Ukrainian Film Festival Berlin-Stuttgart 2021: Blindfold & Stop-Zemlia

Ukrainischer Film ist bei weitem kein unbekannter Begriff für die:den Zuschauer:in in Deutschland. Neben den diversen Eventreihen und Screenings, die speziell ukrainischem Film gewidmet waren, wurde 2020 das Ukrainian Film Festival ins Leben gerufen. Und auch dieses Jahr setzten die Veranstalter:innen die Tradition fort, das Festival fand im Oktober sowohl offline, in Berlin und Stuttgart, als auch online statt. Die Menschen durften nicht nur wie letztes Jahr die neuen Filme aus der Ukraine nur zu Hause streamen, sondern füllten wieder die Kinosäle, um die ukrainische Filmkunst zu genießen. Die Festival-Macher:innen stammen aus diversen Bereichen und Initiativen, z.B. dem Fremdgehen Podcast, dem Studio Laidak Films und einigen Berliner Eventreihen zum ukrainischen Film. osTraum hat sich aus dem breiten Festivalprogramm zwei Lieblingsstücke ausgesucht und möchte sie mit euch teilen. Eines aber vorab: Die starken weiblichen Rollen im aktuellen ukrainischen Film sowie die Leichtigkeit des Bildes und der Erzählung, die der polnischen und tschechischen Tradition ähneln, sind den osTräumer:innen besonders positiv aufgefallen.

Blindfold (2020, Taras Dron)

Text: Erika Balzer

Das Drama von Taras Dron spiegelt den Kampf zwischen Vergessen und Hoffnung der jungen MMA-Fighterin (Mixed Martial Arts) Yuliya wieder, die auf ein Lebenszeichen ihres Freundes wartet. Denys war im gleichen Club Profisportler, bevor er an die Front im aktuellen Konflikt im Osten der Ukraine ging. Frau:man begleitet Yuliya dabei, wie sie sich täglich zwischen Weitermachen oder Festhalten entscheiden muss: Bleibt sie die verwitwete Freundin oder ist sie für eine neue Beziehung bereit?

Als Yuliya sich für das Weitermachen entscheidet, erhält Denys’ Mutter ein vermeintliches Lebenszeichen von ihrem Sohn, das ihre Hoffnung steigern lässt, Denys bald wieder in den Armen zu halten. Zur gleichen Zeit entscheidet sich ein anderer Sportskollege von Yuliya und Denys dafür, sein Zuhause erneut zu verlassen und dorthin zu ziehen, wo er sich mittlerweile weniger fremd fühlt als bei seinen Freunden in Lviv – auch er geht in den Krieg. Yuliya muss sich entscheiden, ob der Sport ihr durch das Erinnern mehr Schmerz bereitet oder ihr wieder zu Stärke verhelfen kann. Kann ein neues Leben beginnen oder gibt es eine Chance für das alte Leben?

Der Film macht deutlich, wie präsent der Krieg im Alltag fast aller Ukrainer:innen ist. Das zivile Leben geht zwar weiter, Tote, Verwundete, Traumatisierte und Verzweifelte gehören aber dazu, was nicht für alle selbstverständlich ist. Der Film zeigt keinesfalls eine patriotische und solidarische Gesellschaft, es zeigt eine diverse Gesellschaft, die in einer fast surrealen Wirklichkeit zwischen Krieg, Liebe, Post-Sowjetismus und neuen Perspektiven wiederfindet. Yuliyas Geschichte ist nur ein Schicksal von vielen, die sich alle mit den gleichen Fragen beschäftigen müssen und auf eine Rückkehr ihrer Soldat:innen hoffen. Frau:man fühlt ab der ersten Minute mit Yuliya mit und fragt sich bei jeder ihrer Entscheidungen, wie er:sie selbst wohl gehandelt hätte.

Stop-Zemlia (2021, Kateryna Gornostai)

Text: Maria Gerasimova

„Stop-Zemlia“ – ist eine Momentaufnahme, ein Abschnitt aus dem Leben von drei Kyiver Elftklässler:innen. Mascha, Senja und Jana sind Gen Zs und Freund:innen, also ganz einfach Teenies. Sie verbringen die meiste Zeit zusammen, sind aber doch auch mal alleine mit ihren Problemen. Beschäftigt mit Selbstsuche, Liebe, Instagram, Schule, Eltern und alles Möglichem. Sie gehen in die gleiche Schule, und genau das haben sie vor allem gemeinsam. Die Regisseurin Kateryna Gornostai, Absolventin der Schule des Dokumentarfilms und -theaters bei Marina Rasbežkina und Mihail Ugarov, schlägt mit ihrem Debütfilm eine Brücke zwischen Mockumentary und Spielfilm. Die Interviews vor der Kamera werden durch Alltagsszenen abgewechselt, die von einer dokumentarischen Genauigkeit geprägt sind.

Die Schule aus „Stop-Zemlia“ ist weit entfernt von der post-sowjetischen Schule der 2000er bei Valeria Gai Germanika. Hier gibt es nur wenig Konflikte, und auch diese sind ziemlich harmlos. Vor dem gemobbten Schüler wird sich entschuldigt, alle akzeptieren einander, so wie sie sind, auf der Schuldisko wird ausschließlich ukrainische, moderne Musik gespielt, alle Darsteller:innen können nicht aufhören, über sich selbst zu reflektieren. Das Spannende an dem Film ist jedoch, wie es der Regisseurin gelingt, die Routine des Schulalltags auf den Punkt zu bringen. Die Handlung dreht sich zum Teil im Kreis, genauso wie das Leben eines:einer Teenie:s, der:die eine Woche für Woche in die Schule geht, um dort dieselben Leute zu treffen.

Der Film von Gornostai gibt zwar keine eindeutigen Antworten auf die Schwierigkeiten des Teenager:in-Seins, öffnet aber eine spannende Perspektive, wie die ukrainischen Jugendlichen (zumindest exemplarisch diejenigen, die auf eine gute Schule in Kyiv gehen) heute ticken, welche Sorgen sie haben, welche Musik sie hören. Ein frischer „Coming of Age“ Film aus der Ukraine, der gegen die „чернуха“ Tradition im post-sowjetischen Kino vorgeht.


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Foto in der Titelgrafik © Ukrainian Film Festival Berlin Stuttgart

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