Uppercase Print: Ceaușescu, Securitate und Teenager-Revolte

Mugur Călinescu ist auf den ersten Blick ein durchschnittlicher Teenager, „ohne besondere Hobbys“, wie seine Freunde sagen. Nachts geht aber Mugur, mit Kreide bewaffnet, auf die Straßen der rumänischen Stadt Botoșani und schreibt Parolen an Wände und Zäune: „Wir wollen freie Meinungsäußerungen“, „Wir wollen Essen, wir wollen Rechte, wir wollen Freiheit“. Als die Polizei ihn erwischt, wird seine Akte an den rumänischen Geheimdienst Securitate übergeben. Der Schüler erzählt, er habe im Radio Free Europe über das Fehlen von Freiheiten und sonstigen Mängeln des politischen Systems in seinem Land erfahren und daran geglaubt. Als ein gefährlicher Verbrecher wird Mugur mehrmals verhört: Für Securitate sind seine Handlungen mehr als verdächtig, die Aufschriften – besonders verwerflich für die Öffentlichkeit.

Auf dieser wahren Geschichte beruht der Film von Radu Jude „Uppercase Print“ (2020). Der Film baut auf dem Gianina Cărbunarius Dokumentartheaterstück auf und kombiniert Theaterszenen mit den Archivaufnahmen aus dem rumänischen Fernsehen der 1980er Jahre. In einer hypnotisierenden Schleife laufen die patriotischen Volkslieder, Kochrezepte, Gymnastik-Übungen und Unterhaltungsprogramme durch, während Mugur sich zu seinem „Verbrechen“ bekennt, seine Freunde ihre Berichte über sein Verhalten abgeben und seine Eltern ihm die Leviten lesen.

Das abgestimmte Zusammenspiel einer dokumentarisch präsentieren Geschichte und der Fernsehsequenzen erzeugt ein grausames Bild des Überwachungsstaates mit einem starken Propagandaapparat, der kein Vergehen duldet und seine Feinde konsequent vernichtet. Die Filminszenierung des Theaterstücks gelingt Radu Jude besonders gut durch die dialektische Montage. Das Ergebnis – das Porträt einer Gesellschaft, in welcher das Leben eines Individuums keinen Wert für den Staat hat und selbst eine harmlose Aufschrift mit Kreide fatale Folgen haben kann. Ein Verhörprotokoll, das nicht vergessen werden darf.

„Uppercase Print“ feierte seine Prämiere 2020 im Rahmen des „Forum“-Programms auf der Berlinale und ist aktuell via Streamingdienst MUBI verfügbar.


Totalitarismus in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen – das Ceaușescus Regime oder sein Nachgeschmack im gegenwärtigen Rumänien – ist ein omnipräsentes Thema in Radu Judes Filmen. Dieses Jahr (2021) gewann sein Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“ über den Skandal rund um eine Lehrerin, die sich in einem privaten Porno filmen ließ und dafür in die Zweckmühle der öffentlichen Missbilligung geraten ist, den Goldenen Bären auf der Berlinale.


Titelbild: Tipografic majuscul | Uppercase Print von Radu Jude. ROU 2020 Forum. © Silviu Ghetie. Via berlinale.de.

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