Die Kurische Nehrung oder Umwelt-Aktivismus als „Verbrechen“

Text: Ekaterina Venkina

Die Kurische Nehrung ist eine einmalige Halbinsel, die zu etwas mehr als der Hälfte in Litauen liegt. Der etwas kleinere Abschnitt liegt in der Kaliningrader Gebiet in Russland. osTraum berichtete bereits mehrmals über die traumhafte litauische Hälfte. Es war auch eins unserer empfehlenswerter Reiseziele im Baltikum. Über die russische Seite des Naturwunders fielen unsere Berichte eher kurz aus. Das holen wir jetzt nach und stellen euch Alexandra Korolewa vor – eine russische Umweltaktivistin, die nach Deutschland floh. Ihr Engagement für die Umwelt und die Kurische Nehrung wird in ihrer Heimat – Kaliningrad – verfolgt.

Weißer Sand. Kilometerlange Strände. Ausgedehnte Sanddünen, die fast in den Himmel ragen. Braun-grüner, borstiger Sandhafer. Psammophyten, Halophyten und Xerophyten: Sandpflanzen, Salzpflanzen und Trockenpflanzen, deren botanische Bezeichnungen mehr an die Namen der altgriechischen Götter erinnern als an die Pflanzenarten. Dies ist die Kurische Nehrung zwischen Haff und Ostsee.

Das Baltische Meer… Ich vermisse es am meisten. So sehr, dass es weh tut.

sagt Alexandra Korolewa – die 66-jährige ist eine russische Umweltaktivistin, Mitbegründerin und Mitvorsitzende der Nichtregierungsorganisation Ecodefense! Im Dezember 2019 wurde sie offiziell zur Öko-Dissidentin und zur politischen Asylantin in Deutschland. Ihre Heimatstadt Kaliningrad musste sie verlassen. Dort drohen ihr immer noch bis zu zwei Jahren Haft.

Bahnbrecherin, Provokateurin, Dünen-Kennerin

Im ehemaligen Königsberg, der wohl europäischsten aller russischen Städte, wird sie von den einen respektiert, von den anderen als unorthodox angesehen. 2007 stellte Korolewa aus Protest eine große Nachbildung eines Kernkraftwerks (KKW) vor dem Gebäude der Gebietsverwaltung auf. Aus einem Rohr stieg beißender, orangefarbener Rauch. Dann fesselten sich die Öko-Aktivist*innen, inkl. Alexandra, mit Handschellen an den Eingang des Gebäudes. 2013 wurde der Bau des KKW-Blocks Baltijsk-1, gegen den sie mehrere Jahre lang protestiert hatte, ausgesetzt.

Dank Korolewa fand 2005 in der Stadt das erste Referendum zum Thema Umwelt statt: Etwas, das unter den heutigen politischen Bedingungen in Russland fast undenkbar wäre. Es ging um den Bau einer Ölverladestation im Hafen von Swetly, westlich von Kaliningrad. Rund 90 Prozent der Befragten sprachen sich dagegen aus. Daraufhin wurde das Projekt gestrichen.

Die größte Sorge von Alexandra Korolewa ist derzeit die Avant-Düne der Kurischen Nehrung (russisch: Kossa). Diese künstliche Konstruktion soll die Nehrung vor den Meereswellen schützen. Doch ihre Hauptfunktion erfülle sie nicht. Laut Ecodefense! befindet sich fast die Hälfte der Düne in einem kritischen Zustand. Die Organisation hat dem UNESCO-Welterbe-Komitee einen Bericht darüber vorgelegt. Die örtliche Nationalparkverwaltung bestreitet die Ernsthaftigkeit der Gefahr. Die Aktivistin aber beharrt: „Dies ist keine emotionale Einschätzung, sondern das Ergebnis von Feldforschung“.

Abschied von Kossa

Alexandra Korolewa und die Kurische Nehrung: Viele Jahrzehnte lang lebten sie Seite an Seite. Es war eine Art alltäglicher Tango. Er endete abrupt am 5. Juni 2019, an einem drückend heißen Frühsommertag. Um 12 Uhr wurde Korolewa im Büro des Ermittlers erwartet. Um 7 Uhr, fünf Stunden davor, setzte sie sich in den Bus, der nach Litauen fahren sollte. Am Busbahnhof in Zelenogradsk (dem ehemaligen deutschen Seebad Cranz, 34 Kilometer nördlich von Kaliningrad), wo sie derzeit wohnte, war sie viel zu früh dran: In der Nacht zuvor hatte sie vor lauter Anspannung „kein Auge zugetan“. Die Fahrt zur Grenze dauerte etwa 60 Minuten.

Ich spürte nichts als Angst, es fühlte sich an, als hätte ich eine Stunde lang nicht geatmet.

In den Jahren zuvor wurde Ecodefense! in Russland mehrfach mit Geldstrafen belegt. Sie wurden nicht bezahlt und türmten sich nach und nach auf mehr als 1,14 Millionen Rubel (umgerechnet 12.665 Euro) auf. 23 Verwaltungsverfahren wurden eingeleitet, weil sich die Organisation nicht an das umstrittene ‚Gesetz über ausländische Agenten‚ hielt, das seit 2012 in Kraft ist. Laut den Aktivist*innen bedeutete das Gesetz eine erhebliche Einschränkung ihrer Tätigkeit. Am 31. Mai 2019 wurden im Abstand von nur acht Minuten gleich fünf Verfahren gegen Alexandra Korolewa wegen „böswilliger Nichterfüllung eines Gerichtsentscheids“ eröffnet. Am 3. Juni erhielt sie einen Anruf von einem Ermittler. Schon am selben Tag wurde ihr klar, dass sie Russland verlassen sollte.

An der Grenze zwischen RUssland und der EU

Als sie am Kontrollpunkt an der Grenze zu Litauen stand, hatte Korolewa nur einen kleinen Rucksack dabei. Darin hatte sie ein paar Fotos von ihrer Mutter gequetscht. Ihr Vater, Georgij Kutschenew, wurde 1937 im Laufe der Stalinrepressalien der Spionage angeklagt und erschossen. Erst 1958 erfuhr die Familie, dass er zu Unrecht beschuldigt worden war. Seine Frau musste fliehen, um ihre zwei Kinder zu retten. Beide überlebten und durften studieren. Korolewa sagt dazu:

Die Mechanismen der Repression funktionieren in Russland nicht immer reibungslos. Manchmal gelingt es den Opfern zu entkommen.

Von Litauen aus nahm sie viele Umwege nach Deutschland. Am 24. Juli, fast 50 Tage nach ihrer Flucht, kam die Aktivistin in der sächsischen Hauptstadt an. Hinter sich hatte Korolewa ein paar Übernachtungen im litauischen Nida. Danach zog sie nach Berlin, wo sie Asyl beantragte. Erst dann hat ein Computerprogramm sie einer Erstaufnahmeeinrichtung in Dresden zugewiesen.

Dresden war mein „Lottogewinn„.

Das Schwierigste am Aufenthalt im Asylheim war wohl das fast völlige Fehlen von Privatsphäre. Es war verboten, das eigene Zimmer abzuschließen. Die Mahlzeiten mussten in einem Raum mit etwa 200 anderen Menschen eingenommen werden. Nach ein paar Tagen radelte Korolewa buchstäblich von diesen tristen Verhältnissen weg:

Ich habe mir ein gebrauchtes Fahrrad für 50 Euro gekauft. Die Fahrradtouren sind für mich zum Maß der Freiheit geworden.

Grenzenlose Umweltprobleme

Kurz vor Weihnachten kam die Nachricht, dass ihr Asylantrag genehmigt worden war. Trotz der Pandemie konnte die Aktivistin im Jahr 2020 viel reisen. Sie unterstützte ihre Kolleg*innen, die in Münster und Essen gegen Uranhexafluorid-Transporte nach Russland protestierten. Sie traf Luisa Neubauer, die als deutsche Greta Thunberg gilt. Am Rande des Braunkohletagebaus Garzweiler sprach sie mit Reportern. Vor den jungen Aktivist*innen des Bündnisses Ende Gelände hielt Korolewa eine Reihe von Vorträgen über die Anti-Atom- und Anti-Kohlekraft-Bewegung in Russland. Das Jahr 2020 habe ihre Sichtweise auf viele Dinge verändert. Ihre Hauptbotschaft blieb jedoch ganz einfach:

„Die Umweltprobleme unserer beiden Länder sind doch sehr ähnlich.“


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Alle Fotos © Timofey Zubarev 2019
Titelbild: eine der ersten Klimakundgebungen in Kaliningrad, mit Fridays for Future und Wladimir Sliwjak (Mitbegründer und Co-Direktor von Ecodefense!)

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