Das vorliegende Objekt misst genau 33 x 23,5 x 2,5 cm, die liebevoll in Papier umwickelt sind. Das Gehirn und die Augen erlauben es den Händen nicht, das Buch aus der Verpackung zu befreien. Allein schon die sorgfältig durchdachte und umgesetzte Einkleidung des Werkes in einen Mantel aus nebeligem Papier lässt darin etwas mental Großes vermuten. Das Buch ist nun nackt und liegt auf der Tischplatte. Die kontrastreiche Gestaltung des Covers zieht sofort die volle Aufmerksamkeit auf sich, sodass erst beim zweiten Hinsehen klar wird, dass das fotografische Abbild von Katerina Belkina nicht monochrom, sondern farbig ist. Die Tonwerte auf dem Cover wurden zu einem bewundernswerten Einklang gestimmt, bei dem das Bewusstsein nach mehr verlangt – “Gib mir mehr davon!”. Auf den Buchrücken gestellt, flattern die Seiten einem Daumenkino gleich von rechts nach links, doch es entsteht dabei kein Trickfilm, sondern ein Duft. Die Nase erfasst den Duft von hochwertigem Papier sowie veganen Farben. Bereits die Duftprobe zeigt freilich, dass es sich bei dem Buch höchstwahrscheinlich um ein Meisterstück der Druckkunst handelt und dessen Name ist:
My Work Is My Personal Theatre
Auf rund 250 Seiten werden zahlreiche Kunstwerke von Texten auf Deutsch, Englisch und Russisch begleitet. Die Exponate können lediglich nicht eindeutig zur Fotografie, Bildhauerei, Grafik Design oder Kollagen zugeordnet werden. Jedes einzelne Stück dieser Ausstellung im Druckformat entzieht den technischen sowie konformistischen Grenzen der darstellenden Künste ihre Gültigkeit. Fast jede Seite verlangt die volle Aufmerksamkeit. Ist es wirklich ein Zug? Und die Fabriken am Horizont – sind die echt? Sind es überhaupt menschliche Wesen auf den Bildern oder Androide, die sich der menschlichen Gestalt bedienen? Anfangs erscheinen von allein viele Fragen. Die textuellen Bausteine geben dazu keine Antworten, aber weisen auf etwas anderes hin – Ce n’est pas une pipe oder im Falle von Belkina Ce n’est pas un livre. Auf seinem Gemälde ‘La trahison des images’ (de.: Der Verrat der Bilder) zeigte René Magritte eine Rauchpfeife und wies mit dem Satz “Das ist keine Pfeife” auf die Automatisierung der menschlichen Wahrnehmung hin. Denn tatsächlich war das keine Pfeife. Es war eine Leinwand mit Farbe drauf. Während sich aber einer der wohl wichtigsten Surrealist*innen des 20. Jahrhunderts der doch noch recht traditionellen Form und Technik bediente, ging die kroatisch-französische Fotografin, Bildhauerin und Model von Pablo Picasso Dora Maar einen Schritt weiter und ließ die Kunstarten miteinander verschmelzen. Besonders ‘Untitled (hand and mirror)’, ‘Sans Titre (Main-coquillage)’ oder ‘The Years Lie in Wait for You’ sind Erzeugnisse einer schöpferischen Quelle gewesen, die zumindest heute ihre männlichen Zeitgenossen, Kollegen und Verehrer, wie Magritte und Picasso, etwas alt oder vielleicht sogar “populistisch” aussehen lassen. Darüber lässt es sich aber natürlich streiten.



Werke von Dora Maar der 1920-er/1930-er Jahre
Ebenfalls stellt sich Belkina die Fragen nach ihrer eigenen Rolle, Mission und Bedeutung als Künstlerin, Mutter und Mensch in sozialen, geschichtlichen oder vielleicht sogar politischen Kontexten. Mit ihren Arbeiten gibt sie selbst Antworten darauf. Die Bilder lassen uns Vorstellungen, wie Heiligkeit und Begierde, Gleichgültigkeit und Zerrissenheit, Sanftmut und Kaltblütigkeit oder auch menschliche Nähe und seelische Ferne neu betrachten. Katerina Belkina ist in der Zusammenarbeit mit dem KOCMOC Publishing Space & Team die Implementierung klassischer Techniken der darstellenden Künste in die Tool-Bandbreite des 21. Jahrhunderts gelungen. Darüber hinaus geht es nicht nur um die Herangehensweise und die Umsetzung an sich, sondern auch um die Inhalte. Mit Waffen patriarchal besetzter Kunst ist es nach mehreren Versuchen (s. Dora Maar) gelungen, den Turm autokratischer Dominanz niederzureißen. Das Gesamtkunstwerk ist wohl eins der bedeutendsten Bausteine des politisch-gesellschaftlich-künstlerischen Aufschwungs der 2010-er/2020-er Jahre, den der gesamte osTraum, vor allem aber Belarus, Estland sowie die Slowakei gerade erleben. Dabei geht es nicht explizit um Emanzipation, sondern um die Schaffung eines zwischenmenschlichen Daseins und die Entautomatisierung unserer Wahrnehmung. Dafür müssen wir die Vergangenheit kennen, die Gegenwart mit offenem Herzen und nachhaltig leben, damit auch die Zukunft zu einer Freude und nicht zu einem kargen Spiegelbild unserer Weltbilder wird. osTraum bleibt sehr gespannt, was die Zukunft für Katerina Belkina bringt und mit welchen Werken die Künstlerin die Gegenwart noch bereichert.



Zum Buch:
Katerina Belkina “My Work Is My Personal Theatre”
KOCMOC 2020 (KOCMOC heißt seit Juni 2021 Shift Books)
Katerina Belkina auf Instagram
Katerina Belkina auf YouTube
Webseite von Shift Books
Shift Books auf Instagram
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Buchcover und alle Abbildungen aus dem Buch © KOCMOC Verlag
Fotos für den Beitrag © osTraum
Bilder von Dora Maar © WikiArt