From Russia with Love: moloko+ Gewalt, Gesellschaft, Gegenkultur

moloko+ ist ein Almanach, der seit 2015 auf Russisch in Moskau erscheint. Sein Name ist Programm. Es ist das mysteriöse Cocktail, das die Protagonisten des Romans A Clockwork Orange (1962) des britischen Schriftstellers Anthony Burgess getrunken haben. Die Verbindung von Milch (rus.: moloko) und Rauschmitteln war im Roman und später im Film von Stanley Kubrick (1971) eins der Auslöser von Gewalt- und Sex-Exzessen, die bewusst hervorgerufen wurden.

Gewalt, Gegenkultur & Gesellschaft… GGG… 666… sind die Themen von moloko+. Auf 666 Exemplare belief sich die Auflage der zweiten Ausgabe über Drogen (2017). Die erste Ausgabe mit 500 Exemplaren war dem Thema Terrorismus (2016) gewidmet. 2018 diskutierte moloko+ das Phänomen der Revolutionen und brachte wieder 666 Exemplare heraus. 2020 erschien die vierte Ausgabe. Patriarchat ist das Thema der Nummer und wie auch bei den anderen Coverbildern handelt es sich um ein individuelles Artwork, das mehrere Dimensionen eines gesellschaftlichen Phänomens vereint:

Venus oder ein Gewinde, das sich in die Mutter reindreht?

Im Winter 2018, nachdem alle drei Ausgaben erschienen sind, wurde die russische Polizei darauf aufmerksam. Es folgte die Durchsuchung in der Wohnung des Redakteurs des Almanachs Paša Nikulin sowie die Beschlagnahmung aller Exemplare aller Ausgaben und aller Datenträger. T-Shirts wurden ebenfalls beschlagnahmt. Nach einer monatelangen Prüfung stellten aber die Gesetzeshüter*innen fest, dass moloko+ weder radikal noch terroristisch ist und übergaben alle beschlagnahmten Materialien dem Redakteur Paša Nikulin.

osTraum hat Paša gesprochen, um herauszufinden, wie es ist, als Journalist in Russland zu ungern gesehenen Themen zu schreiben und zu zeigen, was gleichgeschaltete Medien nicht zeigen… aus Angst oder aus Loyalität – das ist eine andere Frage. Außerdem sprachen wir über Unis, Nationalbolschewiken und Neo-Nazis, Alkohol und Drogen, Fleisch und Kaffee und noch ein paar Bereiche, die viele Einblicke in das Leben junger Menschen in Russland geben… junger Menschen, die nicht aufgehört haben nachzufragen.

Das Team vom Moloko+

Pavel bzw. Paša Nikulin mit den durch die Polizei überprüften Ausgaben von Moloko+ sowie dem ebenfalls kontrollierten Merchandise des Magazins. Nirgendswo konnten die Beamten Anzeichen von Extremismus finden.

Teil 1:
das Studium, die Nationalbolschewiken, Limonov, social media & LSD

osTraum: Du hast 2019 die RGGU in Moskau im Fach Journalismus abgeschlossen. Dabei soll das Studium dort eher philologisch sein und das Fachgebiet hieß offiziell Literaturkritik. Was steht nun bei dir im Diplom?

Paša: Viele dachten, dass ich ein Philologe werde, aber in meinem Diplom steht nun tatsächlich Journalist.

osTraum: Und ihr habt tatsächlich journalistische Arbeit gelernt oder doch „nur“ Literaturkritik?

Paša: Wir haben russische Literatur und die Tradition der Literaturkritik behandelt. Wie man zwischen den Zeilen liest. Nicht in dem Sinne, welche politische Meinung dahinter steckt, sondern, wie der Text sozial einzuordnen ist. Dann wird auf einmal ein Roman aus dem 19. Jahrhundert zu einem sozialen Roman. Mein Dozent David Feldman hat es uns gezeigt. Die Wahrheit liegt oft in kleinen Details der Geschichte. Zum Beispiel in „Das goldene Kalb“ von Ilf und Petrov sieht man es ganz deutlich. Die Hauptfigur des Romans Ostap Bender wird aus dem Gefängnis freigelassen. Die Leserschaft merkt es daran, dass er Schuhe ohne Socken trägt, nicht der Jahreszeit entsprechend gekleidet ist, einen Weg geht, den keiner geht. Er wurde im Winter inhaftiert, aber im Frühling entlassen. Sein Gesicht ist nicht rasiert u.s.w.

osTraum: Hat dir das Studium gefallen? Hattest du keine Probleme aufgrund von deinen journalistischen Aktivitäten?

Paša: Ja, ich mochte das Studium. Und hatte keine Probleme bei meiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Meine Abschlussarbeit habe ich über die Nationalbolschewiken, Limonov und seine Zeitung geschrieben. Die Arbeit wurde mit „Sehr Gut“ bewertet. Wir haben natürlich auch die Klassiker behandelt – Dostojewski, Tolstoi. Wir sahen uns aber auch an, wie ihre Werke die Realität beeinflusst haben und umgekehrt, wie die Realität sie beeinflusst hat, wie die Kritiker es aufgenommen haben, wie sich die Gesellschaft verändert hat.

Die Dekabristen hätten es nicht ahnen können, dass sie Alexander Herzen zu seiner Zeitung „Kolokol“ (de.: Die Glocke) inspirieren und dieser „Kolokol“ inspirierte seinerseits Lenin. So trennt sich die Idee von ihrem Autor, geht ihren Weg mit anderen Autoren und wird letztlich zu etwas komplett Anderem.

osTraum: Auf Facebook beschreibst du dich selbst als Trickster – also der Gauner unter der Göttern. Einer, der das System der göttlichen Macht durchschaut und die Regeln umgeht und bricht. Identifizierst du dich damit oder ist es eine Provokation oder ein Witz?

Paša: Es ist ein Witz und kein Witz zugleich. Ich nehme die sozialen Netzwerke nicht wirklich ernst und darin liegt der Witz, dass viele Menschen heutzutage die sozialen Netzwerke zu ernst nehmen und allem glauben, was da drin steht. Das sehe ich durchaus als ein modernes Problem. In diesem Glauben verlieren die Menschen den Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Wenn wir uns die heutigen Stalin-Verehrer und krasse Kommunisten anschauen, sind es zum großen Teil junge Menschen in ihren 20’ern, die in den sozialen Netzwerken den Kommunismus beschützen und gut reden.

Die Geschichte bricht entzwei. Anderseits finde ich es herrlich, dass du einen Witz machen kannst und sich dadurch gegen ein System oder eine Meinung auflehnst. Ken Kesey hat so was in den USA gemacht. Er fuhr durch das Land und verteilte LSD und dabei verfolgte er nicht einmal ein konkretes Ziel. Ihm ging’s um die Weitergabe des Stoffes an sich. Das ist doch wahre Anarchie. Anarchie ist für mich die Einigkeit von dem Mittel und dem Zweck. Deshalb machen wir auch moloko. Mein wunderbares Team und ich.

Teil 2:
Kaffee, Tee, Antifa & Neo-Nazis

osTraum: Du trinkst keinen Alkohol, aber sehr gern Kaffee. In Russland ist aber Tee sehr beliebt. Glaubst du, dass guter Barista-Kaffee im heutigen Russland vor allem von liberal-progressiven und Tee eher von konservativen Menschen getrunken wird?

Paša: Ja, ich trinke seit sieben Jahren keinen Alkohol mehr. Um genau zu sein seit dem 7. Januar 2013. Früher habe ich auch Tee und Kaffee getrunken, wie ich Lust und Laune hatte. Dann kam ich aber darauf – was für eine Erkenntnis – dass ich von Schlaflosigkeit geplagt werde, weil ich oft abends Kaffee trinke. Nachdem mein Konsum bewusster wurde, hatte ich auch mit dem Schlaf keine Probleme mehr. Meine Freunde vom Kooperativ Čjornyj brühen seit vielen Jahren schon echt guten Kaffee und dadurch kam ich auch zum guten Kaffee.

Der Kaffee hat sich zu einer besonderen Kultur entwickelt. Unsere Redaktion kauft oft bei ihnen ein und wir lassen uns auch immer beraten, welche Bohnen, wie gemahlen werden sollen. Selbst die Tatsache, dass der Mensch, der Kaffee kocht, eine besondere Bezeichnung hat, ist schon bemerkenswert. Wenn man sich verschiedene Barista-Meisterschaften anschaut, die so manchmal in Coffeeshops passieren, ist es manchmal fast beängstigend, mit welch einer chirurgischen Konzentration und einem unerschütterlichen Gesichtsausdruck die Baristi den Kaffee mahlen, Latte-Art kreieren oder feinen Kaffeestaub in den Filter einpinseln.

Als ich so um die 20 war, waren in meinem Umfeld viele so beseelt und haben Gedichte geschrieben und viel Tabak geraucht. Wir dachten, dass sich die Menschen in Tee- und Kaffeetrinker unterteilen lassen und sie dementsprechend auch unterschiedliche Werke erschaffen. So versuchten wir auch Kunst und die ganze Welt zu unterteilen. Also zumindest ich verspüre vom Tee nichts. Das kann ich dazu sagen.

osTraum: Na ja, da ist ja auch weniger Koffein.

Paša: Ja, stimmt. Aber ich assoziiere Tee eher mit irgendwelchen Praktiken, die mit Rauschmitteln zu tun haben. Wenn einer am Morgen danach einen Tee trinkt, dann ist die Party gelungen. Dass die Getränke etwas mit Politik zu tun haben, finde ich vielleicht etwas übertrieben. Mit Tee ist eher eine gewisse Kultur verbunden. Eine Bekannte von mir hat ihren eigenen Tee-Lieferanten. Wenn sie weiß, dass es einen neuen Tee gibt, fährt sie zu ihm, der Tee wird auf einer elektronischen Waage abgewogen. Er gibt auch einen oder zwei Tees zur Probe. Wenn wir uns mit ihr so darüber unterhalten, könnte man denken, dass wir uns gar nicht über Tee, sondern über Drogen unterhalten. Tee ist also nicht gleich Tee.

Ich habe auch so einen Stereotyp, dass Bodybuilder sich mit Tees gut auskennen. Welchen trinke ich für einen Kick vor dem Training? Welchen trinke ich zur Beruhigung? Ein Bekannter von mir, der zu trinken aufhören wollte, hat dann stattdessen immer so einen voll krassen Tee getrunken, von dem er ganz große Augen bekam.

Wenn wir also von der bekannten Teepackung mit dem Elefanten sprechen, dann hat es gewiss etwas mit Konservatismus zu tun. Wenn wir aber vom chinesischen, japanischen und anderen Tees sprechen, dann ist es was anderes. Auch nicht nur Russen trinken viel Tee, z.B. gibt es ganz eigene Trinkkulturen auf den Kaukasus oder in Burjatien. Aber in so einem russischen Fernzug würde ich das traditionelle Glas mit der Untertasse auch nehmen. Das gehört so zur Reise-Ästhetik.

osTraum: In den Pop- und Sub-Kulturen können wir oft beobachten, wie Trends von rechten Gruppierungen aufgegriffen und für ihre Zwecke missbraucht werden. Mittlerweile gibt es in Deutschland sogar Weißen Rap, also Neo-Nazi-Rap. Welche Beobachtungen machst du in Russland?

Paša: Ja, in Russland ist es absolut gleich. es kommt aber dazu, dass diese Übernahmen von kulturellen Codes Probleme mit sich bringen, dass die Staatsgewalt nicht mehr zwischen links und rechts und so weiter unterscheiden kann.

Ein Freund von mir – Vlad Barabanov – ist ein sozialistischer Libertarianist und Antifa aus Nižnij Novgorod und er sieht eben wie ein Skinhead aus. Er bekam richtig Probleme. Bei einem Verhör wurde er von den Beamten gefragt: „Bist du einer von denen?“. – „Was meinen Sie?“ – „Na, die vom Schwarzen Quadrat, du weißt schon.“ Letztendlich stellte sich heraus, dass sie mit dem „Schwarzen Quadrat“ den Schwarzen Block meinten und überzeugt waren, dass alle Angehörigen dieses „Quadrats“ schwarz tragen oder eben wie Skinheads aussehen und dementsprechend Neo-Nazis sind. Dass er ein Antifa war, war ihnen egal. Sie blieben bei ihrer Meinung. So ergeht es vielen Antifa und Anarchisten in Russland. Sie werden von der Staatsgewalt oft für Rechte gehalten und das hat dann oft tragische Konsequenzen.

Bis 2014 war das einfach. Man konnte Rechte, Linke, Anarchisten usw. sehr schnell erkennen. Dann haben die ständigen Übernahmen von visuellen Codes angefangen und so ist es heute sehr schwer geworden, z.B. wenn ein junger Mensch Thor Steinar trägt, ist er klar ein Nazi. Wenn ein 40- oder 50-something Mann die Marke trägt, dann ist es nicht ganz klar. Oft ist es der Fall, dass er nicht ein mal weiß, was auf der Kleidung steht und sie lediglich für die Jagd oder zum Angeln gekauft hat. Aber auch unter den Rechten ist es heute schwierig, denn sie haben sich auch ideologisch geteilt, in diejenigen, die für die Ukraine und die anderen, die für die Ost-Ukraine – den Donbas – sind.

osTraum: Es gibt in Deutschland eine neue Art von Rechten – die Nipster. Es sind also Neo-Nazis, die äußerlich fast identisch zu Hipstern sind und sich auch oft für den Umweltschutz einsetzen, vegan leben usw. Gibt es so was in Russland?

Paša: In Russland adaptieren heute die Libertarianisten ganz viele kulturelle Codes. Deshalb ist es ganz schwierig in Russland, sie tatsächlich als Libertarianisten zu bezeichnen. Außerhalb von Moskau und St.-Petersburg sind die unterschiedlichen Oppositionellen nahezu verzweifelt, weil dort die aktuelle Regierung so dominant ist. Deshalb versuchen sich anders denkende Menschen zumindest an irgendeine Gruppe anzuschließen. Im Libertarianismus finden viele so ein neues politisches Zuhause, wobei ihre Meinungen sehr unterschiedlich sein können. Es sind dann solche überideologische oder multiideologische Gruppierungen, die eigentlich durch nur zwei Themen zueinander finden: Putin und die politische Unterdrückung. Der russische Libertarianismus hat auch die Anime-Ästhetik adoptiert, indem Politik und Sub-Kulturen mit Anime-Memes erklärt werden. Es gibt auch einen Telegram-Kanal, der Anime-Antifa heißt.

osTraum: Svetov benutzt doch auch Anime und er ist wohl der bekannteste russische Libertarianist. Kam das von ihm? Ist es eine Schutzfunktion vor der Staatsgewalt? Wo es quasi Anime gibt, kann es nicht ernsthaft politisch sein.

Paša: Es gibt so einen Sticker in Russland „Русские ненавидят сарказм“ (de.: Russen hassen den Sarkasmus). Das stimmt auch. Die Bullen verstehen weder Spaß noch Ironie. Es gibt sehr viele Absurditäten. Viele antifaschistische Symbole können zu Problemen führen, weil darin Hakenkreuze gesehen werden. Für die Polizei gibt es nichts Mehrdeutiges, keine Interpretationen, alles muss klar und deutlich sein. Ein Freund von mir wurde von einem Polizisten darauf hingewiesen, dass er eine Nazi-Jacke trägt. Dabei war das eine Jacke der Marke Columbia. Einfach nur eine Jacke.

Teil 3:
Gewalt, Armut, Clockwork Orange & 666

osTraum: Lass uns das Thema wechseln. In einem Interview hast du gesagt: „Solange ich den Horror des Alltags auf den Straßen als solchen wahrnehme, verstehe ich, dass mit mir alles in Ordnung ist“. Was konkret meinst du mit dem „Horror des Alltags“?

Paša: Gewalt und Armut. Alles und alle sind irgendwie ungesund und egozentrisch. Es ist natürlich normal, an sich und sein Wohl zu denken. Aber in Russland ist dieser Egozentrismus ungesund. Ich glaube, dass es in Russland an Möglichkeiten für Psychotherapie fehlt. Viele Menschen haben ein gestörtes Verhältnis zum Geld, Erfolg und Komfort, Menschen können am Stadtrand in einem Haus leben, in dem es keine Toiletten gibt, aber sie werden einen Flachbildfernseher haben oder das neueste iPhone.

Diese Art der Gesellschaft ist einfach beängstigend. Es demotiviert einen, wenn man zwischen individuellen und kollektiven Misserfolgen nicht unterscheiden kann. Deshalb versuchen es einige gar nicht, erfolgreich zu werden. Ich verstehe, dass die Situation unfair ist, aber ich kämpfe. Doch bei 9 von 10 ist es egal, wie stark sie kämpfen, sie werden nie eine Karriere machen, weil das System andere Menschen braucht.

osTraum: Erlebst du das überall in Russland oder gibt es Oasen?

Paša: Zu Hause fühle ich mich wohl und harmonisch. Auch an Orten, an denen ich allein bin und Musik in den Ohren habe. Ich mag kleine Events, wo alle sich kennen und gleich ticken. Ich mag Noise. Wenn ich diese Musik höre, entferne ich mich von dieser Realität. Manchmal experimentiere ich selbst mit einem kleinen Keyboard und Sound-Effekten. Dann erschaffe ich mir selbst so eine kleine Welt, weit von dem Hier und Jetzt entfernt. Oder ich lese auch mit dem gleichen Ziel.

Vor dem Horror habe ich aber keine Angst. Ich habe Angst vor der Machtlosigkeit. Wenn ich Gewalt auf der Straße sehen würde und nicht eingreifen könnte… Es gibt auch ein Phänomen in der russischen Gesellschaft, dass auf Männer, die inhaftiert werden, meistens jemand wartet. Ich meine, dass in Freiheit, jemand ihre Freiheit erwartet – Ehefrau, Geliebte oder oder… Es gibt sogar Single-Börsen im Internet, in denen Frauen Männer kennen lernen wollen, die eingebuchtet sind. Wenn Frauen inhaftiert werden, werden sie meist von vielen verstoßen und keiner wartet auf sie. Es ist den meisten egal, was mit ihnen geschieht.

osTraum: Warum habt ihr moloko+ aus dem Roman von Burgess als Namen gewählt?

Paša: Burgess hat schon gezielt von Milch geschrieben. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts dachte die Polizei in Großbritannien, es gäbe einen Gen des Kriminellen, weil viele Kriminelle kleiner und schwächer als die Nicht-Kriminellen waren. Es stellte sich aber heraus, dass es an der krassen Klassenteilung der Gesellschaft lag. Die Ärmeren hatten weniger Zugang zu Milchprodukten und waren deshalb kränklicher und kleiner als die Reichen. Nach der Einführung von Milchküchen ist dieser physiologische Unterschied allmählich verloren gegangen. Außerdem beschreibt ja Burgess eigentlich russische Gopniki aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland. Er lebte ja eine Zeit lang in Leningrad und deshalb ist Clockwork Orange mit russischen Begriffen durchdrungen.

osTraum: Was habt ihr mit den Zahlen? Auflagen von 666 Exemplaren? Ist es Provokation?

Paša: Erstens dürfen wir nicht mehr als 999 Exemplare drucken, denn dann würden für uns andere Gesetze gelten. Es sind eigentlich nicht 666 Exemplare, aber wir haben uns eben für die Zahl entschieden, um zu provozieren. Auch die einzelnen Ausgaben haben 205 oder 276 oder 228 Rubel gekostet. Es sind alles aktuelle Paragraphen aus dem Strafgesetzbuch, mit denen viele Polit-Gefangene verurteilt werden. Ich habe auch ein Tattoo auf dem rechten Arm – die Zahl „731“. Es ist die Nummer der japanischen Einheit, die im 2. Weltkrieg in Harbin Experimente mit Menschen gemacht haben. Ich habe es mir stechen lassen, um so den Opfern zu gedenken. Christen tragen auch ein Folter- bzw. Hinrichtungsinstrument um den Hals. Viele verstehen mittlerweile gar nicht mehr, was sie da tragen.

Teil 4:
Journalismus, Zensur, Deutsche Polizei, Neukölln & die 1990-er

osTraum: Du bist der Mitbegründer des Независимый профсоюз журналистов и работников СМИ (de.: Unabhängiger Verband der Journalisten und Medienarbeiter). Habt ihr Meinungsverschiedenheiten mit dem Союз журналистов России (de.: Verbund der Journalisten Russlands)?

Paša: Sehr viele. Ansonsten hätten wir keinen Anlass, um eine unabhängige Organisation zu gründen. Mittlerweile haben wir bemerkt, dass sie bei uns vielleicht die aktuellen Trends nachschauen. Wir posten etwas und zwei-drei Tage später erscheint bei denen auch ein Aufruf zur Unterstützung der Person X oder Y. So war das mit Golunov. Es ist eine konservative Organisation, die sich hauptsächlich mit der Austeilung bzw. dem Verkauf von internationalen Presseausweisen beschäftigt und manchmal die Politik der Regierung bedient.

Es besteht auch ein Stereotyp in der russischen Mehrheitsgesellschaft, dass der Oppositionelle finanziell gut aufgestellt ist. Journalisten betrifft es auch. In Wirklichkeit aber sind keine Journalisten in Russland finanziell abgesichert, egal ob sie für die Regierung oder gegen die Regierung sind. Vor einigen Jahren hat Deutsche Welle eine Reportage über Skorobutov und mich gedreht, als quasi zwei Gegenpole des russischen Journalismus. DW stellte am Ende fest, dass es egal ist, ob du in einem staatlichen oder einem unabhängigen Medium arbeitest, es kann dich als Journalist jeden Tag treffen, dass du auf der Straße landest und keiner dich unterstützt und keiner dir für deine Arbeit bezahlt. Unser Verband kämpft unter anderem gegen solche Missstände. Wir sind Mitglied im European Federation of Journalists und versuchen die Mitgliedsbeiträge sehr niedrig zu halten – 300 Rubel [ca. 3 Euro 50 Cent] pro Monat.


osTraum: Du warst in Berlin, Hamburg und München. Was kannst du uns über die Städte sagen?

Paša: 2013 war ich in Hamburg. Da gab’s Unruhen. Ich glaube, es ging um Abschiebung von Flüchtlingen oder um die Auflösung der Roten Flora. Jedenfalls wurde ich da von deutschen Bullen zusammengeschlagen. Ich ging einfach eine Straße entlang, dann kam eine große Gruppe von Polizisten auf mich zu und sie haben mir etwas aggressiv zugerufen. Ich habe es nicht verstanden und habe aus Angst automatisch die Flucht ergriffen. Dann fiel mir ein, dass ich doch nichts Unrechtes getan habe und hier absolut offiziell als Journalist unterwegs bin. Ich blieb stehen, zog meinen Presseausweis aus der Tasche, hob die Hände über den Kopf und wollte gerade sagen, dass ich Journalist bin, doch bekam sofort eine Faust ins Gesicht und dann fingen die an, mich mit Schlagstöcken zu malträtieren. Ich habe es immer wieder wiederholt, dass ich Journalist bin. Dann haben sie es endlich gehört, haben aufgehört und sind einfach weggegangen. Ich habe aber trotzdem nichts gegen Hamburg.

Berlin dagegen mag ich sehr sogar. Ich liebe es dort, einfach zu spazieren und mit der Ringbahn zu fahren. Ich habe auch einen Lieblings-Vegan-Burger in Berlin. Ich liebe es, ein Fahrrad zu mieten und damit durch Neukölln zu fahren. Ich habe auch einen Lieblingsort, wo ich immer Kaffee trinke. Ja. Also, Berlin ist tatsächlich ein Ort, in dem ich es lieben würde zu leben. Über München kann ich nicht so viel sagen. Da war ich nur kurz und habe nicht sehr viel gesehen.

osTraum: Wie hast du als Kind die 1990-er in Russland erlebt und wie siehst du die Zeit aus heutiger Perspektive?

Paša: Ich bin in einem Elite-Bezirk Moskaus um die Metro-Station Universität aufgewachsen. Aus unseren Fenstern war die MGU (de.: Staatliche Universität Moskau) zu sehen. Es gab sehr viele Grünanlagen drum herum. In unserem Innenhof gab es das Kino Progress. Mein Vater und ich sind da oft hingegangen und haben uns amerikanische Action-Filme angeschaut. Dann wurde aus dem Kino der Nachtclub Galaktika. Da gab es wilde Rave-Partys und die Club-Besucher*innen haben dann ständig in unsere Gegensprechanlage geklingelt und hingen dann im Treppenhaus rum. Danach lagen überall Zigarettenkippen, benutzte Spritzen und Kondome auf den Treppen. Das war mein Bild von jungen Erwachsenen. Aus der Disko wurde dann das Theater von Armen Dzhigarkhanyan . Der Wandel dieses Ortes zeigt, glaube ich, den Wandel des Landes auch sehr gut.

Ende der 1990-er – Anfang der 2000-er spielte ich in Computer-Clubs Counter Strike. t.A.T.u. wurden populär. Die Band ist auch so ein Phänomen dieser Zeit. Mit t.A.T.u. wurde ich quasi erwachsen. Das sind zwei Mädchen, die vorgegeben haben, Lesben zu sein und haben damit natürlich provoziert. Später hat eine von ihnen einen Dieb im Gesetz geheiratet und die andere hat ein Kind bekommen. Das zeigt diese Zeit auch sehr gut.

Ich habe nichts Großartiges in dieser Zeit gespürt. Für mich kam es, wie eine Apokalypse vor, wie die Welt in Fallout. Die Menschheit ist nicht ausgestorben, doch die Kultur wurde absurd und brutal. Es gab sehr viel Gewalt, psychische und physische. In unserer Schule wurden Pornos auf selbstgebrannten CDs ausgetauscht oder irgendwelche Aufnahmen von Telefon-Streichen, auch irgendwelche Leichen-Videos von Tatorten. Die Skinheads kamen in die Mode. Damals wurde es zwischen ihnen und Neo-Nazis nicht unterschieden. Eine kurze Zeit lang dachte ich, dass ich auch einer bin. Dann hat mich meine Mutter aufgeklärt. Mein Großvater ist ein Armenier gewesen. Das war das Ende meiner Skinhead-Erfahrung. Damals war ich natürlich sehr traurig deswegen.

Wie gesagt, ich hatte nicht das Gefühl, dass etwas Großes und Wichtiges im Land passiert. Das glich eher einem Chaos, wie in Fallout. Willkür auf den Straßen. Die ganzen Garagen und Kioske, die jeder ohne Genehmigungen überall hingestellt hat. Es hatte was von einer post-apokalyptischen Welt.


Das Team von moloko+ arbeitet ehrenamtlich und stellt neben den tollen Hefte auch T-Shirts, Bauchtaschen, Jutebeutel, Pins und Sticker her. Die Einnahmen gehen komplett in der Produktion des Almanachs auf. Ihr könnt das Team im monatlichen Spenden-Abonnement für bereits 2 Euro unterstützen und dafür tolle Preise erhalten:
PATREON
Auch einzelne Merchandising-Artikel und Hefte können erworben und in die ganze Welt verschickt werden:
KIRPITSCH DISTRO


Alle Fotos (mit wenigen Ausnahmen) stammen von:
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Die Ausnahmen stammen von osTraum.




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