Am Rande des Imperiums: Duschanbes Relikte der Sowjetmoderne, Pt. 1

Aus Moskauer Perspektive bildete Duschanbe unter den Republik-Hauptstädten zweifellos den südlichen Außenposten Zentralasiens. Gepaart mit Tadschikistans Erbe dekorativer Kunst, ergab sich in der Breschnew- Ära bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion ein reiches und zugleich bedrohtes Erbe extravaganter dekorativer Kunst der Sowjetmoderne. Eine Zusammenstellung bekannter, wie auch geheimer Zeugen jener Epoche, ist im ersten Part der Folklore gewidmet.

Die persischen Prinzessinnen

Mikrorajons sind im post-sowjetischen Raum städtische Außenbezirke, die von Plattenbauten und Hochhäusern geprägt sind. In Duschanbe siedeln sich diese Bezirke im Westen und dem Süden der Stadt an. Im äußersten Süden zieren 4 persische Prinzessinnen die Karaboev Allee als Vertreterinnen der Kunst: Film/Theater, Musik, Literatur, Handwerk.

Das Brautpaar und die Tänzerin

Das am Rande der zentralen Nähfabrik Guliston angebrachte Mosaik einer tadschikischen Hochzeit besticht durch seine Authentizität. Im Hintergrund geben beschmückte Karnaj-Bläser den Ton an. Im Vordergrund erscheint das Paar, die Braut in traditionell demütiger Verbeugungshaltung- für sowjetische Inszenierungen ungewöhnlich. Ebenso bemerkenswert ist der reiche Einsatz bunter Keramik im Schmuck der Tänzerin, die fast schon wie eine indische Gottheit anmutet, wäre da nicht die Baumwolle in ihrer Hand.

Der Wasserspender im Varzob-Tal

Einen besonderen Ehrenplatz nimmt diese traditionelle Mosaik-Teekanne ein. So berichtete schon einst ein Sowjet-Reiseführer der 80er: „Am 17. Kilometer steht eine originell errichtete Chajkhana. Zwischen den Blumen erhebt sich eine riesige Teekanne. Diese hat jedoch nicht nur eine dekorative Funktion: aus ihr fließt kaltes Wasser.“ Ihren Dienst erfüllt sie noch bis heute.

Das Puppentheater

Das psychedelisch anmutende Puppentheater ist ein überbordender Anblick aus mosaikbestückten, detailreichen Märchenszenerien, die das gesamte Gebäude umfassen.

Ibn Sina Mosaik

Das wohl bekannteste Duschanbiner-Mosaik. Wohl kaum ist der altehrwürdige Ibn Sina jemals in einer solchen kolonialen Sci-Fi- Manier in Szene gesetzt worden. Brutal und exzentrisch drängen sich Sowjet-Kosmonauten ins Bild, gefolgt von evolvierenden Arbeitern, deren Krone der Schöpfung ein wahrer Mr. Cool der Ingenieure zu sein scheint. Ibn Sinas Geburtsort Buchara wird gewaltsam in die Evolution zur futuristischen Plantraumstadt eingereiht, die obligatorisch mit einem Sputnik gekrönt wird. Über allem thront eine fehlerhafte astrologische Uhr.

Nähfabrik Guldast

Im Trubel des Marschrutka- Sammelbeckens nach Varzob fast zu übersehen, befindet sich am Stadtrand die eindrucksvolle, gänzlich mit turkestanisch-iranisch inspirierten Mosaiken ausgeschmückte Nähfabrik. Hauptsächlich Frauen verschiedener Hautfarben und tadschikischer Volkskostüme bevölkern die Wände im Zusammenspiel der produzierten Objekte.

Damen im Tschador

Die drei sich anschmiegenden Frauen im Tschador lassen Zweifel bezüglich einer sowjetischen Herkunft aufkommen. Alte Filmaufnahmen des Bürgerkrieges deuten jedoch darauf hin, dass die Skulptur bereits zu Sowjetzeiten errichtet wurde.

Shashmaqom-Tanz

Betörend und ekstatisch gestaltet sich das Volkstanzrelief an der alten Philharmonie. Der dunkle Farbeinsatz, das Fehlen von Augen sowie einiger Steine verleihen dem Bild einen außergewöhnlich mysteriösen und zugleich dunklen Charakter.


Alle Fotos © Cora Litwinski für osTraum


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