„Warte Nicht. Überleben Unmöglich“ – Michail Ryklin: Leben, Ins Feuer geworfen

Wie kann es sein, dass Menschen, ihren eigenen Henker, den Zerstörer ihrer Familien glorifizieren, gegen Kritik verteidigen und sich eine Rückkehr zu seiner Herrschaft zurückwünschen? Am Ende bleibt die Frage nach dem „Warum“.

Der russische Philosoph und Autor Michail Ryklin gibt in „Leben, ins Feuer geworfen“ (Orig.: Обречённый Икар (Ikarus in Verdammnis)) darauf keine Antwort, aber einen Beitrag, die Hintergründe und vor allem den Kontext der Entwicklungen nach der Oktoberrevolution bis zum Tode Stalins zu verstehen. Im Vordergrund stehen die Lebenswege der Familie von Ryklins Großvater Sergej Tschaplin, dessen Bruder Nikolai und der Schicksalsgenossen wie Warlam Schalamow und Georgi Shshonow.

Beide Brüder – Nikolai und Sergej – sind Jugendliche als die Revolution ausbricht und stellen sich mit voller Euphorie und Kraft in den Dienst der Partei. Sie glauben an die Utopie des Sozialismus und der Weltrevolution. Nikolai wird ein führendes Mitglied der sozialistischen Jugendorganisation, Sergej arbeitet für die Geheimpolizei. Die Identifikation mit dem System geht so weit, dass Sergej seine Tochter „Stalina“ tauft. Ryklin idealisiert oder romantisiert in seiner Darstellung nicht, und lässt nicht aus, dass die beiden in ihrem jugendlichen Sturm und Drang Fehler begangen und sich benutzen haben lassen.

Die Tschaplins sind so in den 1930er Jahren im sowjetischen Olymp angekommen. Doch mit dem immer paranoiden und unberechenbaren System Stalins wendet sich das Schicksal der Brüder und der Familie. Nikolai werden Konspirationen und abweichlerische Gedanken vorgeworfen und die Tschaplins geraten in den Mahlstrom des Totalitarismus. Nikolai wird hingerichtet und Sergej wird in die GULAGs an der Kolyma verfrachtet und kämpft dort um sein Leben und seine Integrität.

Gerade weil Ryklin auf die Erinnerungen und Aufzeichnungen seiner eigenen Familie baut, ist es ihm gelungen, die persönliche Geschichte in einen größeren Kontext zu setzen, Verbindungen zur Gegenwart zu ziehen und so eine herausragendes Werk der Erinnerungskultur und Sensibilisierung zu schaffen.


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Buchcover: Collage aus dem Cover von Suhrkamp Verlag und Archivfoto von Kolyma.ru

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