Am Rande des Imperiums: Duschanbes Relikte der Sowjetmoderne, Pt.2

Vor der sowjetischen Machtübernahme zu Beginn der 20er war Duschanbe (tadsch. für Montag) noch ein provinzieller Marktplatz, den die Einheimischen der umliegenden Dörfer montags aufsuchten. Von den späten 50ern ausgehend, wurde die Hauptstadt der Tadschikischen SSR zu einem der Schauplätze, in dem sich neue Imaginationen eines sowjetischen Orients entwickelten. Ungeachtet folkloristischer Fantasien war auch Tadschikistan ein Ort, in dem der Sowjetmensch gedeihen und in dem die Arbeit einen zentralen Bezugspunkt im Leben eines jeden Sowjetbürgers einnehmen sollte. Diesem Aspekt widmet sich der zweite Part.

Die Damen vom Traktorkombinat

Erstaunlich gut erhalten präsentiert sich das futuristische Mosaik des Traktorenkombinates auf der Rasulov-Allee. Unverkennbar steht die erwünschte Ernte des weißen Goldes im Mittelpunkt. Die folkloristisch- zoroastrische Sonnensymbolik begleitet den Gewinnungsprozess der Kolchosbäuerinnen, denen eine Prinzessin vorangestellt wird.

Tadžikfilm

Wie jede (post)sowjetische Stadt hat auch Duschanbe einen Siegespark, der sich stimmungsvoll auf einer Erhebung im Osten ausbreitet. Zu Füßen des kleinen Berges liegt Tadschikfilm, das, wie in allen Sowjetrepubliken, obligatorische nationale Filmstudio. Auf dem Gelände scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Eine Muse hält eine revolutionäre Flamme in der Hand, die zum Auge des Betrachters (hier vom Baum verdeckt) weht.

Im postsowjetischen Raum dürften wohl die Märchenfilme der 80er um Scheherazade am bekanntesten sein. Empfehlenswert ist der halb verschollene Film „12 могил Ходжи Насреддина“ (Die 12 Gräber des Hodscha Nasreddin) von 1966. Der Witzbold Nasreddin aus Buchara, den Herrschern seit dem 18. Jahrhundert ein Dorn im Auge, landet im sowjetischen Tadschikistan der 60er Jahre. Doch auch hier legt er sich mit verschiedenen Autoritätspersonen an und wird sogar von Psychiatern verfolgt. Wer 80er Musik und nostalgische Perestrojka-Vibes sucht, sollte einen Blick auf den Film „Кумир“ (Kumir) von 1988 werfen.

Pizzareben an der Weinsowchose

An der Autostraße zwischen Duschanbe und der sowjetischen Musterstadt Nurek, mit dem größten Wasserkraftwerk Zentralasiens, liegt die imposante Bushaltestelle einer ehemaligen Weinsowchose. Entsinne ich mich recht, so wurden die Weinfelder laut meinem Fahrer im Zuge von Gorbatschows Anti- Alkohol-Kampagne vernichtet. Dreidimensional ragen idyllische Mosaikszenen des tadschikischen Dorflebens aus den Fassaden. An den Wänden sind neben den Weinreben auch noch stilisierte Kufiinschriften zu sehen.

Zerfetzte erste Hilfe

Äußerst versteckt und von einem Ochrannik (Wächter) bewacht, befindet sich im Süden das tadschikische Diagnostikzentrum. Am Gebäude wurde die arabische Schrift eingesetzt, die diesem einen besonders lokalen Charakter verleiht und für ein sowjetisches Bauwerk ungewöhnlich ist. Neben der Klinik befindet sich ein auffälliger Anbau, den ein rundes Relief ziert. Die tadschikische Aufschrift „Zarar Narason!“ („Schade nicht!“) wurde in der arabischen Schreibweise ergänzt. Wieder ist Ibn Sina mit einer Blume anzutreffen. Das Erbe griechischer und persischer Gelehrter wird in der Abbildung einer sowjetischen Ärztin mit nostalgischer Kappe vereint, deren verätzter Kittel einen einzigartigen Anblick bietet.

Geburtskrankenhaus aka Роддом №1

Die Aufnahmestelle des Geburtskrankenhauses Nr. 1 ist besonders eindrucksvoll, da das Interieur vollständig mit Mosaiken ausgeschmückt ist. Im tadschikischen Kontext ist dies noch wesentlich bedeutsamer: Während der gesamten Sowjetära war die Republik unangefochtener Spitzenreiter mit einer Geburtenrate, die Ende der 60er auf über 7 Kinder pro Frau anstieg. Bis zur Glasnost wurde dieser Umstand als Erfolg des sowjetischen Gesundheitswesens und Tadschikistan als „Republik der Kinder“ verklärt. Trotz der optimistischen Intention der Mosaikdekorationen, hinterlassen die Motive einen düsteren Beigeschmack von vergangenen utopischen und pronatalistischen Visionen eines autoritären Staates.

Mosaik der Konsumgenossenschaft

Dieses in seiner Gesamtheit nicht vollständig zu erfassende Werk versteckt sich an der hintersten Wand der ausladenden Eingangshalle der tadschikischen Konsumgenossenschaft. Eindeutig dargestellt werden die Teppichproduktion sowie der Obstanbau. Besonders einnehmend ist jedoch die niederkniende, barfüßige Arbeiterin, die in fast schon sakraler Art meterlangen Stoff begutachtet (oder gar weiht?).

Konfusionen an der Konditoreifabrik

Die Konditoreifabrik ablichten zu dürfen glich einer Odyssee: Der bloße Wunsch die Wand zu fotografieren schien dem Wärter so surreal, dass er zunächst einen jungen Mann beauftragte, mir den „Weg zu den Mosaiken“ zu zeigen. Nach einem kurzem Spaziergang betraten wir ein Geschäft mit 4 älteren Männern. Einer kam auf mich zu und führte mich zu einer Wand mit Fliesen fürs Badezimmer: „Also, da hätten wir diese Mosaike und…“

„Nein! Ich wollte das sowjetische Mosaik fotografieren!“ Die Männer verstanden ohnehin nur Bahnhof, mein junger Begleiter musste erst einmal eine Weile nachdenken: „…Du meinst das da, was an der Wand war?“ „Genau, was ich Ihnen doch gerade auf unserem Weg gezeigt habe!“ „Aber…Aber dann müssen wir wieder zurückgehen…“

So erreichten wir wieder das Tor des Wächters. Nun musste ich mich mit einem „General“ in Springerstiefeln und grünem Camouflage-Look auseinandersetzen. „Was wollen Sie?“ „Ich würde mir gerne das Mosaik anschauen!“ „Willst du es sehen oder fotografieren?“ Ich vernahm einen warnenden Ton. „Nun, wenn Sie mir das Fotografieren nicht erlauben schaue ich es mir gerne nur an!“ „Wie anschauen? Anschauen ist verboten, nur fotografieren erlaubt!“ „Das ist ja perfekt, gerne fotografiere ich! (Was zum Teufel?)“ „Aber Sie haben doch gar keine Kamera!“

Siegessicher zückte ich meinen Apparat, was der Herr General widerwillig zur Kenntnis nahm. Daraufhin musste er noch mit einem zweiten General telefonieren, ehe mir der Zugang zur Wand gewährt wurde.

Chruschtschowka an der Ibn Sina Allee

Das Mosaik an einem gewöhnlichen fünfgeschossigen Wohnblock stellt verschiedene Szenen der landwirtschaftlichen Produktion dar (Obst und Baumwollanbau, Viehwirtschaft). Über diesen thronen Szenen des technischen Fortschrittes, die sich dementsprechend auf die Arbeit der Bauern stützen. Interessant ist die Abbildung oben rechts, die einen „russischen Bruder“ darstellt, der den tadschikischen Bauern diese Errungenschaften überreicht. Im Hintergrund ist ein Staudamm zu sehen, der sich höchstwahrscheinlich auf das Wasserkraftwerk Nurek bezieht, das 1972 in Betrieb genommen wurde. Das Mosaik entstand 1971.

Textilkombinat

In den Mosaiken des Textilkombinates steht die Frau im Mittelpunkt dieser weiblich dominierten Branche. Geschmückt repräsentieren die Frauen die ästhetische Seite ihrer Kultur. Die Baumwolle findet sich hier in einer besonders sakralen Position mit Heiligenschein, was Tadschikistans Rolle als Baumwollkolonie hervorhebt.

Die Stolovaja (Mensa) im Textilkombinat

Auf keinen Fall sollte die authentische Sowjetmensa auf dem Gelände des Kombinates außer Acht gelassen werden. Auf dem Weg zu ihr passiert man Filialen mit brüchigen hellblauen Kuppeln, die wohl einst den Flair eines Basars vermitteln sollten. Die Wände der Mensa sind mit einer alten Holzverkleidung ausgestaltet, auf der noch Baumwollmuster zu erkennen sind. Zahlreiche dekorative Objekte ergänzen das Ensemble, sogar die Gerätschaften sind alle aus der Sowjetzeit und größtenteils außer Betrieb.


Alle Fotos © Cora Litwinski für osTraum

Der erste Teil der Reihe „Am Rande des Imperiums: Duschanbes Relikte der Sowjetmoderne“.


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