisch für Rauchen tötet. Die Warnung in schwarzen großen Lettern auf weißem Hintergrund gab es in der UdSSR noch nicht, heutzutage findet man diesen Hinweis auf allen Zigarettenschachteln in Russland. Ob dies nun diesem Text und einem allgemein gestiegenen Gesundheitsbewusstsein und/oder den sich stetig erhöhenden Tabakpreisen in Russland, dem juristischen Nachfolger der Sowjetunion, zu verdanken ist? In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der erwachsenen Raucher:innen von rund 41 % auf etwa 31 % gesunken. Bis 2035 möchte das Gesundheitsministerium Russlands die Zahl auf gar 21 % reduzieren. Die minderjährigen Raucher:innen, Selbstanbauer:innen sowie Konsument:innen von Elektrozigaretten sind nicht Teil dieser Statistik. Wie verlässlich die Zahlen des russischen Gesundheitsministeriums sind – gerade während der Corona-Pandemie sind hierzu immer wieder Zweifel aufgekommen – ist natürlich eine andere Frage.

In unserem Beitrag möchten wir die 7 (post-)sowjetischen Kult-Kippen präsentieren. Der Beitrag ist ausdrücklich keine Werbung für das Rauchen, sondern ergründet das Rauchen in der Sowjetunion (und einige post-sowjetische Nach-„Züge“) als ein kulturelles und gesellschaftliches Phänomen.

7. Machorka

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Die #7 ist keine der unzähligen Marken, die es in der Sowjetunion gab – da wären beispielsweise Diplomat (für Leute, die sich wichtig fühlen), die ukrainischen Vatra-Zigaretten oder die in den 80er Jahren in Moldawien produzierten sündhaft teuren Marlboros – sondern der Klassiker unter den Klassikern des (post-)sowjetischen Rauchens: Es handelt sich um die Selbstgedrehte aus billigem Drehtabak, der sogenannten Machorka. Die authentische Version: Für wenig Geld eine Machorka-Packung käuflich erwerben oder einfach selbst im Garten anbauen, den Drehtabak in Zeitungspapier drehen, mit Spucke verkleben und losrauchen – natürlich filterlos und inklusive Druckertinten-Dämpfen.

Die Nicotiana rustica, so die wissenschaftliche Bezeichnung der Machorka, stammt ursprünglich aus dem oberen Amazonasgebiet. Die Pflanze ist aber besonders robust und lässt sich problemlos auch in kälteren Regionen anbauen. Vor allem für die (sowjetisch-)russische Erschließung und Kolonialisierung Sibiriens war Machorka ein wichtiges „Lebensmittel“, da häufig ein Defizit an herkömmlichem Tabak bestand und der Transport in die entlegenen Regionen eine logistische Herausforderung darstellte.

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Erstaunlicherweise ist Machorka direkt mit der avantgardistischen Architektur der Sowjetunion verbunden: Der Pavillion des Machorka-Syndikats, designt vom Architekten Konstantin Melnikow und auf der ersten gesamtrussischen landwirtschaftlichen Messe im Jahr 1923 aufgestellt, ist als eines der ersten avantgardistischen Bauprojekte in die sowjetische Architekturgeschichte eingegangen.

6. PRIMA

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Zur Geschichte der Zigarettenmarke Prima findet frau:man verschiedene Angaben: Die offizielle ukrainische Firmen-Seite gibt das Entstehungsdatum mit 1947 und als ersten Produktionsort die sowjetische Tabakfabrik in Kyjiw an. Andere sind sich sicher: Angeblich wurde Prima von den Nationalsozialisten während der Besatzung Kyjiws eingeführt; zu diesem Gerücht ist allerdings keine einzige zuverlässige Quelle auffindbar. Die Marke war günstig und populär, sozusagen das Zigaretten-Pendant zu den Papirossy Belomorkanal (mehr dazu unten). Wobei Prima nicht gleich Prima war – die Geschmäcker unterschieden sich und wie auch bei vielen anderen Zigarettenmarken schworen viele Raucher:innen auf Primas aus einer bestimmten Tabakfabrik (Java-Kippen bildeten eine Ausnahme, da sie tatsächlich nur in der Moskauer Java-Fabrik produziert wurden.) Ursprünglich nur filterlos erhältlich, gibt es Prima heute in vielen post-sowjetischen Ländern in verschiedenen Produktlinien: beispielsweise Prima Nostalgia mit Lenin, Stalin oder Brezhnev-Abbildungen auf der Schachtel. Auf diese Weise wird Marketing mit den vermeintlich „prima“ alten Zeiten betrieben.

5. Sobranie

Ich hatte mir außerdem die mit Henna dunkelrot gefärbten Haare jeden Tag mit Rasierschaum nach oben gebürstet, da ich aussehen wollte wie John Foxx oder David Sylvian in ihren Frühphasen. Ich trug beigefarbene Jodhpurhosen, und ich rauchte bunte, sehr dünne russische Zigaretten namens Sobranie.“

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Die Zigarettenmarke Sobranie (de.: Versammlung), hat es sogar in Christian Krachts neuen Roman Eurotrash geschafft. Hier sind wohl die bunten langen Cocktail-Zigaretten der Marke gemeint, unter derselben Marke werden aber noch zahlreiche andere Zigaretten-Varianten vertrieben. 1879 in London gegründet und damit eigentlich überhaupt nicht (post-)sowjetisch, aber in der Außenwahrnehmung, im Namen sowie in der Vermarktungsstrategie „russisch“, präsentiert sich Sobranie als prä-sowjetische Traditions- und Luxusmarke. Man habe schon den Zarenhof mit Tabakprodukten versorgt. So heißt es etwa auf der Verpackung der Sobranie Black Russians: „They are made from a recipe once exclusively reserved for a Grand Duke at the Court of St. Peterburg.“

Tatsächlich sind Sobranie-Zigaretten in vielen post-sowjetischen Ländern ziemlich beliebt und haben es deswegen unter die 7 (post-)sowjetischen Kult-Kippen geschafft.

4. Soyuz Apollon

Weiter geht es mit einer kosm(onaut)ischen Marke: Soyuz Apollon wurde zur Propagierung des gleichnamigen, ersten gemeinsamen amerikanisch-sowjetischen Weltraumprojekts 1975 eingeführt. Die Produktion wurde allerdings bereits fünf Jahre später eingestellt. Tatsächlich dockten die beiden Raumschiffe, die amerikanische Appolo(n) und die sowjetische Soyuz, im All aneinander an und die Astronauten (bzw. Kosmonatuen) konnten sich gegenseitig besuchen – ein Wendepunkt im „Wettlauf ums All“.

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Das Design für die Zigarettenschachtel entwarf dabei nicht irgendwer, sondern der am Weltraumprojekt selbst beteiligte Kosmonaut Aleksej Leonow (er designte auch die entsprechende Pralinenschachtel und in Kooperation mit dem Künstler Andrej Sokolov zahlreiche kosmonautische Briefmarken-Sets). Aleksej Leonow war zehn Jahre zuvor der erste Mensch überhaupt gewesen, der ein Raumschiff verließ und im Weltall schwebte („Außenbordeinsatz“).

Die Zigaretten kamen erstmals am 15. Juli 1975 in der Sowjetunion in Umlauf, am Tag des Starts des Weltraumprojekts. Sie wurden später auch in den USA verkauft (es gab ein zweites Design in umgekehrter Nennung der Raumschiffe als Apollo Soyuz und in lateinischer statt kyrillischer Schrift), erfreuten sich aber nur in der Sowjetunion großer Beliebtheit. Neben Soyuz Apollon existierte auch eine zweite kosm(onaut)ische Kippen-Marke in der Sowjetunion: Kosmos. Seit 1995 wird die Marke Soyuz Apollon in der Tabakfabrik Krasnodar, die zum US-amerikanischen Global Player Philip Morris gehört, wieder hergestellt. Der aktuelle CEO von Philip Morris ist der polnische Unternehmer Jacek Olczak.

3. Java

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Die Marke Java und die zugehörige Moskauer Fabrik existierten bereits vor der Oktoberrevolution und gingen mit Gründung der UdSSR in staatlichen Besitz über. Der Name kommt von der Tabakmischung indonesischen Tabaks, die ursprünglich in den Zigaretten enthalten war. Später war es dann vorwiegend Tabak aus Bulgarien, doch der Name blieb. Ab 1966 wurden Java-Filterzigaretten produziert, die ersten Zigaretten mit Filter in der Sowjetunion überhaupt. Man wollte mit internationalen Standards mithalten und kaufte für die Produktion dieser Filter-Javas extra Maschinen aus dem Ausland ein. Die Java-Kippen galten als hochwertig, sie waren nicht überall erhältlich und die ersten Lieferungen der neuartigen Filterzigaretten gingen direkt an Partei-Cafeterien und ranghohe Politiker:innen. Zu Sowjetzeiten produzierte nur die Moskauer Java-Fabrik diese Zigaretten und stellte unter anderem auch spezielle Tabak-Präsente für Fidel Castro und Helmut Schmidt sowie Zigaretten kleinerer Marken her, z. B. Soyuz Apollon.

2. Kazbek

Bei Kazbeks handelt es sich nicht um die heute gängigen (Filter-)Zigaretten, sondern um eine filterlose Variante mit einer etwas anderen Form, die fast schon als retro gilt: die sogenannten Papirossy. Kazbek-Papirossy waren nicht die günstigsten auf dem Markt und vor allem bei Generälen und in gehobenen Kreisen beliebt. Die Schachtel zeigt(e) einen Reiter mit einer gebirgigen Landschaft im Hintergrund. Kazbek ist der Name eines Berges an der georgisch-russischen Grenze.

Auf Twitter fragte die Historikerin Tricia Starks, die unter anderem zum Rauchen in der Sowjetunion forscht, danach, was an Kazbek-Kippen eigentlich so besonders war und was ihnen Popularität verschaffte. Darauf antwortete der User Patrick Knill:

“It’s not so far from Marlboro Man! Freedom of the mountains, open air, adventure, exotic masculinity. Belomorkanal are Soviet and novel, Kazbek are in that romantic Lermontov tradition of experiencing (a few puffs of) Asiatic/Caucasian otherness. While sat in your drab apartment.”

Der Kazbek-Reiter als sowjetisch-orientalistische Version des kapitalistischen Marlboro Mans – besser kann man es wohl nicht beschreiben.

1. Belomorkanal

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DER Klassiker, dessen Name schon im Vergleich zu #2 gefallen ist. Die in den 1930ern eingeführte Marke Belomorkanal, oft einfach Belomor genannt, gibt es bis heute in Russland und einigen post-sowjetischen Ländern. Dabei ist die Geschichte dieser Papirossy sehr makaber: Die Marke wurde nach dem Weißmeerkanal benannt (russ.: Belomorkanal), um so das stalinistische Bauprojekt zu promoten. Bei diesem berüchtigten Bauprojekt kamen zehntausende Zwangsarbeiter:innen ums Leben (die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt). Der Kanal war eines der großen Projekte während des ersten Fünfjahresplans.

Belomor gehört bis heute zu den billigsten legalen Zigaretten auf dem russischen Markt (sie waren auch schon zu Sowjetzeiten billig). In der Tat ist der Geschmack des Tabaks nicht jederfraus:jedermanns Sache. Eine Zigarette enthält zwischen 1,5 und 1,7 mg Nikotin und bis zu 32 mg Teer. Eine Marlboro-Red-Zigarette dagegen enthält ca. 0,8 mg Nikotin und rund 10 mg Teer. Den Belomor-Kippen wird deshalb nachgesagt, es seien die stärksten Zigaretten der Welt. Haltbare Belege dafür gibt es nicht.

Inzwischen wurde das Sortiment der „Kult“-Marke ausgeweitet: Es gibt nun Belomorkanal-Vodka, vor einigen Jahren kam sogar Eau de Cologne als Limited Edition auf den Markt – mittlerweile ist der „Duft“ aber vergriffen. Im Film hatte Belomor zahlreiche Auftritte, so zum Beispiel in der Krimikomödie Vorsicht, Autodieb! (russ.: Beregis‘ Avtomobilja), in der die Zigaretten mehrmals in Dialogen auftauchen; und man kann davon ausgehen, dass es sich bei den Papirossy, die der Wolf in der legendären Kinder(!)-Trickfilmserie Nu, pogodi! raucht, auch um Belomors handelt.


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Foto in der Titelgrafik © Wikipedia

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