Mit Rock gegen die kommunistische Diktatur? Udo Lindenberg und die DDR

Udo Lindenberg ist bis heute einer der erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Rockmusiker. Mittlerweile 70 Jahre alt steht er (außer während der Coronapandemie) immer noch auf der Bühne. Neben Songs wie „Hinterm Horizont“ oder „Andrea Doria“, gehört das Lied „Sonderzug nach Pankow“ zu seinen bekanntesten Stücken. Der gebürtige Gronauer und Wahl-Hamburger versuchte seit 1973 ein Konzert für seine Fans in der DDR zu organisieren. Immer wieder scheiterte er an der sozialistischen Führung des Arbeiter- und Bauernstaates. Erst 10 Jahre später durfte er im Palast der Republik auftreten. Sein Titel „Sonderzug nach Pankow“ wurde ihm zum Verhängnis und gleichzeitig zum Türöffner.

Der Palast der Republik wurde 1976 an der Stelle errichtet, an der 1950 das Berliner Schloß durch die DDR und die Sowjetunion gesprengt wurde. 2006 bis 2008 wurde der Kulturpalast aufgrund von schädlichen Baustoffen abgerissen. 2013 bis 2020 wurde das Berliner Schloß als das Humboldt Forum wieder aufgebaut. (Alle Fotos: Wikimedia (Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3))

Der Weg dahin spiegelt Lindenbergs typische lässige, lockere „Keine-Panik“-Manier wieder mit der er jeden Konflikt teils ins ironische zieht und zeigt einen fast freundschaftlichen Austausch zwischen dem Musiker aus dem Westen und dem politischen Führer der DDR. Ein Art Ping-Pong-Spiel, in dem jeder seine Interessen hat.

Als Udo Lindenberg 1973 mit seinem Song „Andrea Doria“ großen Erfolg feiert, macht er sich an seine Karriereplanung. Auf Punkt 8 seiner Liste steht „DDR kümmern“. Seine Beziehung zur DDR beginnt schon ein Jahr früher, als er sich in Ost-Berlin in eine Manuela verliebt. Lindenberg organisiert ihre Flucht aus dem Westen und macht ihr einen Heiratsantrag, bevor sich herausstellt, dass Manuela für die Stasi arbeitet und ihr Mann bei der NVA ist. Die Erlebnisse verarbeitet Udo Lindenberg in seinem Song „Das Mädchen aus Ostberlin“.

Zwei Jahre später schreibt Lindenberg erneut einen Song über die DDR („Rock’n’Roll-Arena in Jena“), in dem er seinen Wunsch dort aufzutreten deutlich macht. Die Stasi schaltet sich erstmals ein und bezeichnet Lindenberg als „gleichgültigen, pessimistischen Menschen“ und einen „mittelmäßigen Schlagersänger“, an dem kein Interesse bestehe. Auf Abhörunterlagen von Gesprächen Lindenbergs vermerkte die Stasi „Auftritt in der DDR kommt nicht in Frage.“ Erst als Udo Lindenberg wegen seines Einsatzes gegen die Aufrüstung im Kalten Krieg zum Zugpferd der Friedensbewegung in Westdeutschland wird, wird er auch für das Regime der DDR interessant.

Allerdings bringt er nahezu zeitgleich seinen berühmten Titel „Sonderzug nach Pankow“ heraus, in dem er abermals seinen Wunsch ausdrückt, endlich in der DDR auftreten zu dürfen.

Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Pankow? Ich muss mal eben dahin, mal eben nach Ost-Berlin. Ich muss da was klären mit eurem Oberindianer, ich bin ein Jodeltalent und will da spielen mit ’ner Band.

Udo Lindenberg / Sonderzug nach Pankow

In dem Song bezeichnet er sich selbst als „Jodeltalent“. Erich Honecker (1971-1989: Generalsekretär der DDR und damit der höchste politische Entscheidungsträger) nennt er einen „sturen Schrat“, „Oberindianer“, „Rocker“ oder „Honey“, Ausdrücke die „objektiv geeignet sind, die persönliche Würde eines Menschen grob zu verletzen und […] das gesellschaftliche Ansehen des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR […] zu verunglimpfen“, wie die Stasi in ihrem Bericht erläutert.

Auch am letzten Satz des Songs störte sich das Regime, denn dieser unterstelle, dass die DDR kein unabhängiger Staat, sondern abhängig von der UdSSR sei.

Genosse Erich, im übrigen hat der Oberste Sowjet nichts gegen ein Gastspiel von Herrn Lindenberg in der DDR

Auf Russisch gesprochener Schlusssatz vom Lied „Sonderzug nach Pankow“

Der Song landet in der DDR auf dem Index. Es folgten Hausdurchsuchungen in Wohnheimen und Discotheken, Berufsverbote für DJs, die den Titel spielten und Geld- und Haftstrafen wegen „Stören des sozialistischen Zusammenlebens“ – eine regelrechte Hetzjagd des Regimes gegen die Veröffentlichung und Verbreitung dieses Songs.

Honey ich glaub du bist doch eigentlich auch ganz locker,

ich weiß tief in dir drin bist du doch eigentlich auch ’n Rocker

Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an und schließt dich ein auf’m Klo und hörst West-Radio

Udo Lindenberg / Sonderzug nach Pankow

Locker nahm die Erich Honecker die ganze Sache also nicht. Lindenberg reagiert auf die Vorkommnisse, die sein Song ausgelöst hat, und verfasst einen offenen Brief an Honecker. In Lindenbergs typisch lockeren Art duzt er Honecker und schreibt, dass dieser das alles nicht „so eng und verkniffen“ sehen soll. Er hoffe auf grünes Licht für die Reise „in’s rote Land“ und spricht Honeckers „Musikerkarriere“ als Trommler beim Roten Frontkämpferbund an. Diesem öffentlichen und wenig förmlichen Brief, folgt ein zweiter staatsmännischerer, in dem Udo Lindenberg sich bei Erich Honecker entschuldigt – es läge ihm fern, ihn zu diskreditieren. Lindenbergs Management ködert die Führung der DDR nun mit einem Zugabeauftritt von US-Sänger Harry Belafonte. Danach wurde Lindenberg tatsächlich zu einem Auftritt in der DDR eingeladen – er darf beim sogenannten „FDJ-Friedensmanifest“ spielen. Doch nicht nur das, Egon Krenz, damals Erster Sekretär der FDJ (Freie Deutsche Jugend, Jugendorganisation der SED), sichert ihm vertraglich eine komplette Tournee durch die DDR zu.

„Der Sonderzug nach Pankow“ (Bildquelle: Pxhere)

Auf dem „FDJ-Friedensmanifest“ im Palast der Republik, dem Sitz der Volkskammer der DDR, wo sich heute das rekonstruierte Berliner Stadtschloss befindet, soll Udo Lindenberg den „Friedensengel aus dem Westen“ spielen. Vier Songs sind ihm gestattet, freiwillig verzichtet er auf Gage und die beiden kritischen Titel „Das Mädchen aus Ostberlin“ und „Sonderzug nach Pankow“.

Ein Satz während des Konzertes wird ihm aber letztendlich zum Verhängnis:

In der BRD und in der DDR – nirgendwo wollen wir auch nur eine Rakete sehen. Keine Pershings und keine SS 20.

Udo Lindenberg während seines Auftrittes beim „FDJ-Friedensmanifest, 25.10.1983

Die Tatsache, dass Lindenberg nicht nur die Pershings der USA, sondern auch die SS 20-Raketen der UdSSR kritisiert, die auf DDR-Boden stationiert sind, veranlassen das Regime, die geplante Tournee abzusagen. Lindenberg spielt wieder eine Art Ping-Pong-Spiel mit Erich Honecker in seiner gewohnt provozierend lässigen und lockeren Art.

Im Mai 1987 schickt Lindenberg dem kommunistischen Führer Honecker eine Lederjacke und schenkt ihm bei einem Staatsbesuch Honeckers im September 1987 in Wuppertal eine Gitarre mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“.
Foto: dpa

Erich Honecker spielt mit und gibt sich in der „Jungen Welt“ (Zentralorgan bzw. -medium der FDJ) lässig. Dort veröffentlicht Honecker einen langen offenen Antwortbrief an Lindenberg: Die Jacke wäre äußerlich natürlich Geschmacksache, aber sie würde passen und an einen Rockfan aus der FDJ verschenkt.

Übrigens, da Sie gelegentlich auf meine musikalische Vergangenheit zu sprechen kommen, schicke ich Ihnen eine Schalmei. Viel Spaß beim Üben.

Erich Honecker in einem offenen Brief an Udo Lindenberg 1987

Geschenke gehen über die Grenze hin und her, aber die versprochene Tournee bleibt aus. Udo Lindenberg kann seine Fans in der DDR erst nach dem Fall der Mauer erreichen.

Zurück bleibt ein Ping-Pong-Spiel, ein Taktieren zwischen Ost und West, ein Jonglieren zwischen Lindenbergs Fans in der DDR und dem Regime, dem der Musiker sich einerseits anbiedern musste, um für seine Fans spielen zu können. Andererseits spielte er mit dem Feuer und lief Gefahr zum Spielball zwischen dem Eisernen Vorhang und für die Interessen des Regimes zu werden.

Udo Lindenberg sagte dazu selbst in einem Interview mit ZDF-History:

Ich Wollte da nicht so zu freundliche Dinge mit der SED-Regierung… Ich musste ja irgendwie tricksen. Es gab ja Leute im Westen, die haben gesagt, der biedert sich da an. Aber ne, ich musste da ja irgendwie jonglieren, dass ich da rein komme.

Udo Lindenberg

Wer sich tiefer mit dem Kampf des westdeutschen Rockstars und dem ostdeutschen Diktator auseinandersetzen möchte:
Die Stasi-Unterlagen über Udo Lindenberg wurden vom BStU (die Verwaltungsbehörde des „Stasi-Archiv“) für die Öffentlichkeit freigegeben und sind hier abrufbar.


Weitere Quellen zu dem Thema:

Dokumentation ZDF History: Go East. Weststars in der DDR. Deutschland 2013. Abrufbar bei YouTube.

MDR (Hrsg.): Udo Lindenberg und die DDR, 20. Mai 2011.


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Titelfoto © Udo Lindenberg

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