Die 7 Zentren des jüdischen Lebens im osTraum

Leider müsste zu der Überschrift noch ein Wort hinzugefügt werden – ehemalige Zentren des jüdischen Lebens im OsTraum. Bis zum Holocaust waren Ost-, Mitteleuropa und das Baltikum das größte geografisch zusammenhängende Gebiet, in dem Menschen jüdischen Glaubens lebten. Nach verschiedenen Rechnungen waren es über sieben Millionen. In manchen Städten machten Jüdinnen und Juden ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus, in Minsk waren es sogar über 50 %. 1939, mit dem Überfall nationalsozialistischer und sowjetischer Truppen auf Polen, änderte sich die Situation vor allem in den von deutschen Einheiten besetzten Regionen schlagartig von einem latenten gesellschaftlichen Antisemitismus zu der systematischen Ausbeutung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Mit dem Vordringen der Wehrmacht in Richtung Osten ermordeten die Deutschen den Großteil der Jüdinnen und Juden in diesen Gebieten auf brutalste Art und Weise bei Massenerschießungen oder in Vernichtungslagern.

osTraum thematisierte in früheren Beiträgen jüdische Literatur und die Spuren jüdischen Lebens im osTraum. Nun haben wir für euch die 7 ehemaligen Zentren jüdischen Lebens im osTraum zusammengetragen. In einigen von ihnen erlebt das jüdische Leben heute eine Renaissance, auch wenn der Antisemitismus nach 1945 nicht verschwunden ist.

Odessa (Ukraine)

Odessa ist wahrscheinlich einer der ersten Orte, an die der Titel dieses Artikels denken lässt. Nicht zuletzt haben wir das dem Schriftsteller Isaak Babel zu verdanken, der den Mythos vom jüdischen Odessa maßgeblich prägte. Heute gibt es ihm zu Ehren ein überdimensinal großes Denkmal im Stadtzentrum. Von der Zarin deutscher Herkunft Katharina der Großen im Jahr 1794 gegründet, wurde die Hafenstadt am Schwarzen Meer bald nicht nur zu einem wichtigen Handelszentrum, sondern auch zu einer kulturellen Metropole mit internationalem Flair: Der Zensus von 1892 ergab, dass die jüdische Bevölkerung einen fast genauso großen Anteil an der Gesamtbevölkerung wie die russische ausmachte. Daneben lebten in der Stadt Menschen griechischer, italienischer, armenischer, türkischer und ukrainischer Herkunft.

Odessa etablierte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts als eines der Zentren der jüdischen Aufklärung, der Haskala. Auch war die Stadt DER Standort der jüdischen Presse und des Buchdrucks im Russischen Imperium: In Odessa wurden Werke auf Russisch, Jiddisch und Hebräisch verlegt, vervielfältigt und nach ganz Europa und darüber hinaus verbreitet. Viele jüdische Intellektuelle und Kunstschaffende zog es in die Hafenstadt. Zugleich war Odessa ein wichtiger Standort der zionistischen Bewegung und viele Jüdinnen und Juden aus dem Russischen Imperium traten von hier aus ihre Fahrt nach Palästina an. Odessa – zweifellos in vielerlei Hinsicht Symbol eines modernen Judentums. Aber es gab nicht nur Intellektuelle und erfolgreiche Händler – in weiten Teilen der jüdischen Bevölkerung Odessas herrschte große Armut. Moldavanka war bekannt als das Viertel der jüdischen Armen und ist zugleich der Ort der unvergleichlichen jüdischen Gangster in Babels Erzählungen. Andere Texte Babels thematisieren die düsterste Seite der Stadt. Nicht immer ging es harmonisch zu zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen: So handelt die Kurzgeschichte Mein Taubenschlag von einem Pogrom, das sich 1905 in Odessa ereignete.
Tipp: Babel bei Friedenauer Presse & Hanser Literaturverlagen

Das Isaak-Babel-Denkmal in Odessa (Quelle)

Czernowitz (Ukraine)

Heute im Osten der Ukraine gelegen, trat das Osmanische Reich 1775 Czernowitz an die Habsburgermonarchie ab. Dort wurde Czernowitz ab 1849 die Hauptstadt der neu ausgerufenen Bukowina-Region. Wie auch Odessa, zeichnete sich die Stadt durch eine bemerkenswerte Vielfalt aus: Neben Ukrainer:innen sowie Jüdinnen und Juden lebten hier Rumän:innen und Deutsche in einer bürgerlichen Atmosphäre zusammen. Dank der Erklärung zur regionalen Hauptstadt florierten in Czernowitz Bildung und Wirtschaft. 1908 fand die berühmte Czernowitzer Konferenz statt, deren Ziel die Förderung der jiddischen Sprache war – ein wichtiger Meilenstein in der Standardisierung und Popularisierung des Jiddischen. Es wurde ein Plan ausgearbeitet, jiddische Schulen, Theater und andere Bildungs- und Kultureinrichtungen zu eröffnen, um den Status des Jiddischen zu stärken. Viele junge Jüdinnen und Juden empfanden Russisch, Polnisch, Deutsch oder das wiederbelebte und zu einem gewissen Grade neu entworfene Hebräisch als attraktiver als den „Zhargon“, das Jiddische. Das wollten die Teilnehmer:innen der Konferenz ändern. Die radikalsten unter ihnen schlugen vor, Jiddisch als DIE Sprache der Jüdinnen und Juden zu definieren, doch das stieß auf Ablehnung gemäßigterer Teilnehmer:innen und man begnügte sich letztendlich damit, Jiddisch zu EINER Sprache der Jüdinnen und Juden zu erklären.

Eine Aufnahme von der Konferenz für jiddische Sprache 1908 (Quelle)

Vilnius (Litauen)

Auch bekannt als „Jerusalem Litauens“. Das YIVO-Institut („yidisher visnshaftlekher institut“) wurde hier 1925 gegründet: eine Institution, die sich bis heute der Erforschung der jiddischen Sprache bzw. der jüdischen Kultur und Geschichte im Allgemeinen widmet. Allerdings wurde das Institut im Zuge des Holocausts von Vilnius nach NYC verlegt. Der 1942 im Ghetto von Vilnius gegründete „Papier-Brigade“ gelang es immerhin, die Nazis auszutricksen und zahlreiche jüdische Schriften vor ihnen zu verstecken und so vor der Zerstörung zu bewahren. Eigentlich war diese Gruppe jüdischer Intellektueller von den Nazis beauftragt worden, die Bücher zu sortieren, teilweise zu zerstören oder für den Transport nach Deutschland vorzubereiten. Viele dieser Schätze sind nur deshalb bis heute erhalten geblieben. Die bewahrten Bücher verweisen auf die lange literarische und intellektuelle Tradition der Stadt. Die rabbinische Strömung der Misnagdim, die sich hier entwickelte, folgte einer rationalistischen Interpretation der religiösen Schriften, die der mystischen Auslegung der Chassiden diametral entgegenstand. Die tiefe Feindschaft zwischen den litauischen Misnagdim mit der Hochburg Vilnius und den polnischen bzw. galizischen Chassiden ist ein häufig wiederzufindendes Motiv in der jiddischen Literatur. Bei einer solchen Ladung Rationalität ist es nicht verwunderlich, dass Vilnius später zu einem der Zentren der Haskala wurde. Aber nicht nur Rationalismus, auch der jüdische Sozialismus hat hier seine Wurzeln: 1897 wurde der jüdische Arbeiterbund in Vilne, so die jiddische Ortsbezeichnung, gegründet.

Die Papier-Brigade von Vilnius (Quelle)

Warschau (Polen)

Eine zahlenmäßig größere jüdische Bevölkerung als in Odessa gab es Ende des 19. Jahrhunderts nur an einem Ort im damaligen Russischen Imperium: in Warschau. Die ersten Belege jüdischer Ansiedlung in Warschau reichen bis in das Jahr 1414 zurück. Der Legende nach zog es die Jüdinnen und Juden, die vor den Pogromen der Kreuzritter im 11. Jahrhundert vom Rhein und umliegenden Gebieten Richtung Osten flohen nach Polen, da sie die Region mit dem hebräischen „po lin“, zu Deutsch „ruhet hier“, als göttliche Anweisung verstanden. Sie wurden im Laufe der Geschichte viele Male verjagt und hatten mit zahlreichen Repressionen zu kämpfen. Dennoch wuchs die Zahl der jüdischen Einwohner:innen im 19. Jahrhundert an, im Jahr 1864 auf 72.800. Einen Großteil der Jüdinnen und Juden in Warschau machten dabei die traditionell lebenden und jiddisch sprechenden Chassiden aus, eine Bevölkerungsgruppe, deren Nachfahren heute vor allem in NYC und Israel leben und auch als „ultraorthodoxe Juden“ bekannt sind. Sie sind jüngst in der Netflix-Serie Unorthodox porträtiert worden.

Zugleich war Warschau, neben Odessa und Vilnius, bekannt als Ort der progressiven Anschauungen der Haskala. Warschau war ein wichtiges Zentrum für die Entwicklung der modernen jiddischen Literatur – so verbrachte einer der bekanntesten jiddischen Autoren, Yitskhok Leybush Perets (selbstverständlich war er unter den Teilnehmer:innen der Czernowitzer Konferenz und ist auf dem Foto oben die zweite Person von links), den Großteil seines Lebens in Warschau und griff jungen, aufstrebenden Autoren von dort aus unter die Arme. In der Zwischenkriegszeit war Warschau eine wichtige Metropole für das jiddische Theater. Mit der Okkupation durch die Nazis 1939 und der brutalen Verfolgung in den Folgejahren endete hier, wie auch in den meisten Gebieten des osTraums, das jüdische Leben weitestgehend.

Das Denkmal des Warschauer Ghettos (Quelle)

Dnipro (Ukraine)

Dnipro, die Millionen-Stadt am Dnepr im Osten der Ukraine unter den 7 Zentren des (ehemaligen) jüdischen Lebens im OsTraum zu finden, ist auf den ersten Blick vielleicht etwas überraschend. Zu zaristischen Zeiten Jekaterinoslaw genannt, zu sowjetischen Zeiten Dnipropetrowsk, wurde die Stadt im Zuge des 2015 vom damaligen Präsidenten der Ukraine Poroschenko verabschiedeten „Gesetzes zum Verbot kommunistischer und nationalsozialistischer Propaganda“ in Dnipro umbenannt (denn der Namensbestandteil „Petrowsk“ war zu Ehren eines sowjetischen Generals gewählt worden). Dnipro ist traditionell eines der Industriezentren der Ukraine. Zu Sowjetzeiten war Dnipro ein wichtiger Standort der Nuklear-, Waffen- und Raumfahrtindustrie, sodass der Ort bis in die 1990er Jahre den Status einer geschlossenen Stadt hatte. Die Ein- und Ausreise waren also zur Gewährleistung der technologischen Geheimhaltung streng begrenzt, auch für Sowjetbürger:innen. Umso kurioser mag es erscheinen, dass Dnipro der heutige Mittelpunkt des religiösen Judentums in der Ukraine ist: In der Innenstadt reicht ein 2012 eingeweihter riesiger Wolkenkratzer-Komplex in den Himmel, das sogenannte Menorah-Zentrum. Aufgebaut aus sieben Türmen, welche die sieben Kerzen der Menora symbolisieren, dient es als jüdisches Kulturzentrum. Dabei ist es tatsächlich nicht nur irgendein Kulturzentrum, sondern das größte jüdische Kulturzentrum weltweit. Hier befinden sich Eventspaces, ein Hotel, Bildungseinrichtungen, Büros verschiedener jüdischer Organisationen und Initiativen, meist religiöser Prägung. Komplett neu ist Dnipro als jüdisches Zentrum allerdings keineswegs, vor dem Holocaust machte auch hier die jüdische Bevölkerung rund ein Drittel der Einwohner:innen aus. Das riesige Kulturzentrum sorgt nun für ein Revival des religiösen jüdischen Lebens in der Ukraine.

Das Menorah-Zentrum in Dnipro – das weltweit größte jüdische Kulturzentrum (Quelle)

Birobidschan (Russland)

Nur eines der hier vorgestellten Zentren ist jünger als Odessa: das 1915 gegründete Birobidschan. Im Fernen Osten gelegen, wurde Birobidschan offiziell 1934 zur Hauptstadt der neu gegründeten jüdischen autonomen Oblast mit der Amtssprache Jiddisch. Diese Oblast existiert tatsächlich bis heute, zumindest auf dem Papier. Jüdinnen und Juden hingegen sind kaum noch geblieben, sie machen weniger als 1 % der Bevölkerung der Oblast aus. Nach der Oktoberrevolution versuchte man, sowjetische Jüdinnen und Juden, vor allem aus Belarus und der Ukraine, nach Birobidschan zu locken. Eine eigene Nationalsprache hatten sie schon: Jiddisch. Es fehlte also der sowjetischen Korenisazija-Politik (deutsch: Verwurzelungspolitik) zufolge nur noch ein Territorium. Da die Gebiete im fernen Osten kaum erschlossen und dünn besiedelt, aber strategisch von großer Bedeutung waren, nutzte man die Gelegenheit und wollte die oft im Handel und Handwerk tätigen Jüdinnen und Juden aus den westlichen Gebieten der Sowjetunion zu Kolchos-Bäuer:innen umerziehen. Auch wollte man die Abwanderung der sowjetischen jüdischen Bevölkerung nach Palästina verhindern: Birobidschan ist nicht zuletzt als anti-zionistisches Projekt gedacht gewesen, mit Jiddisch anstelle von Hebräisch als Amtssprache. Man brachte eine riesige PR-Kampagne ins Rollen, in Folge derer sogar jüdische Siedler:innen aus Nord-Amerika nach Birobidschan reisten. Doch statt des Paradieses, das die Propaganda versprach, fanden sie riesige Sumpfgebiete voller Malaria-Mücken vor und mussten die kalten Winter in dürftig zusammengeschusterten Hütten verbringen. Infrastruktur? Fehlanzeige. Viele kehrten Birobidschan deswegen wieder den Rücken. Das Projekt einer für Jüdinnen und Juden konzipierten neuen sowjetischen Heimat im Fernen Osten scheiterte, wenn auch nie offiziell, weshalb das Gebiet immer noch den alten Namen trägt. Der Berliner Autor Tomer Dreyfus bringt bald seinen ersten Roman Birobidschan heraus – erlebt die Stadt dann womöglich ein Comeback?

Vor den „Toren“ Birobidschans (Quelle)

Berlin (Deutschland)

Ob bereits osTraum oder nur Fenster zum osTraum: Berlin spielte und spielt wieder eine wichtige Rolle als jüdisches Zentrum. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts kamen immer mehr jüdische Geflüchtete aus Polen und Galizien in die preußisch-deutsche Stadt. In den romantisierenden Augen der assimilierten deutsch-jüdischen Bevölkerung waren die neu in die Stadt gekommenen „Ostjuden“ fremd und exotisch. Chassidische Kultur und Kabbala kannte man sonst nur aus den Darstellungen Martin Bubers. Dabei ließen sich die meisten der Neuankömmlinge im Scheunenviertel (das ist heutzutage die Gegend rund um die Volksbühne) nieder und lebten und arbeiteten dort zumeist unter prekären Umständen. Die verschiedenen Schattierungen dieses jüdischen Berlins Anfang des 20. Jahrhunderts werden in Fischl Schneersons auf Jiddisch verfasstem und inzwischen von Alina Bothe ins Deutsche übersetzten Roman Grenadierstraße (1935) aufgezeigt. An der Berliner Universität studierte übrigens auch der letzte Rabbiner der chassidischen Chabad-Bewegung, Menachem Mendel Schneerson. Er belegte nicht nur Philosophie, sondern auch die Fächer Mathematik und Physik – und hörte unter anderem beim Quantenphysiker Erwin Schrödinger Vorlesungen.

Als das Scheunenviertel noch jüdisch war. ADN-ZB/Archiv Berlin 1933: Straßenszene in der Grenadierstraße (heute Almstadtstraße) im sogenannten „Scheunenviertel“. Aufn.: P. Buch

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Zum jüdischen Berlin wird es demnächst einen extra Artikel bei OsTraum geben.
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Foto in der Titelgrafik © Wikipedia

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