Die 7 osTraum Post-Punk & Doomer Bands oder wer ist Doomer Wojak?

Klimakatastrophe? Ressourcenknappheit? Weltuntergang? Vor allem auf Social Media hat sich in den vergangenen Jahren der schon legendär gewordene Meme Doomer Wojak verbreitet. Wörtlich heißt das Englisch-Polnische Hybrid der „Untergangskrieger“ und ist seit etwa 2018 die ironische Personifizierung einer Musikstimmung, geprägt von Trauer, Gleichgültigkeit, Nihilismus und zynischer Anschauung der Welt, die mitten in der Apokalypse steckt. Der Doomer Wojak und die mit ihm assoziierte Musik sind heute vor allem auf Spotify, Facebook, Reddit, Instagram oder 4chan zu finden. Der mittlerweile global virale Trend von der sogenannten „Doomer Musik“ ist aber aus vielerlei Gründen problematisch. Die ursprüngliche Zeichnung kommt vom polnischen User der Bildtauschplattform Krautchan Sebastian Grodecki, sein Nickname in dem Forum war damals Wojak. Die User:innen des Netzwerks und weiterer Plattformen weltweit interpretierten das Porträt als einen Ausdruck einer schmerzenden Seele und Wojak hat sich mit diesem Schmerz abgefunden. Schnell entstand aus dem Schmerz eines imaginären Individuums der Schmerz eines ganzen Landes oder eines ganzen politischen Blocks, der heute nicht mehr existiert. Das Porträt des Dommer Wojaks in einer Strickmütze, einem schwarzen Hoodie und einer Kippe im Mund wird heute vor allem mit postsozialistischen Gebieten assoziiert. Die dominante Rolle spielt dabei das Gebiet der ehemaligen UdSSR. In Kombination mit dem Porträt soll damit vor allem der (post)apokalyptische Charakter des Lebens auf den Gebieten zum Ausdruck gebracht werden. Die Menschen sind depressiv, die Umwelt ist verschmutzt, die Städte sind grau. Die Bilder sprechen für sich:

Die Titel der Bilder, wie „Slavic Doomers“ oder „Russian War Songs“, setzen oft das Russische mit dem Slawischen oder gar „dem Osteuropäischen“ gleich und bedienen gleichzeitig nationalistische, rassistische und antislawische Diskurse, die oft auf den nationalsozialistischen „Untermenschen in Osteuropa“ zurückgehen. Mit solchen Memes werden aber auch viele Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas weiterhin als das Imperium des Bösen stigmatisiert, oder zumindest als dessen Satelliten. Mit dem dominanten Motiv Russlands und dem Ursprung des Memes in Polen wird der geografische Bogen des Doomer Wojak mit der Ausnahme der ehemaligen DDR über den gesamten post-sozialistischen Raum gespannt. Das während des Kalten Krieges popularisierte Bild der Gebiete als das Inperium des Bösen wird damit ins 21. Jahrhundert weitergetragen.

Nichtsdestotrotz, gibt es auch positive Seiten des Hypes. Auch wenn unter „Doomer Musik“ zahlreiche Musikstile (Punk, Post Punk, New Wave, Dark Wave, Progressive Rock, Indie Rock, Industrial etc.) und -epochen (1970-er bis 2020-er) zusammengefasst werden, verhilft es einigen Musiker:innen zum Erfolg. Manche von ihnen werden auch außerhalb ihrer Geburtsländer bekannt oder haben tatsächlich den Status von globalen Stars erreicht. osTraum präsentiert euch die 7’er Auswahl von alten und neuen, düsteren und punkigen, bekannten und unbekannten Bands und Formationen, die ihr beim Namen kennen solltet:

7. Molchat Doma (Belarus, 2017 bis heute)

Die Minsker Band um Roman Komogortsev, Egor Shkutko und Pavel Kozlov ist zwar noch sehr jung, zählt aber bereits zu den global bekanntesten zeitgenössischen Musiker:innen aus Belarus und den bekanntesten Post Punk Bands der Welt. Molchat Doma (Malčat Dama – Die Häuser schweigen) spielen vor ausverkauften Hallen in Los Angeles, Berlin, Manchester, Prag und Helsinki. Auf Instagram haben die Rocker:innen über 140.000 Follower:innen, was im Vergleich zu ihren Statistiken auf Spotify, YouTube und TikTok recht wenig ist. Auf Spotify hören sie über 2,2 Millionen Menschen monatlich, auf YouTube hat ihr populärstes Lied „Sudno“ (Das Schiff) über 30 Millionen Views auf einem Fan-Account innerhalb von 2 Jahren gesammelt, TikTok-Videos mit ihren Songs sind weltweit viral. Musikalisch steckt aber hinter dem Projekt etwas längst Vergessenes – warmer Röhrenverstärker-Sound, das weiße Rauschen im Hintergrund und eingängige Schlagzeugpartien gemischt mit Synthesizer. Klingt nach den 1970-ern, sind aber 2020-er. In der neuesten Zeit nutzt die Band in ihren grafischen Arbeiten Metaphern zu Nordkorea. Dass es etwas mit Belarus und Lukašenka zu tun hat, muss wohl nicht genauer erörtert werden.

PS: Das Gebäude auf dem bekanntesten Album-Cover der Band ist übrigens eine Collage mit dem Hotel Panorama Resort in Štrbské Pleso in der slowakischen Tatra.

6. One MIllion Bulgarians (Polen, 1986 bis heute)

In der 35-jährigen Geschichte der Band aus Rzeszow waren rund 30 Musiker:innen über kurz oder lang an dem Schaffensprozess beteiligt. Der Frontman, Sänger und Multiinstrumentalist Jacek Lang ist dabei das ständige Mitglied der Band. Im Vergleich zu Molchat Doma ist ihr Sound düsterer und rauer. One Million Bulgarians tendieren musikalisch schon fast zum Dark Wave und Gothic. Der Gesang variiert zwischen Punk und atmosphärischem Klargesang à la The Cure. Mit rund 11 Alben gehört die Band nicht nur zu den wohl bekanntesten Post Punker:innen Polens, sondern auch zu den mit dem stärksten Durchhaltevermögen. Bis heute sind One Million Bulgarians aktiv, womit sie nicht nur in Polen, sondern auch allgemein in der europäischen Geschichte des Post Punks zu den Ausnahmen gehören. Denn viele Projekte in dem Genre waren und sind oft nur von kurzer Lebenszeit, wie die 4-jährige Geschichte der Legende Joy Division (ehem. Stiff Kittens und Warsaw) zeigt.

5. Haustor (Kroatien, 1977-1990)

HAUSTOR aus Kroatien sind ein Beispiel für den fröhlichen Post Punk. Ihre Songs sind alles andere als depressiv, düster oder melancholisch. Bei ihnen stellt sich auch sowieso die Frage nach dem „Post“ und nach dem „Punk“. Bei den kroatischen Pionieren alternativer Musik ist ein starker Reggae-, Ska- und Synth Pop-Einfluss herauszuhören. Die Band um Darko Rundek blieb in Kroatien auch nach ihrer Auflösung populär. Ihre Platten werden alle paar Jahre neu gemischt und veröffentlicht. Ihr noch aus der jugoslawischen Zeit stammende Label Croatia Records dreht auch immer wieder Videos zu einigen Songs nach. Das Ergebnis ähnelt dabei aber schon fast einem Balkan Turbo Folk Attitude, was zumindest den Kitsch angeht. osTraum teilt mit euch eins der noch alten und authentischen Videos der Band – Pogled u bolju budućnost (Ein Blick in die bessere Zukunft) aus dem Jahr 1981, das offensichtlich auf die versprochene und nie erreichte kommunistische Zukunft anspielt.

4. Electroforez (Russland, 2012 bis heute)

Das Duo aus Sankt Petersburg wurde von zwei Freunden – Ivan Kuročkin und Vitalij Talyzin – noch zu ihrer Schulzeit gegründet. Ohne am Anfang wirklich ernsthafte Ziele zu haben, entwickelte sich die Formation nach etwa einem Jahr schnell zu einem Kunst- und Musikprojekt. Der notwendige Stoß in die Richtung professioneller Musik kam vor allem durch das Cover zu ihrem Song „Эшафот“ (Äschafot – Blutgerüst) von der US-amerikanischen Band Xiu Xiu 2013. 2014 hat die Band zudem bei der europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst Manifesta 10 in St. Petersburg gespielt. 2021 veröffentlichte die Band ihre dritte LP mit dem Titel „505“ heraus. Das Album ist den Kritiker:innen nach die musikalisch dunkelste und thematisch politischste Veröffentlichung der Band, in der sie ostslawische Volksmotive mit düsterem Synth Pop vereint. Auch Ukrainisch ist neben dem Russischen und Französischen die dritte Sprache im Werk von Electroforez geworden. Nichtsdestotrotz wurde die Band 2021 in die Late Night Show „Večernij Urgant“ des ersten staatlichen Fernsehsenders eingeladen. Zudem brachte Electroforez 2021 zusammen mit Molchat Doma eine Single und ein Musikvideo heraus – Gothic, Dark Wave und ganz viele Metaphern wäre für „Мёртв внутри“ (Mjörtv Vnutri – [Er ist] im Inneren tot) wohl die passende Beschreibung.

3. SCH & Senad Hadžimusić (Bosnien & Herzegovina, 1983 bis heute)

Der bosnische Musiker Senad Hadžimusić gehört zu den Mitbegründer:innen alternativer Musik in Jugoslawien und vor allem in Bosnien-Herzegowina. Seine Band SCH (kurz für Schizophrenie) hat erst extreme Musik in Richtung Crust Punk, Noise und Black Metal gemacht, wechselte aber zunehmend zum moderateren Sound mit New Wave, Synth Pop und Post Punk. In den 1980-ern und 1990-ern kreierte SCH Musik-Geräusch-Landschaften, die vor allem die europäischen Kriege der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts thematisierten. 1996 brachte Senad einen bosnisch-englischen Gedichtband „SCH – Songs and Tales“ in Prag heraus, welcher von dem bekannten bosnischen und kroatischen Schriftsteller, Dichter, Journalisten und Literaturkritiker Miljenko Jergović hoch gelobt wurde. In den 2000-er Jahren wurden die Stücke melodischer, behielten aber immer noch eine ironisch-künstlerische Sicht auf den Militarismus und Diktaturen. Was die Band Laibach für Slowenien ist, ist SCH für Bosnien-Herzegowina. Senad Hadžimusić kann dabei als Vater des bosnischen Alternative Rock gelten.

2. Kino & Viktor Tsoi (UdSSR, 1978-1990)

Viktor Tsoi und seine Band KINO sind DAS Beispiel dafür, was im 21. Jahrhundert unter post-sowjetischer Doomer Musik verstanden wird. Zwischen 1978 und 1982 experimentierte Tsoi mit diversen Kolleg:innen und spielte mal Hard Rock, mal Punk, mal etwas zwischen Punk und Heavy Metal. Vor seinem Durchbruch spielte er zuletzt in der Band «Garin i giperboloidy» (Garin und Hyperboloide). Der Beitritt in den Leningrader Rockclub – einer staatlich geprüften und überwachten Konzertplattform für Rock Musik – und die Bekanntschaft mit dem Musiker und Produzenten Boris Grebenščikov 1981 änderten das Leben des Musikers. Die Band wurde in KINO umbenannt und es folgte eine steile Karriere in der UdSSR. In wenigen Jahren erlangte die Band einen Kultstatus und füllte nicht nur Stadien im ganzen Land, sondern durfte auch im Ausland spielen, z.B. in Frankreich und den USA. Ob sich KINO von The Smiths, Joy Division und The Cure nur inspirieren ließ oder schlicht die Musik und den Stihl der Musiker:innen für das sowjetische Publikum adoptierte, ist bis heute umstritten. Endgültig wurden Tsoi und KINO zum Kult nach dem Tod des Musikers bei einem Autounfall unweit der lettischen Hauptstadt Riga. Auf einem Chaussee prallte der 28-jährige Viktor Tsoi am Steuer seines PKWs mit einem Bus zusammen. Danach löste sich die Band auf. Einige Kolleg:innen haben mit Musik aufgehört, andere fanden ihre neue Berufung in anderen Bands, wie z.B. in der Band DDT.

Neben seiner Musikkarriere besetzte Tsoi auch Rollen in diversen Spielfilmen. Über den Leningrader Rockclub, die Geschichte der Band KINO und ihren Aufstieg drehte der russische Star-Regisseur Kirill Serebrennikow 2018 den Film LETO, der international gefeiert wurde.

Den heute veränderten internationalen Kultstatus des Musikers verbildlicht folgende Stilisierung von ihm als Doomer Wojak, begleitet von seinen Hits aus vergangener Zeit.

1. shishi (Litauen, 2017 bis heute)

Obwohl unser Lieblingstrack eingentlich Burbulas ir Burbulienė ist, möchten wir hier das Lied und das Video „en den du“ für ein Kennenlernen mit SHISHI empfehlen. Der Song vereint in sich postsozialistische Visuals mit modernem Sound, der Genregrenzen aufbricht. Die Formation um Dominyka Kriščiūnaitė, Elena Neniškytė und Giedrė Nalivaikaitė legt sich stilistisch ungern fest und lässt Einflüsse aus Indie Rock, Rap, Folk, Synth Pop, Funk, Post Punk und Electro Pop zusammenkommen. Die Band hat erst 2018 ihr erstes Album herausgebracht, doch ist seitdem sehr produktiv und veröffentlicht ständig neue Singles, EPs, Alben und Videos. Zwar mögen SHISHI selbst in Litauen noch zu Geheimtipps der alternativen Musikszene sein, aber aus der Sicht von osTraum haben die Musikerinnen die perfekte Kombination gefunden. Sie lassen in ihren Werke genau so viel (post-)sozialistischen Post Punk zu, dass es nicht in den düsteren Tiefen von Doomer Wojak sinkt. Ihre Musik ist neu, frisch und sie traut sich was. SHISHI interpretieren nicht den alten Post Punk neu, sie machen nicht die alte Musik mit neuen Technologien, sie entwickeln die Musikrichtung weiter und gehen mit der Zeit. Die Zukunft des Pop und Rock liegt abseits strenger Genregrenzen. osTraum bleibt gespannt, was SHISHI als nächstes ausprobieren – fette Gangsta Rap Beats? Akustische Jazz Tracks? Oder doch eher klassisch mit Synthesizer und E-Gitarre? Für jede Überraschung sind wir gern zu haben.


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Meme in der Titelgrafik © meme-arsenal.com

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