Ein Kleinod der Vergangenheit – Moische Kulbaks „Selmenianer“

Die Lebensgeschichte Moische Kulbaks entfaltet sich zwischen den schrecklichen Ereignissen, die das 20. Jahrhundert unbegreiflich machen: 1896 in der Nähe von Vilnius geboren, begrüßt er in seinen Gedichten mit Begeisterung die Revolution des Proletariats von 1917 und macht in den 20er Jahren als jiddisch-sowjetischer Schriftsteller Karriere. Im Jahr 1931 veröffentlicht er seinen größten Roman „Die Selmenianer“, und nur sechs Jahre später fällt er selbst dem „Großem Terror“ unter Stalin zum Opfer. Er schreibt auf Jiddisch, einer dem Deutschen eng verwandten Sprache, für eine Leserschaft, deren systematische Vernichtung wenige Jahre später vom nationalsozialistischen Deutschland aus betrieben wird.

Aus all dem Schrecken ragt „Die Selmenianer“ wie ein literarisches Wunder scheinbar unversehrt hervor. Jetzt liegt der Roman erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vor. Ungeachtet der verzögerten Publikationsgeschichte – erst nach der Rehabilitation des wegen antisowjetischer Propaganda verurteilten Kulbaks im Jahre 1956 konnte der Roman ins Russische übersetzt werden – liegt seit 2008 auch eine Neuauflage der russische Übersetzung vor.

Wie ein Chronist schildert Kulbak den Niedergang einer jüdischen Großfamilie. Doch der eigentliche Protagonist ist das abgeschiedene Gehöft der Familie in Belarus – eine bemerkenswerte Parellele zu Michael Ossorgins drei Jahre zuvor veröffentlichtem Roman über einen Straßenzug in Moskau. Im Kleinen spiegeln sich die großen historischen Ereignisse wieder: Fern ab bricht der 1. Weltkrieg aus, und einen jungen Selmenianer zieht es vom Hof an die Front. In Petersburg ergreifen die Bolschewiki die Macht, und für die Enkelgeneration ersetzt der wissenschaftliche Marxismus-Leninismus das Torastudium.

Von Moskau aus wird die Industrialisierung forciert, und der im Dunkeln liegende Hof wird elektrifiziert. Der Selmenianer-Hof konserviert eine anachronistische Lebensweise, für die er letzten Endes von einem Arbeiter-Tribunal zum Abriss verurteilt wird. Mit dem Hof verschwindet das eigenartige Milieu, das seine Bewohner an der sowjetischen Gesellschaft nur vermittelt und abgeschwächt teilhaben ließ. Bezeichnenderweise bildet das Verschwinden des Gehöfts den Schlusspunkt der Familienchronik, obwohl noch ein gutes Duzend Familienmitglieder am Leben sind.

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Zunächst Befürworter der Revolution und erfolgreicher Schriftsteller, einige Jahre später im Großen Terror verurteilt und repressiert: Moische Kulbak mit Frau und Kind.

Mit der Elektrifizierung, so die Selmenianer, hat alles Übel angefangen. Bera, Bolschewik der ersten Stunde aus den Reihen der Selmenianer, lässt seine eigene Hochzeit teilnahmslos über sich ergehen und missachtet alle jüdischen Gepflogenheiten, weil er in Gedanken den Plan für die Elektrifizierung des Dorfes fasst. Technikglaube ersetzt Gottesglaube. Vereinzelt sträuben sich die Selmenianer, verwenden weiterhin die alten Kerosinlampen oder zerstören die neuen Leitungen, doch die vertrauten Schatten des Kerzenlichts und die geheimnisvolle Dunkelheit des Hofes sind unwiederbringlich verloren. Die betagte Urgroßmutter Basja liegt stundenlang im Sterben und kann erst entschlafen, als ihre Enkel das grelle elektronische Licht durch Kerzenschein ersetzen. Sie wirkt damit wie ein Relikt einer dunklen, längst vergangenen Zeit.

Sparsam und schlicht schildert Kulbak den zwischen Statik und Dynamik gespannten Alltag der Selmenianer. Es ist eine Mischung aus Ironie und Mitgefühl, die er den rustikalen Selmenianern entgegenbringt. Der gleichmäßige Erzählfluss wird gelegentlich von experimentellen Elementen durchbrochen, etwa wenn Kulbak eine anthropologische Untersuchung über die Besonderheiten der Selmenianer im Stile eines Feldtagebuchs zwischenschaltet oder eine Dichterfigur unter seinem eigenen Namen auftreten lässt.

Die überfällige Erstübersetzung erschließt mit Moische Kulbak einen faszinierenden Vertreter der sowjetisch-jiddischen Postmoderne endlich dem deutschsprachigen Publikum.


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Bildquellen: © Die Andere Bibliothek, ТЕКСТ

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