Die magische Kraft der Metropole: „Die Stadt“ von Walerjan Pidmohylnyj

Die Stadt – du hasst sie oder du liebst sie. Wer dort bleibt, ist stark … oder doch schwach? Am Anfang des 20. Jahrhunderts ziehen viele Dorfbewohner:innen in die Stadt, um dort ein besseres Leben zu finden. Auch Stepan Radčenko, die Hauptfigur im Roman des ukrainischen Schriftstellers Walerjan Pidmohylnyi, sieht keine Perspektiven für sich auf dem Land und macht sich auf den Weg nach Kyjiw. Stepan ist ein „self-made man“ – ein Waise, der viel durchgemacht und sich alles selbst beigebracht hat. Seine Revolutionserfahrung, Zielstrebigkeit und Belesenheit machen ihn in seinen Augen zur vielversprechenden Persönlichkeit, vor der eine breite Zukunft liegt. Von oben herab schaut er zunächst auf die Städter:innen, die er gleichzeitig faszinierend und unheimlich findet.

„Die Stadt“ ist ein Künstlerroman, über die Kurven des Lebens von Stepan, der sich für die Laufbahn des Schriftstellers entscheidet und täglich mit den Unsicherheiten zu kämpfen hat, die solche Berufswahl (oder im besten Fall auch Berufung) mit sich bringt. Das Leben in der Stadt gestaltet sich nicht einfach und stellt den jungen Mann auf die Probe. 

„Das Leben ist ein allgegenwärtiger Grobian, der auf die Bitten eines bestohlenen Bettlers mit Stößen, Schlägen oder Hieben antwortet und seine Zigarre rauchend weiterzieht, ohne mit seinem goldenen Monokel das Opfer auch nur eines Blickes zu würdigen“. 

„Die Stadt“, Walerjan Pidmohylnyj

Wie der Dorfbursche Stepan die Stadt zu erobern versucht, ruft nicht unbedingt Sympathien hervor. Ob er sich allerdings von der Stadt geschlagen gibt, bleibt im Laufe des gesamten Romans spannend. Der Roman von Pidmohylnyi ist eine ehrliche Liebeserklärung an die europäische Stadt, an Kyjiw; eine Erzählung über den Leidensweg eines jungen Mannes durch die Heimtücke des Lebens in einer Großstadt.

Mit seinem Klassiker der ukrainischen Moderne „Die Stadt“ gibt Walerjan Pidmohylnyj Kyijw der 1920er die literarische Bühne und schließt sich der Tradition des französischen Realismus (z. B. Guy de Maupassant) an. Der Autor führt uns durch das historische Zentrum und die Randbezirke der Stadt, lässt uns in die schmalen WG-Zimmer der Studis und die dunklen Bierkneipen mit illegalen Sexarbeiterinnen, in das Wohnzimmer eines wohlsituierten Literaturkritikers und in den Vorgarten des Fischhändlers reinschauen. Die Stadt bei Pidmohylnyi hat viele Facetten. Genau diese Mehrdeutigkeit des Romans ist unter anderem der Grund gewesen, warum der 1928 erschienene Roman in Vergessenheit geriet. In den 1930er Jahren wird Pidmohylnyi nicht mehr publiziert, sein Leben endet 1937 auf den Solowki-Inseln. Erst in der Perestroika-Zeit wird „Die Stadt“ neu verlegt, die Übersetzungen ins Englische und Tschechische in den letzten Jahren zeugen vom großen internationalen Interesse an dem Text. 

Die deutsche Ausgabe des Romans erschien dieses Jahr beim Guggolz Verlag – erst 94 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung auf Ukrainisch. Die Idee für eine Übersetzung des ukrainischen Klassikers ins Deutsche entstand im Rahmen eines Seminars an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ein Übersetzer*innen-Team aus Studierenden – Lukas Joura, Lina Zalitok, Jakob Wunderwald – haben unter der Leitung des erfahrenen Übersetzers Alexander Kratochvil mit ihren Teilübersetzungen zum Erfolg des experimentellen Gesamtprojekts beigetragen. Eine Bereicherung für die ukrainische Literaturlandschaft auf Deutsch.


Walerjan Pidmohylnyj

Die Stadt

2022 Guggolz Verlag


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