Am Rande des Imperiums: Duschanbes Relikte der Sowjetmoderne, Pt. 3

Duschanbe ist eine stetig wachsende Großstadt, deren Grundstein erst in der Sowjetunion gelegt wurde. Als Hauptstadt einer Sowjetrepublik musste sie den distinktiven „nationalen Charakter“ ihrer Titularnation, der Tadschiken, architektonisch repräsentieren. Während sich die ersten beiden Teile um das Thema Folklore und Arbeit drehten, steht der letzte Part der Reihe im Zeichen des Lebens in Duschanbe.

Teehaus Rochat

Das Teehaus „Rochat“ von 1958 ist ein einzigartiges Gebäude, das modernistische Weite und Offenheit mit (pseudo)traditionellen Elementen verbindet. Im kleinen Hinterhof kann man sich im Garten, umgeben von holzgeschnitzten Veranden, auf einem Taptschan zurückziehen und grünen Tee schlurfen. Die Eiscreme wird bis heute in alten Plastikbechern der 1960er Jahre serviert.

Kosmonautengärtnerbrigaden auf der Rudaki-Allee?

Die unbekannte Reliefreihe auf der Rudaki-Allee lässt viel Interpretationsspielraum. Eine mögliche Version wäre, dass 100 Jahre nach Errichtung der Sowjetherrschaft das Weltall von der Sowjetunion erschlossen ist. Kosmonautengärtnerbrigaden (gekennzeichnet durch Blümchenhelme) kümmern sich um die geeignete Sonnenzufuhr und die Bewässerung des kommunistischen Paradieses auf Erden. In Zentralasien widmen sich die Menschen in orientalischen Gartenstädten den schönen Dingen des Lebens mit reichlich Früchten. Die Sowjetunion verwandelte die Region in eine fruchtbare Oase, das Gleichgewicht zwischen Dürre und Regenzeit ist hergestellt.

Chruschtschowka an der Ibn-Sina Allee (2)

Während sich das erste Mosaik der Landwirtschaft und Elektrifizierung des Landes widmete, steht hier die sowjetische Kultur Tadschikistans im Mittelpunkt. Eine Frau webt Stoff im berühmten Ikat-Stil, Filmemacher drehen einen historischen Film über die Unterdrückung des Volkes durch die Beys in vorsowjetischer Zeit. Über allem thront mal wieder die Baumwolle und – das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Tadschikistans als Aufsichtsorgan, dessen Sitz oben abgebildet ist.

The Blue Lady

An der Einfahrt zu den Mikrorajons des Südens grüßt eine selbstbewusste, (fast) entschleierte Frau im modernen weiten Atlaskleid der Sowjetzeit die Besucher*innen der Stadt.

Konzerthalle „Kochi Borbad“

Von Außen erscheint die prächtige Konzerthalle „Kochi Borbad“ wie ein antikes Zirkuszelt aus Beton . Im Eingangsbereich befindet sich ein eindrucksvolles Relief, das den Klang symbolisiert und im Inneren trifft man auf Musen, die vom Klang der Orgelpfeifen durchzuckt werden.

Staatszirkus & Mikrorajon

Der Staatszirkus ist mit seinen Prägungen von Außen nicht besonders spektakulär, dafür kann man im südlich gelegenen schattigen Mikrorajon unikale Typbauten besichtigen.

Mikrorajon 12

Der Mikrorajon 12 befindet sich gegenüber der Philharmonie. Dabei handelt es sich deutlich um eines der ambitionierteren Wohnviertel. An dekorativen Elementen wurde nicht gespart und die Gegend kommt tatsächlich einer kleinen „Gartenstadt“ nah, so wie die Mikrorajone seit den 1960ern ursprünglich geplant wurden. Kollektive gepflegte Gärten zieren die Eingangsbereiche und auch am Abend herrscht hier reges Treiben.

Kubofuturistische Reliefs (Mikrorajon 12)

Objekte aus den Nachbarvierteln

Kunsthochschule Mirzo Tursunzade

Extra: Das verlorene Mosaik

Am Kindergarten des 14. Mikrorajons kann man die Überreste eines Mosaikes finden. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Mädchen mit Tjubetejka auf dem Kopf, langen schwarzen Zöpfen und einen sitzenden Jungen. Beide entsenden die Friedenstauben, die in dieser Fotoserie sehr präsent waren. War das Symbol in diesen Kunstwerken eine Rechtfertigung, ein Wunsch oder schlicht Propaganda? Ihr seid gefragt.


Alle Fotos © Cora Litwinski für osTraum

Teil 1  & Teil 2 von
„Am Rande des Imperiums: Duschanbes Relikte der Sowjetmoderne“


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