Skandale à la Russe aus dem Pariser Stadtdickicht

Boris Poplawski zählt zu jener „unbeachteten Generation“ der russischen Literatur, die im Zuge der Oktober-Revolution nach Westeuropa emigriert ist und zu Lebzeiten keine Hoffnung auf eine Leserschaft haben konnte: Ihre Vertreter waren zu jung, um sich noch vor der Revolution ein russischsprachiges Publikum erschrieben zu haben, und sie waren zu alt, um dem Russischen den Rücken zu kehren und in der Sprache des Exils zu schreiben. Seit dem Ende der Sowjetunion findet eine Wiederentdeckung dieser vergessenen Dichter statt, in deren Zuge unter anderem Gaito Gasdanows bemerkenswerte Romane („Ein Abend bei Claire“, „Nächtliche Wege“, „Das Phantom des Alexander Wolf“ u.a.) ins Deutsche übersetzt wurden.

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Wladimir Warschaswki, Publizist und guter Freund von Poplawski, prägte den Begriff der „unbeachteten Generation“ der russischen Literatur.

Mit Boris Poplawski und seinem Roman „Apoll Besobrasow“ geht die Reihe der Wiederentdeckungen weiter: Geschrieben unter prekären Verhältnissen im „russischen“ Paris der 20er und 30er Jahre, liegt der Roman nun in der Übersetzung von Olga Radetzkaja erstmals auf Deutsch vor.
Der Roman spürt dem schwer zu fassenden Titelhelden Apoll Besobrasow und seinem Bekanntenkreis nach, und die Armut des Autors ist die Armut der Figuren: Sie vagabundieren abgebrannt durch die Kinos, Jahrmärkte und Lusthäuser des Pariser Großstadtdickichts, steigen ab in gepfändeten Stadtvillen oder Dachstuben, deren Miete sie niemals bezahlen werden. Der ungehörige Apoll wird von seinem Freund Wassenka als teuflisch-faszinierendes Wesen beschrieben, das sich jeder abschließenden Beurteilung entzieht: Er „verwandelte sich in sein Gegenteil, und dann ins Gegenteil des Gegenteils“. Geographisch entwurzelt und geistig heimatlos flanieren Apoll und Wassenka ziellos durch die Gassen von Paris, denn ihre Jugend, ihre Veranlagungen und ihre Hoffnungen sind längst im Nichts verpufft:  

Ach, hätte man doch wenigstens einen Teil dieser ungezähmten Kraft auf eine sinnvolle Tätigkeit lenken können – aber nein, es blieb bei Nichtigkeiten, und im nächsten Augenblick wurde er schon wieder vollkommen ruhig, seine Energie schlief ein in ihrer Unterwelt, aus der jeder Weg ins Leben versperrt war von seinem großartigen „Wozu?“

Die Welt hat einen Sprung, den die Ästhetik Poplaswkis wiederspiegelt: Das Schöne ist innig verbunden mit dem Hässlichen, das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Zum rauschenden Fest gehört das Erbrechen der Gäste im Nebenraum, in den Glanz der französischen Metropole mischt sich der Schmutz und das Elend der Großstadt:

Ganz am Ende, hinter dunklen Vorhängen und schwindsüchtigen Wandschirmen, umgeben von Truhen, Kleiderständern, Trittleitern, schmutzigen Küchen, grauen Kloschüsseln ohne Brille, zwischen Motten, Spinnen, Wanzen, Fliegen, Asseln, Streptokokken und Gonokokken, Spirochäten, Spirillen, Stäbchenbakterien und den geheimnisvollen, auch unter dem stärksten Mikroskop nicht erkennbaren Erregern von Krebs, Trachom, Schlafkrankheit und Starrkrampf, in einem Leichentuch aus Staub und Feuchtigkeit, dort am Ende Dutzender von Hintertreppen, die im irrealen, kranken, starren Licht von blassgrünen Gaslampen und trüben, staubig-gelben Glühbirnen liegen, hinter all den Gängen, Fluren, Höfen, Aborten und Abstellkammern ist die antike Glorie von Apoll Besobrasows unbewegtem Blick erloschen, und er schläft, er hat seinen Namen vergessen und aufgehört zu sein.

Im Kontrast hierzu setzt Poplaswki die Schulzeit der französisch-russisch-deutschstämmigen Thérèse-Vera in einer Klosterschule in den Bergen über Genf als trügerisches Naturidyll in Szene, doch für das junge, von ihren Eltern verlassene Mädchen ist es kein weiter Weg in die Fänge der Großstadt: Auf einem pompösen Ball der russischen Emigranten schneiden sich erstmals die Wege von Apoll und Thérèse, die sich der Anziehung ihrer Gegensätzlichkeit nicht mehr werden entziehen können. Poplaswki spinnt eine Liebesgeschichte, der die Liebe abhanden gekommen, aber der Tod geblieben ist.

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Ein Doppelporträt des jungen Boris Poplawski.

Die Übersetzung von Olga Radetzkaja bleibt nah am russischen Original, überträgt die Schroffheiten statt sie zu glätten und gibt damit die Struktur des Russischen wieder. Französischsprachige Dialoge sind wie selbstverständlich in das russische Original eingeflochten: Was sich auf Russisch nicht sagen lässt, wird auf französisch gesagt (und in den Anmerkungen von Radetzkaja übersetzt). In Puschkins „Eugen Onegin“ war die französisch-russische Zweisprachigkeit noch das Distinktionsmerkmal der höchsten gesellschaftlichen Kreise des zaristischen Russlands gewesen, im 20. Jahrhundert ist sie zum Merkmal der verarmten und marginalisierten Migranten des „russischen Montparnasse“ geworden.

Die Neuübersetzung wirft ein Schlaglicht auf einen weiteren Autor der „unbeachteten Generation“, dessen Roman „Apoll Besobrasow“ im Dazwischen zu verorten ist: zwischen russischen literarischen Traditionen und französischem Flanieren, zwischen nihilistischer Abstraktion und Lebensmüdigkeit auf der einen, und unbemerktem Glück und Lebensdrang auf der anderen Seite.

Apoll Besobrasow“ von Boris Poplaswki, aus dem Russischen von Olga Radetzkaja, ist 2019 in einer schön gestalteten Ausgabe im Guggolz-Verlag erschienen, ausgestattet mit einem knappen Anmerkungsapparat und einem Nachwort der Übersetzerin. 

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Bildquellen: © Guggolz-Verlag und eigene Aufnahmen.


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