Die 7 Fragen an Marzahn Pride 2021 & die post-sowjetische LGBTQIA*community Berlins

osTraum berichtete bereits über die Beteilung von LGBTQIA* Aktivist*innen an den Protesten in Belarus. Dabei ist die LGBTQIA*-Community aus dem osTraum auch in Berlin sehr präsent, besonders in den letzten paar Jahren. Am 17. Juli 2021 findet das 2. Marzahn Pride. Die Veranstaltung ist eins der wenigen russischsprachigen LGBTQIA* Paraden außerhalb Russlands und findet seit 2020 in Berlin statt. Die Anwohner*innen der Berliner Bezirke Marzahn-Hellersdorf, wie auch die queere Community auf dem post-sowjetischen Raum und in Deutschland, werden oft mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert. Ein Großevent, wie die Marzahner Pride Parade des Berliner Quarteera e.V., kommt dem Großbezirk und auch LGBTQIA*Menschen in Berlin und auf dem post-sowjetischen Raum zugute. Eine absolute Win-Win-Situation. Unter #MarzahnPride finden sich viele Impressionen aus dem Jahr 2020. 2021 soll das Event ein neues Niveau erreichen – mehr Menschen, mehr Musik, mehr gute Laune. osTraum sprach mit den Ideengeber*innen und Ausrichter*innen des Marzahn Pride.

osTraum: Es gibt ja Bezirke in Berlin, wo viele russischsprachige Menschen in Berlin leben bzw. unterwegs sein sollen – Prenzl’grad, Charlottengrad, Spandau, Hohenschönhausen und auch Marzahn. Warum habt ihr euch explizit auf Marzahn konzentriert?

Marzahn Pride: Letztes Jahr sind wir auf die Idee gekommen, weil Marzahn für uns schon immer eine Metapher für den “Post-Ost-Raum” gewesen ist. Auch wenn die Anzahl von Russischsprachigen in den anderen Bezirken auch hoch ist, so wohnt hier unserer Ansicht nach der größte Teil der russischsprachigen Bevölkerung. Darin haben wir die Möglichkeit gesehen, genau diese Menschen zu erreichen. Seit dem letzten Jahr haben sich unsere Beziehungen mit Marzahn sehr positiv entwickelt – nun befindet sich hier auch unser Büro. Also sind wir in Marzahn nicht mehr zu Gast, sondern zu Hause. Da es erst seit Kurzem geschehen ist, betrachten wir Marzahn Pride 2021 als eine kleine Einweihungsfete.

osTraum: Marzahn Pride fand das erste Mal 2020 statt. Hat sich euer Team darauf vorbereitet, dass gerade in Marzahn etwas schief gehen könnte? Durch homophobe und transfeindliche Gegenproteste, Störungen oder Angriffe – bei der Bundestagswahl 2017 ist ja die AfD in dem Bezirk auf über 20 % der Wähler*innenstimmen gekommen und die Partei ist alles andere als progressiv und aufgeschlossen.     

Marzahn Pride: Am Anfang hatten einige unserer Mitglieder viele Bedenken, jedoch wurden unsere eigenen Vorurteile durch den warmen Empfang der Bevölkerung in Marzahn zunichte gemacht. Wir wurden herzlich empfangen, indem die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (aus Marzahn) den Umzug mit einer mitreißenden Rede einleitete. Nichtsdestotrotz gab es selbstverständlich ganz normale Sicherheitsvorkehrungen und der Umzug wurde von den freundlichen Beamt*innen der Berliner Polizei begleitet.

osTraum: Was waren die positivsten Erfahrungen bei der Umsetzung des Events? Sind Menschen auf euch zugekommen und haben euch Dankbarkeit oder ähnliches ausgesprochen? Hattet ihr vielleicht danach einen Anstieg an Mitgliedern des Quarteera e.V.?

Das war der Anstoß, unsere Beziehungen mit und in Marzahn zu vertiefen und das Ergebnis – ein eigenes Büro im 7. Stock – lässt sich sehen!

Marzahn Pride: Wir haben am Ende des Umzuges ein kleines Konzert am Marktplatz gegeben, welches auf eine positive Resonanz der Bevölkerung gestoßen ist. Es war ein schöner Anlass, bei dem viele Menschen zusammengekommen sind – sowohl Russisch- als auch Nicht-Russischsprachige. Wir hatten viele Familien, die dabei waren, und unsere Mitgliederanzahl ist gestiegen. Das war der Anstoß, unsere Beziehungen mit und in Marzahn zu vertiefen und das Ergebnis – ein eigenes Büro im 7. Stock – lässt sich sehen!

osTraum: Wart ihr im Vorfeld im aktiven Austausch mit russischsprachigen Menschen, die in Marzahn leben?

Marzahn Pride: Wir haben eine Reihe von Aufklärungsseminaren veranstaltet, z. B. das Projekt “Lebendige Bibliothek”. Der Sinn des Projektes besteht darin, dass ein Mensch ein Buch des eigenen Lebens darstellt und über etwas Autobiografisches berichtet. Dabei kann die Präsentationsweise und das Genre variieren. Die Marzahner*innen konnten alle möglichen offenen Fragen an die LGBTQIA*-Sprecher*innen stellen, die ihnen am Herzen lagen. Die Reaktionen auf dieses Projekt waren durchweg positiv.

Außerdem kooperieren wir sowohl mit diversen LGBTQI*-Organisationen aus Marzahn, als auch mit Nicht-LGBTQI*-Organisationen.

osTraum: Wir wollen natürlich auch die EU und Deutschland nicht heilig sprechen, was den Umgang mit LGBTQIA* Menschen angeht. Vor allem Polen und Ungarn sind ja gerade die Negativbeispiele, die sich sehr wohl an den Erfahrungen russischer Regierung orientieren. Gibt es momentan im osTraum Oasen, was LGBTQIA* Menschen betrifft? Vielleicht die Tschechische Republik oder wie sieht es im Baltikum und auf dem Balkan aus?

Marzahn Pride: Wir haben uns umfassend mit dieser Frage beschäftigt und eine Broschüre herausgebracht: “Die Situation von LGBTQIA*-Personen in den Staaten der ehemaligen UdSSR”. Die Präsentation von dieser Broschüre fand am 10. Juli in Marzahn statt – die genauen Details findet ihr auf unserer Quarteera Facebook-Seite.

osTraum: Eins eurer Slogans für Marzahn Pride 2021 ist „мы все одинаково (любим)…“ (Wir lieben alle gleich). Hassen wir auch gleich oder würdet ihr sagen, dass die patriarchalen Strukturen mehr negative Gefühle mit sich bringen? Bzw. eine ergänzende Frage: Welche Worte würdet ihr für ein*e potentielle Leser*in dieses Interviews finden, die sich nicht traut, öffentlich über ihre Sexualität zu sprechen oder sich von eine*r toxischen Beziehung zu befreien?

Marzahn Pride: Unsere Botschaft ist – “Marzahn, das bunte Miteinander” („мы все одинаково (любим)…“. Wir denken, dass wir auch mit Menschen, die in patriarchalischen Strukturen aufgewachsen sind, sehr viel gemeinsam haben. Wir lachen alle gleich, wir weinen alle gleich. Letztendlich ist unsere Sexualität oder die Identität nur eines der Aspekte, die in unserem Leben eine Rolle spielen, aber es ist keines der Aspekte, welches alles andere überschattet.

osTraum: Unsere letzte Frage – Womit können wir Brücken bauen? Zwischen verschiedenen Lebensvorstellungen, Familienbildern, Ländern und Kulturen?

Mit Hass kann man keine Brücken bauen.
Mit Liebe aber schon.


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