jüdische Schtetl im osTraum: Für immer weg?

Nein, wir möchten hier nicht über die aktuelle politische Lage und den voranschreitenden Antisemitismus in Mittel- und Osteuropa sprechen. Dabei wäre das natürlich auch ein relevantes Thema im Bezug auf diverse politisierte Subkulturen, wie die Ultras, Hooligans und… aber Nein, darüber wollten wir nicht sprechen. osTraum möchte über die Schtetl sprechen und ein Buch, das ihre Überreste dokumentiert hat – In schwindendem Licht / In Fading Light von Christian Herrmann.

Schtetl waren Siedlungen oder Ortsteile im mittleren und östlichen Europa, die hauptsächlich von Jud*innen bewohnt wurden und deshalb das Bild der Orte entsprechend geprägt haben – Synagogen, Friedhöfe, Geschäfte und Schulen. es waren aber auch einfache Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser, die nur durch die Mesusas als jüdisch erkennbar waren. All das sind Zeugnisse einer Kultur, die vor dem Nationalsozialismus nicht nur existiert hat, sondern länderübergreifend sehr vital gewesen ist. Während der Kriegszüge von deutschen Truppen wurden im 2. Weltkrieg fast alle Schtetl ausgerottet. Einige wenige Menschen konnten sich verstecken oder fliehen. Inwieweit auch die jeweilige nicht-jüdische Bevölkerung ihnen oder den Nazis geholfen hat, ist eine andere Frage, die hier und pauschal nicht beantwortet werden kann. Es steht jedoch fest, dass fast alle Menschen, die in den Schtetl gelebt haben, diese Zeit nicht überlebt haben oder ins Exil gegangen sind, um nie wieder zurückzukehren. Die Siedlungen hatten auch ihre eigene Sprache, die ebenfalls länderübergreifend gesprochen und geschrieben wurde – Jiddisch. Die Sprache wurde nicht ausgelöscht, doch ist heute kaum mehr zu finden.

In schwindendem Lichte gehen die Artefakte der jüdischen Kultur weiterhin unter. Herrmann bereiste zwei Jahrzehnte lang die ehemaligen Orte jüdischen Lebens oder besser gesagt ihre Überreste in Moldawien, Polen, Rumänien, der Ukraine und Ungarn. Was er fand, waren zerstörte und als Baumaterial verwendete Grabsteine, Friedhöfe mitten in Plattenbausiedlungen, eine Wodka-Destillerie, Sporthallen und Werkstätten in ehemaligen Synagogen und viele Masusas, welche für die meisten Menschen heute nur unscheinbare Löcher und Unebenheiten an den Türen wären. Die Umfunktionierung geschah vor allem in der Nachkriegszeit. Während des Sozialismus und nach dem Zerfall des ehemaligen Ostblocks wurden erst viele Erscheinungen von jeder Religion im öffentlichen Raum zerstört oder unkenntlich gemacht. Ab etwa dem Ende der 1980-er Jahre fielen viele dieser Orte dem unkontrollierten Kapitalismus zum Opfer und wurden zu Manufakturen, Werkstätten, Fitnessstudios oder wurden dem Verfall überlassen. In der wilden Übergangszeit der 1990-er dachten nur wenige Menschen an den Erhalt der noch letzten Stätten des Judentums. Viele hatten mit alltäglichen Problemen, wie der Arbeitslosigkeit und Lebensmittelknappheit zu kämpfen. Um die Menschen aber, die selbst in dieser Zeit und bis heute versuchen, das Erbe zu bewahren, geht es in dem Buch auch. In einigen Orten gibt es immer noch jüdische Gemeinden und sie retten das Wenigste, was es noch zu retten gibt.

Auch wenn die Bilder oft tragisch bis bizarr sind, bleibt nach der Lektüre ein Schimmer der Hoffnung, dass nicht das komplette Judentum in den Regionen, in denen es seit vielen Jahrhunderten präsent war – verloren geht. Es gibt noch Menschen, die die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft des jüdischen Lebens in Ost- und Mitteleuropa retten möchten. Christian Herrmann gehört zu diesen Menschen. Sein Buch zeigt Orte, von denen viele nicht mehr erkennbar oder bald gar nicht mehr vorhanden sind. Das Buch zeigt die schwindende Geschichte der Orte. Hier lebte eine jüdische Familie. Hier gingen ihre Kinder zur Schule. Hier haben sie ihr essen gekauft. Hier haben sie gebetet. Hier wurden ihre Vorfahren begraben. Ohne das Buch wäre all das schon jetzt verloren. Mit und in dem Buch bleibt es womöglich für viele weitere Jahrhunderte am Leben.


Christian Herrmann

In schwindendem Licht / In Fading Light

2018 Lukas Verlag


Bildquelle: Eigene Aufnahmen, Buchcover © Lukas Verlag


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