Tommi Stumpff im Interview: Der KFc und der Punk auf beiden Seiten der Berliner Mauer

Der KFс, oder Kriminalitätsförderungsclub, oder Katholischer Fanfarenсorps – war eine deutsche Punk Band aus Düsseldorf, die zwischen 1978 und 1982 existierte. Ihre Songs handelten vom Nihilismus und Gewalt, von regimebedingter Ordnung im Sozialismus und Kapitalismus, von den Konservativen und dem Militär. Die Band veröffentlichte zwei Alben und zwei Singles. Gründungsmitglied Des KFc Tommi Stumpff ist heute vor allem mit seinem Projekt Stumpff musikalisch aktiv und hat vor wenigen Wochen sein neues Album „Alles Idioten“ veröffentlicht. Als einer der Pioniere des deutschsprachigen Punks entwickelte sich Tommi bereits in den 1980-ern mehr und mehr in die Richtung von Electronic Body Music, Electropunk, Industrial und Electro Metal und war auch hier ein Wegbereiter für viele deutsche Bands.

osTraum & moloko plus sprachen mit dem Gitarristen und Sänger, um zu erfahren, wie der Punk auf beiden Seiten der Mauer, die die Nordhalbkugel unseres Planeten in den West- und Ost-Block gespalten hat, gewesen ist. Autor des Songs „Stille Tage in Ost-Berlin“ erzählt über die stillen Tage in Ost-Berlin.

Pionierarbeit oder Der Wegbereiter des deutschsprachigen Punks & Electro Metals

osTraum: Nach KFC hast du dich mehr mit elektronischer Musik beschäftigt und bist unter anderem auch Wege zwischen Punk, Electro, EBM und Metal gegangen. Für die heutige Zeit mag das bereits sehr gängig sein, dass Musikrichtungen aufgebrochen werden. Waren die musikalischen Rahmen in den 1980-ern härter?  

Stumpff: In den frühen 80ern waren EBM und Elektro ausschließlich Nischenmusik, mit KRAFTWERK kamen dann elektronische Klänge in den Mainstream. Damals waren die verschiedenen Musikrichtungen in engeren Rahmen gesteckt und der Austausch / die Befruchtung zwischen den einzelnen Richtungen war nicht üblich. Als ich mit elektronischer Musik nach dem Kfc weitermachte, wurde das dann Elektro-Punk genannt. Mich hat das immer gestört.

Die Teilung Deutschlands, die Teilung Berlins und die Ignoranz innerhalb der Subkulturen

osTraum: Wie hast du die Zeit der Teilung Berlins erlebt? Wie war die Punk-Szene der 1970-er und 1980-er in West-Berlin und West-Deutschland? Gab es viel Austausch zwischen Punks in Ost- und West-Berlin oder wurde es alles von der Stasi unterbunden? Gab es viele Punks und allgemein subkulturelle junge Menschen, die nach West-Berlin geflohen sind?

Die Teilung Deutschands war für die meisten Westdeutschen nicht wirklich präsent. Erst bei der Einreise nach Berlin und dem Anblick der Mauer wurde einem die Trennung sehr bewusst.

Stumpff: Zu Berlin kann ich nur sehr wenig sagen. Ich komme aus Düsseldorf und habe Ost- und West-Berlin zwar gelegentlich besucht, aber nie dort gelebt. Ich hatte keine Kontakte zur Punkszene in Berlin, weder Ost noch West. Aber es gingen einige West-Berliner Punks in Ost-Berlin aus. Das war ja auch wesentlich preiswerter, das Bier war billig.

Die Teilung Deutschands war für die meisten Westdeutschen nicht wirklich präsent. Erst bei der Einreise nach Berlin und dem Anblick der Mauer wurde einem die Trennung sehr bewusst. Das war für die Berliner natürlich allgegenwärtig. Eine Flucht nach West-Berlin war eine  komplizierte und gefährliche Sache und mit einem großen Risiko verbunden, auch für die zurückgebliebene Familie, die mit Repressalien rechnen musste. Es galt der Schießbefehl und er wurde auch angewandt. Für Punks wie für Nicht-Punks war eine Flucht quasi unmöglich.  

Die stillen Tage in Ost-Berlin

osTraum: Wie ist das Lied entstanden? Wer und wie war an der Entstehung mitbeteiligt? War zuerst die Musik und dann der Text da oder umgekehrt? Gab es einen Initiator in der Band, der die Federführung bei dem Lied hatte?

Stumpff: Das Stück entstand während einer meiner wenigen Besuche in Ostberlin. Schon beim Überschreiten der Grenze, fiel mir die extrem gegensätzliche Ruhe im Vergleich zu Westberlin auf. Und schon war die Idee für den Song in meinem Kopf entstanden. Gemeinsam mit Ferdi Mackenthun, Bassist des KFc, habe ich den Song dann weiterentwickelt. Zuerst hatte ich die wage Idee der Geschichte, das heißt ich hatte schon in etwa die Handlung im Kopf. Dann entstand der Titel und die Melodie des Gesangs. Erst danach entstand die Musik und zum Schluss schrieb ich den Text. Anfangs schrieb ich alles auf, was mir dazu einfiel und dann kürzte ich wieder, bis es passte und die Geschichte gut beschrieb.

osTraum: Was war der Auslöser für das Lied? Gab es ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte sozial-politische Beobachtung, die euch dazu veranlasst hat, das Lied zu schreiben, zu üben und aufzunehmen?

Stumpff: Die Gegensätzlichkeit von West- und Ostdeutschland war enorm und Westberlin war sehr lebendig, hektisch und laut. In Ost-Berlin dagegen fiel einem sofort die Ruhe auf. Auch war dort alles sehr grau. Das Interessante war, dass sie ja nur wenige Meter voneinander existierten und doch betrat man beim Grenzwechsel eine neue Welt. Das wollte ich mit Stille Tage in Ost-Berlin beschreiben.

osTraum: Die Lyrics bestehen aus drei Passagen und einem Refrain. Die Passagen sind sich sehr ähnlich, doch zum Schluss wird immer eine Zeile verändert, wodurch der Sinn der Absätze in einen anderen Kontext gesetzt wird. Könnten Sie bitte die Abschlusszeilen im Kontext des Liedes und der Entstehungszeit kommentieren?

Stumpff: „Alles, was dir gefällt“ … und du nicht bekommen kannst. Gemeint sind hier nicht nur bestimmte Konsumgüter, die es in der DDR nicht gab, sondern einfach auch gesellschaftspolitische Grundwerte wie Demokratie und Freiheit.

Lachen ist Gesetz“ … ich wollte damit sagen, dass in der DDR, auch wenn die vorgegebenen Ziele der ostdeutschen Planwirtschaft nicht erreicht wurden, man trotzdem so tat als ob. Kritik war nicht erwünscht und gefährlich. Man musste sich über nicht erreichte Ziele freuen, also über den Erfolg, der ja gar nicht existierte.

„Lachen im Quartett“ … damit wollte ich ausdrücken, dass der gesellschaftliche Druck, sich über Erreichtes zu freuen, groß war und dies ging bis in die kleinsten menschlichen Gemeinschaften. Selbst, wenn man nur zu viert war, musstest man befürchten, dass ein Spitzel mit am Tisch saß. Die Überwachung jedes Einzelnen war enorm und allgegenwärtig.

osTraum: Lässt sich das Lied insgesamt so zu interpretieren, dass Ost-Berliner*innen und auch insgesamt die Bürger*innen der DDR, keine Angst haben mussten, vorausgesetzt ihre Meinung entspricht der Meinung der Regierung und sie wollen nicht auffallen – Hauptsache ist, sie lesen und schauen staatliche Medien?

Stumpff: Ja, das stimmt. Jeder musste schwere Sanktionen für sich und seine Familie befürchten, sollte er sich nicht regimekonform verhalten und äußern. Ich empfand das als Diktatur.

Punks in der DDR und der BRD, musikalische Parallelen, Sozialismus & Konsum

osTraum: Das Lied kannte das Publikum vor allem in West-Deutschland. Wie hat es das Lied aufgenommen? Wie populär und relevant war das Thema „Ost-Berlin“ im west-deutschen Punk der 1970-er/1980-er Jahre?

Stumpff: Stille Tage in Ost-Berlin erschien zusammen mit Wer hat Lily Marleen umgebracht und war in Westdeutschland leider kein großer Erfolg. Allerdings wurde mir von Freunden erzählt, dass es in Ost-Deutschland unter der Hand vielfach auf Kassette kopiert wurde.

Das Thema Ost-Berlin war in der westdeutschen Punkszene quasi nicht vorhanden. Das hat niemanden interessiert. Die Punks in West-Deutschland waren ja zum Teil selber Kommunisten und haben keine Kritik an der DDR geübt.

Als Punkrock in Westdeutschland aufkam, war ich begeistert von der Idee einer nihilistischen Weltanschauung. Das kippte in Deutschland aber sehr schnell, als der Punkrock sich politisierte und von den Lnken vereinnahmt wurde. Das war der Zeitpunkt an dem ich beschloss kein Punk mehr zu sein.

osTraum: Wusstest du, ob das Lied auch in der DDR gehört und geliebt wird? Speziell auch in Ost-Berlin? Hast du vielleicht Briefe bekommen oder hast versucht KFC-Aufnahmen in die DDR zu schaffen?

Stumpff: Ich habe gehört, dass es eine Untergrundszene in der DDR gab, die u.a. auch meine Musik und speziell dieses Stück gehört und an andere verteilt hat. Damals wusste ich das aber nicht. Ich selber habe meine Musik nicht in die DDR geschmuggelt. Als ich dann nach dem Mauerfall mit meinem Soloprojekt Tommi Stumpff durch die ehemalige DDR tourte, wurde ich nie darauf angesprochen. Erst viel später habe ich davon erfahren.

osTraum: Musikalisch ähnelt das Motiv des Liedes der 5. Sinfonie von Anton Bruckner. Dem klassischen Stück ähnelt aber auch das Lied  Seven Nation Army von The White Stripes. In Fußballstadien ist das Motiv in den 2010-er/2020-er Jahren sehr beliebt geworden. Schauen wir auf moderne Musik in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und dem Anfang des 21., so muss „Stille in Ost-Berlin“ das erste moderne Lied gewesen sein, das dieses Motiv, wenn auch ohne Absicht, zitierte. Siehst du da Verbindungen? Wurdest du darauf vielleicht schon mal angesprochen?

Stumpff: Das Lied war hier nicht so populär und es war keine Inspiration durch die 5. Sinfonie von Bruckner. Diesen Zusammenhang hat mir gegenüber auch noch nie jemand hergestellt. Vielleicht habe ich die 5. Sinfonie mal gehört, aber wenn sie Einfluss hatte, dann unbewusst. Das Stück Seven Nation Army hätte ich selbst gern geschrieben.

osTraum: Ist es ein Fan-Video oder ist das Video unter der Mitwirkung von KFC entstanden?

Stumpff: Es handelt sich um ein Fan-Video. Der KfC hat nicht mitgewirkt. Aber es gefällt mir sehr gut.

osTraum: Die Aufnahmen in dem Video zu deinem Lied zeigen vor allem US-amerikanische Soldaten und Konsumgüter, vereinzelt auch NVA- bzw. Grenzsoldaten sowie die Zeitung Neues Deutschland. Findest du, dass die Bilder zu dem Lied passen? Es entsteht der Eindruck, dass es in dem Lied darum geht, dass die West-Berliner durch den wirtschaftlichen Aufschwung und die Präsenz des US-Streitkräfte dazu gebracht wurden, nicht über Ost-Berlin nachzudenken. So würde sich der Titel des Liedes Stille Tage in Ost-Berlin erklären. Es ist still in Ost-Berlin, was heißt, dass die Menschen im Westteil nichts darüber erfahren, was da geschieht. Geht die Annahme in die richtige Richtung oder ist sie komplett falsch?

Stumpff: Ja, die Bilder sind gut gewählt und sie treffen ziemlich genau die damalige Situation in Ost-Berlin. Die Stille in Ost-Berlin war frappierend, das konnte man nicht ignorieren. Ich glaube aber nicht, dass Konsum eine Agenda hat. Konsum ist reiner Selbstzweck und eine natürliche Folge im Kapitalismus. Erfahren haben wir etwas im Westen z.B. durch die Nachrichten, wenn der Schießbefehl ausgeführt wurde. Man hat sich an der Grenze ja genau beobachtet.

osTraum: Das Video endet mit der Aufschrift „Der KONSUM deckt den Gabentisch“. KONSUM ist hier zwar der Einkaufsladen, beinhaltet aber auch andere metaphorische Ebenen. Ist es quasi das visuelle Schlusswort, das die direkte Verbindung zwischen Konsumverhalten, der US-Army in Deutschland und der emotionalen Distanzierung West-Berlins von Ost-Berlin hervorhebt. Siehst du das so? 

Stumpff: Da ich an der Entstehung des Videos nicht beteiligt war, kann ich hier auch nur spekulieren. Die Sache mit dem Konsum, dass es in West-Berlin alles im Überfluss gab, ist die letzte Instanz, durch welche man die Fähigkeit ein Regimes beurteilen kann. Wie schon gesagt, als Bürger der DDR war man unterdrückt. Aber die andere Sache war, was auf den Tisch kommt? Die Marktwirtschaft war praktisch nicht vorhanden und die Menschen mussten lange anstehen, um bestimmte Lebensmittel zu erhalten. Das machte uns Westdeutschen deutlich, dass das System der DDR nicht funktioniert.


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Die russische Printversion des Artikels mit einem zusätzlich Interview vom Mark Reeder erscheint in der neuen Ausgabe von moloko plus voraussichtlich im Sommer 2021.

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