АИГЕЛ: tatarisch-russischer Sprechgesang über Liebe und Strafjustiz

АИГЕЛ („AIGEL“) steht für eines der bemerkenswertesten Musikprojekte in Russland. Die gleichnamige Dichterin Aigel Gajsina und der umtriebige Petersburger Produzent Ilja Baramija haben mittlerweile zwei erfolgreiche Alben sowie eine Reihe auffälliger Singles und Musikvideos veröffentlicht. Während es sich für die gelernte Synchronsprecherin um das erste Musikprojekt handelt, ist Ilja Baramija schon mit einer Vielzahl Musikprojekten in Erscheinung getreten – das neueste Album seiner Band „СБПЧ“ haben wir hier besprochen.

Das viral gewordene Musikvideo „Татарин“ (de.: der Tatare) steht exemplarisch für AIGELs Mischung aus poetischem Rezitativ, harten elektronischen Klängen und beunruhigender Thematik. Die Frau eines Gefängnisinsassen besäuselt und beschwört, dass sie in der Zeit seiner Abwesenheit niemanden mit nach Hause genommen hat: Weder den tätowierten Schönling noch den erfolgreichen Geschäftsmann („Ни того красавчика с рисунками на теле без души, ну и ни того надёжного состоявшегося мужчину“). Ihre Herkunft unterstreicht Aigel Gajsina, indem sie mitten in den russischen Song tatarische Zeilen einfließen lässt.

In ihren Texten verarbeitet Aigel Gajsina die Erfahrungen, die sie seit der umstrittenen Verurteilung ihres Mannes zu 1190 Tagen Haft gemacht hat – so entschlüsselt sich der Namen des Debütalbums „1190„. Schon zuvor hatte sie den Gedichtband „Das Gericht“ (orig. russ.: Суд) veröffentlicht, indem sie sich mit den irrationalen Mechanismen des russischen Rechtssystems auseinandersetzt. In dem Song „Arie des Richters“ (orig. russ.: Ария судьи) beschreibt sie, wie das Richterkollegium unter dem Druck von oben stets zu einstimmigen Verurteilungen kommt und mit dem einzigen Abweichler Firusa abgerechnet wird.

Firusa, möchtest du, dass ich dich zum Vorgesetzten jage?
Unser Engelchen ohne Flügel, magst du, dass ich dich wegsperre?
Wer hat dich geschmiert, antworte, Firusa?


Фируза, на ковёр, хочешь, чтобы я тебя попёр?
Ангелочек наш без крыл, хочешь, чтоб тебя закрыл?
Кто тебя подмазал, отвечай, Фируза?

Das zweite Album hat das Duo im Frühling 2018 unter dem schlichten Titel „Musik“ (orig. russ.: Музыка) veröffentlicht. Auf der neuen Platte sind die Bässe schroffer geworden und die Texte kapseln sich noch häufiger in rezitative Kreisel ab („Drama„/“Драма“). Neben einer Liebe über Gefängnismauern hinweg treten breitere Themen wie Neid, Schmerz und Besitzanspruch in einer Beziehung. Aigel Gajsina reizt das Spektrum ihrer Stimme aus, fällt vom schnellen Sprechgesang in melodischere Abschnitte. Damit knüpft das neue Album an bisheriges an, setzt mit dem verändertem Sound und den neuen Themen aber auch neue Impulse.

Zurzeit tourt AIGEL durch Russland und hält die Musikwelt mit provokanten Videos auf Trab (so z.B. der Track „Prinz auf Weiß“ (orig. russ.: Принц на белом)). Wir können nur hoffen und warten, dass AIGEL es bald für einen Auftritt nach Deutschland schaffen.


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Bildquellen: © The village/ AIGEL. 

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