Eisen: Literarische Biografie über „enfant terrible des sowjetischen Kinos“ Sergej Eisenstein

Der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein war kein einfacher Mensch. Kein angenehmer Chef, kein fürsorglicher Sohn oder Liebhaber, aber dafür ein leidenschaftlicher Filmemacher. Sein ganzes Leben hat er dem Film gewidmet. Die literarische Biografie „Eisen“ von Gusel Jachina schildert seinen Lebensweg zwischen den zwei Weltkriegen, künstlerischer Freiheit und der Unterordnung der Diktatur. Keine einfache Zeit – weder für ordinäre Persönlichkeiten noch für Genies.

Auf knapp 570 Seiten nimmt eine der renommiertesten zeitgenössischen Schriftstellerin russischer Sprache uns auf die Reise durch das Leben des umstrittenen, aber zweifelsohne legendären, sowjetischen Regisseurs mit. Vom Kapitel zu Kapitel wandern die Lesenden durch diverse Stationen im Leben von Sergej Eisenstein: Von Riga, Sankt Petersburg und Moskau hin zu Mexiko-Stadt und Almaty. Zusammen mit dem Regisseur erleben sie seine Höhepunkte und Erfolge, wie die Premiere von „Panzerkreuzer Potemkin“ oder die Begeisterung des Publikums über „Alexander Newski“. Auch die emotionalen Tiefs, wie die Vernichtung des Films „Die Beschin-Wiese“ oder die Ungnade nach dem zweiten Teil von „Iwan der Schreckliche“.

„Mit Eisenstein zusammenzuarbeiten war nahezu unerträglich. Er konnte sich mit niemandem einigen, immerzu forderte er nur. Was er wollte, wollte er sofort – ohne Rücksicht auf das Budget, auf die physischen Möglichkeiten der Akteure, auf das Wetter oder die Erdanziehung“. 

Sorgfältig recherchiert und einfühlsam geschrieben, diese literarische Biografie von „enfant terrible des sowjetischen Kinos“ ist in jener Zeit (2025) erschienen, die starke Parallelen zu der Lebenszeit des Regisseurs aufweist. Auch wenn die Geschichte von Eisenstein einen Zeitstempel hat, bleibt sie gleichzeitig universell. Sie erzählt uns über das Dilemma der Kunst zwischen Freiheit und Zwang. Während in den USA und Mexiko Eisenstein durch die Folgen der monetären Abhängigkeit leidet und kein Budget für seine Ideen bekommt, stolpert er in der Sowjetunion über die zahlreichen Einschränkungen der künstlerischen Freiheit, die ihn in den Wahnsinn treiben.

Eisenstein versucht für sich den Mittelweg: Unter den starren und politisch begründeten Vorgaben möchte er weiter die Filme drehen, die seine Ideale nicht verraten. So einfach ist es aber nicht. Begleitet von Hysterieanfällen und Depressionen, lebt Eisenstein sein ganzes Leben unter Strom. Während seine Freund:innen und Mentor:innen vom Großen Terror gefressen werden, bleibt er verschont und kann sich seinem Lebenswerk – dem Film – widmen. Doch Opfer muss am Ende auch er bringen. „Eisen“ ist eine Antwort auf die globale Frage über das Leben des Künstlers in der sowjetischen Diktatur und gleichzeitig eine sehr persönliche Geschichte von Rorik – eines einsamen kleinen Jungen, der sich nach der Nähe seiner Mutter sehnt. 

Eine klare Empfehlung nicht nur für Filminteressierte, sondern auch für alle, die sich für die Verzweigungen der gegenseitigen Abhängigkeit zwischen Kunst und Politik begeistern können.


Eisen

Gusel Jachina
übersetzt ins Deutsche von Helmut Ettinger

Kanon Verlag 2026


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