Burning Vozhd im Interview: Kerzen von PUTIN, LUKASCHENKA, Kim Jong-Un & Co.

Wo in Moskau gibt es die Atmosphäre von Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain zu entdecken? Die Gründer*innen der Moskauer Bar „Sur Bar“ (ausgesprochen „ßür Bar“) locken auf ihrer Instagram-Seite mit der folgenden Beschreibung an, die sofort osTraum’s Aufmerksamkeit gewann: „Sur Market ist eine informelle Veranstaltung mit einer entspannten Atmosphäre Berlins“ [Übersetzung aus dem Russischen]. Wir wollten genauer nachforschen, was der „Berliner Markt“ von Sur Bar zu bieten hat. Touristisches Reisen ist gerade schwierig, aber zumindest anhand der Fotos war es möglich, eine virtuelle Reise nach Moskau zu machen und somit gleich direkte Bezüge zum Berliner Floh- und Kunstmarkt im Mauerpark festzustellen. Obwohl, womöglich, es in in der russischen Hauptstadt ein Stückchen sauberer und weniger chaotisch ist. Auch Ware, die womöglich vom Laster gefallen ist, wird hier anscheinend im Unterschied zu Berlin nicht verkauft, was ein eindeutiger Pluspunkt für die Moskauer Bar ist. In der ganzen Vielfalt der angebotenen Designobjekte haben insbesondere die Kerzen von Margarita Bredova-Zverinaja unser Interesse geweckt. Beim Anblick dieser ungewöhnlichen Kerzen greift die Hand schon fast automatisch nach einem Streichholz.

Personenkult in der Politik und Geschichte als ein globales Problem spiegelt sich nicht nur in der Kunst wieder, sondern in Konsumgütern. Margarita und ihre Kerzen sind kein politisches Programm. Sie rufen zu nichts auf. Du zündest dir einfach eine Kerze an und die Büste eines Diktators oder eines Populisten schmilzt dahin. Bei dem Anblick dieser Performance verspürst du aber nicht nur innerliche symbolische Wärme, sondern selbstverständlich auch die (halb)materielle Wärme des Feuers.

Unter dem Titel „Burning Vozhd‘“ (de.: der brennende Führer) stellt Margarita Kerzen her. Wir haben mit der Künstlerin über ihre Werke, das brennende Patriarchat, ihre aktuelle Lieblingsmusik, Kommunismus, die Kraft des Feuers sowie die Kindheit in der Umbruchszeit zwischen der Sowjetunion und Russland gesprochen.

Teil 1: Feuer, Kindheit und Magie

osTraum: Was sind deine ersten Kindheitserinnerungen, die mit Kerzen verbunden sind? Bist du vielleicht mit Verwandten in die orthodoxe Kirche gegangen und hast dort Kerzen angezündet? Oder Kerzen auf einer Geburtstagstorte? Oder ein Vorrat an Kerzen für den Fall eines Stromausfalls?

Burning Vozhd: All das, was du aufgezählt hast, kann ich nur bestätigen! Außer in die Kirche zu gehen. In der kleinen Garnisonstadt in der nördlichen Kirow Region, in der ich meine ganze Kindheit verbracht habe, gab es einfach keine Kirche. Etwas Ähnliches gab es aber bei uns Zuhause – eine Zeit lang zündete meine Mutter neben dem vergrößerten Schwarzweißpassfoto meines verstorbenen Vaters Kerzen an. Irgendwann brannte dann der polierte Kerzenhalter aus Holz für eine dünne Kirchenkerze an, was damit aber weiter passierte, weiß ich nicht mehr genau.

Einen Notfallbestand an Paraffinkerzen auf dem Schrank für den Fall eines Stromausfalls war immer obligatorisch, insbesondere bei kaltem Winterwetter geschah es ständig, dass Strom ausgefallen ist. Dann gingen die Nachbarn zur Treppe hinaus. Statt Kerzenhalter hatten sie 1/2 l Gläser in der Hand. Sie öffneten den Schaltschrank und beleuchteten Drähte und Zähler mit einem schwachen Kerzenlicht, anscheinend suchten sie nach Antworten auf die Frage, wann das Licht wieder angehen würde. Es sah aber eher nach einem Ritual als nach einem Reparaturversuch aus. Sie alle waren empört, doch alle kehrten schnell in ihre Wohnungen zurück und bewegten sich langsam im Dunkeln durch die Wohnungen, tasteten sich vor. Dabei tanzten die Flammen der Kerzen und warfen lebendige Schatten auf die Tapeten. Einige schalteten auch ihr Gasherd ein und stellten einen Wasserkocher drauf. Die blaue Blume des Gasfeuers in der Dunkelheit der Küche versammelte um sich wie ein Kamin den ganzen Haushalt. Ein weiteres Ritual bestand darin, aus dem Fenster auf das Nachbarhaus zu schauen, in dem auch das Licht ausging, und zu warten, dass dort das Licht angeht, was für uns heißen würde, dass wir es auch bald geschafft haben. In der Stille könnte auch kaum hörbar das Radio vor sich hinsprechen. Das war aber möglich, bevor die überall abgeschaltet wurden. Heute werden Radios über das allgemeine Netz mit Strom versorgt. Damals waren sie vom Gesamtstromnetz getrennt.

Und natürlich auch zu Geburtstagen waren Kerzen ein Muss! Was für eine Kuchen- und Kinderparty war ohne diese dünn gestreiften Kerzen möglich?! Sich etwas zu wünschen und die Kerzen auszupusten, ist unerlässlich – manchmal sangen die Gäste dabei – Häppie bösdej tu ju! Ich erinnere mich noch, wie ein Mädchen, warum auch immer, über dem Kuchen nach etwas greifen wollte und ihre Haare in Brand setzte. Es ist aber nichts passiert. Aus irgendeinem Grund gab es bei der Nachbarin über uns ständig Wahrsagerei zum Geburtstag oder die Geister von Puschkin oder Gogol oder jemand anderem wurden gerufen. Kerzen kamen dabei selbstverständlich auch zum Einsatz! Das war ja schließlich irgendwie ein Ritual oder Magie.

osTraum: Das Feuer ist für dich also tatsächlich etwas Magisches! Hast du denn als Kind mit Feuer gespielt?

Burning Vozhd: Na klar! Warum auch immer, haben meine Nachbarin und ich im Badezimmer Zeitungen verbrannt. Das war aber eher ein Trotzen gegen die Eltern, die es ja verboten haben, mit Feuer zu spielen.

Ach ja, Maslenitsa könnte ich auch erwähnen – das traditionelle Verbrennen des Winterbildnisses im Frühjahr, aber auch das Verbrennen des alten Heus aus dem letzten Jahr und das Verbrennen von Müll bei Subbotniks. Ausflüge mit dem obligatorischen Lagerfeuer in den Maiferien und im Herbst hatten wir auch. Spaß hatte ich auch im Innenhof zwischen den Häusern, als ich mit einer Lupe und den Sonnenstrahlen im Sommer etwas anzündete.

Das Feuer scheint wirklich mein ständiger Begleiter in Kindheit und Jugend gewesen zu sein.

Seit dem Beginn des Burning Vozhd-Projekts ist meine Einstellung zum Feuer anders geworden, respektvoller oder so. Ich bewundere seine Schönheit, wenn unsere Kerzen brennen. Ich interpretiere das Brennen und Verbrennen von unseren Kerzen gerne als ein Ritual der Reinigung und Vertreibung böser Geister und universellen Übels, wenn ihr es so wollt. Im Allgemeinen trägt Feuer viele Symbole in sich, mit denen frau*man verschiedene Ideen umsetzen kann. Generell arbeiten wir ziemlich gerne damit.

Teil 2: Musik und Kunsthandwerk, Museum des Terrors und politischer Aktivismus

osTraum: Ist Burning Vozhd deine Hauptbeschäftigung? Also, verdienst du damit deinen Lebensunterhalt?

Burning Vozhd: Meine brennenden Führer sind nicht das Haupteinkommen für mich. Ich bezeichne das mal als Hobby. Aber der Gedanke, dass dieses Projekt zu etwas Größerem wird, gefällt mir gut.

osTraum: Machst du deine Kerzen in völliger Stille oder hörst dabei Musik? Wenn Ja, dann welche? Würdest du unseren Leser*innen etwas empfehlen?

Burning Vozhd: Auch im Allgemeinen kann ich mich nicht in völliger Stille befinden. Es spielt immer etwas im Hintergrund – meist Post Rock oder Black Metal – oder irgendwelche Streams oder Vorträge. Ich würde Yanka Diaghileva, IC3PEAK, PURBA und Show Me a Dinosaur empfehlen.

osTraum: Welche Büsten wurden in deinen Händen zu den ersten Kerzen von Burning Vozhd?

Burning Vozhd: Es gab zwei erste Kerzen – Lenin und Stalin.

osTraum: Wie kam die Idee? Hast du so was schon irgendwo früher gesehen oder ist es exklusiv deine Idee?

Burning Vozhd: Das ist nicht meine Idee. Vor ein paar Jahren habe im Souvenirladen des Museum of Terror in Budapest (Terror Haza) Paraffinkerzen in Form von Lenins und Stalins Büsten gesehen. Erst ein Jahr später, als ich mich an sie erinnerte, stellte ich fest, dass es so etwas in Russland nicht gibt. So ging es los. Dann hatte ich eine Büste von Putin, dann Feliks Dzierżyński – in groß und klein, auch Trump habe ich auf einem 3D-Drucker ausgedruckt. Von Hitler habe ich offiziell keine Büsten, weil es nicht ganz klar ist, ob sie ohne Probleme im Internet beworben werden können. Dann habe ich aus China die Büste von Mao Zedong bekommen. Dann ging die Pandemie los und ich habe eine Pause eingelegt. Dann kamen die Sommerereignisse in Belarus. Darauf reagierten wir sofort. Ich bestellte eine Büste von Lukaschenko bei einem Freund von mir, der Bildhauer ist. Die vorletzte Kerze war die von Boris Nikolajevitsch Jelzin. Wie viele Stücke gibt es also insgesamt? Im Moment schließt Kim Jong-un unsere Top 10 der feurigen Führer ab. Nach der Einführung dieses Charakters in mein Angebot muss ich zugeben, dass ich manchmal horche, ob nicht eine Rakete über meinem Kopf fliegt [lacht].

Und ja, erst später habe ich #lenincandle gegoogelt – und im Internet Hinweise auf den Verkauf von Lenin-Kerzen in verschiedenen Jahren und in verschiedenen Ländern gefunden.

osTraum: War das anfangs ein „nur“ künstlerisches Experiment oder hast du gleich eine politische Message mit den Kerzen verbunden?

Burning Vozhd: Lass es mich so ausdrücken: Es war eine Form der Manifestation einer gesellschaftspolitischen Position unter dem Deckmantel eines kreativen Experiments.

osTraum: Wie reagieren Menschen auf Instagram auf deine Werke? Bekommst du Hassbotschaften von Kommunist*innen oder russischen Patriot*innen?

Burning Vozhd: Einmal wurde mir vorgeworfen, die Idee wurde entlehnt und unsere Werke deshlab nicht originell sind. Von wütenden Kommunist*innen bekomme ich keine bösen Direktnachrichten, doch anhand des positiven Feedbacks und der Dankbarkeit kann ich beurteilen, dass das Projekt von unseren Mitmenschen geliebt wird.

osTraum: Wer ist dein Bestseller?

Burning Vozhd: Das hängt von der aktuellen politischen Agenda und Situation im Land und in der Welt ab. Im August 2020 war Luka[schneko] beliebt. Jetzt hat frau*man ihn vergessen. Beliebt ist auch die Putin-Kerze. Leider.

Teil 3: Diktatoren, das Ende des „Ostblocks“ und „Gopniki“

osTraum: In deinem Angebot sind ja gerade Patriarchen aus der UdSSR, Russland, Belarus, USA, China und Nordkorea. Ist noch jemand geplant?

Burning Vozhd: Natürlich will ich mich damit nicht zufrieden geben, was ich bereits erreicht habe. Sehr lange habe ich über die Umsetzung der Büsten von Mussolini und Pol Pot nachgedacht. Was unsere heimischen Kannibalen betrifft, so haben sich die Behörden der Russischen Föderation in den letzten Jahren leider sehr bemüht, Tyrannen und Staatsverbrecher aus Stein und aus Metall zu hauen und zu gießen und so zu verewigen – für jeden Geschmack etwas dabei: von Iwan dem Schrecklichen bis Lavrentij Beria. An Ideen mangelt es uns also nicht.

osTraum: Hast du vielleicht auch an andere Motive gedacht, z.B. Architektur oder allgemein Personen des öffentlichen Lebens? Also nicht nur Politiker. Gibt es für dich auch Tabuthemen?

Burning Vozhd: Wenn es um Architektur geht, wäre es meiner Meinung nach auf jeden Fall eine wunderschöne Kerze DES SCHLOSSES [gemeint ist das Schloss, das Putin sich vom Geld russischer Steuerzahler*innen gebaut haben soll]. Tabuthemen als solche existieren für mich eher nicht. Aber zum Beispiel, nachdem Navalny in seine Heimat zurückgekehrt und verhaftet worden ist, kamen bei der Umsetzung der Kerze in Form von Alexei Anatolyevich viele Wünsche auf… Hype und so weiter. Aber natürlich, wenn Navalny aus dem Gefängnis entlassen wird, bei fairen Wahlen gewinnt und dann wieder irgendwelche Nullen zum Einsatz kommen [gemeint ist die verfassungswidrige Verfassungsänderung durch Putins, nach der er noch bis 2036 im Amt bleiben könnte (Anm.d.Red.)], dann würde ich gern eine Kerze aus ihm machen!

osTraum: Als die UdSSR und damit der „Ostblock“ aufhörten zu existieren, öffneten sich für Menschen im postsozialistischen Raum riesige Kulturlandschaften, die zuvor unzugänglich oder verboten waren. In der DDR z.B., vereinfacht gesagt, eilten viele in die BRD, kauften Schallplatten westlicher Künstler*innen, Hochglanzmagazine, Bananen und Cola. Wie hat dich die Zeit der 1990er / frühen 2000er Jahre geprägt?

Burning Vozhd: Dies ist die Zeit, in der mein Vater in den Ruhestand gegangen ist, nachdem er als Pilot in der Armee gedient hat. Er konnte damals keinen vernünftigen Job finden… Geldmangel… meine Mutter hat ihre alten Mäntel für mich umgenäht, weil es kein Geld gab, um neue Kleidung zu kaufen.

Die [Finanz-]Krise von 1998 und das billigste „Vesnuschka“-Brötchen wurde in mehrere Stücke geschnitten und zum Frühstück mit Margarine gegessen.

Leider sehe ich im modernen Russland eine Fortsetzung der negativsten Trends der 1990er. Die KGB-Offiziere zusammen mit Kriminellen und den Bürokraten plündern unser Mutterland. Sie halten in ihren Händen riesige Ressourcen fest und errichteten damit im Raum von Königsberg bis Wladiwostok genau das sozioökonomische System, das in der kommunistischen Propaganda als der „westliche“ Kapitalismus dargestellt wurde. Die „Kommunisten“ von gestern mit der Chimäre ihres Geistes träumen von einer Auferstehung des russischen Reiches, in dessen Klassenstruktur sie die neue Aristokratie sind. Der Slogan „Zerdrücken und nicht durchlassen“ ist heute das Motto Russlands.

osTraum: Bereits seit einigen Jahren ist das Bild von Gopniks in vielen Ländern Mittel- und Westeuropas sehr populär geworden. Dies hängt auch mit Gosha Rubchinskiy, Hardbass und all den Videos zum Thema „Meanwhile in Russia“ zusammen. Was denkst du darüber?

Burning Vozhd: Da, wo ich als Kind gelebt habe, gab es viele Gopniks, dysfunktionale Familien und das alles, in einer kleinen Garnisonstadt – es war einfach alles, was dort geschah, wie auf dem Silbertablett. Ich habe also in meiner Kindheit genug von solchen Meanwhile-in-Russia-Geschichten gesehen und erlebt, obwohl meine Familie nicht so war. Es schien in der Luft zu liegen und meine Familie hat mich davor fleißig bewahrt. Nichtsdestotrotz gab es natürlich einige lustige Momente, teilweise kann ich es also verstehen, aber im Großen und Ganzen teile ich diese Ansicht nicht.

osTraum: Möchtest du unseren Leser*innen etwas auf den Weg geben? Eine Message?

Burning Vozhd: Ein guter Führer ist ein brennender Führer!


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Titelbild © Burning Vozhd

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