Exil als Schmerz, Schmerz als Literatur – Schklowskis „Zoo“ in Neuübersetzung

Zoo. Briefe nicht über die Liebe, oder die dritte Heloise ist ein an der Oberfläche verspielter und im Grunde düsterer Briefroman, geschrieben und montiert durch den russischen Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Viktor Schklowski in der Zeit seines Berliner Exils im Jahre 1923. Der junge Protagonist schreibt verzweifelte Briefe nicht über die Liebe an seine große Liebe Alja, die seine Liebe nicht nur nicht erwidert, sondern darüber hinaus ein Schreibverbot gegen Liebesbriefe verhängt hat. Im Frühjahr 2022 hat der für Findigkeit bekannte Guggolz-Verlag das Buch in einer ansprechenden und zugleich fordernden Neuübersetzung von Olga Radetzkaja neuaufgelegt.

Schklowskis Zoo ist, allem Scherz und Flachs zum Trotz, ein schroffes Buch. In erster Linie ist Schklowski hart zu sich selbst, hart wie seine eigene Prosa. Mit handwerklichem Geschick und leidenschaftslos anmutender Geduld zwingt und presst er Witz und Unterhaltung aus seinem eigenen Lebensschmerz. Mit der Routine des Wissenschaftlers destilliert er das Literarische aus seiner tristen Berliner Existenz, auch wenn sie von finanzieller Not, Einsamkeit und kultureller Fremdelei bestimmt ist: „Gesprochen wird in meiner Gegend ausschließlich Deutsch, und egal woher man kommt, muss man erst unter zwölf eisernen Brücken durch. An so einen Ort fährt man nicht ohne Not“.

Mit Schalk in den Augen: Viktor Schklowski

Dem jubiläumsfeindlichen Datum der Neuübersetzung – 99 Jahre nach der ebenfalls in Berlin erschienenen Erstauflage – hat die Offensive Russlands gegen Ukraine nun eine unerwartete politische Symbolik verliehen: Schlowskis Zoo als Buch eines russischen politischen Flüchtlings der 1920er Jahre steht im Frühjahrsprogramm des Guggolz-Verlag neben Der Stadt von Walerjan Pidmohylnyi, mit dem der ukrainische Autor der nun attackierten Hauptstadt Kyjiw vor knapp 100 Jahren ein Denkmal gesetzt hat. Während Berlin zu einem Sammelpunkt für geflüchtete Ukrainer:innen geworden ist, kann das deutschsprachige Lesepublikum nun bei Schklowski (wieder) nachlesen, dass die durch Flucht in die Ferne gewährleistete Sicherheit zuweilen mit sozialer und kultureller Atrophie im Exil abzugelten ist.

Zweiundzwanzigster Brief, der überraschend kommt und in meinen Augen völlig überflüssig ist. Sein Inhalt ist offensichtlich aus einem anderen Buch desselben Autors entlaufen, aber vielleicht hielt der Herausgeber es für nötig, auf diese Weise für Abwechlung zu sorgen.

Zoo von Viktor Schklowski, Einleitung des 22. Briefs

Für Abwechslung ist gesorgt: Schklowski spinnt weitläufige Mensch-Maschinen-Metaphern („Am stärksten verändert wird der Mensch durch die Maschine“), kommentiert selbstironisch sein eigenes Schreiben („Interessanter ist da schon das Buch, das ich derzeit schreibe. Es heißt ‚Zoo'“) und lässt sich süffisant über seine Schriftstellerkollegen im „russischen Berlin“ aus (Boris Pasternak etwa, so zitiert Schklowski schelmisch einen Ausspruch von Marina Zwetaewa, ähnele „gleichzeitig einem Araber und dessen Pferd“). Wortreich erklärt er, warum ein bestimmter Brief seiner abweisenden Geliebten Alja nicht gelesen werden solle, wohlwissend, dass das Leseverbot die Leselust nur steigert.

DEr Folgende Brief von Alja ist der beste im ganzen Buch. Aber lesen sollten Sie ihn nicht jetzt. Überspringen Sie ihn, lesen Sie ihn erst zum sChluss. […] Also, Freunde, lest diesen Brief nicht. Ich streiche ihn extra rot durch. Damit ihr Bescheid wisst.

Zoo von Viktor Schklowski, Vorwort zum 19. Brief
Verbotene Lektüre: der „beste Brief“ des ganzen Buch, den wir besser nicht lesen sollen.

Dem Scherz und Flachs zum Trotz ist Schklowskis Zoo ist ein komplexes Werk, das sich sträubt ein „Buch“ im Singular zu sein. Dreimal wurde der Zoo zu Lebzeiten Schklowskis veröffentlicht, und jedes Mal hat der Autor weitreichende Änderungen vorgenommen: Vorwörter und einzelne Briefe hinzugefügt oder entfernt, einzele Sätze oder ganze Abschnitte aus Gründen der politischen Zensur oder Opportunität gestrichen. Diese verworrene Editionsgeschichte zeichnet die Übersetzerin Olga Radetzkaja im Nachwort nach, flankiert von einem Anmerkungsapparat (einziges Manko: dessen Zählung gerät vereinzelt in Unordnung). Die Übersetzung macht zum erstem Mal die ursprüngliche Ausgabe von 1923 auf Deutsch zugänglich und verzichtet dabei auf Glättungen und Angleichungen, sodass durch Radetzkajas Deutsch stellenweise Schklowskis Russisch hindurchscheppert („Die Frau von Iwan Grekow, dem berühmten Chirurgen, war mir und Mischa Slonimski beleidigt“).

Der umfangreiche Anhang, der das komplexe Publikationsgeflecht um den Zoo begreifbar macht.

Die Neuauflage (des in Deutschland lange vergriffenen) Zoo bietet exquisiten Lesegenuss bei vorzüglicher Buchgestaltung und editorischer Präzision, womit Schklowski – der als Autor stets Wissenschaftler und als Wissenschaftler stets Autor war – endlich wieder zur heiteren sowie philologisch-akribischen Lektüre zur Verfügung steht.


Viktor Schklowski

Zoo. Briefe nicht über die Liebe, oder die dritte Heloise

2022 Guggolz Verlag


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Buchcover & Seiten © Guggolz Verlag

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